| Haigerloch: Meine Mutter, meine sechs Geschwister und ich kamen bei unseren Verwandten, die Im Haag 19 wohnten, kurzzeitig unter. Das Foto zeigt den Teil des Ortes Haigerloch. |
Schutz vor den Bomben suchen - das wollte die Familie von Herbert E. Schmitt eigentlich. Doch sie kamen ausgerechnet nach Haigerloch. Dort forschten Heisenberg und Co. unter der Schlosskirche an der Atombombe. Und die Amerikaner wussten das.
Haigerloch, eine kleine Stadt im Zollernalbkreis mit heute knapp 11.000 Einwohnern, war von Dezember 1944 bis Oktober 1945 Zufluchtsort meiner Familie. Unsere Heimatstadt Neunkirchen an der Saar war wegen der kriegswichtigen Industrie oft Ziel von Bombenangriffen. Deshalb wollte mein Vater meine Mutter und uns sieben Kinder an einen "sicheren" Ort bringen - und das war Haigerloch. Unsere Verwandten hatten dort ein geräumiges Haus mit genug Platz auch für uns.
Das Haus Im Haag Nr. 19, in dem wir fast ein Jahr lang wohnten, lag schräg gegenüber der 1938 geschändeten Synagoge und dem jüdischen Friedhof. Meine Recherchen 2005 ergaben, dass der Ortsteil Haag früher der jüdische Teil Haigerlochs war. Die einstigen Bewohner "unseres" Hauses waren 1941/42 deportiert und ermordet worden. Unser "Onkel" Fritz war ein fanatischer NS-Anhänger, so ist zu vermuten, dass er das Haus günstig "arisiert" hatte. Ein paar Details dazu erfuhren wir aber erst nach Kriegsende.
Bei unserem Umzug war ich knapp drei Jahre alt. Verständlicherweise habe ich daher an diese Zeit nur fragmentarische Erinnerungen und zwar immer im Zusammenhang mit einem außergewöhnlichen oder schmerzhaften Ereignis. Einiges darüber haben mir meine älteren Geschwister erzählt. So sehe ich mich heute noch mit einer Gruppe am Fluss, der Eyach, entlang gehen, als plötzlich Tiefflieger auf uns zukamen. Alle flüchteten sich in den Straßengraben, nur ich Knirps stand plötzlich allein da, links und rechts von mir schlugen MG-Geschosse ein. Dann sprang ein Mann auf und zog mich ebenfalls in Deckung.
Geheimprojekt unter der Schlosskirche
Anfang 1945 war Haigerloch nicht mehr ganz so friedlich, wie meine Eltern gehofft hatten. Den Alliierten war bekannt, dass im Winter 1943/44 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik von Berlin hierher ausgelagert worden war. In dem ehemaligen Bierkeller unter der Schlosskirche wurde im Geheimen am Uranprojekt gearbeitet - die Kernspaltung sollte den Bau der Atombombe ermöglichen. Die Amerikaner überschätzten die Erfolge der Deutschen um Prof. Heisenberg und marschierten später als erste in Haigerloch ein, obwohl dieses Gebiet laut den Abmachungen der Jalta-Konferenz vom Februar 1945 französische Besatzungszone war. Das Spezialkommando "Operation ALSOS" beschlagnahmte alle Aufbauten des provisorischen Labors und verhaftete die Wissenschaftler. Haigerloch war daher in den letzten Kriegsmonaten das Ziel heftiger Fliegerangriffe.
Bei Fliegeralarm suchten alle Schutz im Bahntunnel Richtung Stetten. Doch es kam vor, dass es meine Mutter mit uns Kleinen nicht mehr rechtzeitig schaffte. Dann brachte sie uns zum Judenfriedhof und legte eine Decke über uns. Das war wohl eher eine psychologische Maßnahme.
Am 20. April ("Führers Geburtstag") marschierten die Amerikaner ein. Wir saßen in einem Felsenkeller und sahen durch die Luken die Panzer in die Stadt einfahren. Als wir nach Hause kamen, sahen wir, dass die Scheune am Nachbarhaus brannte und erfuhren, dass unser "Onkel" Fritz die Soldaten beschossen hatte und die Stadt offensichtlich allein verteidigen wollte! Als die Panzer das Feuer erwiderten, trafen sie die besagte Scheune. Am nächsten Morgen wollten die Nachbarn Fritz ans Fell, doch der hatte sich schon aus dem Staub gemacht. Seine Frau und die Kinder wurden gezwungen, das Haus zu verlassen. Ihre Habseligkeiten durften sie auf einem Handwagen nach Vöhringen mitnehmen, dem Heimatort von Tante Käthe. Einem Gerücht zufolge beging Fritz später Selbstmord.
Mit Holzgewehr gegen die Amerikaner
In der nächsten Nacht umstellten schwer bewaffnete Soldaten das Haus, die den PG Fritz verhaften wollten. Da unser Vater der einzige Mann im Haus war, wollten sie ihn mitnehmen. Zum Glück konnte ein Dolmetscher den Irrtum klären. Von Bewaffneten umringt, standen alle vor dem Haus, eine angespannte Situation. Und dann der nächste Schreck: Die Tür öffnete sich, und es erschien ein Gewehrlauf. Dazu ertönte ein Geräusch wie von einer Schusswaffe - es war mein Bruder Jürgen, 4-jährig, mit einem Holzgewehr und einer Ratsche! Ich glaube, er hatte das Ding zu Weihnachten bekommen.
