Über einestages

1990

Unbewältigte Vergangenheit Kein Gespräch möglich


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U-Boot-Bunker "Valentin": Bäume wachsen im Jahr 2002 aus dem ehemaligen U-Boot-Bunker "Valentin" in Bremen-Farge. Knapp 60 Jahre früher, während des Zweiten Weltkriegs starben mehrere tausend KZ-Insassen beim Bau des Bunkers. "Valentin" war eine Außenstelle des KZ Neuengamme.

Was wirklich beim Bau des Bunkers "Valentin" geschah, erfährt Karl Wilhelm Meier nicht von seinem Vater. Denn der verweigerte sein Leben lang ein aufrichtiges Gespräch über die Zeit des Nationalsozialismus. Verpasste Chancen.


Mein Vater hat in den beiden Weltkriegen große Verluste erlitten. Im Ersten Weltkrieg fiel sein Vater, mein Großvater. Und im Zweiten verlor er dann seine gesamte Familie bis auf eine Schwester, die überlebte, weil sie gerade bei den Großeltern war. Trotzdem habe ich nie gehört, dass er diese Zeiten verfluchte - er hat sie wohl als Schicksal hingenommen und manchmal die Politik der Nazis, dieser braunen Pest, sogar verteidigt. Ich horchte auf, wenn ich Aussprüche hörte wie "Nicht alle Juden waren schlecht" oder wenn er wiederholte, dass sein Lehrer gesagt habe, Euthanasie sei für die Behinderten wohl das Beste gewesen. Wenn ich dann aber nachfragte, ein Gespräch über diese Zeit beginnen wollte, verweigerte er sich. Er wollte ganz offenbar auch im Nachhinein nicht genauer hinschauen.

Zum Beispiel bei der Geschichte mit dem U-Boot-Bunker "Valentin": Wir machten jeden Sonntag einen Spaziergang, manchmal besuchten wir Verwandte in Neunkirchen und gingen dann über Farge zurück. Und dort steht an der Weser dieses "Prachtstück". Mein Vater erzählte im Vorbeigehen vom Bau dieser Anlage und dass sich niemand darum gekümmert habe, wenn einer vom Gerüst fiel. Ich fand das eine schreckliche Geschichte! Und wunderte mich, schließlich war mein Vater Bauarbeiter, stellte auch Gerüste auf.

Zwangsarbeiter bauten für die deutsche Marine

Viele, viele Jahre später fiel mir eine Broschüre über den Bau des Bunkers in die Hände. Die Nazis hatten Bauunternehmen beauftragt, dort einen Bunker zum Bau von U-Booten zu errichten. Um ihn vor Bodenangriffen zu schützen, sollte er anschließend mit Sand zugeschüttet werden, wozu es nicht mehr kam. Die Anlage ist nie ganz fertig geworden. Die Arbeiter, die dort laut meinem Vater schon mal vom Gerüst fielen, kamen aus dem KZ Neuengamme und aus einem Arbeitslager. Jeden Morgen wurden sie vom Lager durch mehrere Orte zur Baustelle getrieben und es war bei Strafe verboten, ihnen etwas zu essen zu geben. Ganz Wenige sollen ihnen aber trotzdem Kartoffelschalen zugesteckt haben.

Irgendwann habe ich dann meinen Vater noch einmal auf die Geschichte angesprochen. Ich erinnerte ihn an seine Worte und sagte, dass da Leute schufteten, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt waren, Insassen eines Arbeitslagers, eines KZ, die nichts hatten und ein bisschen Menschlichkeit nur dann spürten, wenn ihnen ab und zu Kartoffelschalen zugesteckt wurden.
Ich wollte ihm keine Vorhaltungen machen, das kam mir nicht zu. Ich wollte nur, dass die Geschichte ganz erzählt wird und ich wollte, dass mein Vater seine Auslassungen zugab. Doch damit hatte ich keinen Erfolg. "Ich kann dazu nichts sagen, ich war damals im Krieg", war das einzige, was er erwiderte. Und damit endete einer der wenigen Gesprächsversuche.

Warum hat er nicht verstanden, wie wichtig es ist, darüber zu sprechen? Warum hat er mir nicht sagen können, was schief gelaufen ist? Und was wir kleinen Leute tun können? Wir, die wir keine Helden sind, was ich auch meinen Vater zugebilligt habe.


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