Veröffentlicht: 18.06.2010 Eingereicht von: Philine Gebhardt
"Einen Augenblick, ich verbinde", sagte das "Fräulein vom Amt" am anderen Ende der Leitung. Heute gibt es keine Telefonvermittlerinnen mehr - wie so viele Berufe, wie Schriftsetzer, Parkplatzwächter, Tankwarte, Korbflechter oder Programmansagerin. Die meisten Tätigkeiten fielen dem Fortschritt zum Opfer. Nur manche alte Handwerksberufe haben überlebt, führen allerdings meist ein Nischendasein und lediglich ein elitärer Kreis von Kunden kann ihre Dienste heute noch in Anspruch nehmen.
Erinnern Sie sich noch an den Milchmann oder daran, wie der Scherenschleifer nach Hause kam? Kennen Sie Unternehmen, die ihre Arbeiter durch Maschinen ersetzt haben? Oder arbeiteten Sie früher vielleicht selbst als Straßenbahnschaffnerin, Parkplatzwärter oder Kino-Platzanweiser - in Berufen, die mittlerweile verschwunden sind?
Dann zeigen Sie uns Ihre Fotos und erzählen uns Ihre Geschichten! Helfen Sie mit, an Berufe zu erinnern, die es heute nur noch selten oder gar nicht mehr gibt. Welche fallen Ihnen ein?
1946, in der Burgstraße wohnt Frau Maintz. Sie ist klein und wegen Knieproblemen in ihrer Bewegung stark eingeschränkt. Sie wiegt sich beim Gehen von einer Seite auf die andere. Unauffällig wohnt sie in einem Haus der zweiten Reihe. Im Vorderhaus ist eine Familie mit vielen Kindern zuhause. Wenn ihr das Geschnatter zu laut wird, kann sie resolut werden. Welchen Beruf sie erlernt hat, weiß keiner zu dieser Zeit. Einmal im Jahr aber ist ihre Stunde gekommen. Wer noch nicht weiß, was heute ansteht, wird es hören. Schafe blöken auf der Burgstraße. Frau Maintz tritt in Aktion. Besitzer von Schafen bringen ihre Tiere, nach Vereinbarung, zum Scheren. Die Mehrzahl der Tiere gehört einem Gastwirt. An die Uhrzeit hält sich natürlich keiner. So stehen einige Tiere in der Warteschlange. Frau Maintz hat Utensilien, die an die Steinzeit erinnern. Geschickt kann sie die Tiere in die beste Position bringen und ihre kleine Statur kommt ihr beim Scheren zu Hilfe. Das Ganze läuft Natur gemäß mit lauter Stimme ab. Pro Schaf wird die vereinbarte Summe sofort bezahlt, diese wandert in eine große Tasche der Kittelschürze. Danach kehrt wieder Ruhe in der Straße ein. Fuhrunternehmer Ringle stellt seinen Holzvergaserwagen ab, legt in dem Ofen auf der Pritsche noch einige kleine Holzstückchen nach und verschwindet im Hause direkt nebenan. Im Haus gegenüber, liegt Herr Palm im Fenster, seine Pfeife qualmt
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Die Modistin oder Putzmacherin in den 50 er Jahren. Klein war sie und zierlich, verglichen habe ich sie mit der Schauspielerin Audrey Hepburn. Bei der Arbeit habe ich ihr nicht über die Schulter schauen dürfen, getroffen habe ich sie auch nicht. Sie war einfach nicht erreichbar für mich. Daran war ihre Berufsbezeichnung nicht ganz unschuldig, diese erzeugte Respekt. Heute weiß ich um den Unsinn meines Verhaltens. Ihre Arbeitgeberin war Lissy van Crüchten, sie hatte einen noblen Hutsalon in der Innenstadt, ebenso wie eine nahe Verwandte der Frau des Autors. Die Schaufenster beider Werkstätten zeigten alles was Frau zu tragen hatte. Der Beruf wurde fast ausschließlich von Frauen ausgeübt, dennoch gab es auch berühmte männliche Modisten. Die Produktpalette eines Modistenateliers umfasste beispielsweise Filzhüte für den Winter, Strohhüte für den Sommer, Haargestecke für verschiedene Anlässe (Hochzeit, Trauer, Feierlichkeiten), Stoffhüte und -kappen sowie Mützen aus Pelz. Dazu noch eine wahre Geschichte, erlebt von Vater Philipp Keuter. Philipp ist kein Hutträger, er sagt, er habe kein Hutgesicht. An einem schönen Herbsttag im Jahre 1946 fährt Philipp auf Drängen seiner Frau