Am Anfang stand ein Einbruch, am Ende stürzte ein US-Präsident: 1972 begann die Watergate-Affäre, der schmutzigste Polit-Krimi der amerikanischen Geschichte. Aufgedeckt wurde er von Bob Woodward und Carl Bernstein. 40 Jahre danach erinnern sich die Reporter an den tiefen Fall Nixons und den Coup ihres Lebens.
Watergate. Das ist der Name eines Hotel- und Bürokomplexes im Zentrum der US-Hauptstadt Washington D. C. Watergate ist aber auch ein Synonym. Es steht für Spionage, Sabotage, Manipulation und für die schmutzigste politische Intrige der US-Geschichte. Und schließlich steht es für einen Präsidenten, der mit allen Mitteln an der Macht bleiben wollte und dafür selbst vor Verbrechen nicht zurückschreckte.
Am 17. Juni 1972 brachen fünf Männer in die Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei ein. Es war der Beginn der Affäre, die zwei Jahre später mit dem Rücktritt von Richard Nixon endete. Aufgedeckt wurde sie von zwei jungen Reportern der "Washington Post", Carl Bernstein und Bob Woodward.
40 Jahre später erinnern sich die beiden legendären Journalisten noch einmal an die Monate, in denen immer wieder neue Details einer unglaublichen Verschwörung ans Licht kamen. Und sie erklären detailliert, in welches Geflecht aus Lügen, Intrigen und illegalen Aktionen sich Nixon damals verstrickte.
Als Sam Ervin 1974 nach 20 Jahren seine Karriere im Senat beendete und als Vorsitzender des Watergate-Ausschusses seinen Abschlussbericht herausgab, stellte er die folgende Frage: "Was war Watergate?"
Unzählige Antworten sind darauf in den vergangenen 40 Jahren gegeben worden, seit an jenem 17. Juni 1972 ein Team von Einbrechern mit Businessanzügen und Gummihandschuhen morgens um halb drei in der Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei festgenommen wurde. Vier Tage danach verkündete das Weiße Haus seine Sicht der Dinge: "Gewisse Elemente könnten versuchen, das, was passiert ist, hochzuspielen", höhnte Präsidentensprecher Ronald Ziegler und tat den Vorgang als "drittklassigen Einbruch" ab.
Schamloser Angriff auf das Herz der Demokratie
Eine andere Antwort hat die Jahrzehnte überdauert, in Frage gestellt wurde sie nur selten: die Auffassung, dass die Vertuschung schlimmer als das Verbrechen gewesen sei. Diese Idee spielt das Ausmaß und die Tragweite von Nixons kriminellen Handlungen herunter.
Senator Ervins Antwort auf seine eigene Frage vermittelt einen Eindruck von der wirklichen Bedeutung Watergates: "Bezogen auf den Wahlkampf 1972 wurde die Integrität des gesamten Prozesses, von der Nominierung bis zur Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten, zerstört." Aber Watergate war noch viel mehr als das. In seinen bösartigsten Aspekten war Watergate ein von Nixon persönlich geführter, schamloser Angriff auf das Herz der US-amerikanischen Demokratie: die Verfassung, das System freier Wahlen, das Gesetz.
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Noch viel mehr als damals, als wir beide als junge Reporter die Geschichte für die "Washington Post" recherchierten, liefert heute ein riesiger Aktenbestand eindeutige Antworten und Belege über Watergate und seine Bedeutung. Dieser Fundus ist über die Jahrzehnte stetig gewachsen, dank Hunderter von Nixons geheimen Tonbändern, die Details und Hintergründe zu den Anhörungen vor Senat und Abgeordnetenhaus lieferten; dank der Verfahren und Schuldsprüche gegen rund 40 Nixon-Helfer und Vertraute, die ins Gefängnis gingen; und schließlich dank der Erinnerungen von Nixon selbst und seiner Helfer. Diese Quellen machen es möglich, den persönlichen Einfluss des Präsidenten nachzuzeichnen - auf eine massive Kampagne politischer Spionage, Sabotage und anderer illegaler Aktivitäten gegen echte Feinde und solche, die er dafür hielt.
