EINESTAGES - 19. Juni 2013 14:05
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Düsseldorf im Bombenhagel

Unzählige Nächte im Keller

Löscharbeiten

von Claus P. Stephan

Brennende Fabriken, wackelnde Wände und immer wieder der düstere Keller. Als es zum Ende des Zweiten Weltkriegs Bomben auf Düsseldorf regnete, schickten Claus P. Stephans Eltern ihren Sohn aufs Land, doch auch dort fielen Bomben. Bis zum Kriegsende kämpfte die Familie gegen übegreifende Feuer - und gegen ihre Angst.

Anfangs war das mit den Flugzeugen in der Nacht noch spannend. Ich erinnere mich, wie mich meine Eltern zum ersten Mal aus dem Bett holten und auf unseren Balkon in der Düsseldorfer Merowingerstraße brachten, um mit mir gemeinsam über die "Christbäume" am Himmel zu staunen, jene an Fallschirmen befestigten Leuchtfeuer zur Markierung des zu bombardierenden Areals, die in der Ferne niedergingen.

Als Düsseldorf regelmäßig bombardiert wurde, bedeutete das für mich als kleinen Jungen mitunter, mehrfach in der Nacht schlaftrunken unseren Sittich samt Käfig in den Keller zu tragen. Der Keller war immer in hässliches Schummerlicht getaucht und roch nach einem Gemisch aus Seifenlauge, Holz, Kohle und keimenden Kartoffeln. Ich konnte mich einfach nicht an die Verlorenheit dort unten gewöhnen.

Unsere Wohnung lag im dritten Stock. Vom Balkon aus sah man über die Grundstücksmauer hinweg auf das Werksgelände des großen Maschinenbauunternehmens Jagenberg. Bald häuften sich Abwürfe von Brandbomben auf das Gelände. Direkt hinter der Mauer standen Holzbaracken, in denen riesige Mengen Ölpapier lagerten, das man zum Einpacken von Maschinenteilen verwendete. Als das Lager eines Nachts in Flammen aufging, wurde die Hitze so groß, dass in unserem Haus die Fensterscheiben zersprangen. Tagelang brannten und schwelten die Lager. Selbst als man die Brandreste auf das gegenüberliegende Brachland brachte, flammten sie immer wieder auf. Für meine Eltern war dieses Ereignis Grund genug, eine für mich weitreichende Entscheidung zu treffen.

Bomber im Tiefflug

Die Stadt Düsseldorf bot Eltern von Erstklässlern an, ihre Kinder außerhalb der Stadt unterzubringen. So kam ich zu fremden Leuten nach Hilgen im Bergischen Land, während meine Eltern die Wohnung, die durch den Brand in Mitleidenschaft gezogen worden war, wieder herrichteten. Es war also nur ein kurzer Aufenthalt vorgesehen. Als meine Eltern mich jedoch nach abgeschlossener Renovierungsarbeit wieder zurückholen wollten, verweigerten ihnen die Behörden die entsprechende Genehmigung. Wahrscheinlich war ihnen das Risiko zu groß, eine Fehlentscheidung zu treffen. Also musste ich etwa ein Jahr in Hilgen bleiben.

Der kleine Ort war aber weniger sicher als gedacht. Da durch den Ort eine Eisenbahnlinie führte, auf deren Gleisen zeitweise lange Güterzüge mit Soldaten und Ausrüstung abgestellt wurden, war der Ort zum Ziel für englische Tiefflieger geworden. Also hieß es auch hier: Ab in den Keller. Als ich während eines überraschenden Angriffs nicht schnell genug von der Straße ins Haus kam, sah ich eine dieser Maschinen im Tiefflug höchstens zehn Meter über und vor mir die Hauptstraße hinunterjagen. Ich glaubte, das Gesicht des Piloten mitsamt Lederhaube und Schutzbrille sehen zu können und ein bisschen hatte ich den Eindruck, er würde mir zuwinken.

