In der Hölle von Haiti: Als im Januar 2010 ein Erdbeben den Inselstaat erschütterte, kämpften auch Freunde von Uwe-Jens Schumann um ihr Leben. Nicht alle konnten sich retten. Nun rekapituliert der Journalist ihre Tage im Chaos. Eine Geschichte von schweren Schicksalsschlägen - und großen Wundern. Von Uwe-Jens Schumann
Als am 12. Januar 2010 auf Haiti die Erde bebt, ist Uwe-Jens Schumann geschockt. Es sind Freunde und Bekannte von ihm auf der Insel im Hotel Montana. Nicht alle werden es schaffen.
Monate nach der Katastrophe beschloss der Journalist und Buchautor, die Erinnerungen seiner Freunde und Bekannten aufzuschreiben. Als Abschied von den Verstorbenen.
Dies ist die Geschichte von Krista, Meriadeg und Olivia, von Nadine, Jaelle, Reinhard und Silvan, von Nora, von der vollkommenen Zerstörung des Hotels Montana - und von einem neuen Anfang.
1. Teil: Idylle und Realität
Port-au-Prince
Das Bild, das die Stadt am 12. Januar 2010 bot, ist unauslöschbar: Trümmer, Lazarette, Zeltcamps überall, Berge von Leichen. Vor der ehemals weißen Mauer des zusammengekrachten Präsidentenpalasts parkt ein bauchiger Tanklaster, der Trinkwasser ins Zentrum von Port-au-Prince bringt. In schreiend rot-gelben Buchstaben steht über Roststellen auf den Lkw geschrieben: "Wait for God".
Olivia
8. Januar 2010. Vier Tage bis zur Katastrophe.
Olivia-Elisa Bouillé, 26, schönes Gesicht, gerahmt von pechschwarzem Haar - findet ihr Dasein derzeit wunderbar. Sie hat in München, wo sie daheim ist, an der Mode-Akademie gerade ihr Examen zur Designerin geschafft. Note 1,6. Die Eltern haben sie über Weihnachten und Silvester zum gemeinsamen Fünf-Sterne-Urlaub in Haiti eingeladen. Ihr Leben ist nun total entschleunigt. Die gegenwärtigen Programmpunkte: Gelassenheit gewinnen. Faulenzen. Genießen. Abhängen.
Von Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre, korrupt, hochkriminell, kaputt, bekommt die Münchnerin nur wenig mit. Das noble Montana, "The Place to be", wie die Werbung verspricht, schaut über fünf Stockwerke oben vom dschungelgrünen Hang nach Pétionville herab auf Port-au-Prince. Auch in der Nachbarschaft wohnt niemand, der sich wie die da unten im Tal nach harter Tagesarbeit mit einem Lohn von nicht mal einem Dollar begnügen muss. Ganz oben am Hügel thronen die gut gesicherten Botschaften von Frankreich und den USA, Haitis einstigen "Schutzmächten".
Tagsüber hört man aus dem Tal ein paar entfernte Rara-Klänge, voll aufgedrehte Straßenmusik. Nachts verschaffen Voodoo-Laute und Trommeln den "Blancs", den zahlungskräftigen Fremden im Montana, den schönen Schauer des Mystischen. Runter ins brodelnde Port-au-Prince trauen sich die Gäste auch am helllichten Mittag nur in der gepanzerten Hotellimousine.
Ein Schlüssel zum Verständnis, warum Olivia Haiti als Ferienziel gewählt hat, ist Nadine Cardoso, 62. Sie ist mit ihrer Schwester Garthe Besitzerin der 145-Zimmer-Herberge Montana. Die Haitianerin ist Olivias Patentante. Mehr noch: Nadines Power hat auf Oliv, wie Freunde sie nennen, immer schon große Faszination ausgeübt. Genau so wie Nadine möchte sie eines Tages sein.
Olivia ist in Brasilien geboren. Als von der leiblichen Mutter ungewolltes Baby wurde sie vom österreichisch-französischen Ehepaar Bouillé nach München geholt. Oder wie Mutter Krista gern sagt: "Sie hat uns adoptiert."
An diesem Nachmittag sitzt Oliv in ihrem Zimmer im vierten Stock des Montana und skyped mit Aida, einer ihrer Freundinnen in München: "Wir sind so schön jung, Kusinchen." Olivia, Einzelkind, nennt alle in ihrem Alter, die sie mag, Kusinchen. "Wir müssen deswegen jetzt besonders glücklich sein." Aida widerspricht nicht. Sie sagt heute: "Vielleicht hat die Maus ja geahnt, was mit ihr passiert."
Krista
Drei Tage bis zur Katastrophe.
Die Dame im Fond der Montana-Limousine schaut entsetzt zur Seite. Gerade noch hat sie sich bei der Fahrt entlang der Front des Marché de Fer am Bild der Marktstände und Menschen erfreut. Doch die Farben machen Armut und Elend nur an der Oberfläche weniger trist.
