EINESTAGES - 23. Mai 2013 21:13
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Vergessene Orte

Kamikaze-Schule mit Meerblick

Lagerhalle und Aussichtsplattform

Nicht für das Leben, für das Sterben lernten sie: In einer ruhigen Bucht im Süden Japans wurden im Zweiten Weltkrieg Kamikaze-Kämpfer ausgebildet. Florian Seidel begab sich in die Ruinen des Ausbildungslagers und fand ebenso malerische wie schaurige Spuren, die schon bald verschwunden sein könnten.

An der Küste der Insel Kyushu im Süden von Japan stehen vier sonderbare Gebilde im Wasser. Wie bizarre Skulpturen aus Beton und Stahl thronen die Objekte auf schiefen Stelzen über dem Meer. Bei Flut ragen sie nur wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche hinaus. Doch bei Ebbe kommen der Rost, die Muscheln und Seepflanzen zum Vorschein, die sie überziehen. Nur schwer sind die Formen einzuordnen: Fabrikschornstein, Bohrplattform, Sprungturm, Fähranleger - an all das erinnern sie irgendwie. Und doch sind sie nichts davon. Doch niemand scheint sich besonders über die eigenartigen Bauten zu wundern. Gelegentlich kommen Senioren aus der Umgebung hierher, um im Schlick nach Muscheln für ihre Miso-Suppe zu suchen. Leider meist vergeblich, wie ein älterer Herr berichtet. Er scheint nichts zu ahnen von der finsteren Vergangenheit dieses Ortes - der ehemaligen Mukaiyama-Mine.

Die Geschichte dieser Mine, von der heute noch Reste ihrer Verladeanlage am Wasser erhalten sind, ist eng verflochten mit einem der beeindruckendsten verlassenen Orte Japans: Der Kawaminami-Werft, die ganz in der Nähe liegt. Aus der Ferne sind die Hallen der Schiffsbauanlage heute kaum noch zu erkennen, denn sie sind fast vollständig von Pflanzen überwuchert. Baumwurzeln haben sich über Jahre ihren Weg durch mürbe Betonböden gegraben, Äste ragen durch zerborstene Fenster in die früheren Fertigungshallen hinein. Doch wo inzwischen grünes Leben herrscht, drehte sich einst alles um den Tod.

Denn hier wurde im Zweiten Weltkrieg an einer Geheimwaffe gebaut, mit der Japan den Kampf gegen die Alliierten im Pazifikraum endgültig für sich entscheiden wollte: Spezialfahrzeuge für Kamikaze-Einsätze. Mit Hilfe dieser Selbstmordeinheiten, die durch am Fahrzeug angebrachte Sprengladungen feindliche Schiffe zerstörten, beschädigte die japanische Armee bis zum Ende des Krieges 368 und versenkte 36 amerikanische Schiffe. Mehr als 3000 japanische Soldaten ließen dabei ihr Leben.

Wind der Götter

Die Entstehung des Begriffs Kamikaze reicht weitaus länger zurück als bis zum Zweiten Weltkrieg: Kamikaze ist eine eigentlich ungebräuchliche alternative Aussprache der beiden Schriftzeichen des japanischen Wortes "Shimpu" (Götterwind). Bis heute werden die im Ausland als Kamikaze-Kämpfer bekannten Selbstmordkommandos in Japan selbst "Shimpu Tokkotai" genannt - "Götterwind-Spezialeinheiten". Ursprung dieses Namens sind zwei verheerende Taifune, die Japan im 13. Jahrhundert heimsuchten und es dabei vor seinen Feinden retteten: Beide Male zerstörten sie die gerade angreifenden Flottenverbände des Mongolenherrschers Kublai Khan und wendeten so eine Invasion ab.

Der größte Teil der Welt lernte den göttlichen Wind jedoch erst Jahrhunderte später kennen - als sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Tausende Soldaten im Namen des japanischen Kaisers mit fliegenden und schwimmenden Bomben auf die näher rückenden Amerikaner stürzten. Es war die verzweifelte Reaktion auf die massive Offensive der USA, die nach dem Angriff der Japaner auf den Flottenstützpunkt Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 begonnen hatte.

"Zurück in den Himmel"

Im August des Jahres 1944 gab die Nachrichtenagentur des Kaiserreiches bekannt, dass ein japanischer Fluglehrer im besetzten Taiwan begonnen hatte, Piloten für Selbstmordeinsätze auszubilden. Wenig später wurde die erste offizielle Kamikaze-Fliegereinheit zusammengestellt, weitere folgten. Die dadurch entstandenen Fliegerverbände wurden in Anlehnung an den Sieg gegen die Mongolen im 13. Jahrhundert Shimpu Tokkotai genannt, Götterwind-Spezialtruppen. Man schien zu hoffen, dass sie als tödliche Gefahr aus der Luft den Feind hinwegfegen würden wie einst der Taifun Kublai Khans Flotte.

