EINESTAGES - 21. November 2009 6:30
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Exportweltmeister für Ideen

In Deutschland erfunden, in Japan gebaut

Oskar Barnack und die Ur-Leica
dpa

Land der geklauten Ideen: Viele deutsche Erfindungen wurden erst von asiatischen und amerikanischen Firmen zu Verkaufsschlagern gemacht. einestages zeigt die verpassten Chancen - und verrät, warum der Walkman eigentlich aus Deutschland kommen müsste. Von Klaus-Peter Kerbusk

Die Liste ist lang. Vom Airbag bis zur Zündkerze, vom Aspirin bis zum Kaffeefilter, vom Dübel bis zum modernen Fußballschuh - auf Schritt und Tritt begleiten Erfindungen aus Deutschland den modernen Menschen durch den Alltag. Und Firmen wie Daimler und Bosch, Bayer, Melitta, Fischer und Adidas brachten die Entdeckungen ihrer Tüftler eine Menge Geld ein.

Die deutsche Forschung ist jedoch nicht nur eine beeindruckende Erfolgsgeschichte von bahnbrechenden Erfindungen und genialen Entdeckungen. Sie ist auch eine Geschichte der verkannten Tüftler und übersehenen Möglichkeiten, der Irrtümer, Fehleinschätzungen und Flops. "Die Liste der verpassten Chancen", so Stephan Scholtissek, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Accenture, "ist kaum kürzer als die der genutzten Gelegenheiten."
Denn Erfindung und Erfolg sind durchaus zweierlei. "Im europäischen Vergleich" zeichnet sich Deutschland zwar "durch die höchste Innovationsbeteiligung, den höchsten Anteil forschender Unternehmen, eine überdurchschnittliche Innovationsintensität und die höchsten Innovationserfolge aus". Dies hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ermittelt.

Im globalen Wettbewerb aber ziehen deutsche Firmen und ihre Forscher allzu oft den Kürzeren gegenüber Amerikanern und Asiaten, werden deutsche Erfindungen erst andernorts zu Verkaufsschlagern. Denn es gibt, so hat Steven Veldhoen von der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton in einer aufwendigen Studie herausgefunden, "keine Korrelation zwischen hohen Forschungs- und Entwicklungsausgaben und dem Unternehmenserfolg". Entscheidend sei es, "Innovationsprozesse schnell und effizient" zu managen. Und gerade daran mangelt es häufig in Deutschland.

Vom Pionierruhm ist nichts mehr übrig

Ginge es allein danach, als erstes Unternehmen mit einem bahnbrechenden Produkt herauszukommen und dann den Vorsprung gegenüber der Konkurrenz auszubauen, dann hätte die deutsche Wirtschaft ein paar Marktführer mehr. Die Firma Leitz in Wetzlar zum Beispiel, deren Entwicklungschef Oskar Barnack mit der Leica 1925 die Urform aller Kleinbildkameras schuf. Oder die Firma Loewe, für die Manfred von Ardenne als Entwickler tätig war, dem am Weihnachtsabend 1930 die erste vollelektronische Fernsehübertragung gelang.

Auch der AEG-Konzern, der 1935 mit dem Magnetophon K1 den Prototypen für alle bis heute gängigen Tonbandgeräte herausbrachte, hätte zur Liga der Marktführer gehören können. Oder die Schwarzwälder Traditionsfirma Junghans, einst der größte Uhrenhersteller der Welt, die 1985 noch einmal bei der Entwicklung der Funkuhren weltweit vorpreschte. Selbst die LCD-Technik, die heute den Boom der Flachfernseher beflügelt, wurde von einem deutschen Unternehmen entwickelt - vom Chemie- und Pharmaunternehmen Merck.