Krista Bouillé, Heilpraktikerin für Psychotherapie, sieht eine Frau. Sie sitzt mit den Stümpfen ihrer Beine in der Mitte eines aus Latten und kleinen runden Scheiben zusammengezimmerten Holzwägelchens. Ihre Hände stecken in Gummiwülsten aus Überresten von Reifen. Mit schnellem Abstoßen auf dem Pflaster bewegt sich die Frau von Stand zu Stand. "Das darf doch nicht sein", stöhnt Krista laut auf. "Mein Gott, wie kann man so etwas zulassen?"
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Jean-Armand, der Hotelchauffeur, verfolgt die Reaktionen seiner Passagierin durch den Rückspiegel. "Madame", sagt Jean-Armand in kreolisch eingefärbtem Französisch, "so lange wir zu Essen und abends ein Dach über dem Kopf haben, Madame, so lange sind wir Haitianer glücklich." Krista ist schockiert. Doch auf sie warten weitere Urlaubstage mit ihrem Mann Meriadeg und Freunden aus Paris am Strand von Las Terrenas in der benachbarten Dominikanischen Republik. Da lässt es sich leichter verschmerzen, dass es Tochter Olivia vorgezogen hat, bei ihrer jugendlichen Clique im Hotel Montana zu bleiben.
Olivia hat beim Abschied vor der weit geschwungenen Hotelfront noch ein paar Kusshände in die Luft geworfen. In einer Woche wird sie den Eltern nach Santo Domingo hinterherfliegen.
Nadine und Nora
Zwei Tage bis zur Katastrophe.
Die Hotelchefin Nadine Cardoso findet zwischen zwei Terminen kurz Zeit, mit ihrer Freundin Nora auf der Hotelterrasse Tee zu trinken. Ihre stille Übereinkunft: Kein Wort mehr über das, was Nadine hat hinter sich bringen müssen. 2004 war sie von Kidnappern entführt worden. Zwei Wochen musste Nadine an eine Wasserleitung gefesselt in Ungewissheit über ihr Schicksal zubringen, nach Zahlung eines Lösegelds wurde sie dann von ihren Peinigern auf einer nächtlichen Straße vor Port-au-Prince aus dem Auto geworfen.
Nadine und Nora sprechen lieber über Unverfängliches: Wie oft hat Nora schon das Montana besucht? Siebenmal? Achtmal? Egal. Der gegenwärtige Aufenthalt im Montana, das in erster Linie von Managern, Diplomaten und Politikern bis hin zum Ex-Präsidenten der USA, Bill Clinton, und Stars wie Angelina Jolie gebucht wird, gehört zweifellos zu den schönsten. Man ist überaus entspannt. Derzeit die größte Sorge, die die Hotel-Leute umtreibt: Die Auffahrt muss erweitert werden, nicht genügend Platz für den Gala-Empfang manch illustrer Staatsgäste Haitis.
Mit Nadine Cardoso verbindet Nora - Markenzeichen: feuerrote Haare, La Rouge, wie das Hotelpersonal sagt - eine Lebensfreundschaft. Sie lernten sich während der Olympischen Spiele 1972 in München im Dolmetscher-Pool kennen. Es war Sympathie auf den ersten Blick. "Wilde Zeiten", wie Nora heute sagt. Vor zwei Jahren dann starb ihr Ehemann - der Beginn von Noras regelmäßigen Fluchten zur Herzensfreundin.
Es gibt nun wieder einen Mann im Leben der Nora Junker. Ein Jugendfreund, Tony, heute Bibelforscher im Mittelwesten der USA. Er hat ihr für die Reise nach Haiti eine Psalm-Botschaft geschickt: "Ich sende dir einen Engel und der breitet die Flügel über dir aus."
Der angekündigte Engel trifft mit größter Pünktlichkeit bei Nora im Montana ein. Keine Sekunde zu spät.
1. Teil: Idylle und Realität
2. Teil: "Du, hier geschieht was Unheimliches"
3. Teil: Neue Hoffnung - und eine niederschmetternde Wahrheit
2. Teil: "Du, hier geschieht was Unheimliches"
Das Erdbeben
12. Januar 2010, 16 Uhr, 48 Minuten und 32 Sekunden Ortszeit Karibik. 16 Kilometer vor der Küste von Port-au-Prince wird in 9.800 Metern Meerestiefe das erste Beben ausgelöst. Es hält 40 Sekunden an. Dann folgen ungezählte Nachbeben unterschiedlicher Stärke.
Um 17.41 Uhr berichtet Radio Caribbean One: "Ein Beben der Stärke 7.0 hat Haiti getroffen. Der Inselstaat liegt an der Nahtstelle zwischen der nordamerikanischen und der karibischen Platte. Wissenschaftler haben schon seit Jahren ein Erdbeben in der Region erwartet. Das Ausmaß des Schadens ist noch nicht bekannt."
Um 19.11 Uhr Ortszeit heißt es bei Caribbean One im News-Break: "Es muss mit 300 Toten gerechnet werden. Augenzeugen berichten von einigen zusammengestürzten Häusern im Zentrum von Port-au-Prince."
