Veröffentlicht: 18.06.2010 Eingereicht von: Philine Gebhardt
"Einen Augenblick, ich verbinde", sagte das "Fräulein vom Amt" am anderen Ende der Leitung. Heute gibt es keine Telefonvermittlerinnen mehr - wie so viele Berufe, wie Schriftsetzer, Parkplatzwächter, Tankwarte, Korbflechter oder Programmansagerin. Die meisten Tätigkeiten fielen dem Fortschritt zum Opfer. Nur manche alte Handwerksberufe haben überlebt, führen allerdings meist ein Nischendasein und lediglich ein elitärer Kreis von Kunden kann ihre Dienste heute noch in Anspruch nehmen.
Erinnern Sie sich noch an den Milchmann oder daran, wie der Scherenschleifer nach Hause kam? Kennen Sie Unternehmen, die ihre Arbeiter durch Maschinen ersetzt haben? Oder arbeiteten Sie früher vielleicht selbst als Straßenbahnschaffnerin, Parkplatzwärter oder Kino-Platzanweiser - in Berufen, die mittlerweile verschwunden sind?
Dann zeigen Sie uns Ihre Fotos und erzählen uns Ihre Geschichten! Helfen Sie mit, an Berufe zu erinnern, die es heute nur noch selten oder gar nicht mehr gibt. Welche fallen Ihnen ein?
Posthalter ist eine alte Bezeichnung für einen ehemaligen Beruf im Postwesen. Meine Geschichte erzählt von der kleinen Poststation der 1940 er Jahr in Wennigloh / Arnsberg. Diese Stelle wurde seit vielen Jahren von einer Familie betrieben. Ich hatte den Eindruck, Dienst hatte, wer gerade im Hause war (subjektiv). Die Post brachte der Bus, der sich mühsam die steile Straße von der Kreisstadt ins Dorf gequält hatte. Die Tochter der Posthalter Familie kam am Vormittag die wenigen 100 Schritte von der Auf der Haar bis zur Kreisstraße und holte die gesamte Post ab. Dann wurde sortiert und ausgetragen. Bei schönem Wetter standen die Dorfbewohner, meist Frauen, am Fenster und erwartenden Maria sehnlichst. Ab Blickkontakt wurde schon zugerufen, dass Post dabei sei. Dann über mehr als 100 m Strecke, die postalisch / lautstarke Nennung von Absender und den Inhalt einer Karte: Es sei alles in Ordnung, alle gesund und so weiter. Maria hatte schon alle Karten studiert und wusste so als Erste über alles Bescheid.
Telefonapparate waren nur wenige im Dorf vorhanden. So war man auf die Poststelle angewiesen. Bei Hand verbundenen Gesprächen kam die Verbindung nicht immer sofort zustande. An einer großen Wand wurde mit Steckern und Stöpseln hantiert und mit einer Wählscheibe Nummern gedreht. Bei mir kam da nie Langeweile auf, wenn ich mit der Großmutter auf der hölzernen Bank im Vorraum saß. Verbindungen von der Familie Blume in Wennigloh nach Keuter´s in Eschweiler waren damals schon Exoten. Woher Maria wusste, ob es sich lohnte zu warten, oder ob es länger dauern würde, habe ich nie erfahren können. Oft schickte sie aber den Teilnehmer nach Haus, um ihn bei einer anstehenden Verbindung aus dem Dorf wieder zur Post zu holen. Das war Dienstleistung pur, die damalige unentgeltliche Arbeit einer Posthalterin.
