Festmahl aus Eimern: In sowjetischer Gefangenschaft litt Kurt Mönch entsetzlichen Hunger - bis ihm das Mitleid eines Wachpostens im Oktober 1945 unerwartete Delikatessen bescherte. Doch am nächsten Tag stand ihm eine weit größere Überraschung bevor. Sie sollte sein Leben für immer ändern.
Manche Tage im Leben hinterlassen einen tiefen Eindruck. Mein letzter Arbeitstag im Kriegsgefangenenlager Stanislau, im Westen der heutigen Ukraine, gehörte dazu. Der Tag im Oktober 1945 begann wie jeder andere: Nach dem Morgenappell warteten wir am Lagertor auf die Verteilung unserer Arbeitsdienste.
Arbeit war wichtig im Lagerleben für uns deutsche Kriegsgefangenen, denn nur ein arbeitender Häftling erhielt neben fünf Gramm Tabak eine Tagesration Brot von 600 Gramm – das waren 100 Gramm mehr als üblich. Der quälende Hunger, unser ständiger Begleiter, wurde dadurch zwar nur unwesentlich gemildert, aber hier und da bekamen wir an unserem jeweiligen Arbeitsplatz außerhalb des Lagers von Anwohnern oder Passanten aus Mitleid etwas Essbares zugesteckt. Oder wir boten ihnen unsere Seifenration gegen Essen an. Die wenigen Nichtraucher unter uns nutzten ihre überflüssige Ration Tabak als begehrtes Tauschobjekt.
An diesem Morgen wurde ich einer Gruppe von zehn Gefangenen zugeteilt. Vor dem Lagertor stand ein Lkw. Wir mussten aufsitzen und fuhren in die Richtung eines Dorfes nahe der Stadt. Am Dorfrand hielt der Lkw vor einer Lagerhalle voller Kartoffeln. Jeder von uns erhielt einen Eimer. Den sollten wir mit Kartoffeln füllen und so den Lkw beladen.
Eimerweise Kartoffeln
Ich hatte meinen Eimer gerade gefüllt, als mich der Posten, ein junger ukrainischer Milizionär, von dem Rest der Gruppe trennte. Er nahm mich mit zum nächstgelegenen Haus. Eine ältere Frau machte uns auf. Der Posten wies sie an, die Kartoffeln zu kochen. Als sie sagte, sie hätte kein Holz, führte mich der Posten vor die Tür und ließ mich aus dem Flechtzaun des kleinen Vorgartens die dürren Weidenäste herausziehen und in das Haus tragen. Bald loderte das Feuer im Ofen.
Die Frau verteilte die Kartoffeln in mehrere Gefäße und stellte sie in den Ofen. Dann ließ mich der Posten allein zurück. Nun sah ich mich erst einmal um. Zu der älteren Frau gehörte noch ein Mann. Der gemauerte Ofen nahm etwa ein Drittel des einzigen Raumes ein - so wie die Öfen in den meisten Häusern der umliegenden Dörfer.
Zu einer Unterhaltung mit den Bewohnern kam es nicht. Mein russischer Wortschatz war zu dürftig, und die beiden Alten konnten kein Wort Deutsch. Ich nahm die fertig gekochten Kartoffeln wieder an mich und brachte sie im Eimer zurück zur Lagerhalle. Der Lkw war inzwischen beladen. Die gekochten Kartoffeln wurden genau aufgeteilt und so, wie sie waren sogleich mit der Schale aufgegessen. Davon wurden wir endlich einmal richtig satt.
Mir ging währenddessen ein Gedanke durch den Kopf. Ich fragte mich, ob das Mitgefühl des Postens bei seinen Vorgesetzten auf Verständnis gestoßen wäre, und ob sich ein Posten in Deutschland russischen Kriegsgefangenen gegenüber auch so menschlich gezeigt hätte.
Zurück zum Lager
Nach dieser Mahlzeit musste ich noch einen Eimer mit Kartoffeln zu dem alten Ehepaar bringen. Dann fuhr der Lkw zurück in die Stadt. Neben den lose aufgeschütteten Kartoffeln lagen auf der Ladefläche des Lkw noch zwei Säcke mit Kartoffeln. Auf unserem Weg hielten wir an zwei Häusern und luden sie ab. Die meisten von uns zeigten dafür Verständnis.
Schließlich hielt der Lkw vor dem NKWD-Gebäude. Hier war die örtliche Miliz untergebracht. Wir erhielten Anweisung, den Lkw nun zu entladen. Die Entladung gestaltete sich genauso umständlich wie die Beladung: Eimer für Eimer mussten wir die Kartoffeln mühsam in ein Kellerloch schütten.
Erst gegen 21 Uhr trafen wir wieder im Lager ein. In der Lagerküche holten wir uns die Brotration und die Abendsuppe ab. Ganz im Gegensatz zu der sonst so dünnen Suppe war an diesem Tag ein dicker Bodensatz im Suppenkessel – mit Fischstücken. An dem Tag wurde ich zum ersten Mal in der Gefangenschaft so richtig satt.
Heimwärts
Am nächsten Morgen, früh um 4 Uhr, riss uns ein Alarm unsanft aus dem Schlaf. Auf dem Appellplatz sollten Zimmerleute und Klempner vortreten. Als sich niemand meldete, meinte der Dolmetscher, wir wollten doch sicher nicht ohne Pritschen im Waggon nach Hause fahren. Da traten doch einige von uns zögerlich nach vorn. Wir mussten nun alle mithelfen, unsere Schlafpritschen abzubauen und die Bretter zum Bahnhof zu tragen. Und in den folgenden Nächten schliefen wir alle auf dem Fußboden.
In den nächsten Tagen wurden wir alle registriert und ärztlich untersucht, bevor wir schließlich am 27. Oktober 1945, meinem Geburtstag, zum Bahnhof marschierten. Dort wartete bereits ein Zug auf uns. 20 Mann mussten jeweils in einen Waggon einsteigen und an den Türen wurden noch einmal die Personalien überprüft. Unsere Stimmung schwankte zwischen Hoffnung und Misstrauen. Der Transport könnte ja auch weiter nach Osten gehen. Dagegen sprach aber, dass uns nur ein Leutnant und zwei Soldaten begleiteten und die Waggons nicht verschlossen wurden.
Es war bereits dunkel, als sich der Zug in Bewegung setzte. Aufmerksam beobachtete ich den Sternenhimmel, um die Fahrtrichtung zu erkennen. Wir fuhren eindeutig gen Westen, und das löste in mir ein unbeschreibliches Gefühl aus. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk hätte man mir nicht machen können. Nach einer Quarantänezeit in Frankfurt an der Oder erhielt ich meinen Entlassungsschein und war dann endgültig frei.