In seiner fünfeinhalbjährigen Amtszeit, die 1969 begann, führte Nixon fünf Kriege - gegen die Anti-Vietnamkriegsbewegung, die Presse, die Demokraten, die Justiz und am Ende schließlich gegen die Vergangenheit. Alle diese Kriege offenbarten eine Geisteshaltung und ein Verhaltensmuster, die durch und durch typisch für Nixon waren: die Bereitschaft, Gesetze zu missachten, um sich politische Vorteile zu verschaffen, und die stetige Suche nach schmutzigen Geheimnissen seiner Gegner als Prinzip seiner Präsidentschaft.
Schnüffeleien, Einbrüche, das Mitschneiden von Gesprächen und politische Sabotage hatten schon lange vor Watergate Einzug in Nixons Weißes Haus gehalten.
Bedrohung für die öffentliche Sicherheit
Nixons erster Feldzug war der gegen die Anti-Vietnamkriegsbewegung. Der Präsident hielt sie für staatsfeindlich und glaubte, sie würde ihn daran hindern, den Krieg in Südostasien auf seine Art zu führen. 1970 verabschiedete er den geheimen Huston-Plan, der CIA, FBI und den Militärgeheimdienst ermächtigte, die elektronische Überwachung von Personen auszubauen, die als "Bedrohung für die öffentliche Sicherheit" ausgemacht wurden. Der Plan sah unter anderem vor, dass Post abgefangen und "heimliche Zugänge" - also Einbrüche oder sogenannte "black bag jobs" (
ein Geheimdienst-Ausdruck für Firmenspionage, Anm. d. Red.) - nicht länger eingeschränkt würden.
Thomas Charles Huston, der Berater des Weißen Hauses, der sich den Plan ausgedacht hatte, informierte Nixon darüber, dass er illegal war. Doch Nixon nickte ihn trotzdem ab. Der Plan wurde formal erst aufgehoben, als schließlich FBI-Direktor J. Edgar Hoover einschritt - wenngleich nicht aus Prinzip, sondern weil er derlei Aktivitäten ausschließlich für FBI-Angelegenheit hielt. Gleichwohl hielt Nixon unbeirrt an solchen Operationen fest.
In einem auf den 3. März 1970 datierten Memorandum an Nixon schrieb der Präsidentenberater Patrick Buchanan von der, wie er es nannte, "institutionalisierten Macht der Linken, die in Stiftungen gebündelt ist, die der Demokratischen Partei nahestehen". Besonders in den Blickpunkt rückte die Brookings Institution, ein liberaler Think Tank aus Washington.
Am 17. Juni 1971, genau ein Jahr vor dem Watergate-Einbruch, traf sich Nixon im Oval Office mit seinem Stabschef H.R. "Bob" Haldeman und Henry Kissinger, dem nationalen Sicherheitsberater. Es ging um eine Akte darüber, wie Nixons Vorgänger Lyndon B. Johnson 1968 den US-Bombenstopp für Vietnam genau gehandhabt hatte.
"Sprengen Sie den Safe!"
"Man kann Johnson mit dieser Sache erpressen, und es könnte sich sogar lohnen", sagte Haldeman laut der Tonbandaufzeichnung des Treffens.
"Ja", sagte Kissinger, "aber Bob und ich haben drei Jahre lang versucht, dieses verflixte Ding zusammenzubekommen." Sie wollten eine lückenlose Rekonstruktion von Johnsons Handlungen.
"Huston schwört bei Gott, dass es bei Brookings dazu eine Akte gibt", sagte Haldeman.
"Bob", sagte Nixon, "erinnern Sie sich jetzt an Hustons Plan? Setzen Sie ihn um. Ich meine, Umsetzung im Sinne von Diebstahl. Verdammte Scheiße, gehen Sie da rein und holen Sie diese Akten. Sprengen Sie den Safe und holen das Zeug."
Nixon ließ nicht zu, dass sich die Angelegenheit in Luft auflöste. Laut des Mitschnitts einer weiteren Unterhaltung mit Haldeman und Kissinger dreizehn Tage später sagte der Präsident: "Brechen Sie da ein und holen es. Verstehen Sie mich?"
Am nächsten Morgen sagte Nixon: "Bob, leiten Sie das mit Brookings sofort in die Wege. Ich will, dass der Safe da drüben geknackt wird." Und wenig später hakte er noch einmal nach: "Wer wird bei der Brookings Institution einbrechen?"
Aus Gründen, die nie geklärt wurden, wurde der Einbruch offenbar nicht ausgeführt.
