Müde Soldaten, hübsche Französinnen: Für das "Life"-Magazin begleitete Frank Scherschel die Alliierten bei der Landung in der Normandie. Doch der Fotograf hielt nicht nur die Kämpfe fest - sondern auch den Alltag der Befreiten und ihrer Befreier. Nun wurden die eindrucksvollen Bilder veröffentlicht. Von Christian Gödecke
Der Mann mit dem violetten Band um den Hals ist auf die Knie gegangen, seine linke Hand berührt den Rücken des Soldaten, der vor ihm auf einer Trage liegt. Der GI ist in eine braune Decke gehüllt und am Kopf verbunden. Das Tuch ist mit rotem Blut getränkt, auch seine Hände sind blutverschmiert. Und zum Gebet gefaltet.
Das Bild zeigt einen Priester der US-Armee, der einem verletzten Soldaten die Sterbesakramente erteilt. Entstanden ist das bedrückende Fotodokument im Sommer 1944, auf einem Gehöft irgendwo in Frankreich. Es ist die Zeit der alliierten Großoffensive gegen Nazi-Deutschland, die mit der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 begonnen hat - und die in Tausenden Bildern dokumentiert ist. Doch dieses ist anders.
Es zeigt keinen Schützengraben, keine Leichen und keinen der blutverschmierten Sandstrände in Westfrankreich, auf denen Tausende US-Soldaten starben. Es zeigt keines der amerikanischen Landungsboote und auch keinen der Bunker, aus denen deutsche Wehrmachtsoldaten zurückschossen. Es ist ein stilles Bild, das den Horror des Krieges erst beim zweiten Hinsehen deutlich macht.
Und es zeigt die Szene in Farbe.
Geschossen hat es Frank Scherschel, einer der legendären Fotografen des "Life"-Magazins. Scherschel begleitete die US-Armee bei der Operation Overlord in der Normandie, aber dokumentiert hat er vor allem die Wochen vor und nach der Invasion. Entstanden sind so Seitenblicke, die den Alltag von Befreiern und Befreiten zeigen. Solche Motive sind selten, so selten wie Farbaufnahmen aus jenen Tagen.
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Nun hat das Online-Archiv des "Life"-Magazins eine Auswahl von Scherschels Farbfotos veröffentlicht. Die meisten davon, heißt es, seien nie gedruckt worden. Zu sehen sind gefangene jungenhafte Wehrmachtssoldaten, das Frühstück von GIs auf Munitionskisten oder die ausgelassene Parade anlässlich der Befreiung von Paris. Es wird viel gelacht.
Auch auf Scherschels Bildern ist Krieg - aber nirgendwo wird geschossen.
goe