Als sich nach Stunden der Nebel aus Betonstaub und Rauch über Port-au-Prince und anderen Orten an der Küste Haitis aufgelöst hat, wird die Bilanz des Erdbebens deutlicher: Jedes zweite Gebäude ist eingestürzt. Mehr als eine Million Menschen sind obdachlos. Eine Woche später ziehen die Katastrophenhelfer Bilanz: an die 300.000 Tote. Und es ist von 730.000 Verletzten die Rede. Die Medien, weltweit, haben einen neuen Begriff für Apokalypse gefunden: "Das Killerbeben von Haiti", "Goudougougou" nennen es die Haitianer.
Mitten im verwüsteten Gebiet liegt der weit ausladende Komplex des Hotels Montana.
Im Montana
Der Tag des "Goudougougou", wenige Minuten vor der Katastrophe.
Olivia geht kurz auf ihr Hotelzimmer und nimmt dort am kleinen Schreibtisch mit einem Münchner Freund Skype-Kontakt auf. Plötzlich sagt Oliv, den Blick fest auf den Bildschirm gerichtet, in ein aufkommendes Grollen hinein: "Du, hier geschieht was Unheimliches."
Dr. Nora Junker hat sich schon vor einer Stunde auf ihr Zimmer 351 im dritten Stock zurückgezogen. Irgendwie fühlt sie sich heute nicht besonders. Sie zieht sich bis auf ihren Slip aus und legt sich auf ihr Bett.
Nadine Cardoso kann noch nicht von ihren Pflichten abschalten. In ihrem Büro auf der lichtdurchfluteten Lounge-Ebene geht sie mit Generalmanager Nicolas die erfreulichen Vorbuchungszahlen der nächsten Wochen durch. Eine schöne Ablenkung für Nadine: Eilé, der achtjährige Neffe der Hotelbesitzerin Garthe und Sonnenschein der Montana-Mannschaft, spielt in ihrer Nähe mit einem Mini-Auto.
Im Personaltrakt gehen 16 von den 300 Hotelmitarbeitern in die Duschräume - Schichtwechsel. Im eleganten Restaurant deckt eine ganze Kellnerbrigade für das Dinner. In der beliebten News Bar bringt kurz vor der blauen Stunde der langgediente Lauren seine Flaschen-Batterie in Stellung, bald kommen die ersten Stammgäste aus ihren Büros in Port-au-Prince hoch ins Montana und spülen an seinem Tresen den Arbeitstag mit einem Drink hinunter.
Reinhard Riedl, Nadines Mann seit 35 Jahren, sitzt an seinem Computer im Privathaus, 150 Meter unterhalb der Hotelanlage. Der frühere Zahnarzt aus dem bayerischen Bad Aibling checkt seine E-Mails. Dann hört Reinhard einen Zug herandonnern. Doch es gibt dort oben gar keine Züge. Die Riesenexplosion erstickt alle Reaktionen. In der Villa Cardoso-Riedl wackeln die Wände. Doch dem sportlichen Hausherren gelingt der rettende Sprint nach draußen.
Krista und Meriadeg
300 Kilometer entfernt, an der Küste der Dominikanischen Republik, gehen an diesem späten Nachmittag Krista und Meriadeg Bouillé, Olivs Eltern, am Strand von Las Terrenas baden, obwohl schwarze Wolken den Himmel dramatisch verfärben. Der für seine 70 Jahre noch sehr agile Meriadeg schwimmt hinaus ins Meer, Krista dippt nur ihre Füße ins Wasser. Sie behält ihren Mann im Auge, aber er winkt - heißt: Tout va bien, Chérie.
Krista geht zurück zu ihrem Hotel.
Eine Viertelstunde später steht Meriadeg empört im Hotelzimmer: "Krista, hast du nicht gesehen, dass ich fast ertrunken wäre! Ich hab dir doch dauernd Zeichen gegeben. Die Strömung war plötzlich ganz merkwürdig!"
Nora
Nora Junker kann sich bis heute nicht erklären, was sie aus dem Bett gehetzt hat. Als sie, nur mit Höschen bekleidet, plötzlich aufspringt, zeigt die Uhr 16.47 an. "Ich habe gleich darauf so ein unheimliches Grollen gehört, bumm, bäng! Dann krachte ein riesiges Stück Beton auf mein Bett. Als der Boden unter mir wegbrach und ich auf der Platte Gott weiß wohin runterkrachte, kam ich mir vor wie eine Surferin." Ihre Stimme versteigt sich zu höheren Tönen. "Man glaubt das ja kaum, aber ich bin irgendwie aus meinem Körper herausgetreten und habe mir selbst bei allem zugesehen. Auch wenn es plötzlich verdammt dunkel war. Mein rechter Fuß war unter einem Stück Metall eingeklemmt. Ich konnte ihn rausreißen, er war nur angequetscht. Eine Handbreit über mir drohte eine andere Betonplatte abzubrechen. Aber dort, wo ich meinen Balkon vermutete, da war ein Loch nach draußen."
Nora Junker robbt ans Tageslicht - "auf dem Bauch, und auf Ellenbogen" - , sie tastet sich mit gebrochenen Rippen und lädierter Schulter über weitere Betonbrocken vor. Eine schwache Stimme irgendwoher aus dem Schuttberg hält sie auf. "Helfen Sie mir, ich bin Asthmatiker. Keine Luft. Ich bin eingeklemmt." Eine fast versagende ältere Männerstimme. Sie weiß nicht mal mehr genau, welche Sprache.