1. Teil: "Sprengen Sie den Safe und holen das Zeug raus!"
2. Teil: Der Krieg gegen die Medien
3. Teil: Der Krieg gegen die Demokraten
4. Teil: Der Krieg gegen die Justiz
5. Teil: Der Krieg gegen die Geschichte
2. Teil: Der Krieg gegen die Medien
Nixons zweiter Krieg wurde unaufhörlich gegen die Presse geführt, die immer nachdrücklicher über den stagnierenden Vietnamkrieg berichtete und auch über die Effektivität der Friedensbewegung. Obwohl FBI-Boss J. Edgar Hoover glaubte, er habe den Huston-Plan gestoppt, war er in Wahrheit von hochrangigen Nixon-Vertrauten in die Tat umgesetzt worden. Auf Anweisung des White-House-Anwalts John Ehrlichman und dessen Assistenten Egil Krogh wurden eine "Klempner"-Einheit (
die die "Lecks" in Nixons Umgebung stopfen sollte, aus denen immer wieder Details an die Presse gelangten; die Red.) und ein Einbruchsteam aufgestellt, die von den späteren Watergate-Einsatzleitern geführt wurden - dem Ex-CIA-Mann Howard Hunt und dem ehemaligen FBI-Agenten G. Gordon Liddy. Hunt wurde von Nixons Sonderberater Charles Colson als Referent angestellt. Colson hatte den Ruf, keine Gefangenen zu machen. Das passte zum Präsidenten.
Eine der frühen Aufträge für die Truppe war die Diskreditierung von Daniel Ellsberg, dem Mann, der die sogenannten Pentagon Papers, eine geheime Chronik des Vietnamkrieges, 1971 an die Presse hatte durchsickern lassen. Die Veröffentlichung in der "New York Times", der "Washington Post" und anderen Zeitungen machten Nixon rasend, wie Tonbänder später belegten. Der Präsident verfluchte Ellsberg, die Antikriegsbewegung, die Presse, Juden, die amerikanische Linke und die Liberalen im Kongress - alle warf er in einen Topf. Obwohl Ellsberg ohnehin schon wegen Spionageverdachts angeklagt war, brach das Team um Hunt und Liddy bei dessen Psychiater ein, um nach Informationen zu suchen, die das Ansehen Ellsbergs innerhalb der Antikriegsbewegung beschädigen könnten.
"Sie können jetzt nicht aufhören, Bob", sagte Nixon am 29. Juni 1971 zu Haldeman. "Man kann den Juden nicht die Sachen klauen lassen und dann zusehen, wie er damit durchkommt. Verstehen Sie das?"
Er fuhr fort: "Die Menschen trauen diesen Ostküsten-Elite-Typen nicht. Er kommt von Harvard. Er ist Jude. Und er ist ein arroganter Intellektueller."
Ellsbergs Verrat
Nixons antisemitische Ausfälle waren dem innersten Kreis wohlbekannt, einige jüdische Berater eingeschlossen. Wie wir in unserem Buch "The Final Days" von 1976 enthüllten, sagte er seinen Mitarbeitern gegenüber, darunter auch Kissinger, dazu: "Die Jüdische Intrige will mich fertigmachen." Während einer Unterhaltung mit Haldeman am 3. Juli 1971, sagte Nixon: "Die Regierung ist voller Juden. Zweitens: Die meisten Juden sind nicht loyal. Verstehen Sie, was ich meine? Da gibt’s Garment (
White-House-Anwalt Leonard Garment) und Kissinger und, ganz offen gesagt auch Safire (
der Redenschreiber des Präsidenten, William Safire) und, bei Gott, sie sind Ausnahmen. Aber Bob, ganz allgemein gesprochen: Man kann diesen Bastarden nicht über den Weg trauen. Die fallen über einen her."
Ellsbergs Verrat schien Nixons Vorurteile und dessen Paranoia nur zu nähren.
Als Reaktion auf interne Informationen über Vietnam, die an die Presse lanciert worden waren, hatte Kissinger 1969 beim FBI die telefonische Überwachung von 17 Journalisten und Angestellten des Weißen Hauses angeordnet - ohne richterliche Zustimmung. Viele der Geschichten, die in jener Zeit gedruckt wurden, stellten den US-Erfolg in Vietnam in Frage und befeuerten so die Antikriegsbewegung. Auf einem Tonband aus dem Oval Office vom 22. Februar 1971 sagte Nixon: "Auf kurze Sicht wäre es doch viel einfacher, diesen Krieg wie ein Diktator zu führen, oder? Alle Reporter umbringen und dann weitermachen."
