Über einestages

1924

Besetztes Galizien Fremder im eigenen Haus


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Polnische Knabenschule Sabolotiw: In der ersten Reihe sitzen die Lehrkräfte. Von links: Herr Tschubanjuk, polnischer Geschichts- und Gesangslehrer, Herr Muster, jüdischer Religionslehrer, Priester Koloda, ukrainischer Religionslehrer, Frau Schaferowa, jüdische Lehrerin, Frau Litwitski, polnische Lehrerin, Herr Gebler, polnischer Lehrer und Herr Martinjak, ukrainischer Lehrer für Ukrainisch. Wasyl Horuk befindet sich in der zweiten Reihe hinter den Lehrern, der dritte Junge von links.

Er wurde von Polen regiert, von Sowjets und von Deutschen - doch eines schien sich nie zu ändern: Immer gehörte der Ukrainer Wasyl Horuk zu den Unterdrückten.


Ich bin Ukrainer und lebe in der Ukraine - das klingt, als sei es nichts Besonderes. Doch obwohl ich seit meiner Geburt 1924 in Galizien lebe, bin ich in Ostpolen geboren, in der Sowjetunion zur Schule gegangen, wurde in Deutschland zur Zwangsarbeit verpflichtet und kämpfte im Zweiten Weltkrieg als sowjetischer Soldat gegen die Nazis. In meiner Heimat lebten Ukrainer, Deutsche, Russen, Polen und Juden, und wer gerade an der Macht war, unterdrückte die anderen - zu denen ich als Ukrainer immer gehörte.

Und doch erlebte ich unter den wechselnden Besatzern auch, dass die Fronten zwischen uns nie so klar verliefen, wie man denken könnte. Ich erlebte, wie Ukrainer bei den Sowjets für ihre ehemaligen polnischen Besatzer um Gnade baten, wie deutsche Arbeiter mit mir ukrainischem Zwangsarbeiter das Brot teilten, und als sowjetischer Soldat erhielt ich von einem deutschen Kriegsgefangenen ein Geschenk.

Als ich in die Schule kam, gehörte Galizien erst wenige Jahre zu Polen - bis 1918 war es ein Teil Österreich-Ungarns gewesen. In meinen Schulen in meinem Geburtsort Tulukiw im Kreis Sniatyn und später im Nachbarort Sobolotiw gab es drei Nationalitäten, nämlich Polen, Ukrainer und Juden. Die Zehn Gebote vereinigten uns, wir respektierten einander und lernten in der Schule Polnisch.

Deutsch und Russisch

Am 17. September 1939 fiel die Sowjetarmee ins damalige Ostpolen ein. In diesem Jahr wiederholte ich in einer sowjetischen Schule noch einmal die siebte Klasse. Dort hatte ich zum ersten Mal Deutsch- und Russischunterricht. 1939 gingen alle Deutschen aus Galizien nach Deutschland. Viele Ukrainer gaben sich als Deutsche aus und gingen mit ihnen. Andere Ukrainer gingen in die Sowjetunion.

Eines Tages wurden alle wohlhabenden Polen und Angehörigen der polnischen Administration mit Viehwagen fortgebracht. Wir hörten die Menschen ein Kirchenlied singen. Die Sowjets glaubten, uns würde der Abtransport der polnischen Gutsbesitzer freuen. Doch viele ukrainische Landarbeiter baten darum, ihre polnischen Gutsbesitzer freizulassen. Das wurde natürlich abgelehnt.

Wir Ukrainer litten unter jedem der Besatzer. Beispielhaft ist das Schicksal eines Mannes aus Tulukiw. Er hieß Hnatjuk und hatte vier Söhne. Der älteste Sohn Alexej war am 1. Mai 1924 auf einer Demonstration für den Anschluss Galiziens an die Sowjet-Ukraine von der polnischen Polizei erschossen worden. Hnatjuk selbst wurde von den Sowjets gefangen genommen, der zweitälteste Sohn Nikolai 1943 von den Deutschen verhaftet. Die anderen Söhne Josef und Bohdan wurden als Widerstandskämpfer von den Sowjets getötet.

"Glück auf!"

Am 22. Juni 1941 begann der Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Auch Sabolotiw wurde von der Luftwaffe bombardiert. Vielerorts wurden die deutschen Soldaten von der ukrainischen Bevölkerung mit Blumen begrüßt. Am 22. Dezember 1941 wurden die Juden im Zentrum Sabolotiws zusammengetrieben. Meine Frau erzählte mir, dass sie im Schnee sitzen mussten. Sie wurden in der Nähe des Flusses Prut erschossen.

Im Januar 1942 kam ich als Zwangsarbeiter ins oberschlesische Beuthen, in die Karsten-Zentrum-Grube. In der Stadt konnten wir uns frei bewegen. Unsere Baracken waren zwar warm, aber es gab nur wenig zu essen. Wir durften von zu Hause Lebensmittelpakete erhalten, und die deutschen Arbeiter teilten oft mit uns ihr Brot. Wir arbeiteten unter Tage in drei Schichten. Die Kräftigeren von uns schaufelten die Kohle auf die Förderbänder. Wir grüßten mit "Glück auf!".

