Erst die Schallplatten, dann die Literatur, zuletzt er selbst: Minutiös bereitete Günter Teske im Sommer 1961 seine Flucht aus der DDR vor und schmuggelte Stück für Stück alles über die Grenze, was ihm wichtig war. Doch noch bevor er das erste Buch in den Westen bringen konnte, wurde die Grenze dicht gemacht. Aus Liebe zu seiner Bibliothek blieb er schließlich doch in der DDR.
Regelmäßig bereitete mir mein loses Mundwerk Ärger. Trotzdem hörte ich nicht auf zu sagen, was ich dachte. In dem elektronischen Entwicklungsbetrieb, in dem ich als Mathematiker arbeitete, war ich daher schon länger als aufmüpfiger Provokateur verschrien. Im Sommer 1961, alle Welt sprach über den Eichmannprozess, war es mal wieder soweit: Ich sagte offen meine Meinung – und musste dafür büßen.
Ich kam an diesem Tag zehn Minuten zu spät zu Arbeit. Der Portier nahm mir deshalb meinen Ausweis ab. Das ganze hatte System. Wenig später würde mein Vorgesetzter ihn mir mit lauten Vorwürfen zurückgeben. Mir war dieses Prozedere zuwider. Also fuhr ich den Portier an, er solle den Ausweis sein lassen. Er verteidigte sich und sagte, er täte nur seine Pflicht! Wütend blaffte ich zurück: "Das hat Eichmann auch gesagt!"
Am nächsten Tag rief mich der Kaderleiter zu sich. Weil ich den Pförtner mit Eichmann verglichen hatte, wurde ich all meiner Aufgaben entbunden und in ein Zweigwerk in die Produktion ans Band versetzt. Er betonte ausdrücklich, dass mein Abteilungsleiter diese Entscheidung unterstütze. Das brachte das Fass zum Überlaufen. An diesem Tag beschloss ich, mich in den Westen abzusetzen. Jahrelang hatte ich mit angesehen, wie meine Arbeitskollegen reihenweise abhauten und in Backnang oder Ulm neue Entwicklungsabteilungen aufbauten – über 20 müssen es gewesen sein. Nun war ich an der Reihe. Die Würfel waren gefallen.
Persönliche Rache am System
Der Schritt war gar nicht so groß, wie es aus heutiger Sicht erscheinen mag. Ich arbeitete zwar im Osten Berlins, ein wesentlicher Teil meines Lebens, die Kultur, fand aber fast ausschließlich im Westen statt. Ich war schon damals ein großer Fan klassischer Musik und begeisterte mich für Jazz. Wollte ich bei einem der Konzerte der großen Dirigenten und Interpreten dabei sein, fuhr ich in den Westen. Kaum eine Veranstaltung ließ ich mir entgehen. Ich hörte Herbert von Karajan oder Ferenc Fricsay, sah Ella Fitzgerald und Duke Ellington und ging regelmäßig ins Theater oder Kino.
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Ich beschloss, Ost-Berlin am 30. August endgültig zu verlassen. Seitdem ich den Fluchttermin festgelegt hatte, nahm ich jedes Mal, wenn ich rüber fuhr, eine große Aktentasche mit und transportierte darin Stück für Stück meine Schallplattensammlung in den Westen. Eine Verwandte hatte mir angeboten, dass ich meinen Musikschatz bei ihr deponieren könne. Bis zum 14. August wollte ich den Transfer beendet haben. Danach hatte ich zwei Wochen Urlaub eingeplant. Am 30. August wollte ich meinen letzten Arbeitstag im Werk absitzen und mich dann absetzen. Mir war es wichtig, dass meine Flucht dem Entwicklungsbetrieb, oder besser gesagt der Geschäftsführung angelastet wurde. Das war meine persönliche Rache.
War es der Instinkt? Eine dunkle Vorahnung? Für den Fall, dass meine Flucht schief ging, wollte ich mich doch irgendwie absichern. Da ich Mitglied einer überbetrieblichen Arbeitsgruppe war, hatte ich einen guten Bekannten in einem nahegelegenen Forschungsinstitut. Ich rief ihn an und fragte, ob er einen Job für mich hätte. Er machte mir ein Angebot und wir vereinbarten den 1. September als ersten Arbeitstag. Mein Vorgesetzter unterstützte meine Wechselambitionen und setzte durch, dass ich zum 31. August 1961 kündigen durfte. Natürlich ahnte keiner von beiden, was ich wirklich vorhatte.