"Die Presse ist unser Feind", erklärte Nixon laut eines Tonbands fünf Tage später bei einem Treffen Admiral Thomas H. Moorer, seinem wichtigsten militärischen Berater. "Feinde. Verstehen Sie das? … Nur, man darf sich nicht so verhalten. … Man gibt ihnen einen Drink, behandelt sie gut, gibt vor, ihnen zu helfen. Aber helfen Sie diesen Bastarden nicht. Nie. Sie werden versuchen, uns das Messer direkt in den Bauch zu rammen."
1. Teil: "Sprengen Sie den Safe und holen das Zeug raus!"
2. Teil: Der Krieg gegen die Medien
3. Teil: Der Krieg gegen die Demokraten
4. Teil: Der Krieg gegen die Justiz
5. Teil: Der Krieg gegen die Geschichte
3. Teil: Der Krieg gegen die Demokraten
In seinem dritten Krieg nahm Nixon die Waffen, die greifbar waren - die "Klempner", das Abhören von Telefonen und Einbrüche - und setzte sie gegen die Demokraten ein, die gegen seine Wiederwahl kämpften.
John N. Mitchell, Nixons Kampagnenchef (
aus der Präsidentschaftswahl 1968) und Vertrauter, traf sich Anfang 1972 im Justizministerium mit Liddy, Mitchell war Justizminister. Liddy präsentierte einen Eine-Million-Dollar-Plan für Spionage und Sabotage während der kommenden Präsidentschaftskampagne, Codename "Edelstein".
Laut dem Watergate Report des Senats und Liddys Autobiografie von 1980 benutzte er farbige, von der CIA vorbereitete Karten, um die einzelnen Teile des Plans zu erläutern. "Operation Diamant" würde Antikriegsprotestler mit Hilfe von Überfallkommandos und Kidnapping-Teams kaltstellen; während der "Operation Kohle" sollte Geld an Shirley Chisholm geleitet werden, um Zwietracht bei den Demokraten zu säen - Chisholm war eine schwarze Kongressabgeordnete aus Brooklyn, die eine Nominierung als demokratische Präsidentschaftskandidatin anstrebte; bei der "Operation Opal" würden verschiedene Ziele elektronisch überwacht werden, darunter auch die Hauptquartiere der demokratischen Präsidentschaftskandidaten Edmund Muskie und George McGovern; "Operation Saphir" schließlich sollte Prostituierte auf einer Yacht mit Mikrofonen verkabeln und während des Nominierungsparteitages der Demokraten von Miami Beach aus ablegen lassen.
Mitchell lehnte die Pläne ab und wies Liddy an, die Karten zu verbrennen. Bei einem zweiten Treffen weniger als drei Wochen später präsentierte Liddy eine abgespeckte Version für 500.000 Dollar, Mitchell lehnte erneut ab. Wenig später nickte er jedoch laut dem stellvertretenden Kampagnenmanager Jeb Magruder eine 250.000-Dollar-Version ab. Diese beinhaltete die Beschaffung von Informationen über die Demokraten mittels telefonischer Überwachung und Einbrüchen.
50 Saboteure
Unter Eid bestritt Mitchell später, dem Plan zugestimmt zu haben. Er sagte aus, er habe Magruder gegenüber erklärt: "Wir brauchen das nicht. Ich kann es nicht mehr hören." Laut eigener Aussage lehnte er den Plan nicht ab, weil er illegal war.
Am 10. Oktober 1972 erschien eine Geschichte von uns in der "Washington Post", in der wir die umfangreichen Sabotage- und Spionageoperationen der Nixon-Kampagne und des Weißen Hauses vor allem gegen Muskie beschrieben und zeigten, dass der Watergate-Einbruch kein Einzelfall war. In der Geschichte stand, dass mindestens 50 Personen in den Spionagefall verwickelt waren, viele von ihnen unter der Leitung eines jungen kalifornischen Anwalts namens Donald Segretti; ein paar Tage später berichteten wir, dass Segretti von Dwight Chapin angeheuert worden war, Nixons persönlichem Assistenten. (Das Watergate Komitee des Senats fand später mehr als 50 Saboteure, von denen 22 von Segretti bezahlt worden waren.) Herbert Kalmbach, Nixons Anwalt, zahlte Segretti dafür mehr als 43.000 Dollar aus überschüssigen Wahlkampfgeldern. Während der gesamten Operation wurde Segretti regelmäßig von Howard Hunt kontaktiert.