"Ich kann nicht. Hilfe wird kommen", ruft sie dem eingeschlossenen Unglücklichen durch irgendeinen Spalt zu. Sie erfährt nicht mehr, was aus ihm geworden ist. Über einen Plattenrand sieht Nora runter, zehn Meter, vielleicht zwölf. Und unten, im Freien, steht Garthe, die Freundin.
"Garthe, du lebst!"
"Nora, um Himmels Willen, Nora!"
"Wie komme ich da runter?"
"Rutsch! Wir halten dich dann!"
Ein Beton-Mauerstück bildet eine Schräge. Irgendwie nimmt Nora wahr, dass Garthe nicht alleine ist. Ein Mann in Weiß. Und noch zwei andere. Sie legt sich mit dem Rücken auf die Platte und lässt den Rand los. Die bloße Haut ihres Rückens brennt beim Rutschen durch das Scheuern wie Feuer. Sie wird aufgefangen. Schreie, irre Schreie. Gerettet. Der Koch bindet seine Schürze ab und reicht sie ihr, damit sie sich ein wenig bedecken kann. Nora sagt: "Das ist die Geste, die ich in meinem Leben nicht mehr vergessen werde."
Reinhard
Jaelle, die Tochter der Hotelbesitzerin Nadine Cardoso, ist raus. Blutüberströmt von Schnitten an den Armen, aber entkommen - durch ein Loch im Mauerwerk. Ihr Vater Reinhard ist der Erste, dem sie in die Arme läuft. "Und wo ist die Mami?" Jaelle bekommt vom Vater nur ein Kopfschütteln. Diese Hilfeschreie, das unfassbare Elend, das ihn überall anstarrt. Er bewegt sich "wie ein Zombie", muss über Leichen klettern. Ein Angriff, den auch er, den alle hinterher als "Fels in der Brandung" dieser Katastrophe rühmen, erst einmal nicht parieren kann. Gottseidank, seine Tochter ist schon mal raus.
Reinhard Riedl bringt erst einmal Jaelle und Nora zu einem geschützten Platz unter den Bäumen, wo sie sich auf den Rasen legen können. Er holt aus seinem Haus seine Pistole, lädt sie durch, rüstet seine Angestellten Vava und Leger mit Macheten aus - die Dunkelheit fällt über Port-au-Prince herein. Die Stunden der Plünderer.
Reinhard findet eine Leiter und stellt sie gegen Restteile des eingestürzten Mauerwerks. Er hat Nadines Bürofenster ausgemacht, schaut rein - aber da ist nur undurchdringbarer Beton. Er schreit: "Nad, Nad! Ich bin's, bist du da?" Nichts. Kein Ton aus dem Dunkel. Auf seinem Weg die Leiter hinunter vernimmt er aus dem Inneren des Kartenhauses dann doch eine bekannte Stimme. "Docteur, Docteur, c'est moi, c'est Cathy. Aide-moi, aide-moi!" Helfen? Durch die zentimeterbreite Spalte kann er der Mitarbeiterin keine Hilfe geben. Und seine bloßen Hände können hier nichts ausrichten. "Cathy, du musst ein wenig warten. Es wird schon."
Cathy stirbt am zweiten Tag in ihrem Verlies. Rettungsmannschaften sind gerade erst nach Haiti eingeflogen worden.
Von nun an kommen für Reinhard Riedl stündlich, manchmal minütlich, neue schlechte Nachrichten. 16 Hotelangestellte sind in den Duschräumen erschlagen worden. Vier Security-Leute liegen tot im Wachraum. Lauren, der Barkeeper, wird aus der News Bar befreit, erliegt aber bald seinen Verletzungen. 40 Angestellte wird das Montana begraben. 200 Menschen sterben insgesamt in dem Hotel.
Und die, die verletzt überlebt haben, schreien sich über ihren Schmerzpunkt hinaus. Dalin, die Serviererin in der Hotelbar, die Reinhard gestern Abend noch einen Rum Sour gebracht hat, kann nur aus den Trümmern befreit werden, indem man ihr beide Arme amputiert. Sie lebt.
Und Nadine Cardoso? Und Olivia Bouillé?
Als der Tag, dieser todbringende 12. Januar 2010, am Montana-Hügel ausglüht, machen sich alle, die nun unter den Bäumen lagern, vor, dass es noch Hoffnung gibt.
Krista und Meriadeg
Das Ehepaar Bouillé erfährt am Abend in seinem Hotel in Las Terenas vom Fernsehen, dass es in Haiti ein Erdbeben gegeben hat. CNN zeigt erste schreckliche Bilder. Es besteht keine Telefonverbindung nach Port-au-Prince. Und Olivia war einen Tag vor Weihnachten das Handy gestohlen worden.
Aus den sofort einsetzenden Gerüchten filtert aber das mit den Bouillés befreundete Paar über eine Pariser Quelle heraus: Das Montana hat es zwar auch erwischt, doch Olivia ist mit Jaelle raus - heil.
