Eigentlich schien der Lebensweg meines Vaters klar vorgezeichnet: Richard Zeissig war ein Naturbursche, liebte die Jagd und wollte - wie schon sein Vater - Gutsverwalter werden. Das Abitur hatte der Junge sausen lassen und stattdessen 1913 eine Lehre in der Landwirtschaft begonnen. Seine freie Zeit verbrachte er am liebsten in Pferdeställen und auf der Pirsch. Richard war ein leidenschaftlicher Reiter - ein Talent, das er später gut würde brauchen können. Jedoch anders als vermutet. Denn der Erste Weltkrieg machte seinem Lebensplan einen Strich durch die Rechnung.
Begeistert von den Parolen der Nationalisten schmiss der 17-Jährige seine Lehre und meldete sich freiwillig für den Krieg. Als jüngstes Mitglied des XXVII. Reserve-Armee-Korps der 4. Armee kam er noch im Oktober 1914 an die Front im belgischen Flandern. Ruhm und Ehre - das war es wohl, was Richard sich in der Schlacht zu verdienen hoffte. Und zunächst sah es auch ganz danach aus: Er bekam etliche Orden, 1917 wurde er zum Leutnant der Reserve befördert. Doch wie viele seiner Kameraden erlebte er in diesem Jahren vor allem rohe Gewalt, Tod - und schließlich die Niederlage Deutschlands.
Als verlorene Generation sollten er und seine Kameraden in die Geschichte eingehen: Wie ein Magnet, schrieb der Publizist Joachim Fest, habe Hitler "diese Menschen mit dem frühen, unheilbaren Bruch in ihrer Lebensgleichung" angezogen. Richard Zeissig tat sich schwer mit der neuen Weimarer Republik. Weil er seine Lehre nicht beendet hatte, blieb er arbeitslos. Er vertrieb sich die Zeit mit Gleichgesinnten. Im März 1920 versuchte eine Gruppe von deutschnationalen Militärs um den Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp die junge Republik zu stürzen. Bereitwillig half mein Vater bei den Vorbereitungen für den Kapp-Putsch. Doch das Vorhaben scheiterte, der Putsch wurde niedergeschlagen. Desillusioniert beschloss er, sein Glück im Ausland zu versuchen.
Hitler-Getreue in Argentinien
Kurz nach dem gescheiterten Putsch bestieg Richard Zeissig gemeinsam mit seinem Bruder ein Schiff nach Argentinien. In Buenos Aires angekommen, hatten die Beiden wenig vorzuweisen. Das einzige, was sie wirklich gut konnten, war reiten. Auf einer großen Farm in Patagonien verdingten sie sich daher zunächst als Landarbeiter, später trieben sie als Gauchos auf monatelangen Ritten Viehherden von den Pampas im Inneren Argentiniens in die Schlachthöfe der Exporteure an der Atlantikküste.
Von dem in mehreren Jahren ersparten Geld erwarben die Brüder Mitte der zwanziger Jahre ein Stück Land im argentinischen Chaco, um es zu bewirtschaften. Dabei half ihnen ihre Schwester Margarete, die den Haushalt führte. Doch schon bald brachte eine Dürreperiode die jungen Landwirte in finanzielle Nöte. Richard Zeissig sah sich gezwungen, in Buenos Aires eine feste Stelle anzunehmen. Für einen deutschen Landmaschinenimporteur reiste er fortan als Handelsvertreter durch Argentinien - vor allem aufs Land, wo viele deutsche Siedler lebten. Für sie wurde er rasch zu einem geschätzten Freund und wichtigen Informanten für alles, was in der Hauptstadt, aber vor allem in der alten Heimat passierte.
Waren die Deutschen unter sich, schwelgten sie gern in gemeinsamen Erinnerungen an die ferne Heimat, die Verbitterung über den "Schandfrieden von Versailles" hielt noch immer an. Deutschland würde, so die Überzeugung vieler, von demokratischen Verrätern regiert. Vereint in der Glorifizierung der Vergangenheit konnten sie sich für die Ideen eines gewissen Adolf Hitler und seiner Münchner Truppe begeistern. In Buenos Aires formierte sich eine Zelle des rechtsnationalen deutschen Soldatenverbandes "Stahlhelm" - mein Vater übernahm 1928 deren Führung. Einige der "Stahlhelm"-Mitglieder schlossen sich zu einer der ersten Ortsgruppen der NSDAP im Ausland zusammen - es war der Start der Parteiarbeit unter den deutschstämmigen Siedlern in Argentinien. Mein Vater war einer der Initiatoren.
Steile Karriere
In der Landmaschinenfirma Bromberg stieg Richard Zeissig unterdessen zum Abteilungsleiter und Prokuristen auf. 1930 machte er seine erste, lang ersehnte Deutschland-Reise. Er nahm Kontakt mit führenden Parteigenossen auf und lernte im Münchner Hofbräukeller sogar Adolf Hitler persönlich kennen. Zurück in Buenos Aires gründete er eine sogenannte Sportabteilung innerhalb der Ortsgruppe der NSDAP, eine Kampftruppe, die wie in Deutschland unter der Bezeichnung Sturmabteilung (SA) als Ordnungsmacht dienen sollte. Als sich 1933 in Argentinien offiziell eine Landesgruppe der NSDAP etablierte, die in der Parteihierarchie der Ortsgruppe übergeordnet war, wurde mein Vater zu ihrem Geschäftsführer und zugleich zum Ortsgruppenleiter Buenos Aires ernannt.