Geblieben ist von dem Pionierruhm wenig. Der AEG-Konzern ist längst untergegangen, Leica taumelt von einer Krise in die nächste, Loewe und Junghans fristen ein mehr oder weniger einträgliches Dasein in der Nische. Nur Merck hat großen Erfolg als Weltmarktführer bei LCD-Kristallen und schafft allein damit einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro. Die TV-Bildschirme der aktuellen Generation werden allerdings von keinem deutschen Unternehmen mehr hergestellt, sondern vor allem von Firmen aus Fernost. Auch das Geschäft mit der übrigen Unterhaltungselektronik, mit Fotokameras und Uhren ist seit Jahren fest in asiatischer Hand - und Schuld daran haben unter anderem allzu ängstliche und zögerliche Manager in Deutschland.

Der Walkman - eine deutsche Erfindung

Oft sorgt auch schlicht der Dünkel von Großkonzernen gegenüber Erfindungen von außerhalb dafür, dass tolle Ideen scheitern. "Die deutschen Entwickler", sagt ein Insider, der viele Jahre als Forschungsmanager bei Grundig gearbeitet hat, "sind unheimlich eitel." Wenn eine Idee nicht aus der eigenen Gruppe komme, dann werde regelmäßig in den Entwicklungsabteilungen "nach Gründen gesucht, warum die Erfindung nicht funktionieren kann". "Not invented here", so nennen Experten das Phänomen, das schon manche Innovation zu Fall brachte.

Das musste beispielsweise der Aachener Unternehmerspross Andreas Pavel erfahren. Schon 1977 meldete er die Idee eines an den Gürtel gehängten Kassettenspielers zum Patent an. Doch kein Hersteller in Deutschland, Italien und Japan, wo Pavel mehrfach antichambrierte, zeigte Interesse für das mobile Musikgerät. Nur Sony-Gründer Akio Morita war offenbar fasziniert. Er ließ seine Ingenieure die Idee kurzerhand aufgreifen und legte mit dem Walkman getauften Gerät die Basis für den Aufstieg seines Konzerns an die Spitze der Unterhaltungselektronik. Erst nach einem mehr als 20 Jahre dauernden Rechtsstreit schloss Sony mit Pavel einen Vergleich - er erhielt eine eher bescheidene Abfindung.

Geradezu Legende ist die Geschichte von Rudolf Hell. Mehr als 130 teilweise bahnbrechende Patente meldete der 1901 geborene Elektrotechniker im Laufe seines Lebens an - darunter das Faxgerät, den Scanner und den Klischografen, eine Art Druckmaschine, mit der die Grundlagen für den digitalen Computersatz gelegt wurden. Nachhaltiger unternehmerischer Erfolg war dem deutschen Daniel Düsentrieb am Ende dennoch nicht beschieden. 1971 wurde seine Firma mehrheitlich, 1981 komplett von der Siemens AG übernommen.

Eine bittere Erfahrung jagt die nächste

Schon 1956 hatte der Kieler Unternehmer seinem Partner Siemens unter dem Namen KF 108 ein funktionsfähiges Faxgerät vorgestellt, unter anderem um damit Wetterkarten zu übertragen. Doch Siemens erteilte dem Fernkopierer eine Absage und setzte stattdessen auf den Fernschreiber - eine Übertragungstechnik, die inzwischen fast ausgestorben ist.Das Potential der Faxmaschine erkannten dagegen rund 20 Jahre später die Japaner. Denn dort hatten die Firmen wegen der komplizierten Schriftzeichen Probleme mit dem Fernschreiber, Hells Fernkopierer brachte die Lösung.

Und obwohl alle wichtigen Patente in Deutschland lagen, überließ Siemens den japanischen Konkurrenten die Vorreiterrolle und führte - im Verein mit der Bundespost - erst 1979 den Faxdienst in Deutschland ein. Da war der Wissensvorsprung längst verschenkt, und Hell, der 2001 im Alter von 100 Jahren starb, musste noch miterleben, wie das lukrative Geschäft mit seiner Erfindung vor allem Firmen aus Fernost machten.