Silvan
Silvan ist da. Silvan, 30, Nadines und Reinhards Sohn. Er hat sich am Tag nach dem großen Beben irgendwie aus Santo Domingo durchgeschlagen. Er streift sich auf dem Gelände des Montana den Overall der ersten ankommenden Hilfsmannschaften aus Chile, Peru und Brasilien über. Er kennt sich aus. Er jagt nicht in die panische Angst. Er, der Sprachbegabte, wird dolmetschen, organisieren nach allen Möglichkeiten.
Und - das läuft bei ihm im Kopf ganz automatisch mit - er wird seine Mutter finden.
Krista und Meriadeg
Am Morgen bringen Freunde von Krista und Meriadeg neue Nachrichten aus Port-au-Prince via Pariser Kontakt: "Olivia ist
nicht unter den Geborgenen!" Nun stürzt für die Eltern auch der Himmel über Las Terenas ein. Der entschlusskräftige Meriadeg kehrt als Erster aus der Erstarrung zurück. "Wir fahren sofort nach Santo Domingo. Krista, Du bleibst dort im Hotel. Ich muss rüber. Irgendwie rüber nach Port-au-Prince. Olivia ruft nach mir, ich höre sie. Soviel steht fest: Sie lebt."
Meriadeg Pol Ronan Jalm Bouillé findet eine einmotorige Maschine, die er chartern kann. Doch der Pilot weigert sich, auf irgendeinem Acker bei Port-au-Prince zu landen. "Für kein Geld der Welt." Da bietet der Besitzer des Flugzeugs Meriadeg seine Hilfe an. Er will selbst fliegen.
Reinhard
Reinhard ist beeindruckt vom mutigen Vorgehen der Hilfsmannschaften: Einfach rein, zwischen diese tödlichen Betonplatten. Leute wie El Raton, die Ratte, aus Kolumbien, dessen Tochter, 22-jährig, sich ebenfalls durch jedes noch so kleine Schlupfloch windet. "Es hat mir so sehr imponiert: Wenn sie einen Toten gefunden haben - Helm ab, ein kurzes Tuten aus dem Horn, dann eine Schweigeminute. Ihre Respektbezeugung für jeden leblosen Körper, den sie holen. Und wenn sie jemanden lebendig rausbringen, dann liegen sie sich jubelnd in den Armen und auch ein paar Tränen fließen. Was für Menschen!"
Silvan und Reinhard
Der dritte Tag nach dem Beben.
Silvan kommt nach einem Einsatz in den Hoteltrümmern zum Vater: "Die Mama ist tot. Papa, es ist zu Ende." Absturz aus der großen Hoffnung, die gestern wieder aufgeflammt war. Klopfzeichen. Die Rettungsmannschaft aus Peru und Silvan hörten aus dem Beton-Dickicht die Stimme von Nadines Buchhalter Darius. "Madame Nadine ist hier bei mir. Ich habe ihre Hand. Sie lebt. Aber sie kann nicht sprechen."
Bis nach Mitternacht wird vorsichtig geschaufelt, gebohrt, sich rangerobbt - dann wird Darius geborgen. Er lebt noch. Er ist allein. Er hat die Sache mit Nadine erfunden, aus Angst, dass man seine Rettung nicht so eilig betrieben hätte, weil er kein Wichtiger ist. Reinhard: "Ich kann den Darius ja verstehen... sein Leben." Es kommt noch schlimmer. Der unglückliche Mann gesteht: "Ich habe nur Madames Beine unter einem Betonbrocken gesehen. Wirklich. Sie waren ganz kalt." Silvan dringt noch einmal zu der Stelle im Schuttberg vor. Er findet das Beschriebene vor. Jeans, wie Nadine sie trägt. Schuhe, wie Nadine sie gerne anzieht. Die Beine ohne Leben.
"Die Mama ist tot." Reinhard informiert Jaelle, sagt: "Jetzt hat es keinen Sinn mehr, hierzubleiben." Später bittet Reinhard den deutschen Botschafter in Port-au-Prince: "Herr Voss, ich bringe morgen meine Kinder nach Santo Domingo in Sicherheit. Sorgen Sie doch bitte dafür, dass meine Frau nicht in ein Massengrab kommt, falls sie herausgeholt werden kann."
Meriadeg
Meriadeg Bouillé ist auf dem Montana-Gelände eingetroffen. Reinhard ist bei allem eigenen Kummer überrascht über den Freund. "Er zeigte sich sehr positiv. Meriadeg sagte immer: 'Ich spür's ganz stark, Olivia lebt, sie wartet, dass ich komme'." Reinhard schnauft durch. "Es war direkt unheimlich."
Meriadeg bittet einen von den Rettern um ein paar Handschuhe, er will graben, irgendwo graben, wo er die Überreste des vierten Stocks vermutet. Der angesprochene Mann ist Brasilianer.
"Wofür brauchen Sie die Handschuhe?"
"Meine Tochter ist da in dem Haus verschüttet."
"Wie alt? Wie heißt sie?"
"Olivia. 26 Jahre. Sie ist auch Brasilianerin."
"Oh. Woher denn?"
"Geboren in Curitiba."
"Curitiba?! Das ist meine Stadt."