mit dem Zug von Eschweiler nach Aachen, um sich doch für den Winter eine Kopfbedeckung zu kaufen. Er findet einen Hut, der auf seinen Dickkopf passt. Wieder im Zug legt er das gute Stück in die Ablege und ließt eine liegen gebliebene Zeitung. Auf halber Strecke sieht er in der Ablage einen Hut liegen. Dieser gefällt ihm gut und er denkt daran, sich auch Mal einen solchen zu kaufen. In der Heimatstadt Eschweiler steigt er ohne Hut aus dem Zug. Nach dem dieser den Bahnsteig in Richtung Köln verlassen hat, fällt ihm ein: Mensch, dat wor doch minge Hot. Seine Frau fand das gar nicht lustig aber ein Thema für das nächste Fest war es allemal. Wann ein neuer Hut fällig war, ich weiß es nicht
Nicht ganz so nobel wie bei den Hutmacherinnen in der Stadt hatte man es 1947 beim Kappen Kaspar in der Schnellengasse. Hier hin bringt Ferdinand Philipp Keuter eine Jacke aus braunem Stoff. Für eine Kappe mit Ohrenklappen soll diese herhalten. Eine Woche Zeit braucht Kappen Kaspar für die Fertigung. Lange hat sie nicht gehalten. Der neu angeschaffte Dackel fand viel Freude daran, sie wieder in den Urstand zu versetzen. Es blieben nur Fetzen übrig und der Hund bekam einen neuen Besitzer.
Der Schnellzeichner auf der PARITEX / papiers peints francais 1985. Diese Tapetenmesse war in den 80 er Jahren noch ein Muss. Die Aussteller hatten zwar dieselben Muster mit sich, wie auf der Frankfurter Frühjahrsmesse. Paris lockte aber als die Schöne an der Seine. Man wohnte sehr nobel (auf Kosten der Firma) und die Chefsekretärin war häufig mit an Bord. Auch sie sollte wissen, womit ihre Firma das Geld für solche Reisen verdient. Diese Schilderung ist natürlich rein subjektiv. Der Verkäufer Keuter hat in den letzen Monaten richtig gute Tapetenumsätze erzielt und bekommt dafür eine Belohnung. Eine Woche Paris mit Ehefrau, alles inklusive natürlich. Dafür muss der Belohnte mindestens einmal am Tage zur Messe, um sich hier sehen zu lassen. Es gibt ja auch Mitarbeiter der Tapetenfabrik, die an den Ständen sein müssen, vor allem die Export orientierten Verkäufer. Während der Gatte arbeitet, sieht sich seine Gattin die Weltstadt Paris an. In einer unverdienten Pause steht der Vertriebsmann Keuter in einer Ruhezone und trinkt den X ten Langeweile- Kaffee. In einem schrägen Augenwinkel sieht er einen Maler mit Papier und Stift. Er ahnt, dass er gezeichnet wird. Um dem Zeichner die Zeit für den Aufriss zu geben, bleibt er ruhig stehen. Und richtig, nach geraumer Zeit kommt der Schnellzeichner mit einem Bild in der Größe von 25 X 40 cm zu ihm und schenkt ihm die Schwarz / Weiss Karikatur. Er beherrschte die Kunst, die typischen Charakterzüge der Menschen mit schnellen, treffsicheren Strichen auf Papier zu bannen. Es gelang ihm dabei, das Unverwechselbare und Einmalige seiner Modelle einzufangen. Als Künstler stellte er einen hohen Anspruch an das Zeichenmaterial. Die Zeichnung auf hochwertigen stabilen Zeichenkarton ziert noch heute ungebleicht das Büro des Autors
Rangierer oder Lebensmüde? Diese Frage habe ich nicht beantworten können. Entgegen den normalen Aufgaben, die man einem Malerlehrling angedeihen lässt, sitze oder besser hänge ich 1954 wieder in einem Starkstrom-Masten der Bahnlinie Stolberg. Von diesem ungewollten, trotzdem schönen Aussichtsturm, habe ich einen Überblick über die ganze Schienenlandschaft. In der Sonne dösend verfolge ich die Aktivitäten auf dem Bahngelände. Um eine richtige Pause zu machen, müsste ich absteigen und dazu habe ich keine rechte Lust. An ein Butterbrot, gehalten mit Mennige verschmierten Händen, ist aus gesundheitlichen Gründen eh nicht zu denken. Auf eine leichte Erhöhung schiebt die Rangierlok gerade einen Güterzug, dessen Waggons schon abgekoppelt