Der Dorfschuster
Wir sind in den Anfängen des 20. Jahrhundert. Auf dem Schulhof der kleinen Dorfschule von Wennigloh toben die Schusters Kinder. Schusters Mariechen ist die Älteste, dann kommt Schusters Fernand und die Jüngste Schusters Lisebeth. Unter ihrem richtigen Namen kennt man sie weniger. Die da wären Maria Blume, Ferdinand Blume und Elisabeth Blume. Ihr Vater ist der Dorfschuster, er betreibt sein Handwerk in einem kleinen Fachwerkhaus, fast am Ende des Dorfes in Richtung Arnsberg. Schuhmacher und Schuster sind übrigens zwei gängige Bezeichnungen für denselben Berufszweig. Ich selber habe meinen Großvater nicht mehr kennen gelernt, bin also auf die Geschichten der Familie angewiesen. Wohl aber habe ich als kleiner Junge die noch vorhandenen Werkzeuge gesehen. Ebenso die Holzleisten, passend zu den Füssen der Dorfbewohner. Die kurzen Wege waren damals wichtig. So hatte Großvater Kunden genug, für die er zwiegenähte Schuhe fertigen konnte. Am meisten hatten es mir die Messer, Hämmer und Zangen angetan. Ich habe den Verdacht, dass meine Großmutter die Holzleisten, mit den Namen der Kunden beschriftet, nach dem Tode ihres Mannes in Ofen verbrannt hat. Denn ich habe nicht mehr viele vorgefunden. Eine besondere Ehr war es für ihn, Schuhe für die Obrigkeit des Ortes zu fertigen. Auf der Form der Leisten hergestellt, war nur eine Anprobe beim Abholen notwendig. Wenn das das Wort Passt fiel, brauchte nur noch bezahlt zu werden. Die so gefertigten Schuhe hielten eine kleine Ewigkeit und wurden, wenn nötig, geflickt. Dann wurde aus dem Schumacher der Flickschuster mit einem hohen Sinn für langlebige Reparaturen. Dabei fällt mir noch eine Zigarrenschachtel ein, in der die benötigten Holznägel waren, um die Ledersohle nach dem Auftrag von Leim zu nageln. Diese Nägel waren vom Großvater selber geschnitzt worden. Ich habe so achtlos damit gespielt
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Platzanweiserin
Nachdem der 1928 eröffnete Primus-Palast 1944 ausbrennt und im Juni 1947 in der Schützenhalle notdürftig als Primus in der Schützenhalle wieder hergerichtet wird, ist Malermeister Philipp Keuter ist mit all seinen Gesellen vor Ort. In kurzer Zeit sollen in Eschweiler wieder Filme zu sehen sein. Vor dem Eingang gibt es ein Gitter aus Metall. Mit diesen will man die Besucher so lenken, dass sie einzeln in den Raum gelangen und gesittet das Kino wieder verlassen. In diesen Zeiten waren die Kinos immer brechend voll. Auf einem dieser Stäbe turnt der 9 Jährige Ferdinand Philipp Keuter herum. Im Eingang die Anstreichergesellen, die heutigen Maler, und ab und zu einige Frauen. Diese kann er nicht einordnen, machen aber auf ihn einen wichtigen Eindruck. In der Auslage hat er auf einem Plakat gelesen, dass der Film an diesem Nachmittag Herr der sieben Meere heißt. Der Hauptdarsteller soll Errol Flynn heißen, sagt ihm aber nicht viel. Dann passiert das Unglaubliche, eine Frau kommt auf ihn zu. Sie fragt ihn, ob er gerne den Film sehen möchte. Später erfährt er, die Frau ist Platzanweiserin. Sie hat ihn ohne Billet in den Raum geschmuggelt, er war begeistert. Diese Platzanweiserin bringt ihn an seinen Platz und er sieht seinen ersten Film. Die Angestellten des Kino Betreibers waren fast alle langjährige treue Wegbegleiter der Kinowelt in Eschweiler. Noch heute sieht man einige in der Stadt, nur ein wenig älter
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Der Drahtzieher.
In der Drahtfabrik von Eschweiler wird in den Jahren 1822 bis 1953 Walzdraht produziert. Er wird hauptsächlich in der Aachener Nadelproduktion verarbeitet. Auf dem Gelände der Nadelfabrik wird 1842 August Thyssen geboren. 1822 wird die Drahtfabrik in Aachen in Form einer Aktiengesellschaft gegründet und 1865 der Sitz nach Eschweiler verlegt. Von 1834 bis 1859 ist Thyssen ihr Direktor. So ist die Stadt Eschweiler eng mit den Industrie Größen verwachsen. In diesem Werk arbeitet Großvater Rainer Keuter als Drahtzieher. Er ist im Jahre 1863 geboren, geht in die Volksschule und dann als Arbeiter in die Drahtfabrik. Ob er hier eine Lehre absolvierte, ist unbekannt. Als Drahtzieher stellt er aus Metallen Drähte und Kabel her. Diese Materialen bereitet er vor, stellte Ziehmaschinen ein, zieht damit die Drähte und kontrolliert das Endprodukt. So verdiente Reiner den Lebensunterhalt für seine große Familie, bewohnte in der Kirchstraße ein kleines Haus mit Garten. Ein ganz normales Arbeiterleben. Das Verfahren der Drahtherstellung hat sich über Jahrhunderte kaum verändert: Auf kaltem Weg werden Stangen rund vorgeschmiedet und durch eine sich verjüngende Öse (das Hol) eines Zieheisens gezogen. Da es fast nie möglich ist, das gewünschte Endmaß in einem einzigen Arbeitsgang zu erzielen, sind mehrere Ziehgänge nacheinander erforderlich. Dieser Industriezweig ist ganz aus dem Stadtbezirk verschwunden. Heute erinnern nur noch einige Namen an die Blütezeit der Eisenindustrie. Die Kirchstraße hat ihren Namen gewechselt und ist jetzt die Fischerstraße. Im Haus der Großeltern wohnen jetzt Fremde
Der Eismann in den 50 er Jahren.