Der Mann nimmt Meriadeg mit den Händen bei den Schultern und bugsiert ihn zu einer Sitzgelegenheit. "Sie bleiben hier und warten. Ihre Tochter ist jetzt die ganz persönliche Mission von meinen Jungs und mir." Dann marschiert er los.
Reinhard
"Wir waren völlig leer, ich bin Witwer… Bis das im Schädel ankommt. Man hat nichts mehr, alles ist kaputt." Reinhards Stimme wird immer leiser. Und in all dieser Trauer, diesem Chaos passiert dann etwas Irres, eine Nano-Situation, nebensächlich, aber irgendwie doch alles auf den Kopf stellend: "Wir waren nahe unserem Privathaus. Nora, Jaelle, Silvan, unsere Leute und ich. Ich war ausgebrannt und bat unseren Angestellten Leger, mir etwas zum Trinken zu bringen. Und was schleppt er an? Ein Kristallglas und... einen Ramatuelle, gekühlt. Mein Lieblingswein. Leger hat gewagt, ins Haus zu gehen, und die Flasche im noch halbwegs kalten Kühlfach gefunden. Ich habe die Flasche Wein auf einen Sitz ausgetrunken."
Und weil es ihm nun etwas Luft verschafft, erzählt Reinhard gleich noch von einer weiteren so abseitigen Situation. Nach all dem Wein muss er am Hang austreten gehen. "Ich war noch nicht fertig, als ich hinter mir ein Geräusch höre. Zweifellos ein Eindringling. Mit der zweiten Hand taste ich nach meiner Pistole. 'Qui est là?!' Der Eindringling zeigt sich. Es ist Tasio, seit drei Wochen Jaelles Freund. Er hat sich zu uns durchgeschlagen. Und nun will er von mir die Hand meiner Tochter... hier und gleich." Tasio bekommt den Zuschlag.
1. Teil: Idylle und Realität
2. Teil: "Du, hier geschieht was Unheimliches"
3. Teil: Neue Hoffnung - und eine niederschmetternde Wahrheit
3. Teil: Neue Hoffnung - und eine niederschmetternde Wahrheit
Silvan und Reinhard
Der vierte Tag nach dem Beben.
Reinhard hört um 6 Uhr morgens, wie Silvan vor dem Haus hin- und herläuft. "Beruhige dich, Silvan, es macht keinen Sinn." "Doch. Ich habe noch Zweifel. Ich muss noch einmal hin." Silvan ist schon auf dem Sprung. "Was ist, wenn sie doch noch lebt?" Silvan schnappt sich vor den Montana-Trümmern Edgar, den Bomberos-Boss der Peruaner. "Ihr müsst es noch einmal fünf, sechs Meter weiter da drüben versuchen. Meine Mutter. Ich bitte euch!"
Stundenlang graben sich die neun Männer einen Tunnel zur angegebenen Stelle frei. Silvan geht mit. Klopfen mit schwerem Werkzeug gegen Beton. Ein Suchhund, Beagle, schlägt bald an. Gegen 14 Uhr geht Silvan draußen auf den Vater zu. Er sagt fast tonlos: "Du, wir haben die Mama gefunden. Sie ist nicht tot."
"Silvan, hör auf, so etwas zu sagen, es ist genug."
"Doch, Papa, diesmal ist es die Mama. Wir hatten Sprechkontakt. Sie hat mit mir
gesprochen, verstehst du:
Deutsch gesprochen."
Nach 105 Stunden ohne Wasser, ohne Essen, mit unsäglich ziellosen Gedanken wird Nadine Cardoso aus ihrem Trümmer-Gefängnis befreit. Und in ihrem Umfeld noch 23 andere, für die es schon keine Hoffnung mehr gab. Alle 24 leben.
Nadine
Nadine ist seit dem ersten schweren Erdstoß an Bein und Hüfte unter einer Stahltür eingeklemmt. Schwer verletzt. Nur fünf Zentimeter über ihrem Kopf ist eine gekippte Betonwand zum Halten gekommen. Nadine ist nicht allein. Irgendwo in dem nachtschwarzen Hohlraum befinden sich, schwer verletzt, auch Nicolas, der Generalmanager des Montana, und Garthes Enkel Eilé. Sie schreien. Vor Schmerzen. Aus Angst.
"Hört auf zu schreien, wir brauchen die Luft", ruft Nadine in die vermutete Richtung. "Können Sie irgendwo ein Licht sehen?", fragt Nicolas dann. "Ja", lügt Nadine. Nach drei Tagen sagt Nicolas: "Ich kann nicht mehr. Au revoir, Madame." Er atmet noch ein paar Mal schwer. Dann stirbt er. Der kleine Eilé ist da schon tot.
Wie man so was durchstehen kann? Nadines Gedanken kreisen: "Wenn du die Entführung überlebt hast, warum nicht auch das hier?"
Edgar, der Peruaner, ist der Erste, der zu Nadine in ihrem Gefängnis einen Blickkontakt bekommt. "Señora, es dauert noch, bis wir Sie raus haben. Brauchen Sie geistlichen Beistand?" "Nein, keinen Beistand. Ich brauche Wasser."