Die Untersuchung des Senats brachte weitere Details über die verdeckten Operationen gegen Muskie ans Licht, der 1971 und Anfang 1972 vom Weißen Haus als der Demokrat angesehen wurde, der Nixon am ehesten besiegen könnte. Nixons Kampagne bezahlte Muskies Chauffeur, dem Freiwilligen Helfer Elmer Wyatt, 1000 Dollar im Monat, damit dieser interne Memos, Positionspapiere, Terminpläne und Strategiedokumente abfotografierte und Kopien an Mitchell und Nixons Wahlkampfteam weitergab.
Weitere Sabotageaktionen gegen Muskie bestanden aus gefälschten Pressemitteilungen und Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens gegen andere Kandidaten der Demokraten - herausgegeben auf nachgemachtem Muskie-Briefpapier. Ein besonders beliebter schmutziger Trick, der für Chaos auf Muskies Wahlkampfstationen sorgte, war es, die Schuhe, die die Muskie-Helfer zum Putzen in die Hotelflure gestellt hatten, aufzusammeln und in Müllcontainer zu befördern.
Haldeman, der Stabschef im Weißen Haus, informierte Nixon laut eines Tonbandes im Mai 1971 vom Chapin-Segretti-Sabotageplan. In einem Memo an Haldeman und Mitchell, das auf den 12. April 1972 datiert ist, meldeten Patrick Buchanan und ein weiterer Nixon-Berater: "Unser vordergründiges Ziel, zu verhindern, dass sich Senator Muskie bei den Vorwahlen deutlich durchsetzt und die Demokratische Partei für den Herbst hinter sich vereint, konnte erreicht werden."
Wir könnten den Hurensohn erwischen
Die Tonbänder enthüllen auch Nixons Obsession für einen anderen Demokraten: Senator Edward Kennedy. In einer von Hunts ersten Aufträgen des Weißen Hauses sollte dieser in Kennedys Sexleben nach schmutzigen Details suchen, aufbauend auf einem Autounfall von 1969 in Massachusetts, bei dem Kennedys junge Mitarbeiterin Mary Jo Kopechne ums Leben gekommen war. Obwohl Kennedy versichert hatte, 1972 auf keinen Fall die Präsidentschaft anzustreben, war klar, dass er in der Kampagne eine wichtige Rolle spielen würde. Für 1976 hatte er eine Bewerbung nicht ausgeschlossen.
"Ich hätte wirklich gern, dass Kennedy auf Tonband aufgenommen wird”, sagte Nixon im April 1971 zu Haldeman. Laut Haldemans Buch "The Haldeman Diaries" von 1994 wollte der Präsident zudem, dass Fotos von Kennedy in kompromittierenden Situationen aufgenommen und der Presse zugespielt wurden.
Und als Kennedy während seines Wahlkampfes für den demokratischen Spitzenkandidaten McGovern Personenschutz vom Secret Service bekam, diskutierten Nixon und Haldeman eine Planänderung, um ihn weiter zu überwachen: Sie würden Robert Newbrand, einen Secret Service-Agenten im Ruhestand und einst Personenschützer des Vizepräsidenten Nixon, in die Bewachungstruppe Kennedys einschleusen.
"Ich werde mit Newbrand reden und ihm sagen, dass er das versuchen soll", sagte Haldeman, "Newbrand wird alles tun, was ich ihm sage."
"Wir könnten Glück haben und diesen Hurensohn erwischen und ihn für 1976 ruinieren", erwiderte der Präsident: "Das wird lustig."
Am 8. September 1971 wies Nixon Ehrlichman an, die Bundessteuerbehörde aufzufordern, die Steuerrückzahlungen aller demokratischen Präsidentschaftskandidaten plus Kennedy zu prüfen. "Kümmern wir uns um ihre Steuerrückzahlungen?", fragte Nixon. "Verstehen Sie? Da liegt eine Menge Gold vergraben."