Jürgen und ich waren zu klein, um den Ernst der Situation zu erkennen. Für uns war es einfach eine aufregende Zeit, das Haus war voller Überraschungen, und wir erlebten viele Abenteuer - nicht immer zur Freude unserer Eltern. In dem Haus gab es nur eine Toilette, die wohl mit dem Ausdruck "Donnerbalken" korrekt beschrieben ist. Das Haus stand an einem steilen Hang, und auf der Hangseite war außen ein etwa 5-6 Meter hoher Holzverschlag angebracht, durch den die Fäkalien einfach nach unten geleitet wurden. Eine Kanalisation gab es nicht.
Diese Toilette hatte es mir angetan. Mir ist in Erinnerung, dass ich einmal meine Hose in den Schacht geworfen habe, bestimmt war es meine einzige. Das Ergebnis war eine gehörige Tracht Prügel. Ein anderes Mal war es dann unsere Katze, die den Sturz durch den Schacht in die Kloake zwar überlebte, dies aber bestimmt nicht lustig fand, so wenig wie das anschließende Abspritzen mit dem Wasserschlauch. Mein Bruder und ich jauchzten vor Vergnügen beim Zusehen. Ich weiß es nicht mehr, bin mir aber sicher, dass auch diese Tat "ernste" Folgen für mich hatte.
Nahrungsmittelorganisation und Care-Pakete
Die offizielle Lebensmittelzuteilung war sehr bescheiden, und so mussten die älteren Geschwister bei Bauern in den umliegenden Dörfern um Lebensmittel betteln, besonders um Milch für uns Steppkes, natürlich alles zu Fuß. Von der Militärverwaltung waren zwei Russen und zwei Polen bei uns eingewiesen worden, von den Amerikanern befreite Zwangsarbeiter. Diese hatten leichten Zugang zu allen möglichen Waren, besonders zu Lebensmitteln, die wir dringend benötigten. Die Nahrungsmittel, die sie horteten, wiesen daher einen relativ hohen "natürlichen Schwund" auf.
In der Nähe unseres Hauses waren auch Slowenen einquartiert, die regelmäßig mit Care-Paketen versorgt wurden. Sie überließen uns hin und wieder Lebensmittel, ohne die es für uns schlecht ausgesehen hätte. Als Gegenleistung übernahm unsere Mutter Näh- und Flickarbeiten.
Unsere Eltern wollten nun bald zurück in die Heimat. Im Sommer wurde 2-3 Mal in der Woche einer von den Älteren zum Salzbergwerk nach Stetten geschickt, um sich bei der Verwaltung zu erkundigen, ob und wann ein Lkw aus dem Saarland erwartet wurde. Mit dem wollten wir dann zurückfahren.
Odyssee zurück nach Hause
Im Oktober 1945 war es endlich so weit. Die Odyssee begann mit einer Fahrt auf einem Lkw, der so hoch beladen war, dass man ständig Angst hatte, dass er umkippt. Damit kamen wir mühsam bis Stuttgart. Danach ging es weiter im Güterzug bis Mannheim, aber da dort alle Brücken zerstört waren, kamen wir nicht über den Rhein. Also fuhren wir immer weiter rheinabwärts, bis wir in Mainz-Bischofsheim einen Pontonübergang der Amerikaner mit einem Eisenbahngleis fanden. Wir bestiegen einen Zug, der mit Kohlengrus beladen war: Erwachsene, Kinder, ein Handwagen und jede Menge Gepäck. Als der Zug in der Mitte der Brücke war, riss eine Kupplung, und der Zug teilte sich. Wir saßen natürlich auf dem hinteren Teil. Dieser rollte langsam wieder zurück, und wir mussten runter von dem Wagen. Alle sahen aus wie Bergleute nach der Schicht.
Am späten Nachmittag fand Vater endlich einen hilfsbereiten Mann, der uns mit seinem Malerkarren zum Bahnhof nach Mainz-Gustavsburg brachte. Es hieß, dass von dort ein Zug mit defekten Waggons nach Saarbrücken gehen würde. Wir saßen alle müde und frierend auf dem Bahnsteig, als Hannelore plötzlich anfing zu weinen. "Ich habe doch Geburtstag, und kein Mensch hat daran gedacht!" Da gratulierten ihr alle zum 10., ein Geschenk hatten wir aber nicht. Doch dann fand einer auf dem Bahnsteig einen Beutel aus einem Care-Paket. Darin war so etwas wie Maggiwürze oder Bouillonpulver. Vater ließ sich an einer Lok heißes Wasser geben, der Fund wurde eingerührt, und so hatten wir wenigstens etwas Warmes zu trinken.
Gegen 5 Uhr morgens kam wirklich ein Zug, der mit Eisenplatten beladen war. Einer der Waggons aber war nicht ganz voll, dort hinein schaffte Vater die ganze Gesellschaft. Zusammen mit anderen Familien kamen wir nach einer langen Fahrt in Neunkirchen an, glücklich, wieder zu Hause zu sein. Wir fanden unsere Wohnung unzerstört vor, allerdings wohnten Nachbarn darin, die bei einem der letzten Bombenangriffe alles verloren hatten.
Haigerloch war nur noch Erinnerung, und es sollte mehr als 60 Jahre dauern, bis ich die Straße Im Haag wieder sah.
Zehntausende Menschenleben wurden auf einen Schlag...