Voller Überzeugung stürmten er und seine Kumpanen Kinovorstellungen, in denen Filme und Wochenschauen gezeigt wurden, die als antideutsch galten. Zudem demonstrierten sie gegen einheimische und ausländische Politiker, die sich kritisch über Deutschland äußerten.
In Berlin fielen die Aktivitäten meines Vaters offensichtlich positiv auf. 1935 schickte die Auslandsorganisation (AO) der NSDAP in Berlin, die sämtliche Parteiaktivitäten im Ausland koordinierte, den "bewährten Organisator" nach Chile, um dort als Landesgruppenleiter die NSDAP auf Kurs zu bringen.
Das war der Beginn einer steilen Karriere. Nur ein Jahr später wurde Richard Zeissig nach Berlin berufen und zum "Gauamtsleiter Ibero-Amerika" in der NSDAP-Auslandsorganisation ernannt. Er war beim Reichsparteitag in Nürnberg und bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin dabei und erlebte Deutschland zum ersten Mal so, wie er es sich ersehnte: stark und stolz. Ein Jahr später heiratete er Sigrid von Knauer, standesgemäß und stilvoll in der Ausgehuniform der Partei und in Anwesenheit maßgeblicher Würdenträger der Regierung und der NSDAP, darunter dem Chef der AO Ernst-Wilhelm Bohle.
Neuer Auftrag in Prag
Die ersten schwierigen Nachkriegsjahre schienen vergessen. Mein Vater stand in Amt und Würden und mietete für sich und seine Frau in der Brandenburgischen Straße in Berlin-Wilmersdorf eine schöne Wohnung an. Später hieß es, er habe seine Beziehungen als Parteibonze benutzt, um die Wohnung einer jüdischen Familie abzutrotzen. Meine Mutter hat das immer bestritten. Trotzdem enteigneten die Berliner Behörden nach Kriegsende das gesamte Mobiliar und alle Wertgegenstände.
Kurz nach meiner Geburt im Juni 1938 bekam mein Vater einen neuen Auftrag. Er sollte als Landesgruppenleiter die Aktivitäten der NSDAP in der Tschechoslowakei auf Vordermann bringen. Prag war nun unsere neue Heimat. Doch auch hier sollten wir nicht lange bleiben. Als Hitler am 1. September 1939 ohne Kriegserklärung Polen angriff und damit den Zweiten Weltkrieg anzettelte, meldete sich mein Vater sofort bei seinem alten Regiment und verzichtete auf eine ruhige und sichere Karriere in der AO fernab der Front. Als Kompaniechef nahm er an dem Einmarsch in Polen und gleich anschließend am Frankreich-Feldzug teil. Tat er es aus Pflichtbewusstsein? Aus Überzeugung? Oder verstand er sich doch noch in erster Linie als alter Kämpfer? Er konnte uns diese Frage nicht mehr beantworten.
Im besetzten Frankreich wurde er schließlich 1940 Landesgruppenleiter der NSDAP in Paris. Die Aufgaben der AO hatten sich mit dem Krieg grundlegend geändert. Es ging nicht mehr darum, die Partei unter den im Ausland lebenden Deutschen zu verankern. Sie war jetzt vielmehr eine Hilfstruppe für Wehrmacht und Nachrichtendienste, indem sie Dolmetschertätigkeiten übernahm, Verbindungen zu den lokalen Administrationen unterhielt und bei der Verwaltung der okkupierten Staaten mithalf. Während meine Mutter und ich weiterhin in Berlin lebten, blieb mein Vater in Paris - bis zu Hitlers Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941.
"Held" auf dem Friedhof
Wieder meldete sich mein Vater sofort an die Front, obwohl ihm Berlin die Möglichkeit bot, weiter in der Parteihierarchie aufzusteigen und sich dem Kriegseinsatz zu entziehen. Viele seiner Genossen nutzten diese Gelegenheit und überlebten deshalb den Krieg.
Mein Vater aber lehnte jede Vorzugsbehandlung ab. Er war stolz auf seine Vergangenheit als bereits hochdekorierter Reserveoffizier. Er wollte mit seinen Männern an der Front kämpfen. Also ritt er hoch zu Ross an der Spitze seiner Truppe im vordersten Abschnitt der Heeresgruppe Mitte quer durch Russland. Seine Einheit war unter den ersten, die in den letzten Tagen des Jahres 1941 die Vororte von Moskau besetzten.
Dort kam sein Gefechtsbunker am 27. Dezember 1941 unter Artilleriebeschuss. Mein Vater wurde dabei verletzt und daraufhin mit einem Pferdeschlitten in das nächste Feldlazarett in Wjasma gebracht. Auf der Fahrt trafen ihn erneut Granatsplitter, die ihn so schwer verwundeten, dass ihm die Ärzte nicht mehr helfen konnten. Am 6. Januar 1942, kurz vor seinem 45. Geburtstag, erlag er seinen Verletzungen und wurde auf dem "Heldenfriedhof" von Wjasma begraben.
Mitarbeit: Johanna Lutteroth