sind. Sobald einer oben angelangt ist, kann er den Hügel runter und durch Weichen gesteuert, dem neuen Ziel entsprechend neu sortiert werden. Wie von Geisterhand gelenkt, wissen die Bahnwerker, welche Weiche gerade geöffnet oder geschlossen werden muss. An den Schienen stehen sie dann, die sogenannten Hemmschuhleger oder Hemmschuhverschieber. Sie haben einen Hemmschuh lässig in der Hand. Auf einmal rennt einer los in Richtung eines herab rollenden Waggons. In letzter Sekunde wirft er den Hemmschuh auf das Gleis. Quietschend bleibt der Waggon nach wenigen Metern stehen. Für mich ist es richtiger Schwachsinn, solange mit dem Aufsetzen zu warten, bis die Räder schon fast die eigene Hand erreicht hat. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit erfahre ich von den Männern mehr über die Tätigkeit als Hemmschuhleger. Um Schäden an Fahrzeugen und Ladung zu vermeiden, muss er den Bremsweg richtig einschätzen, wozu viel Erfahrung gehört. Ein Rad des aufzuhaltenden Eisenbahnwagens rollt auf den Hemmschuh auf. Über die starre Achse des Eisenbahnwagens wird es festgehalten und auf das Rad auf der anderen Seite übertagen. Beide blockieren, es wird eine schleifende Bremswirkung erzeugt. Im ungünstigsten Fall kommt es zum "Aufsteigen" und Überspringen des Bremsschuhs, dann aber meist auch zu einer Entgleisung. Weiter erfahre ich, dass stillstehende Wagen nicht mit einem Hemmschuh gesichert werden dürfen. Nach dem ich dies alles weiß, habe ich mehr Respekt vor den Männern mit dem Hemmschuh in der Hand. Aber eine Frage ist damit immer noch nicht beantwortet, die Frage nach der Sicherheit. Vielleicht aber gehört etwas Nervenkitzel einfach dazu
Max der Sägemeister. Wir sind im Jahre 1946 auf der Kreisstraße in Wennigloh / Arnsberg. Neben dem Hause meiner Großmutter befindet sich das Sägewerk von Max. Noch liegt hier alles brach, Max ist in Kriegsgefangenschaft. Gemeinsam mit meinen Freund Lorenz, Max ist sein Onkel, stehlen wir uns ins Lager, wo ein Lastwagen steht. Die Größe können wir nicht richtig einschätzen, für uns kleine Knirpse ist alles sehr groß, was größer ist als selber. Nur viel Freude haben wir von unserem ersten Ausflug ins Lager nicht. Oma Förster kommt grummelnd zu uns und verbietet weitere Exkursionen hinter das Lenkrad. Etwa 1948 kommt Max nach Hause. Es verdingt sich als Tagelöhner und wirft am Abend immer häufiger das Gatter an. Das Baumlager auf dem Hof füllt sich, Schnittholz in allen Abmessungen wird gebraucht. Die Kraftübertagung auf das Sägeblatt geschieht mit Transmission. Diese hat die Aufgabe, Kraft auf die Maschinen zu übertragen und das mittels Lederriemen. Eine Wellenkupplung wird benötigt, um den Motor im Leerlauf starten zu können. Hat der Elektromotor seine Nenndrehzahl erreicht, kann das Schnittblatt zugeschaltet werden. Die Riemen bestehen aus Vollrindleder. Mit Metallklammern sind sie zusammen geheftet. Ein Freund meines Vaters ist als Schreiner 1948 tödlich verunglückt, als ein solcher Riemen gerissen ist. Er wurde durch die Schleuderwirkung schwer verletzt und starb an den Folgen. Sobald die Säge lief, wurde im Dorf das Licht dunkler. Von der zur Verfügung stehenden Strommenge brauchte der Motor sehr viel. Wichtig ist zu wissen, dass bis 1948 in Wennigloh noch Niederspannung war. Diese Spannung konnte viel schneller überfordert werden als unsere heute gewohnte 220 Volt Leitung. Die Leute schimpften auf Max. Der aber hatte kein schlechtes Gewissen, tat er doch nur seine Arbeit. Ob Max den Laster jemals wieder benutzt hat, ist dem Autor unbekannt, ging er doch bald wieder in seine Heimatstadt Eschweiler zurück. Heute gibt es kein Sägewerk mehr im Ort. Die Moderne hatte seinen Preis, auch auf diesem Gebiet.