Jetzt kommt erst Mal der falsche Gedanke auf, es handelt aber hier nicht um ein leckeres Speiseeis, sondern um das noch unverzichtbare Stangeneis, oder auch Blockeis genannt. Diese Stangen sind viele kg schwer. Es ist ein heißer Sommerrag. Vor der Gaststätte Flatten in Eschweiler steht ein Lieferwagen mit der Firmenaufschrift Pricelius. Der weitere Text ist dem Autor unbekannt. Von der Ladefläche tropft Wasser auf die Straße, welches von den Eisblöcken auf der offenen Ladefläche stammt. Die Hitze macht auch der Kühlware zu schaffen. Oben steht zwischen Bierfässern und Eis in kurzer Hose Herr Pricelius. Es ist bewaffnet mit einem Eispickel. Mit einem gekonnten Schlag steckt der Pickel im Eis, ohne dieses zu beschädigen, oder gar zu teilen. Dann bewegt er die ganzen Stangen in Richtung Bürgersteig. Auf seiner Schulter ist ein Lederpolster mit Riemen befestigt. Auf dieses lässt er langsam eine Stange nach der anderen gleiten. So geht es zu einer Rutsche, die in den Getränkespeicher im Keller führt. Sie werden, bis zum Auftauen, die Getränke kühlen. Pricelius beliefert aber nicht nur Gewerbebetriebe und Gaststätten, sondern verkauft auch Teilstücke vom Eis. In Haushalten wird das Eis oft in einem Eisschrank, dem Vorläufer des Kühlschrankes, eingesetzt. Elektrisch betriebene Kühlschränke in den Haushalten haben das Stangeneis überflüssig gemacht. Es dient heute allenfalls noch zu Dekorationen.
Unsere Zeitungsfrau in den 60 er Jahren
Sie ist eine robuste Frau im mittleren Alter. Ihr Sohn geht mit dem Autor in dieselbe Klasse der Volkschule in Eschweiler / Röthgen. Sie bewohnen ein kleines Haus auf der Wilhelmstraße, direkt an der Bahnlinie Aachen-Köln. Bei Wind und Wetter bringt sie die Eschweiler Zeitung zu den Abonnenten. An Ausfälle kann sich der Autor nicht erinnern. Ob sie überhaupt für die schwere Last einen Wagen benötigte, bleibt ungekannt. Gesehen hat sie keiner mit einem solchen Gefährt. So schleppt sie Tag ein und Tag aus, die Zeitung durch die Straßen des Ortes. Am Monatsende kommt sie in die Haushalte zusätzlich, um die Abo-Gebühren zu kassieren. In einem kleinen Heft sind die Kunden mit der Hand eingetragen. Dahinter die Monate des Jahres. Bei erledigter Zahlung gibt es ein Kreuzchen in den Monat und eine Quittung in der Größe ca 6 9 cm bekommt der Kunde. Fertig ist die Buchführung. Das wird begleitet mit frischen Sprüchen. Ein wahres Unikat ist diese Frau. Jeder kannte sie und jeder mochte sie. Ihr Heimathaues wurde zu Beginn des Jahres 2010 abgerissen nach dem es sehr lange als Ruine leer gestanden hatte.
Der Feilenmacher , arbeitete noch in den 90 er Jahren.