Meriadeg
Meriadeg ist über die Rettung der Freundin Nadine überglücklich. Und es bestätigt es für ihn auch seine Gewissheit, dass Olivia noch lebt. Reinhard ist mit Nadine und den Kindern in einer Ambulanz sofort zu einem Lazarett am Flughafen Toussaint Port-au-Prince gefahren. Von dort werden alle später nach Santo Domingo ausgeflogen. Nora erreicht im Auto auf dem Landweg die Nachbarrepublik. In der Klinik erduldet Nadine eine Operation nach der anderen.
Die Nachrichtenlage erreicht Meriadeg nur bruchstückweise auf seinem Posten vor dem eingestürzten Montana. Er fühlt sich allein. Er kann auch seine Frau Krista nicht erreichen. Der Bombero aus Curitiba hat nicht aufgegeben, in dem Betongebirge nach Olivia zu suchen. Am sechsten Tag nach dem Beben bringt er eine Handtasche ans Tageslicht. "Gehört die Ihrer Tochter?" Ja. Die Tasche enthält Olivias Ausweis. Und ihren Fotoapparat - mit dem letzten Bild, das Krista von ihrer Tochter gemacht hat. Das "Sterbebild", wie Krista es nennen wird.
Meriadeg erfährt nur noch die Gnade, Olivia nicht selbst identifizieren zu müssen. Ihm werden lediglich ein paar Kleidungsstücke seiner toten Tochter gereicht. Einer aus der Helfergruppe schildert ihm noch zum Trost, dass Olivia noch im Schneidersitz auf dem Stuhl hockend aufgefunden wurde, die Hände zum Schutz über dem Kopf. Sie muss, irgendwo getroffen, sofort tot gewesen sein. Der Mann aus Curitiba stellt zwei seiner Leute ab, damit Vater Meriadeg auf dem Flug nach Santo Domingo nicht allein mit dem Sarg seiner Tochter sein muss. Im Hotel Montana am Hang über Port-au-Prince wird nun nur noch nach Toten gesucht.
Krista und Meriadeg
Krista Bouillé ist in Santo Domingo ins Hotel Sofitel zur leicht verletzten Nora gezogen. Meriadeg, in Santo Domingo gelandet, hat Krista per Telefon erreicht, bevor er den Sarg mit Olivia ins Krematorium bringen lässt.
Sie treffen sich in der kühlen Halle. Meriadeg kann Krista noch keine Einzelheiten erzählen. Krista könnte Meriadeg auch noch gar nicht zuhören. Sie hat in ihrem Hotelzimmer einen kleinen Altar aufgebaut. "Unser Kind ist abberufen worden, weil es woanders dringender gebraucht wurde", sagt Krista.
Zurück im Hotel gehen mal Meriadeg, mal Krista ans Ende des Flurs, um sich auszuweinen. Morgen wird ihre Olivia, das Sonnenkind, eingeäschert.
Nadine
Auch die dritte Operation hilft Nadine nicht wesentlich, die riesige Wunde am Bein bricht immer wieder auf. Professor Buttolo von der Uni München, Traumaspezialist, ist umgehend nach Santo Domingo eingeflogen, um Nadine beizustehen. Er therapierte sie schon nach der Entführung 2004.
Meriadeg und Krista
Meriadeg und Krista besuchen Nadine in der Klinik. Meriadeg verspürt Herzprobleme. Er hat sie schon länger. Er bekommt ein Krankenbett auf der Intensivstation, wird an den Tropf gehängt. Doch dort ist er nicht lange zu halten. Seine Tochter soll eingeäschert werden.
Meriadeg stirbt in der Nacht um 3.04 Uhr in seinem Hotelbett. Nora massiert noch sein Herz und versucht es mit Mund-zu-Mund-Beatmung - 30 Minuten lang. Er kehrt nicht zurück. Krista steht da wie erloschen.
Mit zwei Urnen im Handgepäck fliegt Krista Bouillé heim nach München. Im tiefen Schnee kommen mehr als 500 Freunde und Fremde zur Beerdigung von Vater und Tochter zum Nordfriedhof. Nadine - ein französischer Arzt in Pétionville hat ihr Bein gerettet - und Reinhard sind mit Jaelle eingeflogen, Noras rote Haare leuchten in der Menge.
Krista geht in der Aussegnungshalle an ein Mikrofon nahe der aufgebauten Urnen, die von Porträts der beiden Verstorbenen gerahmt werden. Und sie hält die kleine Rede, die sie vorbereitet hat. Sich quälen, um sich zu beweisen, dass man noch lebt. Nur einmal verliert Krista die Fassung und weint.
"Ich bin froh, dass ich gestern bei mir im Garten gestolpert und gegen eine Mauer geknallt bin", wird Krista später sagen. "Ich habe da zum ersten Mal seit Haiti wieder etwas gefühlt, auch wenn es höllische Schmerzen waren."
Nadine und das Montana
Nadine Cardoso ist nach Haiti zurückgekehrt und dort geblieben. Auch wenn sie und Reinhard vor ihrem Privathaus, das noch auf Einsturzgefahr untersucht werden musste, lange im Zelt schlafen müssen. Nadine hat wegen des Montana den Kampf gegen die Versicherungen aufgenommen. Gewinnen wird sie ihn wohl nicht. Das Erdbeben hat auch die Versicherungsgesellschaft an den Rand des Ruins getrieben.