1. Teil: "Sprengen Sie den Safe und holen das Zeug raus!"
2. Teil: Der Krieg gegen die Medien
3. Teil: Der Krieg gegen die Demokraten
4. Teil: Der Krieg gegen die Justiz
5. Teil: Der Krieg gegen die Geschichte
4. Teil: Der Krieg gegen die Justiz
Die Verhaftung der Watergate-Einbrecher brachte Nixons vierten Krieg ins Rollen, den Krieg gegen das amerikanische Justizsystem. Es war ein Krieg der Lügen und des Schweigegeldes, eine Verschwörung, die notwendig geworden war, um die Beteiligung hoher Beamter zu verschleiern und den Feldzug des Präsidenten samt illegaler Spionage und politischer Sabotage zu verbergen - inklusive der verdeckten Operationen, die Mitchell während der Watergate-Anhörungen als die "White House Horrors" bezeichnete: den Huston-Plan, die "Klempner", den Ellsberg-Einbruch, Liddys "Edelstein"-Plan und den vorgeschlagenen Einbruch bei Brookings.
Auf einer Tonbandaufnahme vom 23. Juni 1972, sechs Tage nach den Verhaftungen im Watergate-Hotel, warnte Haldeman Nixon: "Wir sind bei den Ermittlungen, also der Einbruchsache bei den Demokraten, wieder in der Problemzone, weil das FBI außer Kontrolle ist … sie kommen bei ihren Nachforschungen langsam in gefährliche Bereiche, weil sie jetzt in der Lage sind, die Spur des Geldes nachzuverfolgen."
Haldeman berichtete, Mitchell hätte einen Plan, durch den die CIA behaupten könne, die Nationale Sicherheit sei gefährdet, wenn das FBI seine Watergate-Ermittlungen nicht einstelle.
Nixon genehmigte das Vorhaben und forderte Haldeman auf, CIA-Direktor Richard Helms und dessen Stellvertreter Vernon Walters anzurufen. "Fassen Sie sie hart an", befahl der Präsident, "sie würden es genauso machen."
"Sie müssen unbedingt bezahlt werden"
Der Inhalt dieses Tonbands wurde am 5. August 1974 veröffentlicht. Vier Tage später trat Nixon zurück.
Ein anderes Band zeichnete Gespräche im Oval Office am 1. August 1972 auf, sechs Wochen nach der Verhaftung der Watergate-Einbrecher. Es war der Tag, an dem unser erster Artikel in der "Washington Post" erschienen war, in dem wir zeigen konnten, dass Wahlkampfspenden an Nixon auf einem Bankkonto von einem der Einbrecher gelandet waren.
Nixon und Haldeman sprachen über Abfindungen für Einbrecher und deren Anführer, damit diese nicht mit Bundesagenten sprachen. "Sie müssen unbedingt bezahlt werden", sagte Nixon, "das ist alles."
Am 21. März 1973, in einem der legendärsten aufgezeichneten Gespräche über Watergate, unterhielt sich Nixon mit seinem Berater John W. Dean, der seit den Einbrüchen die Vertuschung organisierte.
"Wir werden erpresst", von Hunt und den Einbrechern, sagte Dean. Und immer mehr Beteiligte "werden jetzt anfangen, Meineide leisten".
"Wie viel Geld brauchen Sie?", fragte Nixon.
"Ich würde sagen, diese Leute werden über die nächsten zwei Jahre eine Million Dollar kosten", antwortete Dean.
"Und Sie könnten es in bar kriegen", sagte der Präsident. "Ich weiß, wo es herkommen könnte. Es wird nicht einfach, aber es ist möglich."
Hunt wollte 120.000 Dollar sofort. Sie diskutierten auch über eine Begnadigung für ihn und die Einbrecher.
"Ich bin mir nicht sicher, ob Sie die Begnadigung jemals bekommen können", sagte Dean. "Die Sache ist vielleicht etwas zu heiß."
"Wir können das frühestens machen, wenn die 74er-Wahl vorbei ist, das steht fest", erklärte Nixon.
Haldeman betrat den Raum und unter Nixons Führung suchten die drei nun nach Wegen, "sich um die Trottel zu kümmern, die im Gefängnis sind".
Sie sprachen über 350.000 Dollar in bar, die heimlich im Weißen Haus gelagert wurden, über die Möglichkeit, Priester für heimliche Zahlungen an die Einbrecher zu benutzen, das Geld durch Buchmacher in Las Vegas und New York zu waschen - und darüber, neue Geschworene einzusetzen, vor denen sich die Angeklagten dann auf den fünften Zusatzartikel der Verfassung berufen oder behaupten könnten, sie litten unter Gedächtnisschwund. Schließlich beschlossen sie, dass Mitchell kurzfristig Geld per Fundraising beschaffen sollte.
