"Wir wollten frei sein von Indern und Engländern", erinnert sich Fatima Sughra an den Kampf Pakistans um Unabhängigkeit 1947. Als sie damals als 14-Jährige die britische Flagge herunterriss und eine muslimische Fahne hisste, wurde sie zur Heldin. Heute hat sie ihre Hoffnung verloren.
Damals, 1947, sei sie eine schreckliche Rabaukin gewesen, gesteht Fatima Sughra heute ein. Die 14-Jährige war aber auch voller Leidenschaft - Leidenschaft für die Unabhängigkeit Pakistans und einen eigenen Staat für die Muslime.
"Wir wollten frei sein, frei von den Engländern und den Indern", erinnert sich die heute 74-jährige Großmutter. "Wir hatten genug davon, nach ihren Regeln zu leben." Sie kletterte damals auf das Dach des britischen Regierungsgebäudes in Lahoré, riss die britische Flagge herunter, hisste stattdessen die Farben der Muslimischen Liga und wurde so zur Ikone der Unabhängigkeitsbewegung.
Aber 60 Jahre später hat sie ihre Leidenschaft verloren. "Wenn ich heute daran denke, was aus dem Traum von Pakistan geworden ist, wofür wir gekämpft haben und wofür viele ihr Leben geopfert haben, dann könnte ich weinen", sagt sie. "Leute haben ihr Leben gegeben für eine Nation von Ganoven, die den Jahrestag der Unabhängigkeit vielleicht mit ein paar Feuerwerkskörpern und einem plärrenden Autohupkonzert feiern werden", sagt sie anlässlich der heute im Land abgehaltenen Feiern. "Aber darüber nachdenken, wie man Pakistan besser machen könnte, wird niemand."
1947, als junges Mädchen, war Fatima selbst dazu gezwungen, sich mit dieser Frage zu befassen: Ihre eigene Straße in der Altstadt von Lahoré wurde zu einer der vielen Frontlinien, an denen auf einmal Muslime, Sikhs und Hindus - nach Jahren des friedlichen Zusammenlebens - aufeinander losgingen. Den zunächst friedlichen Protesten, denen sie sich anschloss, folgten bald Ausschreitungen, die eskalierten, bis der Mob schließlich auf allen Seiten tobte und seine Feinde folterte und tötete.
Züge voller verstümmelter Leichen
Die Gewalt entfachte damals die größte Völkerwanderung in der Geschichte Südasiens. Diejenigen, die plötzlich feststellten, dass sie in der falschen Nachbarschaft oder gar im falschen Staat lebten, konnten sich glücklich schätzen, wenn sie auf der Flucht mit dem Leben davonkamen.
"Am schlimmsten waren die Züge", erinnert sich Sughra. "Wenn die ankamen, waren sie voller Leichen. Frauen und Kinder ebenso wie Männer - alle tot und verstümmelt." Schätzungen über die Opfer aus dieser Zeit gehen von einer Million Toten aus. "Mein Mann, der zu dieser Zeit Stationsvorsteher war, sah einen Zug in den Bahnhof einfahren, an dem draußen die abgeschlagenen Köpfe von Muslimen baumelten. Mit ihrem Blut hatte jemand 'Das ist Pakistan' an die Außenwand geschrieben", erzählt sie. Sikhs und Hindus, die mit Zügen in die andere Richtung fuhren, erwartete das gleiche Schicksal.
Auch der 74-jährige Satpal Mahajan erinnert sich mit Schrecken an diese Zeit: "Für die 30 Minuten, die es dauerte, um vom neuen Pakistan aus über die Grenze nach Indien zu kommen, hielten wir die Luft an", erzählt er. "Niemand sagte ein Wort. Wir haben nur gebetet."
Zwei Tage zuvor waren sieben Waggons voller Flüchtlinge gestartet, um dieselbe Strecke zu passieren - und wurden attackiert, kein einziger Fahrgast überlebte. "Überall lagen Leichen, Hunderte davon", erinnert sich Mahajan. "Selbst wenn ich einen Weg finden könnte, um diese Szenen zu beschreiben, ich würde die Worte niemals laut aussprechen wollen", sagt er und schüttelt den Kopf.
Sein ganzes Dorf, 5000 Menschen aus Zafarwal, verdanke die erfolgreiche Flucht dem Schutz eines einzigen britischen Offiziers, berichtet er. "Dieser Leutnant schwor, dass er uns mit seinem Leben schützen würde", sagt er. Er habe den Zug bestiegen und dem Fahrer befohlen, "unter keinen Umständen" anzuhalten. "Seine Soldaten postierten sich daraufhin auf den Verbindungsstücken zwischen den Waggons - bereit, ihr Leben zu geben für die Bewohner eines fremden Landes, das sie selbst bereits in wenigen Wochen verlassen würden."
Dann wurde der Zug vor ihnen attackiert, berichtet Mahajan. "Alle starben, aber dank dieses Leutnants und seiner Leute passierte uns nichts. Und dieser Offizier, dessen Namen ich noch nicht einmal kenne, war vielleicht gerade einmal 19 oder 20 Jahre alt", erzählt er.
"Die Muslime waren unsere Freunde"
Während sich in dieser Zeit viele Nachbarn in Pakistan gegeneinander erhoben, gab es aber auch andere, die bei ihren Freunden blieben und sich durch die Notlage noch stärker miteinander verbunden fühlten. Jaswant Singh, ein Sikh, unterstützte damals die Unabhängigkeit Pakistans von den Briten, "die uns wie Ziegen behandelten". Zugleich verabscheute er die Idee, dass die Trennung das indische Volk und die saftig-grüne Punjab-Ebene in zwei Teile spalten würde.
"Die Muslime waren unsere Freunde, wir gingen zu ihren Hochzeiten und sie kamen zu unseren", erzählt er, während er auf seinem Charpoi, dem traditionellen indischen Holzbett sitzt - draußen vor seinem Haus in der Nähe von Amritsar, unweit der Grenze zu Pakistan, wo er auch schon damals vor 60 Jahren lebte.
"Wir glaubten daran, dass Könige kommen und gehen - aber die Menschen bleiben gleich. Also haben wir uns geweigert, uns gegen andere arme Männer zu erheben", sagt er. Aber auch er wird, wie viele andere, von der Erinnerung heimgesucht, der Erinnerung an all das Blutvergießen in dieser Zeit. Eines Tages wurde er von einer Gruppe Sikhs gestoppt, die gerade einige verängstigte Muslime in ihrer Gewalt hatten. Sie zwangen ihn, zu beweisen, dass er ein Sikh sei. Dafür musste er sein langes, ungeschnittenes Haar aus dem Turban lassen.
Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 14.08.2007
Sie haben drei Kriege geführt, die Atombombe gebaut, sie...