Nein, das Hotel wird Nadine nicht wieder aufbauen. So hat sie es sich vorgenommen. An vielen Abenden sitzt sie auf einem Stuhl vor dem nun plattgewalzten Hotelgelände und hängt ihren Gedanken nach. Da drüben war es, wo sie nach fünf Tagen im Grauen rausgeholt wurde. All die Menschen, die in ihrem Lebenswerk Montana - der Vater hatte ja 1946 mit nur sieben, acht Zimmern angefangen - zu Tode gekommen sind. 200 Menschen! Das wird nie so richtig in ihrem Kopf ankommen. Und von Port-au-Prince hinauf zieht immer noch so ein leichter süßlicher Geruch, der nicht von den Bougainvilleas herrührt.
Plötzlich reicht Nadines Hand rüber zu Schwester Garthes Arm. "Wir haben doch da unten am Hang noch diese acht Apartments, die sind gar nicht so schwer beschädigt. Wir machen da Bed and Breakfast, Zimmer sind jetzt sehr gesucht. 80 Dollar pro Nacht. Und irgendwann kochen wir wieder."
Noch mal Nadine - und die anderen
In dem geschundenen Haiti - zuletzt haben zwei Hurricanes wieder 200 Opfer gefordert und die Hälfte der Ernte des Landes ist zerstört worden - in diesem gemarterten Port-au-Prince leben noch heute, drei Jahre nach dem verheerenden Beben, Hunderttausende entwurzelte Menschen in 600 Camps.
Die Betonschuttmassen der zusammengefalteten Häuser, Paläste und Kirchen sind nun weitgehend weggeräumt. Bis auf die Ruinen der Kathedrale, die wie ein Mahnmal das Bild des Zentrums beherrschen. Der Verkehr schleicht und stottert durch die Straßen mit den tiefen Schlaglöchern. Weiße lassen sich auch tagsüber besser nicht blicken im Umkreis der chaotischen Flüchtlingscamps. Zu viel ist diesen Menschen an Hilfen versprochen, zu wenig gehalten worden. Ungezählte Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt sind längst heimgeflogen. Geblieben sind Unicef und einige andere wie SOS-Kinderdorf weltweit. Auf dem Gelände des SOS-Kinderdorfs Santo, sechs Kilometer vom Stadtkern der Metropole entfernt, wurde gerade eine zweite Schule eröffnet, nun können dort wieder über 1.300 Kinder aus der Nachbarschaft zum Unterricht gehen.
Am grünen Hang unterhalb von Pétionville entsteht gerade ein neues Hotel Montana. Nadine Cardoso hat Kredite eingesammelt, die Versicherung ist immer noch nicht bereit zu zahlen.
52 Zimmer besitzt das neue, langgestreckte, weiße Montana bereits jetzt - ein großer Swimmingpool, mehrere Restaurants, eine Bar inklusive. "Wir werden uns über die Runden bringen", hat sich Nadine geschworen, "auch wenn es nicht mehr das alte Montana sein kann." Reihenweise teure Autos mit Diplomatenkennzeichen und Uno-Aufschriften auf dem Parkplatz lassen jedoch kaum einen Zweifel daran, dass es erneut eine Nobel-Insel im schwer verwundeten Port-au-Prince werden kann. Man kommt wieder zum Sundowner.
Nadine Cardosos Mann Reinhard Riedl pendelt gelegentlich zwischen München und Haiti. Tochter Jaelle und ihr Mann Tasio haben ihr erstes Kind bekommen. Nadine ist Großmutter. "Zum dritten Mal, unser Silvan und seine Frau haben schon Zwillinge."
Auf die Tage des großen Erdbebens und die Zeit danach sollte niemand außerhalb des Freundeskreises Nadine ansprechen, der keine barsche Ablehnung erfahren will. "Wenn ich das hier durchhalten will, muss ich vieles für mich ausklammern", sagt Nadine. Und jeder unterstützt sie dabei so gut es geht. Dann nimmt Nadine aber die Hand und führt einen in einen nur leicht beleuchteten Winkel, dorthin, wo einst die äußere Mauer des alten Montana gestanden hat. Dort steht ein kleines Gerüst aus Eisen. Den Eisenstangen, die noch aus dem zusammengestürzten Hotel geborgen werden konnten. "Es soll einen kleinen Glockenturm darstellen", sagt Nadine, "den sind wir unseren Toten schuldig."
Auch einen weit ausladenden weißen Anbau, in dem noch viele Baumaschinen herumstehen, muss Nadine zeigen. Was für ein atemberaubender Blick hinunter auf das nächtliche Port-au-Prince! "Klar", meint Nadine Cardoso versonnen, "so einen Ausblick kann man vom Montana erwarten. Der Rest muss nach und nach kommen. Übrigens, das hier wird ein großer Saal." Und dann fügt sie hinzu: "Weißt du, wir werden ihn den Salle Olivia nennen."
1. Teil: Trügerische Idylle und brutale Realität
2. Teil: "Du, hier geschieht was Unheimliches"
3. Teil: Neue Hoffnung - und eine niederschmetternde Wahrheit