Anton Blume, Beisasse und Schreiner zu Wennigloh ist ein grauer Vorfahre des Autors. Beisassen (Beiwohner, Schutzverwandte, Schutzbürger), sind im weiten Sinn alle die Personen, welche innerhalb eines Ortes ihren Wohnsitz gewählt, oder den Schutz der städtischen Obrigkeit ohne das Bürgerrecht erworben haben. Für meinen Vorfahren war die städtische Obrigkeit der Vogt von Arnsberg. Im engeren Sinn sind das Einwohner, die nicht im Besitz des vollen, sondern nur des sogenannten kleinen Bürgerrechts sind. Schutzverwandte bilden die Mittelschicht zwischen den eigentlichen Bürgern einer Stadt und den Fremden, die zwar in einem Ort ihr ständiges Domizil haben, aber nicht vollwertige Bürger sind. Ihre Bleibe kann auf eine gewisse Zeit begrenzt werden, sie haben kein Recht Gemeindegüter zu nutzen, dürfen nicht an Gemeindeversammlungen teilnehmen. Die Schutzverwandtschaft wurde auch nur denjenigen erteilt, die nachweisen konnten, dass sie ein geringes Einkommen hatten und keinem Gewerbe nachgingen. Sie gehörten zum Kleinbürgertum im Gegensatz zum Großbürgertum, dem ein gewisser Wohlstand beigemessen wurde. Dieser arme Mann konnte Schränke herstellen, die man auch heute noch ohne Werkzeug auf und abbauen kann. Lediglich einen Hammer solle man in der Hand haben, um die konisch zulaufenden Klammern aus Eichenholz zu bewegen. Im Hause Keuter gibt es noch ein solches Stück. Farbaufträge der Vergangenheit sind entfernt worden. Mit Bienenwachs bearbeitet, tut er noch immer seinen Dienst.
Das Pflichtjahrmädchen Käthe. Wir schreiben das Jahr 1945, Käthe arbeitet im Haushalt von Elisabeth. Sie ist eine herrische Frau, die selber nicht viel von Arbeit hält, aber ein strenges Regiment führt. Ob Käthe noch ein Pflichtjahrmädchen ist, oder diese Arbeitseinsatzmaßnahme abgelaufen ist, weiß der Autor nicht mehr Diese wurde für Mädchen 15.02.1938 eingeführt wurde. Irgendwann gibt es diese Verpflichtung nach dem Kriege nicht mehr. Diese Mädchen sind in jedem Fall billige Arbeitskräfte, die auch die menschliche Zuwendung oftmals nicht bekommen. Käthe ist eine freundliche junge Frau, die wenn auch zähneknirschend, den Vorgaben der Herrin folgt. Bis auf einziges Mal, da hat sie revoltiert. Eine besondere Zuneigung empfindet sie für den jüngsten Spross der Familie. Zum Zeitpunkt der Eskalation ist der Jüngste etwa 3 Jahre alt. Seine Mutter ist nicht nur streng, sie ist auch noch bigott. Sie lebt eine kleinliche, engherzige Frömmigkeit und einen übertriebenen Glaubenseifer. So muss der Kleine im Kindersitz nach dem Essen beten. Die Mutter macht es ihm das Bekreuzigen vor und bittet ihn, das auch zu machen. Der Junge aber denkt nicht daran, er ist bockig. Im Namen des Vaters soll immer aufs Neue ein Beginn der Prozedur sein. Kind weint mittlerweile, Mutter weint auch bald, aber kein Ende in Sicht. Alles