Als Idee war sie grandios: die Wohngemeinschaft. Allüberall erprobten seit den Sechzigern auch Nicht-Verwandte das Zusammenleben auf engstem Raum - aus verschiedensten Gründen, in unzähligen Ausprägungen. Eine allerdings war immer nur ein Mythos: die "Wir sind Freunde"-WG.
Ich habe mal studiert, es kommt mir vor, als sei das Jahrzehnte her, obwohl ich weiß, dass das nicht stimmt. Um es so zu formulieren: Ich habe mich entfremdet vom Studententum, emotional gesehen. Die pure Existenz von Semesterpartys treibt mich in die Schlaflosigkeit, der Gedanke an chinesischen Nudeleintopf mit Kichererbsen in der Mensa widert mich an und die Vorstellung, dass der Mensch, der da gerade neben mir sitzt und dessen Hose zu kurz ist, Jura studiert oder BWL, lässt mich Ausschlag bekommen.
Aber am meisten hasse ich, dass Studenten die Preise verderben. Studenten sind die einzigen, die sich große, stuckverzierte Altbauten mit Doppelbalkon in schöner Stadtlage leisten können, weil sie eben zu sechst dort wohnen und dreihundert Euro pro Person doch nun wirklich nicht viel ist. Das Problem: Wenn eben jene Studenten-WG auszieht, will der Vermieter, von welchem Nachmieter auch immer, sechs mal dreihundert Euro.
Zweckbündnis - weil irgendetwas fehlt
Knapp 450.000 Studenten wohnen heute in WGs, das ist fast ein Viertel aller WG-Bewohner bundesweit. Abgesehen von Studentenwohngemeinschaften gibt es religiös geprägte WGs und ökologische, Altenwohngemeinschaften, solche für allein erziehende Mütter und Drogentherapie-WGs. Manchmal wohnen Leute zusammen, weil sie gerne zusammen feiern und dann gibt es sogar solche - aber da wird es dann wieder sehr studentisch - in der Blödsinn redende Nerds gerne trinken, fechten und von Deutschland in den Grenzen von 1937 träumen.
WGs sind Zweckbündnisse, man zieht mit Leuten zusammen, weil einem irgendwas fehlt. Ein Mensch zum Unterhalten, jemanden, der einen pflegt, ein Partner, der dieselbe Grundeinstellung wozu auch immer hat, oder ganz profan, weil man kein Geld hat. Freundschafts-WGs gibt es nicht, dass soll mir keiner erzählen. Man wohnt nicht zusammen, weil man seinen Kumpel besser kennen lernen will.
Eine Freundschaft lässt sich viel besser aufrechterhalten, wenn man nicht zusammen wohnt, da einem dann die Macken des Freundes verborgen bleiben. Was soll man schon von jemandem halten, der klug über Schopenhauer reden kann, aber seine Fußnägel schneidet, während er isst?
Traumfrau entzaubert
Ein Bekannter von mir forderte seinen Mitbewohner unlängst auf auszuziehen, weil der stank. So extrem, dass mein Bekannter es nicht mehr aushielt und ihm zuerst ein Deo schenkte, dann einen Gutschein zur Fußpflege und ihn, als das nichts nutzte, rauszuwerfen versuchte. Leider hatte der stinkende Mitbewohner die übliche Drei-Monats-Kündigungsfrist und seither hassen die beiden sich, beschimpfen sich, wann immer sie sich treffen und manchmal werfen sie sogar mit Gegenständen aufeinander. Sie wohnen nach wie vor zusammen. Mein Bekannter muss noch vier Wochen überstehen.
Mal ehrlich: Wer braucht das?
Oder folgendes Szenario: Man wohnt mit einer schönen Frau zusammen. Man hat das damals ja nur getan, um mit ihr ins Bett zu gehen. "Die Chance steigt, wenn ich sie öfter sehe", dachte man und hat sich selber auf die Schulter geklopft für diesen grandiosen Plan. Nun ist es also so, dass die Frau keine Rücksicht nimmt auf den Plan und regelmäßig andere Männer mit nach Hause bringt. Wer da gut gelaunt bleiben kann, herzlichen Glückwunsch.
Es gibt allerdings auch die andere Option: Dass die Frau keine Männer mit nach Hause bringt und sich bei näherem Hinsehen als gänzlich unspektakulär entpuppt. Die Frage ist, was ist schlimmer? Wer will schon schönen Frauen beim Kacken zuhören? Wer will um die Illusion gebracht werden, dass genau diese Frau ein eher normaler Mensch ist, weil das, was da am Spiegel klebt, der Inhalt eines ausgedrückten Pickels deiner Traumfrau ist.
Wohngemeinschaften sind einfach Mist, Ende der Diskussion.
Putzen geht gar nicht
Generell gilt: Einer der schnellsten Wege, aus guten Freunden Menschen zu machen, denen man a) Hodenkrebs b) Gehirntumor und c) halbseitige Lähmung wünscht, ist, mit ihnen zusammenzuziehen.
Dabei scheitert es eigentlich immer an der Sauberkeit.
