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1969

Legendäre Festivals Als der Rock 'n' Roll in die Luft ging


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Echte Fans: Jubelnde Massen bei der Woodstock-Neuauflage von 1994.

Dröhnender Sound, ekstatische Menschenmassen und freie Liebe im Schlamm: Vor 40 Jahren kletterten die Rockbands aus ihren stickigen Kellerclubs und eroberten Feld, Wald und Wiesen. Seit Woodstock schlägt das Herz des Beats unter freiem Himmel. Sogar in der norddeutschen Provinz. Von Werner Theurich


Mag 1969 für viele das Jahr des Aufbruchs nach der großen Studentenrebellion gewesen sein, für mich war es das Jahr von Woodstock. Jimi Hendrix, Santana, Richie Havens, Sly Stone und Crosby, Stills, Nash & Young wurden meine Helden - die Helden des ersten Monster-Open-Air-Rockspektakels.

Die Kunde vom Festival auf Max Yasgurs Farm im US-Bundesstaat New York, das klein und nett sein sollte und das dann durch Mund-Propaganda gigantisch und chaotisch wurde, fand nach und nach ihren Weg bis in die niedersächsische Provinz, wo ich ein rockmusikalisch ödes Leben fristete. Ohne Internet und Musik-TV brauchte so etwas damals seine Zeit, aber wenn Popmusik die Religion ist, der man huldigt, entwickeln sich in jungen Jahren besondere Antennen.

Doch es zog sich noch bis zum Herbst 1970, bevor Woodstock mich mit 16 Jahren vollwuchtig erwischte. "Woodstock" als Film: ein brachiales, stereophonisch brausendes, Split-Screen-seliges Wunderwerk explodierte für mich dann in München, wo ich gerade zu Besuch bei der Verwandtschaft war und "Woodstock" groß annonciert im großen Filmtheater am Odeonsplatz anlief. Das war ein anderes Kino: mit richtig fettem Sound, etlichen Lautsprechern und fantastisch plastischen Klangeffekten, aufregend neu, selbst in der Großstadt. Und es blies mir fast das Teenie-Hirn weg.

Der Gitarren-Gott spielte wie um sein Leben

Dokumentarfilme hatten es in den sechziger Jahren nicht leicht auf der Leinwand, oder anders ausgedrückt: Sie fanden dort kaum statt. Schon gar nicht in dreistündiger Darreichungsform. Mit "Woodstock" in der Regie von Michael Wadleigh wurde alles anders: Binnen kurzen avancierte das cineastische Rock-Werk zum Heiligtum der Jugendkultur, das man mindestens drei bis vier Male gesehen haben musste.

Nicht nur wegen der Party-Passagen (Ten Years Afters "I'm Going Home" oder Santanas "Soul Sacrifice"), auch die bewegenden, fast traurigen Momente faszinierten. Etwa der nur scheinbar kraftvolle Joe Cocker, der schon damals eine eher bedauernswerte, arme Blues-Gestalt abgab, oder Jimi Hendrix, der Momente hochkreativer Gitarrenkunst vor nur noch wenigen Fans zelebrierte - die meisten waren an jenem unwirtlichen Morgen seines historischen Woodstock-Gigs schon auf dem Heimweg.

Woodstock wurde weltweit zur Mutter aller Open-Airs von Roskilde bis Rock am Ring, Glastonbury bis Wacken. Und doch es gab eine grandiosen Vorläufer, bei dem ebenfalls Jimi Hendrix seine flinken Finger im Spiel hatte: Zwei Jahre zuvor gehörte ihm 1967 der heimliche Sieg beim kleineren, aber musikalisch kaum weniger denkwürdigen Festival im kalifornischen Monterey. Mit Pete Townshend von The Who hatte Hendrix die Münze geworfen, um die Headliner-Reihenfolge für die anstehenden Abend-Auftritte auszuknobeln. Der Gitarren-Gott verlor, musste zuerst auf die Bühne und versprach Townshend einen Auftritt, der seinesgleichen suchen sollte. Hendrix hielt Wort, spielte wie um sein Leben, verbrannte seine Gitarre mit erotischem Brimborium - und war fortan Legende. Jeder kennt die Bilder von Hendrix-Performance, der Who-Set wurde nicht entfernt so intensiv wahrgenommen.


