EINESTAGES - 23. Mai 2013 1:48
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Sprengfotograf

Jedes Bild ein Knaller

Sprengung
Michael Dammer

Wenn es Bumm macht, drückt er ab: Seit 20 Jahren reist Michael Dammer durch die Republik, um Sprengungen von Hochhäusern und Industriebauten zu fotografieren. Auf einestages erzählt er, wie er zu seinem außergewöhnlichen Hobby kam - und zeigt seine schönsten Bilder von explodierenden Gebäuden. Von Benjamin Maack

Ein Warnsignal ertönt, dann ein mächtiger Knall - und ein 20-geschössiges Hochhaus fällt in sich zusammen, verwandelt sich in eine gewaltige Wolke aus Schutt und Staub. Michael Dammer sieht all das nur im Vorbeifahren auf der Autobahn und erschrickt fürchterlich. Dann wacht er auf.

Die Szene ist ein wiederkehrender Alptraum des Industriemechanikers. Nicht, weil seine Wohnung in diesem Gebäude wäre oder weil ihn die zerstörerische Kraft schockiert, die sich da so plötzlich entfaltet - sondern "weil das Gebäude gesprengt wird und ich habe noch keine einzige Kamera aufgebaut".

Michael Dammer hat ein Hobby, bei dem manche seiner Arbeitskollegen nur verständnislos mit dem Kopf schütteln: Er dokumentiert Gebäudesprengungen. Hört er, dass irgendwo ein Hochhaus, ein altes Kraftwerk oder andere Bauten per Explosion abgerissen werden, reist er mit Fotoapparaten und Videokameras an. In den letzten 20 Jahren hat Dammer so mehr als hundert Sprengungen auf Film und Foto gebannt. Oft ist er dabei schon drei Tage vor Ort, wenn der Sprengmeister die Explosion auslöst. So hat er genug Zeit, die richtigen Standorte für seine Kameras zu ermitteln und die Abbrucharbeiten auf Film zu bannen. Drei Tage Vorbereitung für drei Sekunden Detonation. Auf der Suche nach der perfekten Perspektive für seine Bilder opfert Dammer beinahe seinen gesamten Jahresurlaub.

Eine Choreografie der Zerstörung

"Wenn das Warnsignal ertönt", sagt Dammer, "sollte man besser nicht meinen Puls messen. Denn dann gibt es kein Zurück mehr, egal wie die Kameras eingestellt sind." Wenn der Sprengmeister schließlich auf den Knopf drückt, löst auch Dammer aus. "Dann rasseln die Bilder nur so durch." So entstehen in Sekunden eindrucksvolle Fotoserien. Eine Choreografie der Zerstörung - vom kleinsten Rauchwölkchen der ersten Sprengladung bis zu dem Moment, wo von den riesigen Kühltürmen eines Kraftwerks, die eben noch die Stadt überragten, nichts übrig bleibt als eine Wolke aus Schutt und Rauch, die sich im Wind verliert.

Im Internet kursieren zwei Videos von ihm, die er lakonisch "Sprengung nonstop" genannt hat. Es sind Aneinanderreihungen von fallenden Schornsteinen, Industrieanlagen, Hochhäusern, Fabrikhallen. Sie stürzen krachend in sich zusammen oder lösen sich in einem Zischen auf. Manche rollen sich auf die Seite und werfen ihr Dach ab, andere vollführen eine Drehung, wieder andere rauschen in einer riesigen Staubwolke gerade hinab, als würden sie im Boden verschwinden.

Manchmal steht die Kamera so nahe dran, dass sie einen Moment später in einer graubraunen Wolke verschwindet, manchmal wird durch den Aufprall des Gebäudes das Bild erschüttert. Bei einigen der Aufnahmen hört man im Hintergrund Menschen. Es ist eine merkwürdige Jahrmarktatmosphäre: Auf eine erstaunte Stille nach der Explosion folgt plötzliche Euphorie. Die Menschen johlen, applaudieren, lachen wie elektrisiert von dem eindrucksvollen Erlebnis.

"Am schönsten sind die Sprengungen, bei denen das Gebäude erst nach unten sackt und sich dann ganz langsam nach vorne neigt", schwärmt Dammer von der Ästhetik des Einsturzes. Dem Fotografen ist jedoch ebenso wichtig, mit seinen Aufnahmen nicht nur den spektakulären Moment festzuhalten, sondern auch das letzte Kapitel einer langen Geschichte zu dokumentieren.

