EINESTAGES - 20. Juni 2013 10:16
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Schweiz

Hitler und die Eidgenossen

Nazi-Aufmarsch
Stadtpolizei Zürich

Als die Nazis 1933 in wenigen Wochen ganz Deutschland gleichschalteten, beeindruckte das manche Schweizer mächtig: Im "Frontenfrühling" blühten auch in der Alpenrepublik schlagartig rechtsextreme Parteien auf. Von Henry Wahlig

Anfang 1934 glaubte sich Robert Tobler am Beginn einer neuen Zeitrechnung: "Um den Endsieg braucht es uns nicht bang zu sein", tönte der Führer der rechtsextremen Nationalen Front in bestem nationalsozialistischen Jargon im parteieigenen Propagandaorgan "Der eiserne Besen". Sein Heimatland, die Schweiz, sah er als nächsten Baustein des für ihn unaufhaltsamen Siegeszugs der faschistischen Idee in Europa.

Tatsächlich konnte man auch als äußerer Beobachter zu diesem Zeitpunkt beeindruckt sein über den rasanten Aufstieg seiner Partei, die sich erst 1930 als Studentengruppe an der Universität Zürich gegründet und drei Jahre später den Schritt zur Parteigründung gewagt hatte. Auf Anhieb war die Nationale Front wie aus dem Nichts bei einer Ständerats-Ersatzwahl in Schaffhausen auf 27,1% der Stimmen geschossen und hatte in Zürich bei den Gemeinderatswahlen immerhin 7,7% auf sich vereinigt. Innerhalb eines Jahres hatte sich der Mitgliederbestand der Front von 700 auf 5.000 versiebenfacht.

Solche Erfolge waren zweifelsohne eng mit dem Machtantritt Adolf Hitlers verknüpft, dessen Aufstieg damals auch viele Eidgenossen noch durchaus wohlwollend verfolgten. Schließlich klagte die Schweiz - wenn auch in abgeschwächter Form - Anfang der 30er Jahre über ganz ähnliche Sorgen wie die Deutschen: Die Weltwirtschaftskrise hatte auch die damals noch stark agrarische Eidgenossenschaft hart getroffen. Viele kleine Gewerbetreibende fürchteten um ihre Existenz und verlangten schärfere Gesetze gegen das Großkapital. Auch innenpolitisch war das kleine Land tief gespalten: Seit dem Ersten Weltkrieg hatten sich der deutsch- und der französischsprachige Landesteil entfremdet, innenpolitisch standen sich Sozialisten und Bürgerliche unversöhnlich gegenüber. Der Ruf nach einer neuen, starken Einheitsbewegung war auch in der Schweiz immer lauter geworden.

Zurück ins Mittelalter

Diese Lücken schloss die Nationale Front, wobei sich die Bewegung nach außen hin zunächst nicht als bloße Kopie ausländischer Vorbilder verkaufen wollte: Parteiideologen betonten immer wieder, dass die Rückbesinnung auf altschweizerische Werte der wahre Kerngedanke der Bewegung sei. Nur die autoritäre Führung der mittelalterlichen Eidgenossenschaft habe das Land einst stark werden lassen; ein Geist, den es nun wieder zu beleben gelte. Nicht von ungefähr war der Morgenstern, eine altschweizerische Kampfwaffe, das Emblem der Partei.

Einige führende Frontisten versuchten dabei zunächst, ihre Ziele auf demokratischem Weg umzusetzen. Sie verstanden sich als "Erneuerer" des Systems, beteiligten sich an Wahlen und paktierten 1933 sogar mit dem liberalen Freisinn, um eine linke Mehrheit im traditionell roten Zürich zu verhindern. Tatsächlich sympathisierten in dieser Anfangsphase auch viele Bürgerliche noch mit den Zielen der Frontisten.

Der wahre Bodensatz der Partei sah indes längst ganz anders aus: In ihrem Inneren hatte sich die Front von Beginn an in einem erschreckendem Maße an der NSDAP orientiert. So hatten Parteimitglieder schon 1933 so genannte Harste eingerichtet, die den deutschen SA-Staffeln nachempfunden waren. Sie verübten Sprengstoffanschläge auf linke Zentren in Zürich und stürmten Aufführungen des "Pfeffermühle"-Kabaretts der deutschen Emigrantin Erika Mann.