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Mord und Totschlag vor der Bühne

Der andere große Sieger von Monterey war Otis Redding. Als Soulstar zwischen lauter Rock- und Folkgrößen eher ein Fremdkörper, lieferte er einen unfassbar intensiven, knackigen, selbstbewussten Auftritt ab, der die schläfrigen Hippies heftigst auf die Beine brachte. Schon damals zeigten sich die enormen Kräfte, die im Zusammenspiel von überraschenden Gegensätzen und der eruptiven Kraft der Festival-Atmosphäre zu herausragenden musikalischen Leistungen führen konnten.

Das Wichtigste aber: Festivals konnten zu politischen, gesellschaftlichen Statements taugen. Woodstock war das große, friedliche Monument der Hippie-Bewegungen, ein historisches Argument für Frieden, Liebe und Verständigung, mitten in Amerikas Verstrickung im Vietnam-Konflikt. Popmusik war zu einer internationalen Kraft geworden, "Woodstock", der Film (ebenso wie das höchst sehenswerte Filmdokument vom "Monterey Pop"), setzte diesem Mythos ein Denkmal. Ganz abgesehen von dem freundlichen Nebeneffekt, dass die Einspielergebnisse des Kinofilms das finanzielle Desaster für die "Woodstock"-Festival-Veranstalter merklich abfederten.

Die Rolling Stones hatten kurz darauf weniger Glück, denn dem Frieden von Woodstock folgte der Schrecken und der Mord vom Altamont Festival. Das Konzert von Mick Jagger & Co im Rahmen des Festivals auf der kalifornischen Speedway-Bahn wurde geprägt von der Gewalt der als Ordnungskräfte angeheuerten Hell's Angels, die nicht annähernd so friedlich und berechenbar agierten wie ihre Ostküsten-Kollegen. Was in Woodstock in der Improvisation gut funktioniert hatte, brachte Chaos und Aggression nach Altamont. Immer wieder wurde das Festival von Schlägereien unterbrochen, beim Auftritt von Jefferson Airplane bekam deren Schlagzeuger Marti Balin Prügel von einem der Biker.

Wenn sich Rocker und Rentner verbrüdern

Während des Stones-Auftritts kam es dann ausgerechnet beim Song "Sympathy For The Devil" zu gruseligen Szenen. Purer Hass ist in der Filmaufnahme zu spüren, als einer der Rocker Stones-Sänger Mick Jagger mitten auf der Bühne von der Seite anstarrt, offenbar von dessen femininer Show angewidert. Das Konzert endet tragisch: Im Publikum erstechen Hell's Angels einen schwarzen Zuschauer - der Mord markiert das endgültige Ende des Summer of Love. Die beklemmende Atmosphäre des Altamont-Festivals ist in dem Film "Gimme Shelter" von Albert und David Maysles festgehalten, einem der besten Rockmusik-Filme aller Zeiten. Er kam ebenfalls 1970 in die Kinos - der düstere Kontrapunkt zur "Woodstock"-Euphorie.

Heute hat das Kino dank des aktuellen Doku-Booms wieder die Kraft, Musikereignisse über den Tag hinaus zu einem Kultereignis zu stilisieren. Das szenige, aber kaum modische Heavy-Metal-Festival, das seit 1990 im schleswig-holsteinischen Bauerndorf Wacken stattfindet, wurde 2006 durch den überraschend erfolgreichen Dokumentarfilm "Full Metal Village" der koreanischen Regisseurin Sung Hyung Cho, in dem schwarzgewandte Metaller für eine Woche das Dorf übernehmen und mit Rentnern und Bauern Brüderschaft trinken, auch beim Mainstream und den Feuilletonisten berühmt.

Wer dachte, dass der Festival-Boom der achtziger Jahre mit Großereignissen wie dem Loreley Open Air oder Rock am Ring längst Geschichte sei, wurde hier eines besseren belehrt: Das Open Air ist und bleibt eine Lebensquelle der Rockmusik.



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Debatte

insgesamt 4 Beiträge zur Debatte
Christian Peirick am 3. März 2009, 12:52
Ahoi werte Hippie Minister

Was soll denn das schnöde "Woodstock"... ?
1969... da war die "Hippiebewegung" schon lange am Ende - wahrscheinlich, weil...

thomas hoffmann am 28. März 2008, 23:06
>Als der Mord beim Altamont-Festival begangen wurde, spielten die Stones nicht "Sympathy for the Devil" (obwohl's schön zur Legende passen würde), sondern...


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