Veröffentlicht: 17.07.2008 Eingereicht von: Paul Ney
Eigentlich wollte ich nur die Kolumne in der französischen Tageszeitung "Le Monde" vom 18. September 1991 zum bevorstehenden Besuch des französischen Staatspräsidenten Francois Mitterand lesen. Dann entdeckte ich die Zeile "Der Ministerpräsident von Sachsen in Paris". In einer kurzen Notiz auf Seite 6 steht zu lesen, Kurt Biedenkopf habe die Einrichtung einer europäischen Wirtschaftsregion - bestehend aus Sachsen, Schlesien und Böhmen und unter französischer Aufsicht - im Herzen Europas vorgeschlagen.
Sehr aufregende Geschichte! Ich bin zwar ein medieninteressierter Mensch, doch Informationen über das Projekt konnte ich nirgends finden - weder in einer Zeitung, noch bei ARD und ZDF oder in Wikipedia. Kurt Biedenkopf hatte noch vor der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 eine Professur für Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig übernommen - ein sehr beachtenswertes Engagement. Von 1990 bis 2002 war er Ministerpräsident des Freistaates Sachsen.
Weiß jemand mehr über das Projekt bzw. Biedenkopfs Vorschlag? Ob der Ministerpräsident eines Bundeslandes solche weit(t)ragende territorial- und souveränitätsrelevante Vorschläge in Alleingang vortragen kann - ohne Absprache mit der Bundesregierung?
Kurze Zeit nach dieser Meldung in der "Le Monde" besuchte Mitterand die Neuen Bundesländer, aber in den Nachrichten war vom Projekt nichts zu hören. Man hätte sich zwar vorstellen können, wie der französische Staatschef am Treffpunkt dreier Landesgrenzen steht und nach Osten zeigt - was hätte er da aber gesagt? Wie standen die Nachbarn zu der Idee?
In "Le Monde" war am 18. Februar 1992 ein Interview mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Biedenkopf zu lesen. Darin betonte dieser die strategische Bedeutung Sachsens in Mitteleuropa - und trägt den früheren Vorschlag einer Wirtschaftsregion Sachsen-Schlesien-Böhmen unter französischer Aufsicht vor. Am 25. Februar 1992 erläutert "Le Monde" den Mitteleuropa-Gedanken aus österreichischer Sicht.
Es wäre vorstellbar, dass die Idee der sächsisch-schlesisch-böhmischen Wirtschaftsregion 'ad acta' gelegt wurde, damit sich Deutschland auf den Ausbau und die Festigung der Wiedervereinigung konzentrieren kann. Heute haben wir eine neue erweiterte Europäische Union und man spricht viel vom "Europa der Regionen". Vielleicht kommt die Idee erneut auf, ohne Aufsicht.
Paul Ney
(1) Die Bilder stammen aus dem Spiegel-Archiv, sie sind als Illustration gedacht; die Texte dazu stammen von der Redaktion. Die ersten zwei Fragen (am Anfang) hat z.B. das Fundbüro gestellt.
(2) Damals saß ich "in der ersten Reihe" bei ARD und ZDF -- keine Meldungen zum Thema...
(3) Obiger Text ist eigentlich die gekürzte und überarbeitete Fassung meines früheren (in lockerem feuilletonistischen Stil gehaltenen) Textes mit dem französischem Titel "Quand 1a Saxe et 1a Silésie et 1a Bohême..." vom 22.09.1991. Ich habe damit diverse Stellen angesprochen und u.a. um Auskünfte gefragt; eine Eingangsbestätigung ist z.B. vom Büro des damaligen Staatspräsidenten Polens Lech Walesa noch Ende 1991 angekommen.
Die Initiative - freilich ohne französische Protektion - liegt für Sachsen historisch auf der Hand. Biedenkopf hat sich für einen gemeinsamen Wirtschafts- und Kulturraum Sachsen-Schlesien-Böhmen immer stark gemacht und dafür den Brückenpreis erhalten (www.brueckenpreis.de). Nachzulesen ist das auch im Grundsatzprogramm der Sachsen-CDU, 1993 in Chemnitz unter "König Kurts" Ägide beschlossen.
Zum Beitrag Joachim Kuss vom 12.08.2008, 16:32:
(i) http://www.brueckenpreis.de/ -- Hrsg. Bundesingenieurkammer http://www.bingk.de und Verband Beratender Ingenieure VBI http://www.vbi.de -- gibt u.a. bekannt:
> Mit dem Deutschen Brückenbaupreis werden herausragende Ingenieurleistungen im Brückenbau der Bundesrepublik Deutschland sowie deren Bedeutung für die Baukultur öffentlich gewürdigt.
(ii) Soll "Kurt der Starke" 1993 verkündet haben, was er bereits 1991 und 1992 gesagt hat?!
(iii) Auf http://www.biedenkopf-kurt.de habe ich auch keine passenden Hinweise gesehen.
Sorry, da war der Link falsch - www.brueckepreis.de muss es heißen (http://www.brueckepreis.de/index.jsp?p_contrib=156&p_cursor=179).
Zum Beitrag Joachim Kuss vom 23.09.2008 10:58:
Als Autor des Fundbüro-Artikels fühle ich mich in der Pflicht, darzustellen, daß der Hinweis keine Auskünfte über das Hauptthema -- geplante europäische Wirtschaftsregion Sachsen, Schlesien & Böhmen -- ermöglicht. Das Kästchen "Das ist die Lösung" (hier unten) konnte nicht angeklickt werden.
http://www.brueckepreis.de ist die Website des Vereins zur Förderung des Internationalen Brückepreises der Europastadt Görlitz/Zgorzelec e.V. (Da steht u.a.: "Wir übernehmen jedoch keine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit oder Vollständigkeit der auf dieser Site bereitgestellten Informationen.") Eine Suche nach "Biedenkopf" hat vor einigen Tagen sieben Treffer erbracht: zwei wg. Liste der Preisträger, eine Seite mit der Darstellung des 2003er Presiträgers Prof.Dr. Kurt Biedenkopf, die restlichen vier Links waren nicht funktionsfähig.