In einer früher ruhigen Wohnstraße stehen einige rot geklinkerte Wohnblöcke. Diese hat sich ein selbstständiger Feilenmacher zusammen mit seinen Söhnen erarbeitet. Sie arbeiteten lange und sehr hart im angrenzenden Betrieb auf dem Hinterhof. Die Herstellung nach alter Handwerkskunst und mit uralten Maschinen brachte gute Ergebnisse. Den berühmten Feierabend kannte der Vater gar nicht. Lebensmittel kamen aus dem eigenen Garten und die Wurst vom selbst geschlachteten Vieh. Trotz der aufkommenden Herstellung mit modernsten Maschinen blieben seine Kunden bei den gewohnten Feilen aus dem Familienbetrieb. Diese waren einfach von guter Qualität. Von dem sehr hohen Zeitaufwand wusste ja kein Außenstehender. An eine Kosten- Nutzungs-Rechnung wagte sich keiner. Nach Beendigung der Tätigkeit im Betrieb bemühte man sich, die alten Schätzchen vor der Verschrottung zu retten, vergeblich. Zu schwer, zu groß und doch nicht alt genug usw. usw. Wo diese heute lagern, ist dem Autor unbekannt. Die ersten Feilen wurden übrigens schon im Jahr 1750 maschinell hergestellt.
Bei der Herstellung von Feilen wird das blanke Metall mit einem sehr harten Meißel behauen. Der mit großer Wucht auf die Feile zu bewegte Meißel verdrängt den Feilenwerkstoff nach beiden Seiten und sorgt so für die raue Feilenoberfläche. Die manuelle Herstellung von Feilen war sehr anstrengend. Die uns am bekanntesten Feilen sind die Werkstattfeilen, die immer von der Hand bewegt werden. Von der Größe des Werkstückes hängt es ab, welche Feile zur Anwendung kommen soll.
Vom zu bearbeitenden Material wird entschieden, welche Hiebzahl richtig ist. Je härter der zu bearbeitende Werkstoff, desto feiner muss der Hieb sein, was ein schnelles Abstumpfen der Feilen verhindert. Sollen weichere Werkstoffe bearbeitet werden (Aluminium oder Messing), ist es zweckmäßig, zunächst mit einer grobzahnigen Feile abzutragen und mit einer feinen Zahnung die Feinarbeit zu erledigen. Die Aufgabe an einem Werkstück zu feilen, hat schon so manchen angehenden Lehrling zur Verzweiflung gebracht. Ist es doch die anstrengende aber sehr lehrreiche Tätigkeit, die zu den ersten Übungen angehender Metallbauer wie technischer Zeichner gehört. Um die Vielfalt der Arbeiten mit Feilen aufzuzeigen, sind hier die wichtigsten Arten genannt: Rundfeilen, Halbrundfeilen, Flachfeilen/Flachstumpffeilen, Flachspitzfeilen, Vierkantfeilen, Dreikantfeilen, Messerfeilen, Schwertfeilen, Vogelzungenfeilen, Keilbahnfeilen, Barettfeilen, Schlüsselfeilen. Vielleicht findet sich ja doch noch ein Liebhaber für den Maschinenpark. Es sollte aber bitte kein Schrotthändler sein
Dr. Ernst Woll,
In den 1930er Jahren hatte in meinem Heimatort Hohenleuben, einer Kleinstadt in Ostthüringen, der Klingelmann wahrscheinlich keine amtliche Berufbezeichnung, aber so nannten wir ihn eine wichtige Funktion. Er war Angestellter der Stadtverwaltung. Ich erinnere mich, dass er fast täglich außer sonntags - einige Male durch die Straßen ging, an bestimmten Stellen stehen blieb und mit einer besonderen Klingel die Bewohner darauf aufmerksam machte, dass etwas Wichtiges mitzuteilen war. Es ging um die amtlichen Bekanntmachungen, die er laut vorlas. Das Signalgerät bestand aus einem metallenen Resonanzkörper einer Glocke ungefähr in der Größe eines Litergefäßes. Innen befand sich ein Hammer oder Klöppel zur Erzeugung der Töne. Wir Kinder bewunderten dieses Instrument, das wie Gold glänzte; wenn der Klingelmann es kräftig schwenkte war es so laut, dass wir uns in seiner Nähe die Ohren zu hielten. Gern liefen wir aber dem Mann hinterher und ich sehe noch heute vor meinem geistigen Auge, wie damals sofort aus Fenstern und Haustüren lauschende, gespannte