Sie blieben nicht die einzigen Selbstmordattentäter im Dienste des japanischen Militärs. Auch im Wasser waren bald suizidale Spezialeinheiten im Einsatz: Etwa sogenannte Shinyo (Seebeben) - Schnellboote mit einem Mann Besatzung und etwa 270 Kilo Sprengstoff mit Aufschlagzünder im Bug. Andere Einheiten - modifizierte, bemannte Torpedos mit 1550 Kilo Sprengstoff im Vorderteil - nannten sich Kaiten (Zurück in den Himmel). Die Strategie hinter diesen Selbstmordfahrzeugen war offensichtlich: Ein einzelner Mann konnte mit ihnen den Feinden verheerenden Schaden zufügen - wenn er nur bereit war, das eigene Leben dafür zu opfern.

Eine Reihe weiterer Einheiten war geplant, brachte es jedoch nie bis zur Einsatzreife: Etwa Kairyu (Seedrache) genannte Kleinst-U-Boote mit zwei Mann Besatzung, je 600 Kilo Sprengstoff in zwei Torpedos und weiteren 600 Kilo Sprengstoff im Bug. Kein einziges von ihnen kam zum Einsatz, obwohl etwa 200 Einheiten gebaut wurden. Besonders archaisch war das Konzept der Fukuryu (Verborgener Drache): Dies waren lediglich Kampftaucher, die in küstennahen Gewässern Landungsboote mit an Bambusstöcken befestigten Minen aufhalten sollten. Man beließ es bei der Idee.

Grundstücksspekulanten wollen die Todeswerft

In ganz Japan wurden bald Kamikaze-Fahrzeuge hergestellt und Soldaten für Selbstmordeinsätze ausgebildet. Auch in der Kawaminami-Werft und der Mukaiyama-Mine. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte in dieser Mine der Kohleabbau begonnen. 40 Jahre lang schufteten Arbeiter hier für friedliche Zwecke, bis 1936 im Rahmen der Kriegsvorbereitungen nebenan die Kawaminami-Werft gegründet wurde. Sie übernahm ein Jahr später die Mine und wurde zum wichtigsten Abnehmer ihrer Kohle. Inzwischen gilt es als gesichert, dass sich bei Kriegsende zehn Kairyu-U-Boote für Selbstmordeinsätze in der Kawaminami-Werft im Bau befanden. Möglicherweise wurden dort zuvor bereits einige der bemannten Kaiten-Torpedos gebaut - wahrscheinlich unter dem Einsatz von Zwangsarbeitern.

Heute ist die imposante Werft eine beeindruckende Ruinenlandschaft, die etliche Besucher anzieht. Leider wird sie wohl demnächst ihrer eigenen Beliebtheit zum Opfer fallen: Die steigende Zahl von Schaulustigen hat lokale Politiker auf den Plan gerufen, die die verfallene Werft als Gefahrengelände sehen und sie abreißen wollen. Nur einige mit Warnhinweisen beschriebene Betonpfeiler sollen für ein Museum gerettet werden. Viele vermuten, dass sich hinter den Argumenten der Politiker in Wahrheit andere Beweggründe verstecken: Grundstücksspekulanten sollen Interesse an dem weitläufigen Gelände bekundet haben.

Das Ende der Selbstmordmissionen

50 Kilometer südlich, in der Omura-Bucht, befindet sich eine weitere Ruine. Während des Pazifikkriegs entstand in dieser malerischen Umgebung die Katashima-Schule. Hier wurden Hunderte, vielleicht sogar Tausende junger Menschen darauf vorbereitet, ihr Leben für den japanischen Kaiser zu opfern und ihre Feinden mit sich in den Tod zu reißen.

An der Spitze einer idyllischen Halbinsel gelegen, ist die Anlage weithin sichtbar, auch wenn nicht viel von ihr übrig ist. Etwa 50 Meter vor der Küste befindet sich eine Startplattform, über einen steinernen Steg mit dem Festland verbunden. Die Fahrrillen vom Transport der Kamikaze-Fahrzeuge sind noch deutlich zu erkennen. Sie führen direkt zum einzigen noch halbwegs erhaltenen Gebäude, vermutlich einst eine Lagerhalle oder Reparaturwerkstatt. Weiter südlich erhebt sich eine Aussichtsplattform aus dem Wasser. Sie diente der Erspähung möglicher Gegner.

Doch die größte Bedrohung Japans kam nicht aus dem Wasser: Nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 kapitulierte Japan am 2. September. Die Katashima-Schule und der angeschlossene Militärstützpunkt, in dem 1000 Kampftaucher stationiert werden sollten, wurden geschlossen, und auch die Werft und die Mine wurden stillgelegt. Heute findet man keine Soldaten und Arbeiter mehr an diesen geschichtsträchtigen Orten. Nur Fotografen, Hobbyhistoriker - oder die alten Muschelfischer aus der Nachbarschaft.



Mehr Bilder sowie Videos finden Sie auf Florian Seidels Blog "Abandoned Kansai".

Eingereicht von: Florian Seidel

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