Es war nicht Hells einzige bittere Erfahrung. Nur sieben Jahre nach dem Hell-Fax hatte er dem Partner Siemens seinen Chromagrafen präsentiert, einen funktionstüchtigen Farbscanner. Zwar wurde Hells Maschine im Druckgewerbe ein Erfolg, aber die Massenvermarktung gelang wieder nicht den Deutschen, sondern den Konkurrenten aus Fernost und den USA.

Hybridantrieb? Nichts für deutsche Autobauer!

Wie Hell war auch Konrad Zuse, geboren 1910 in Berlin, seiner Zeit weit voraus. Schon 1941 hatte der Bauingenieur die erste voll funktionstüchtige elektromechanische Rechenmaschine der Welt zum Einsatz gebracht. Der programmierbare, Z3 genannte Rechner, ausgestattet mit wenigen Schaltkreisen und 2600 Relais, konnte die vier Grundrechenarten innerhalb weniger Sekunden ausführen und eröffnete damit das digitale Zeitalter der Nullen und Einsen.

Vier Jahre später hatte die Firma Zuse Apparatebau den Z4 fertiggestellt, der nach dem Krieg an die Technische Hochschule Zürich verkauft wurde und zeitweise als einziger funktionierender Computer Europas galt. Mehr als 250 Großrechner, bis zum Modell Z31, stellte die Firma her, ehe sie 1969 ganz von Siemens übernommen wurde. Doch das ruhmreiche Erbe des Pioniers konnte Siemens weder im Kampf gegen aufstrebende US-Konzerne wie IBM nutzen, noch half es später beim Siegeszug des PC.

Auch beim Hybridmotor haben sich zwar deutsche Ingenieure, nicht aber die deutschen Hersteller mit Ruhm bekleckert. Entdeckt worden war die Technologie, die dem japanischen Autokonzern Toyota seit einiger Zeit Ansehen und Umsatz einbringt, bereits 1973 in Deutschland. Damals hatten Ingenieure der Technischen Hochschule Aachen eine Kombination aus Benzin- und Elektromotor in einen VW-Bully eingebaut und dessen Fahrtüchtigkeit demonstriert. Bei den deutschen Autoherstellern rief die Kreuzung lange Zeit jedoch nur Unverständnis und Ablehnung hervor. Heute ist es damit vorbei: In Zeiten des Klimawandels laufen die deutschen Konzerne dem Vorsprung der Asiaten hinterher und versuchen, den selbstverschuldeten Rückstand wieder wettzumachen.

Endlich auch mal Geschäfte machen

Ähnlich war es bei der Entwicklung der digitalen Komprimierungstechnik MP3, die via Internet das Musikbusiness revolutionierte. Ohne diese Technik - ursprünglich gedacht, um die Sprachqualität beim Telefonieren zu verbessern - wäre es heute kaum möglich, ganze Musikbibliotheken in der Westentasche mit sich herumzutragen. Die Technik wurde schon Anfang der neunziger Jahre von Fraunhofer-Forscher Karlheinz Brandenburg und seinem Team ausgetüftelt, doch deren Potential erkannten die Unternehmer in Deutschland wieder einmal zu spät. Das Riesengeschäft mit den digitalen Walkman-Nachfolgern machten da schon längst die Firmen aus Fernost und Amerika, allen voran Apple-Chef Steve Jobs mit seinem iPod.

Die Industrie verdiente mit dieser Technik Milliarden, das Fraunhofer-Institut kassierte vergleichsweise bescheidene 300 Millionen Euro an Lizenzgebühren. Angesichts spektakulärer Erfindungen und zahlloser verpasster Chancen ist deshalb für Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, klar, dass vor allem die Verzahnung zwischen Forschung und Wirtschaft verbessert werden muss. Denn eine Gesellschaft könne nicht nur aus Geld Wissen machen, mahnt der Forscher durchaus selbstkritisch. "Wir müssen", so Bullinger, "aus dem Wissen auch wieder Geld machen."


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Eingereicht von: Redaktion einestages

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