Nicht, dass ich selber besonders ordentlich wäre, eher das Gegenteil ist wahr. Putzen ist etwas, das überhaupt nicht geht. Umso schlimmer ist es aber, umso mehr Hass produziert es, wenn man sich mal zusammenreißt und wenn man mal putzt - man ist ja nicht besonders geübt, also dauert es viel länger, als bei Leuten, die regelmäßig putzen - und dann hat man jedenfalls geputzt und dann macht es sofort wieder jemand dreckig, weil es vor der Tür eben zufällig gerade geregnet hat und die Schuhe des Mitbewohners deswegen wahnsinnig verdreckt sind. Wenn da nicht vor dem inneren Auge der schwarze Balken fällt, weiß ich auch nicht.
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Oder man putzt nie und dem Anderen missfällt das derart, dass er irgendwann einfach den Hausmüll in deinem Zimmer ausleert. Das habe ich alles schon erlebt, das muss nicht sein.
Es wäre doch mal was, wenn man sich wenigstens über Politik streiten könnte und nicht über die Urinspur, die am Klo entlang in Richtung Dusche läuft. Wenn man nicht sagen müsste "Hier riecht es wie in einem Männerwohnheim", sondern "Die SPD ist auch nicht mehr, was sie mal war".
Streitpotenzial umschiffen
Solange man allerdings nicht mit den schon erwähnten "Deutschland in den Grenzen von 1937"- Menschen zusammenzieht, wird das nicht passieren, weil Themen, die Streitpotenzial bieten, immer von allen Bewohnern umschifft werden - verständlich, da alleine das Zusammenleben schon streitbar macht, dass es knallt.
Dabei war die UrWG theoretisch eine hochpolitische Angelegenheit. Sollten die Bewohner doch, laut Rudi Dutschke, das Leben "während und nach der Revolution" üben. Leider wurde die politische Ambition schnell ein Opfer der Egomanen Fritz Teufel und Rainer Langhans, die aus ihren sexuellen Problemen ein Medienspektakel machten.
Die Kommune als solche ist natürlich keine neue Erfindung. Schon immer in der Geschichte wohnten Menschen zusammen, allerdings fußte ihr Zusammenleben auf wirtschaftlichem oder religiösem Untergrund und war anfangs ein reines Landphänomen, bei dem man sich zwar den zu bewirtschafteten Boden, nicht aber die Häuser teilte.
Das Private ist politisch
Mitte der sechziger Jahre wurde der Kommunengedanke dann neu entdeckt. Dieter Kunzelmann von der "Subversiven Aktion" und die SDS- Mitglieder Rudi Dutschke und Bernd Rabehl beschlossen, eine neue Art der Gesellschaftsorganisation an sich selber zu testen. Kurz zuvor hatte ein Arbeitskreis des SDS auf der Jahresdelegiertenversammlung 1966 Thesen zum Zusammenleben vorgelegt. Eine davon lautete, dass die klassische Kleinfamilie eine der Keimzellen des Faschismus sei. Frau und Mann würden in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander leben, eine freie Entwicklung sei so nicht möglich. Eine Möglichkeit die "Zelle des Faschismus", wie die späteren Kommunarden die Familien nannten, zu zerschlagen, sei die Kommune. Das Private sei schließlich politisch.
Im Januar 1967 zogen dann vier Männer und vier Frauen in Berlin in die Wohnung des Schriftstellers Uwe Johnson ein, der sich im Ausland aufhielt. Die K1 bezeichnete sich selber als "Lebensgemeinschaft junger Maoisten". Anstelle von politischem Aktivismus trat für die Kommunarden zwar zuerst die eigene Psychoanalyse in den Vordergrund, schnell begannen die Bewohner der K1 aber, politische Aktionen durchzuführen. Die erste sollte das "Pudding-Attentat" auf den amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey sein, der 1967 Berlin besuchte. Es fand nicht statt, weil die acht Kommunarden einen Tag vorher verhaftet wurden.
... und bleibt politisch
Später wurde die K1 zu dem, auf das sie heute leider reduziert wird: eine hippieske Unterhaltung der Presse. 1968 zog Uschi Obermaier ein, Jimi Hendrix kam vorbei und blieb ein paar Tage, die Bewohner nahmen Geld für Interviews, sahen aus wie einem Modekatalog entsprungen und wurden zu den Vorzeige- 68ern, zu Popstars einer Bewegung, mit der sie eigentlich nichts mehr zu tun hatten. Von den marxistischen Ansätzen war nicht viel geblieben.
Allerdings blieb das Private politisch. Mit der sehr offenen Art, mit der Langhans und Obermaier öffentlich über ihre Sexualität redeten, thematisierten sie etwas, das bis dahin in der Öffentlichkeit tabu war und entkrampften die Gesellschaft.
Ende 1969 löste sich die K1 auf. Die Idee des Zusammenwohnens auch von Nicht-Verwandten allerdings wurde tausendfach aufgegriffen, entwickelte sich weiter und hat sich durchgesetzt.
Bei mir allerdings nicht. Irgendwann bin ich eines Morgens aufgewacht und wollte einfach nicht mehr. Noch am selben Tag suchte ich eine Wohnung für mich alleine. Mit der Frau, die mir den Müll ins Zimmer kippte, komme ich heute wieder bestens aus.
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