Der Präsident lobte Deans Bemühungen: "Sie haben das genau richtig gemacht. Sie haben es vorerst eingedämmt. Aber nach der Wahl brauchen wir einen anderen Plan."
1. Teil: "Sprengen Sie den Safe und holen das Zeug raus!"
2. Teil: Der Krieg gegen die Medien
3. Teil: Der Krieg gegen die Demokraten
4. Teil: Der Krieg gegen die Justiz
5. Teil: Der Krieg gegen die Geschichte
5. Teil: Der Krieg gegen die Geschichte
Nixons letzter Krieg, der noch bis heute von ehemaligen Helfern und Revisionisten geführt wird, hatte das Ziel, die Bedeutung von Watergate herunterzuspielen und lediglich als Ausrutscher in Nixons Präsidentschaftsbilanz darzustellen. Nixon lebte nach seinem Rücktritt noch 20 Jahre, in denen er unermüdlich daran arbeitete, den Skandal zu bagatellisieren.
Auch wenn er eine Begnadigung von seinem Nachfolger Gerald Ford akzeptierte, bestand Nixon darauf, nie an irgendwelchen Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. In einem Fernsehinterview von 1977 mit dem britischen Journalisten David Frost sagte Nixon, er habe "die Amerikaner enttäuscht", aber er habe nie die Justiz behindert. "Für mich war das keine Vertuschung, ich hatte nicht vor, etwas zu vertuschen. Lassen Sie es mich so sagen: Wenn ich etwas hätte vertuschen wollen, glauben Sie mir, dann hätte ich das auch getan."
In seinen 1978 veröffentlichten Memoiren "RN" (
In Deutschland erschienen unter dem Titel "Memoiren"; Anm. d. Red.) beschrieb Nixon seine Rolle im Watergate-Skandal so: "Meine Handlungen und Unterlassungen, obwohl bedauerlich und womöglich unvertretbar, reichten nicht für eine Amtsenthebung." Zwölf Jahre später, in seinem Buch "In the Arena", prangerte er ein Dutzend "Mythen" über Watergate an und behauptete, er sei in vielen Anklagepunkten unschuldig. Einer dieser Mythen sei, dass er die Zahlung von Schweigegeld an Hunt und andere angeordnet hätte. Gleichwohl, eine Tonbandaufnahme vom 21. März 1973 beweist, dass er Dean zwölf Mal beauftragt hatte, das Geld zu beschaffen.
Entscheidende Fragen sind nicht mehr offen
Sogar heute gibt es noch alte Helfer und Verteidiger von Nixon, die die Bedeutung von Watergate herunterspielen oder behaupten, dass entscheidende Fragen bis heute nicht beantwortet seien. So hat Thomas Mallon, Direktor des Creative Writing Programs an der George Washington Universität, erst in diesem Jahr einen Roman mit dem Titel "Watergate" veröffentlicht. Eine streckenweise geistreiche und komplett fiktionale Geschichte, in der viele der realen Protagonisten auftauchen. Frank Gannon, ein ehemaliger Berater Nixons im Weißen Haus, der heute für die Nixon Stiftung arbeitet, schrieb eine Besprechung des Buches für das "Wall Street Journal".
"Aus Watergate erwächst ein akutes Gefühl dafür, wie viel wir immer noch nicht über die Ereignisse am 17. Juni 1972 wissen", schrieb Gannon. "Wer ordnete den Einbruch an? … Was war der eigentliche Zweck? Wurde er absichtlich vermasselt? Wie sehr war die CIA involviert? … Und wie konnte es ein Politiker, so zäh und gerissen wie Richard Nixon, zulassen, von einem 'drittklassigen Einbruch' gestürzt zu werden?"
"Ich weiß es auch nicht besser als Sie."
Natürlich hat Gannon Recht, wenn er anmerkt, dass es noch immer unbeantwortete Fragen gibt - aber es sind keine entscheidenden. Indem er sich darauf konzentriert, dass angeblich Details zum Einbruch vom 17. Juni 1972 fehlen, lenkt er uns von der viel größeren Geschichte ab.
Und an dieser Geschichte gibt es keine Zweifel.