läuft aus dem Ruder, von pädagogischem Verhalten keine Spur. Auf einmal schreit unsere Käthe ihre Chefin an, mit den Worten: Sie sind eine Rabenmutter und für eine solche Frau arbeite ich nicht mehr! Sagt es, wirft ihr die Schürze vor die Füße und verlässt das Haus. Tagelang kommt sie nicht zum Dienst, Chefin muss alles selber machen. Der Ehemann des Hauses überredet Käthe dann doch noch, die Arbeit wieder aufzunehmen. Das gute Verhältnis von Käthe und dem damals Jüngsten hat noch lange Bestand gehabt. Daher ist die Geschichte auch so präsent geblieben
Die Hostienbäckerei im Kloster. Lange schon schwelt ein Streit zwischen den letzen verbliebenen Nonnen des Hauses und den Verwaltungsbehörden der Kirche auf Diözesan-Ebene. Die Kirche pocht auf Einhaltung ihres Gelübdes auf Armut und das Übersiedeln in andere Klöster. Die Nonnen argumentieren, das Haus gehöre ihnen und sie fallen keinem zur Last. Sie leben autark. Heute sind wir zu Gast in diesem kleinen Karmelitinnen-Kloster Zweifall. Die Schwestern betreiben eine kleine Hostienbäckerei und verdienen mit dem Verkauf der Hostien an Kirchen ihren Lebensunterhalt. Viele Pfarreien bekommen ihre Hostien aus diesem Kloster. Wie das geht, zeigt uns eine Schwester: In der Backstube vom Kloster wird Mehl aus den Säcken zum Abwiegen in eine Wanne gegeben. Heute werden sie und ihre Mitschwestern viele tausend herstellen, und sie wissen genau, wie viel Mehl man dafür braucht. Anschließend kommt das Mehl mit Wasser in eine Teigmaschine. Nach einigen Minuten Rühren ist der dickflüssige Teig fertig. In der Backmaschine wird der Teig zu großen Platten gebacken. Der Backvorgang ist ähnlich wie der im Waffeleisen, sie drehen eine Runde durch die Backmaschine, und wenn sie vorne wieder herauskommen, klappen sie auf. Aus dem Backautomaten werden die fertigen Platten genommen. Wie am Fließband sind in der Backmaschine viele solcher Backplatten hintereinander. Später werden diese Platten mittels Stanzen in die bekannte Hostien Größe gebracht. Um dem Kloster noch einen zusätzlichen Platz in der Gesellschaft zu geben, sind die Künstler Laurentius Englisch und Günter Thelen sind sich einig, in diesem Gemäuer Ausstellungen mit ihren Kunstwerken zu gestalten. Diese werden an den Wänden des Kirchenschiffes eine Gemeinschafts-Ausstellung bilden. So säumen die Werke des Paters die Wände des Kirchenschiffs im Zweifaller Kloster und Thelens Installation «Skulpturen - Die große Überfahrt» prägt das Innere des Raums. Das Kirchenschiff des Klosters ist für die Installation der absolut perfekte Ausstellungsort», erklärt Thelen. Er ist gelernter Goldschmied und studierte Bildhauerei an der Kölner Fachhochschule für Kunst und Design. Mögen diese Aktivitäten und die Einnahmen aus der Hostienbäckerei dazu führen, dass alle Beteiligten damit leben können.