Gesichter herausschauten, wenn die Glocke mit dem bekannten besonderen Klang ertönte. Eine Geschichte über eine kuriose Bekanntmachung, die mir meine Großeltern erzählten, blieb mir in Erinnerung: Noch in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts gab es in vielen Orten Thüringens kleinere Bierbrauereien dort waren Braumeister, den Beruf gibt es heute noch, allerdings meistens in Großbetrieben die Besitzer und Bierbrauer. Wichtig war die Qualität des Wassers, das dem Bier die besondere ortsbedingte Note und den spezifischen Geschmack verlieh. Das Wasser wurde deshalb auch teilweise aus den örtlichen Teichen entnommen und nicht nur für Reinigungszwecke sondern auch für die Herstellung des Gerstensaftes verwendet. Da hat dann hin und wieder der Klingelmann die Mitteilung verlesen: `Es wir hiermit bekannt gemacht, dass niemand mehr ins Wasser macht, denn morgen wird gebraut! ´
40 er Jahre. Der Schweizer auf einem Hof im Sauerland
Auf dem Hof des Bauern Reuther verdienen Menschen ihren Lebensunterhalt und haben Tiere ihren Lebensraum. Alle Beschäftigten sitzen am Tisch mit der Familie und essen dieselben Speisen. Standesdünkel gab es vielleicht dann, wenn der Bauer mit seiner Frau vierspännig am Sonntag zur kleinen Dorfkapelle kam. Das Vieh wird artgerecht gehalten und davon gibt es reichlich. Der ganze Stolz des Bauern sind die Eulen, die in seiner Scheune ihre Behausung haben. Für die Mitarbeiter des Hofes gibt es gibt sprachlich noch ganz einfache Berufsbegriffe. Anreden wie Knechte, Mägde und Tagelöhner sind nicht diskriminierend. Daneben ist der Beruf Schweizer schon etwas Besonderes. Schweizer üben außerhalb ihres Landes entsprechend ihren Fähigkeiten bestimmte Berufsarten aus. Schon im Spätmittelhochdeutschen bezeichnet das Wort swîzer nicht nur einen Einwohner der Schweiz, sondern auch verschiedene Berufe, für die die Schweizer bekannt waren. Mit der Zeit ging der Begriff Schweizer fest auf Menschen über, die sich auf Bauernhöfen mit der Milchwirtschaft, beschäftigten. Reuthers Schweizer hat sich also um die Rindviecher zu kümmern und natürlich um die Milch. Auch die Gesundheit der Tiere liegt in seinen Händen. Damit ist er an jedem Tag des Jahres beschäftigt. Ob er weiß was Urlaub ist? Der Betrieb ist bis heute (2010) in der Fläche nicht kleiner geworden. Knechte, Mägde und Tagelöhner oder gar den Schweizer gibt es lange nicht mehr. Ein großer Maschinenpark und Menschen mit Diplom sind die Leistungsträger. Am Mittagstisch ist es auch leerer geworden. Ob es die Glück bringenden Eulen noch gibt, wer weiß
Der Kirchenschweizer der Pfarre St. Marien in den 50 er Jahren.
Heute besteht die früher eigenständige katholische Pfarrgemeinde nicht mehr. Mit vier anderen Kirchen ist ein neuer Verbund entstanden. Was waren das damals für Zeiten. Ein Vikar, Pastor, Kaplan, Küster, Organist und ein Kirchenschweizer taten in der Gemeinde ihren Dienst. Während des Gottesdienstes und bei besonderen Anlässen sorgte der Kirchenschweizer mit seiner roten Robe und einem langen schwarzen Stab für Ordnung. Er half bei der Platzsuche und kümmerte sich darum, dass der liturgische Ablauf würdevoll und geordnet verläuft. In meiner Kindheit war der Besuch der Schulmesse am Sonntag eine Pflicht. Alle Bänke waren, nach Schuljahren sortiert, besetzt. Jeweils in der ersten Bank saß am Kopfende der Klassenlehrer. Die Oberaufsicht aber hatte der Schweizer Herr Kreies. Das Barett, die eckige Kopfbedeckung aus Samt, machte ihn zu einer Persönlichkeit. Durchsetzungsvermögen hatte er bei uns Kindern nicht besonders. Das änderte sich auch nicht, wenn er mit seinem Stab laut auf dem Marmorboden klopfte. Bei den Erwachsenen mag das anders gewesen sein