Kurz nach diesem Ereignis erübrigte sich meine Rückkehr nach Düsseldorf vollends. Unsere Wohnung war durch den Detonationsdruck einer Bombe vollständig verwüstet worden. Alle Mauern und Türen waren eingedrückt, und der Besitz der Eltern war bis auf wenige rettbare Dinge total vernichtet. Wir waren, wie man damals sagte, ausgebombt.

Die Stille nach dem Einschlag

Zunächst verschlug es meine Eltern zu Freunden in den Stadtteil Derendorf. Dort war es der Enge wegen alles andere als bequem. Im Herbst 1944 gelang es ihnen endlich, mich nach langer Zeit zu sich zurückzuholen. Angesichts der Unwägbarkeiten wollten sie mich lieber bei sich haben. Dass mein Vater damals bei uns sein konnte, lag daran, dass er schwer kriegsgeschädigter Veteran des Ersten Weltkriegs war. Auch für den später rekrutierten Volkssturm, für den sogar halbe Kinder und Greise antreten mussten, sollte er untauglich gemustert werden. Vielleicht war auch die Verrichtung seines Diensts als Postbeamter fern der Front unentbehrlich.

Meine Eltern und ich bekamen damals schließlich ein eigenes Zimmer zugewiesen. Was blieb, waren die Bomben. Unzählige Male stürzten wir in größter Eile in den Keller hinab, der bis zum Ende des Krieges provisorisch eingerichtet worden war, weil sich die Bewohner des Hauses so oft dort Schutz suchen mussten. Den infernalischen Lärm, das immer lauter werdende Pfeifen der Bomben, die sekundenlange Stille nach dem Einschlag, bis die Bombe detonierte, so dass die Wände wackelten, die Außentüren aufflogen und weißer Staub aus der Decke rieselte - das alles werde ich nie vergessen. Alle hatten Angst und klammerten sich aneinander, wenn das Haus bebte. Im Laufe der Bombardements brachen die beiden Nachbarhäuser in sich zusammen.

Wenn ein Haus in der Nachbarschaft getroffen wurde und Feuer fing, musste auch mein Vater mit einem Wassereimer und einer Feuerpatsche auf den Speicher hinauf, um etwaigen Funkenflug zu ersticken und ein Übergreifen des Feuers zu verhindern. Jedes Mal wieder hatten wir Angst, dass er nicht zurückkehren würde. Schließlich fielen häufig noch immer Bomben, wenn er den Keller verließ.

Wagemutiger Widerstand

Im Februar 1945 begannen die Alliierten von der anderen Rheinseite aus, die Stadt mit Artillerie zu beschießen. Eine der Sprenggranaten traf auch unser Haus und zerstörte über den Entlüftungsschacht in unserer und zwei anderen Wohnungen die Badezimmer und die Toiletten. An eine Reparatur war nicht zu denken. Viel zu oft gab es Fliegeralarm. Als der Krieg endlich zu Ende war, bot sich uns ein gespenstischer Anblick. Niemand glaubte damals, dass in dieser Stadt je wieder ein normales Leben möglich sein würde. Aber wir hatten überlebt.

Erst 1947 oder 1948 erfuhren meine Eltern und ich, dass Düsseldorf in einem groß angelegten Luftangriff der Alliierten ohne den selbstlosen Einsatz von sieben Männern vollends dem Erdboden gleichgemacht worden wäre. Die Männer der Wiederstandsgruppe um den Rechtsanwalt Karl August Wiedenhofen hatten versucht, durch einen Putsch den Polizeipräsidenten Düsseldorfs in ihre Gewalt zu bekommen, um die Stadt kampflos an die Alliierten übergeben zu können. Der Putsch scheiterte schlussendlich und fünf der Widerständler wurden exekutiert. Den beiden Überlebenden, Wiedenhofen und dem Architekten Aloys Odenthal gelang die Flucht. Sie schlugen sich zu den amerikanischen Streitkräften durch, führten mit ihnen die Kapitulationsverhandlungen und konnten so den vernichtenden Luftschlag verhindern.


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