"Um mich herum wurde der Arbeitsplatz weggesprengt"

"Jedes Gebäude hat eine Vergangenheit", so Dammer, "und nach dem Knopfdruck gibt es kein Zurück mehr. Der Bau ist weg, und ich habe die letzten Aufnahmen gemacht." 2001 etwa wurde ein in Dammers Heimatstadt Rheinberg das Reichel-Hochhaus gesprengt. Das Gebäude hatte Jahrzehnte leer gestanden, doch davor war es der Sitz eines großen Teppichfabrikanten. "Da haben damals 2000 Leute gearbeitet, und ich bin in den Ruinen schon als Kind rumgekraucht." Andere Motive Dammers zeigen die Sprengung von Hochöfen oder Zechengebäuden und werden damit zu Zeugnissen der Industriekrise im Ruhrgebiet.


Michael Dammers "Sprengung nonstop"-Video auf Myvideo.de

Dammer selbst entdeckte seine Begeisterung für Gebäudesprengungen, als sein Arbeitsplatz nach und nach dem Erdboden gleich gemacht wurde. 1989 begann der Abriss der Zeche Rheinpreussen in Moers-Utfort. Zu dieser Zeit machte der damals 16-Jährige dort gerade seine Ausbildung zum Industriemechaniker. "Um mich herum wurde praktisch der Arbeitsplatz weggesprengt", erinnert sich Dammer.

Deshalb kann er es heute auch verstehen, wenn Menschen, die früher an einem Ort gearbeitet haben, am Tag der Detonation lieber fernbleiben. "Die Sprengung ist ja wie das Zu-Grabe-Tragen des Ortes. Sie ist der letzte Schritt, dann muss sich jeder eingestehen: Jetzt ist es endgültig vorbei."

Auch Dammer trauerte damals um den Verlust seines Arbeitsplatzes. Doch die Faszination über die kontrollierten Explosionen überwog. Er nutzte die Chance, sich mit dem Sprengmeister zu unterhalten - und knüpfte wertvolle Kontakte. Denn natürlich darf sich nicht jeder frei auf einem Gelände bewegen, auf dem gerade mit etlichen Kilo Sprengstoff die Zerstörung eines Gebäudes vorbereitet wird. "Ich bin so nahe dran", sagt Dammer nicht ohne Stolz, "dass ich die Dynamitstangen anfassen könnte." Ein Vertrauen, das er sich über die Jahre verdienen musste. Mittlerweile hat Dammer Beziehungen zu mehreren Sprengunternehmen, die ihn immer anrufen, wenn neue Abrisstermine anstehen. Im Gegenzug versorgt Dammer sie mit seinen Bildern von ihrer Arbeit.

Einmal hat es den Fotografen erwischt

Um die Aufnahmen zu machen, darf sich der Hobbydokumentar nicht nur vorher in den entkernten Gebäuden bewegen und den Experten bei der Platzierung der Sprengsätze über die Schulter schauen, er ist auch der letzte im Sperrgebiet.

Wenn das Gefahrengebiet längst evakuiert ist, eilt Dammer noch einmal durch die verwaisten Straßen, um seine Videokameras einzuschalten. "Die Ruhe ist gespenstisch, die Zeit sitzt einem im Nacken und der Puls steigt", schwärmt Dammer über den Adrenalinkick kurz vor der Sprengung. Erst wenn der Sprengdokumentar dem Sprengmeister das Zeichen gibt, dass er aus dem Gefahrengebiet heraus ist, wird die verheerende Ladung gezündet.

Nicht immer läuft dabei alles glatt. Einmal etwa blieb der Fahrstuhlschacht eines Hochhauses einfach stehen und stürzte schließlich in die entgegengesetzte Richtung in einen benachbarten Garten. "Das ist aber keine Frage der Berechnungen", verteidigt Dammer die Sprengprofis, "sondern veralteter Baupläne." Oft würden Details an einem Gebäude verändert, die nicht nachträglich eingezeichnet werden. Solche Details können die gesamte Statik eines Gebäudes verändern.

Angst, dass ihm bei einer Sprengung etwas passieren könnte, hat Dammer nicht. Nur einmal, als ein Klinikgebäude in Krefeld gesprengt wurde, hat es ihn erwischt. Er hatte sich bei einem Nachbarhaus auf dem Balkon positioniert. "Das war ziemlich nahe. Aber so hatte ich das Gebäude frontal vor der Kamera, es gab keine bessere Sicht." Doch als der Bau auf ihn zu in die Fallgrube kippte, traf ihn plötzlich etwas. Für einen kurzen Augenblick dachte er, ein Trümmerteil hätte ihn erwischt. Dann merkte Dammer, dass es nur Schlamm war. "Im nächsten Moment dachte ich schon wieder: Hoffentlich haben die Kameras aufgezeichnet."

Eingereicht von: Benjamin Maack

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