In der Nähe unserer Baracken befanden sich die der sowjetischen Kriegsgefangenen. Jede Nacht wurden einige auf der Flucht erschossen. Flüchtete einer von uns, kam er zur Strafe für drei Monate nach Auschwitz. Einmal brach ich mir das Bein, und im Krankenhaus sah ich Soldaten aus Stalingrad mit Erfrierungen. Die sowjetischen Gefangenen wurden brutal behandelt, aber die Deutschen meinten nur, Stalin hätte eben die Konvention über Kriegsgefangene unterzeichnen sollen.

Doch nicht nur von den Deutschen wurden die Kriegsgefangenen schlecht behandelt. Die Sowjetunion selbst betrachtete die Kriegsgefangenen als Verräter und verbannte sie nach ihrer Befreiung nach Sibirien.

In der Sowjetarmee

Im Frühjahr 1943 wurde ich wegen einer Lungenkrankheit nach Hause entlassen. Anfang 1944 näherte sich die Front. Nach über zwei Wochen kamen die Sowjets. Ein General und einige Offiziere besuchten unser Haus. Wir tranken mit ihnen eine Flasche Wodka und verabschiedeten sie schließlich mit: "Der Herrgott beschütze Euch!" Ich fühlte mit den sowjetischen Frontsoldaten, denn sie kämpften gegen die deutschen Besatzer.

Danach kamen die Truppen des Innenministeriums, der Geheimdienst KGB und die Miliz, und die sowjetische Okkupation begann. Im Mai 1944 kam ich in die Sowjetarmee. Um nicht als Kollaborateur zu gelten, musste ich meine Zwangsarbeit in Deutschland verheimlichen. Zuerst wurde ich am Granatwerfer, dann zum Kraftwagenfahrer ausgebildet. Ich lernte auch, Autos zu reparieren. Schließlich kam ich zu einer Artillerieeinheit.

Im Herbst 1945 traf ich in einem Kriegsgefangenenlager in der Nähe von Wien einige Gefangene, die entlassen werden sollten. Einer von ihnen schenkte mir einen silbernen Bleistift. Ich war erstaunt, da ich doch Sieger war und er Besiegter. Aber er sagte, er dürfe jetzt nach Hause und ich hätte noch Dienst.

Besuch von sowjetischen Vernichtungstruppen

Im Frühling 1946 wurde ich wegen Rheumas nach Hause entlassen. In unserer Gegend war die ukrainische Unabhängigkeitsarmee (UPA) sehr aktiv. 1947 wurde Sabolotiw zu einem Rayon, einem Landkreis. Es gab eine sowjetische Organisation, die für den Staat Getreide beschlagnahmte. Einmal lauerten Kämpfer der UPA einer solchen Abteilung auf. Die UPA-Kämpfer überfielen den Trupp und ließen nur die Krankenschwester und den Pferdeknecht am Leben.

Ein weiterer Vorfall ereignete sich 1949, bei einer Kirchweihfeier im Nachbardorf Dtschurif. Eine Operativgruppe des Innenministeriums kam ins Dorf. Zu der Gruppe gehörte auch eine Abteilung der Istrebki (Vernichtungstruppen). Deren Befehlshaber Tschortow (Teufel) postierte sich neben dem Dorfsowjet im Zentrum des Dorfes. Plötzlich näherten sich zwei Jugendliche auf einem Fahrrad und erschossen ihn.

Aus Rache wurden die Häuser des Dorfes angezündet. Die Einwohner beklagten sich darüber beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Ukraine. Der damalige Generalsekretär der Ukraine, Nikita Chrustschtschow, besuchte daraufhin das Dorf und warnte den Bürgermeister: "Noch ein einziger Schuss und in Dtschurif bleibt kein Stein auf dem anderen."

Im eigenen Land

Unter dem Sowjetsystem litten Arbeiter und Bauern. Das Privateigentum wurde abgeschafft, und auch in Sabolotiw wurde ein Kolchos eingerichtet, ein genossenschaftlich organisierter landwirtschaftlicher Großbetrieb. Alles musste dorthin abgegeben werden: Felder, Pferde, große Scheunen und landwirtschaftliche Geräte. Zur eigenen Bewirtschaftung blieb den Kolchosbauern nur ein 0,25 Hektar großer Garten.

Ich blieb in der Gegend, zuerst als Traktorist, dann in einer Kolchose, danach im Handel. Der Kampf gegen die Sowjets dauerte in unserer Gegend bis 1952. Der letzte Bunker der UPA befand sich in Tulukiw in einem Haus, in dem Russen wohnten. Doch erst viele Jahre später, 1991, gab die Sowjetunion der Ukraine die Unabhängigkeit. Ich lebe noch immer in Sabolotiw - heute als Ukrainer in meinem eigenen Land.

Aufgezeichnet von Andreas Kasjan für seinen Onkel Wasyl Horuk.


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