Staatsstreich geplant

Ausdrückliches Ziel waren Krawalle und "Radau-Antisemitismus"; Methoden, die "als Erwecker des eingeschlafenen Denkens" gefeiert wurden. Eine besonders deutliche Sprache spricht in dieser Hinsicht ein erst kürzlich wieder entdecktes Polizeidossier aus Lausanne, welches der örtlichen Frontistengruppe sogar Pläne für einen Staatsstreich unterstellte. Danach sollten die Parteimitglieder Informationen über die "Erkennung von Juden und Freimaurern" sowie "den Abtransport oder die Unschädlichmachung politischer Menschen" in ihren Zellen zusammenstellen; das Jahr 1934 solle nicht vorbeigehen, "ohne dass der Front National die Macht in der Schweiz" übernommen
habe.

Trotz solcher Drohpotenziale reagierten die eidgenössischen Behörden zunächst äußerst nachsichtig auf die frontistischen Umtriebe. Sie beließen es zumeist bei Ermahnungen statt Verboten; wo möglich in dem tieferen Bewusstsein, dass diese Rechtsradikalen trotz ihrer Drohgebärden auf sich allein gestellt keine ernsthafte Gefahr für das politische System des Landes darstellten.

Tatsächlich wendeten sich nämlich schon bald die meisten Schweizer wieder von der Nationalen Front ab, die durch ständige Flügelkämpfe, Abspaltungen und Skandale ihren kurzen Frühling nicht zuletzt selbst beendete. So sank die Partei schon 1935 bei Wahlen außerhalb ihrer Hochburgen Schaffhausen und Zürich flächendeckend unter einen Anteil von 1% der Stimmen zurück.

"Wer nicht mitkommt, wird ausgemerzt"

Innerhalb der Partei gewannen damit in gleichem Maße die Kreise die Oberhand, die schon immer für radikalere Wege gekämpft hatten. Die Niederlage bei der Volksabstimmung 1935, als die Front die komplette Revision der bestehenden Schweizer Verfassung gefordert hatte (wobei immerhin 27% ihren Antrag unterstützten), markierte hierbei den endgültigen Abschied von der Demokratie: "Jetzt gilt es den Kampf auf neuen Wegen weiterzuführen", diktierte Parteichef Rolf Henne. Für die meisten Mitstreiter bedeutete es den Schritt in die Illegalität.

Der anfängliche Siegeszug Adolf Hitlers auf den Schlachtfeldern Europas verhalf dem übrig gebliebene Häuflein Frontisten 1940 dann noch einmal kurzzeitig zu neuer Stärke. Als die Schweiz nach der Eroberung Frankreichs komplett von faschistischen Staaten umzingelt war, frohlockte das Parteiblatt in schon bekannter Selbstüberschätzung: "Wenn es je einmal in der Schweizergeschichte eine Bewegung gab, deren Einsicht und Wollen derart eindeutig vom Ablauf der Ereignisse gerechtfertigt wurde, so ist es die Nationale Front."

Tatsächlich versuchten die Frontisten ihr Land nunmehr mit massiven Drohungen zu einer Aufgabe ihrer traditionellen Neutralität zu zwingen. An eine Überzeugungsarbeit auf demokratischem Wege wurde erst gar nicht mehr gedacht, sondern für den Fall der baldigen Machtübernahme gewarnt: "Wer nicht mitkommt, wird ausgemerzt."

Buhlen um Hitlers Gunst

Nicht wenige Frontenführer werden in diesen Tagen auf eine Okkupation ihres Landes durch das Reich gehofft haben: gleich mehrere Schweizer Rechtsextreme, unter ihnen Vertreter der Nationalen Front, buhlten in Berlin um ihre Anerkennung als Führer der Bewegung in der Schweiz. Adolf Hitler war für sie die letzte Hoffnung zur Erfüllung ihrer persönlichen Eitelkeiten geworden.

Die Geschichte hat es bekanntlich anders gewollt. NS-Deutschland verschonte die Schweiz, woraufhin zahlreiche Frontisten in den letzten Kriegsjahren als Spione und SS-Freiwillige ins Reich überliefen.

Nach Ende des Kampfhandlungen schließlich suchten die sauberen Eidgenossen ungewöhnlich schnell die Abrechnung mit ihren Nazis: Noch Ende 1945 veröffentlichte man eine Liste von 200 tatsächlichen und vermeintlichen NS-Anhängern, die in der Folge öffentliche Hetzjagden über sich ergehen lassen mussten. Das tatsächliche Ausmaß der eigenen Verstrickung in die NS-Verbrechen wurde darüber freilich verdrängt, die wenigen Sündenböcke schienen schließlich gefunden.

Für diese Aufarbeitung benötigte das kleine Land fünf weitere Jahrzehnte und einige Nachhilfe aus den Vereinigten Staaten. Und auch wenn die Schweiz seitdem, vor allem durch eine von der Regierung bestellte Historikerkommission, ein ganzes Stück vorangekommen ist, halten viele Kritiker diesen Prozess bis heute nicht für abgeschlossen.


Eingereicht von: Henry Wahlig

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