Dr. Ernst Woll
Viele Geschichten erzählten meine Großeltern über die Dienstboten bei den Bauern, den Knechten und Mägden, aus der Gegend in Ostthüringen. Noch in den 1930er Jahren lernte ich bei einem Bauern in unserer Nachbarschaft, der mindestens 30 Hektar Land bewirtschaftete, altmodische Verhältnisse und eine Hierarchie unter dieser Berufsgruppe kennen. Dort gab es einen Großknecht und eine Großmagd, die man auch nur so ansprechen durfte, sonst waren sie beleidigt. Sie waren im übertragenen Sinne die Vorarbeiter und achteten auf strenge Einhaltung der Disziplin der übrigen Knechte und Mägde. Als Erwachsener fand ich im Nachlass meines Großvaters ein Exemplar der Gesindeordnung von 1841 und las den von ihm unterstrichenen Paragraphen: Das Gesinde ist verpflichtet für seine Herrschaft den ganzen Tag zu arbeiten, auch nach der bestehenden häuslichen Ordnung sich zur Ruhe zu begeben und früh aufzustehen. Es darf unter dem Vorwande, zu verrichtender Arbeit, ohne Bewilligung der Dienstherrschaft nicht über die Zeit, wo sich die Familie des Dienstherrn zur Ruhe begibt, aufbleiben. Da erinnerte ich mich, dass unser Nachbar seine Knechte und Mägde noch nach dieser Vorschrift behandelte.
Meine Großmutter erzählte mir damals, dass Knechte und Mägde ihre Dienstherrschaft vorwiegend nach der Menge und Qualität des Essens, das sie bekamen, beurteilten. Darüber wurden dann viele Episoden erzählt. Dort, wo es besonders gutes Essen gab, hatte man keine Not mit Personal. Über einen Knecht namens Friedrich, der bei einem reichen Bauern in Kauern, einem Nachbardorf, in Stellung war und den ich noch kennen lernte, war dazu eine lustige Geschichte im Umlauf. Mit seinen ungefähr 60 Lebensjahren war er für mich als Kind ein uralter Mann. Er war sehr fleißig, hatte aber auch immer guten Appetit. So hatte er sich ein besonders großes Messer gekauft, um viele Zutaten aufs Brot schmieren zu können. Die Bauersfrau versteckte es. Friedrich meinte dazu: Ach, mein Messer ist weg, ich wollte mir sowieso ein größeres kaufen. Da legte die Bäuerin das Messer lieber wieder auf den Tisch. Friedrich aß gern Butter und hat auch viel aufgeschmiert wie wir im Dialekt sagten -. Der Bauer bedeutete: Friedrich, iss Quark, der kühlt. Der Knecht erwidert: Ich esse Butter und wenn ich gleich verbrenn. Auch beim Fett, das häufig auf den Tisch kam, hat er tüchtig zugelangt. Die Bauersfrau sagte: Friedrich, es ist Gänsefett, es kostet das Pfund´ ne Mark. Er darauf: Na, da ist´s auch nicht zu teuer.
Dr. Ernst Woll
Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren fuhr noch der Leitermann mit einem Pferdegespann durch die Dörfer meiner Heimat in Ostthüringen und verkaufte Steiggeräte aus Holz. Er kam vom so genannten Holzland, das ist eine große Waldgegend bei Hermsdorf und Klosterlausnitz, mit ausgedehnten Nadelwäldern, die reichlich Holz liefern. Wahrscheinlich war er vom Grundberuf her Stellmacher oder Tischler und Besitzer eines solchen Handwerksbetriebes; wir kannten ihn aber nur unter der Berufsbezeichnung Leitermann. Die Holzleitern aller unterschiedlichen Längen waren auf einem Leiterwagen gestapelt, der vermutlich so hieß, weil seine Seitenwände Leitern ähnlich waren. Damals wurde behauptet, dass eine Holzleiter nicht länger als zehn Meter sein darf, weil sonst die Holme brechen, wenn ein schwerer Mann hinaufsteigt; und über Unfälle beim Obstpflügen erzählte man manche schlimme Geschichte. Insbesondere während der Sommer- und Herbstmonate zur Erntezeit versprach sich der Leitermann die besten Geschäfte, denn wenn diese dann häufig benutzten Geräte kaputt gingen musste Ersatz beschafft werden.
Ich erinnere mich, dass die Leute in jener Zeit sagten: Wenn der Leitermann unterwegs ist, dann wird es bald regnen. Tatsächlich beobachtete ich, dass diese Vorhersage vielfach eintraf und mein Großvater meinte dazu: Dieser Mann hat ein gutes Gespür, wenn seine Rheumaglieder zu schmerzen beginnen, dann ist Regen im Anzug, die Bauern müssen die Erntearbeiten unterbrechen und haben Zeit seine Leitern zu kaufen.