Im Sommer 1974 waren es weder die Presse noch die Demokraten, die sich gegen Nixon wendeten, sondern die eigene Partei des Präsidenten, die Republikaner.
Am 24. Juli entschied der Oberste Gerichtshof mit acht zu null Stimmen, dass Nixon die Tonbänder wie verlangt an den Sonderermittler übergeben müsse. Drei der von Nixon für das Gericht Ernannten, der Präsident des obersten Gerichtshofs, Warren E. Burger, Richter Harry Blackmun und Richter Lewis Powell, schlossen sich der Entscheidung an. Der letzte, Richter William Rehnquist, erklärte sich für befangen.
Drei Tage später schlossen sich im Rechtsausschuss des Repräsentantenhauses sechs republikanische Abgeordnete den Demokraten an, mit 27 zu elf Stimmen wurde beschlossen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Nixon wegen Behinderung der Justiz in der Aufklärung von Watergate einzuleiten.
"Großes Verlangen nach politischer Macht"
Im August stand Nixons Amtsenthebungsverfahren fest. Eine Gruppe von Republikanern unter Führung von Senator Barry Goldwater tat sich zusammen und erklärte die Präsidentschaft Nixons für beendet: "Zu viele Lügen, zu viele Verbrechen", sagte Goldwater.
Am 7. August besuchte die Gruppe Nixon im Weißen Haus.
Wie viele Stimmen hätten wir bei einer Abstimmung im Senat, fragte der Präsident.
"Ich habe heute mal gezählt", erwiderte Goldwater, "und ich konnte nicht mehr als vier sichere Stimmen von alten Südstaatlern finden. Viele machen sich Sorgen darüber, was gerade vor sich geht und sind noch unentschieden. Ich bin einer von ihnen."
Am nächsten Tag gab Nixon in einer Fernsehansprache bekannt, dass er zurücktreten werde.
In seinen letzten Anmerkungen zu Watergate als Senator stellte der 77-jährige Sam Ervin, ein von beiden Seiten respektierter und geschätzter Verfassungsrechtler, eine letzte Frage: "Warum kam es zu Watergate?"
Der Präsident und seine Berater, so Ervin, hätten ein großes "Verlangen nach politischer Macht" gehabt. Und dieses Verlangen, erklärte er, hätte sie "blind gemacht für ethische Abwägungen und gesetzliche Bestimmungen. Und für den aristotelischen Aphorismus, dass das Wohl der Menschen das Ende der Politik sein muss."
Ein flüchtiger Blick auf etwas sehr viel Schlimmeres
Nixon hatte seine moralische Autorität als Präsident verloren. Die geheimen Tonbänder - und was sie enthüllten - werden wahrscheinlich sein am längsten währendes Erbe bleiben. Auf den Bändern spricht er fast endlos darüber, was gut für ihn sei, über seinen Platz in der Geschichte und vor allem über seinen Groll, seine Feindseligkeiten und seine Rachepläne. Was hingegen nie zu hören ist sind Gespräche darüber, was für das Wohl der Nation gut und notwendig sein könnte.
Das Watergate, über das wir von 1972 bis 1974 in der "Washington Post" schrieben, ist nicht das Watergate, wie wir es heute kennen. Es war lediglich ein flüchtiger Blick auf etwas sehr viel Schlimmeres. Als er schließlich gezwungen war zurückzutreten, hatte Nixon einen Großteil des Weißen Hauses in eine kriminelle Organisation verwandelt.
An dem Tag, an dem er ging, am 9. August 1974, hielt Nixon eine sehr emotionale Rede vor seinen Mitarbeitern, seinen Freunden und seinem Kabinett. Neben ihm stand seine Familie. Zum Ende hin wedelte er mit dem Arm, um noch zu betonen, was ihm am wichtigsten war: "Erinnert euch immer", sagte er, "andere mögen euch hassen, aber die, die euch hassen, werden nicht gewinnen, es sei denn, ihr hasst sie ebenfalls, und dann macht Ihr euch selbst kaputt."
Sein Hass hatte zu seinem Niedergang geführt. Nixon begriff das offensichtlich, aber da war es zu spät. Er hatte sich bereits selbst zerstört.
Dieser Text stammt aus der "Washington Post". Mit freundlicher Genehmigung der dapd Nachrichtenagentur. Den Originaltext finden Sie hier.
Übersetzung: Gesche Sager, Christian Gödecke
Mitarbeit: pit