Letzte Fluchtvorbereitungen
Kaum war meine Kündigung bekannt geworden, kam ein Abgesandter der Gewerkschaftsleitung zu mir nach Hause. Denn nach DDR-Recht musste die Gewerkschaft der Kündigung zustimmen. Er wusste nicht, dass ich das ganze eingefädelt hatte, und bot mir an, sich für meinen Verbleib im Werk einzusetzen. Ich war gerade dabei, in meinem Kachelofen alle möglichen Papiere zu verbrennen. Eine letzte Vorbereitung vor der Flucht, was der Kollege natürlich nicht wusste. Ich winkte ab, bat ihn aber, allen Kollegen schönste Grüße auszurichten – und ein großes Dankeschön für ihre Solidarität.
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Die Schallplattenaktion hatte ich bereits am 12. August abgeschlossen. Nun suchte ich nach einem Weg, meine umfangreiche Bibliothek rüberzuschaffen. Ich entdeckte einen Weg, der durch etliche Schrebergärten führte. Er schien mir geeignet, die Bücher in einem Koffer mit dem Fahrrad rüberzufahren. Doch dazu kam es nicht mehr.
Am 12. August fuhr ich abends mit meiner Freundin wie üblich in den Westen. Wir wollten am Tauentzien ins Kino gehen. "Der Dritte Mann" war gerade angelaufen. Wie sehr Traum, Film und Wirklichkeit mit einander verwoben waren, merkten wir allerdings nicht! Noch nicht! Der Film wird uns ewig im Gedächtnis bleiben. Auf dem Rückweg bemerkten wir, dass auf dem Bahnhof Zoo Züge unregelmäßig herumstanden. Das kam öfter vor, weshalb wir uns kaum darüber wunderten. Endlich ergatterten wir einen Zug und fuhren todmüde nach Hause. Auf der Fahrt beobachteten wir etliche Zugkontrollen auf freier Strecke. Wir glaubten, es handele sich im Maßnahmen gehen Zollvergehen. Wie sehr wir uns täuschten!
Reifenschläuche als Schwimmhilfe
Am 13. August wurden wir gegen zehn Uhr munter. Wenig später erhielten wir einen verzweifelten Telefonanruf von der Schwester meiner Freundin. Die Grenze sei zu, sagte sie. Wie es der Zufall wollte, hatte sie geplant, genau an diesem 13. August mit ihrem Lebenspartner die DDR für immer zu verlassen. Nun bat sie uns, ihr zu helfen. Die Nachricht traf uns bis ins Mark. Wir konnten einfach nicht glauben, dass man eine Großstadt wie Berlin in zwei Hälften teilte und uns von dem wesentlichen Teil unseres Lebens, der Kultur, abschnitt.
Wie in Trance fuhren wir zum Teltow-Kanal. Hier wollte die Schwester meiner Freundin die Flucht in den Westen wagen. Die Brücke an der Laubenkolonie, die sie sich als Fluchtweg ausgeguckt hatte, wurde aber von zwei Volkspolizisten gesperrt. Nun gab es nur noch eine Alternative: Schwimmen. Mein "Schwager" konnte aber nicht schwimmen. Kurzerhand montierte er die Schläuche aus den Reifen seines Motorrollers und benutzte sie als Schwimmhilfe. In großer Aufregung durchquerten die beiden den Kanal.
Hunderte von Menschen schwammen zwischen dem 13. und 16. August genau an dieser Stelle in den Westen – unbehelligt. Erst am 16. August begannen die Grenzer auf die Flüchtlinge zu schießen. Ich selbst konnte mich zur Flucht nicht überwinden. Ohne meine Bücher wollte ich nicht gehen. Wäre die Mauer ein paar Tage später gebaut worden, hätte ich meine Sammlung vielleicht schon drüben gehabt. Ein paar Tage – und mein Leben wäre anders verlaufen. Meine Freundin entschied sich auch fürs Bleiben. Wir hatten die letzte Chance verpasst!
So musste das Leben weitergehen. Am 1. September trat ich meinen neuen Job an – so als sei nichts geschehen.