Über einestages

1924

Kindheit in Westpommern Erinnerung an das Paradies


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Handwerker-Pause: Günter Werks Großvater vor dessen Stellmacher-Werkstatt 1928 auf dem Hof der von Germars in Stolzenfelde, rechts daneben der Sohn der Gutsfamilie.

Geheimnisvolle Dachböden, selbstgeschnitzte Holzschwalben und ein scheintotes Huhn: Die Jahre bei den Großeltern im westpommerschen Stolzenfelde waren für Günter Werk voller Abenteuer. Bis die unbeschwerte Kindheit im Juni 1942 abrupt endete.


1924 wurde ich im westpommerschen Stolzenfelde geboren. Zehn Jahre zuvor hatte der Erste Weltkrieg begonnen, seit fünf Jahren galt er durch den Versailler Vertrag offiziell als beendet. Die Mutter war bei meiner Geburt zwanzig Jahre alt. Vater, Jahrgang 1899, arbeitete als Schneidergeselle in Arnswalde, der 6,5 Kilometer entfernt liegenden Kreisstadt. Der spätere Umzug nach Arnswalde ist eine meiner ersten Erinnerungen. Unser Hab und Gut hatten wir auf einen klobigen Ackerwagen, einen Einspänner, gepackt. Vielleicht hatte ihn mein Großvater gebaut. Möglich wäre es, denn er war Stellmachermeister auf dem Gut der von Germars.

Nach dem Umzug wurde Stolzenfelde meine zweite Heimat. Die Erinnerungen an Stolzenfelde gehören zu den schönsten meines Lebens. Die Fahrt von Arnswalde mit dem kleinen Postauto kostete 50 Pfennig, später nahm ich das Fahrrad. Meine ganze Kindheit hindurch fuhr ich so oft es ging nach Stolzenfelde und besuchte meine Großeltern, die dort mit drei anderen Familien in einem Reihenhaus lebten. Es war ein Arbeiterhaus für die Familien des Gutes, die Deputaten. Die Männer waren Herrschaftskutscher, Schmiede- oder Melkmeister.

Auf Großmutters Sofa war immer Platz für mich zum Übernachten. Wenn ich abends dalag, den Kopf auf den Arm gestützt, erzählte mir mein Opa viele Geschichten. Unvergessen bleibt mir das große Bild mit dem Schlachtschiff "SMS Deutschland" der Kaiserlichen Marine hinter ihm an der Wand. Es war eine Erinnerung an meinen Onkel Bernhard, der 1916 die Seeschlacht am Skagerrak er- und überlebt hatte.

Warum bloß streute Oma Sand auf Backsteine?

Auf dem Dachboden des Hauses fand ich Schätze aus einer anderen Zeit: das umfangreiche Lexikon, zwölf Bände, mit vielen Landkarten; alte Briefe; vergilbte Zeitungen; Musikinstrumente, die nicht mehr benutzt wurden, eine Harmonika, eine Zither, eine Geige, eine Flöte. Und im Schornstein hingen der Schinken und die Würste.

Meine Großeltern waren weitgehend Selbstversorger. Das Brot backte meine Großmutter noch selber. Sie karrte die wohlgeformten Brotlaibe mit der klobigen Schubkarre zum Dorfbackhaus, wo auch andere Frauen warteten, bis sie an der Reihe waren. Manchmal half ich meiner Großmutter beim Buttern. Es dauerte lange, bis aus der Milch endlich Butter wurde. Später machte die Zentrifuge von Miele alles viel einfacher. Dabei fällt mir eine Eigenart meiner Oma ein: Jeden Samstag streute sie feinen weißen Sand auf die Backsteine im Flur. Warum tat sie das? Ich weiß es nicht mehr.

Im Winter wurde ein fettes Schwein geschlachtet - eins von vielen - was ein besonderes Erlebnis für uns war: Unter viel Gequieke wurde es festgebunden. Der Metzger schlug eine schwere Axt gezielt auf den Kopf des armen Tiers. Das Blut wurde in Eimern aufgefangen. Kurze Zeit später hing es an einem großen Baum, aufgeschlitzt und halbiert. So ging es emsig fort, bis es ganz in Teile zerlegt war. Winterzeit war im Übrigen auch Hammelzeit, da kam auch der so genannte Deputatenhammel an die Reihe, ein Hammel, der jedem Deputaten als Teil der Entlohnung zustand.

Tot sah er aus wie lebend
Mein Opa betätigte sich im Sommer nach Feierabend als Imker. Ich erinnere mich an zwölf Bienenstöcke im hinteren Teil des kleinen Gartens direkt an der Dorfmauer, aber meine Mutter erzählte, dass er früher bis zu 50 Bienenvölker betreut hatte. Den Honig verkaufte er. Außerdem schnitzte mein Großvater. Es waren wohl die vielen Schwalben, die im Sommer unter dem Dach nisteten, die ihn dazu inspirierten, kleine Holzschwalben zu schnitzen, um sie danach zu verschenken. Mir aber schenkte er einen selbstgebauten, sehr robusten Rodelschlitten!

Wenn ich meinen Opa in seiner Stellmacher-Werkstatt besuchte, kam ich an einem großen Schafstall vorbei. Die Schafe standen auf dem aufgehäuften Mist fast bis an die Decke. Mein Opa wurde alt und schwerhörig, kein Wunder bei dem Höllenlärm in der Werkstatt. Aber was er nicht hören sollte, hat er gehört, sagte man. Eines Nachmittags legte er sich für ein kurzes Nickerchen hin, aus dem er nicht mehr aufwachen sollte. Er war der erste Tote, den ich sah, mit seinem Gesicht und seinem Schnurrbart - wie zu Lebzeiten.

"Help god unde maria"

Die alten Kastanienbäume im Ort sollen heute noch stehen, ebenso mein Geburtshaus, Freunde haben es mir bestätigt. Überhaupt, die Kastanienbäume! Die vielen Geschichten, die man uns erzählte, wenn wir uns an lauen Sommerabenden darunter versammelt hatten! Im Herbst, wenn sie ihre Früchte fallen ließen, zahlte der Förster eine Reichsmark für den Zentner und ich sammelte immer emsig mit.

Gegenüber lag der Kuhstall, in dem auch die Kühe meiner Großeltern und meiner Tante Meta standen. Neben dem Hammel, ausreichend Brennholz und einem Stückchen Land zum Bebauen stand den Deputaten nämlich jeweils auch eine Milchkuh zu, die alle zusammen in diesem Gemeinschaftsstall untergebracht waren.

Von den Kastanienbäumen aus konnte der Blick ungehindert bis zur Klapper wandern, das war ein großes, rechteckiges Stück Metall, das mit einem Klöppel geschlagen wurde und im ganzen Dorf zu hören war. Das Geklappere kündigte den Beginn der Arbeit, die Vesper zu Mittag und den Feierabend an. Oberhalb davon, nicht sichtbar, lag die alte Dorfkirche. Ob die älteste Glocke von Stolzenfelde heute noch läutet? Sie wurde noch mit dem hängenden Seil zum Schwingen gebracht. Ihre Inschrift lautete "Help god unde maria. s. anna andreas ingerman, ANNO MDXXV”.

Mit der JU 52 auf Elternbesuch

Christoph von Germar, den Gutsbesitzer, und seinen Inspektor Blümke sah ich nur auf ihren Pferden. Ich erinnere mich, dass der gnädige Herr keine Hühner mochte. Deshalb wurde am Dorfende extra ein Zaun angelegt, um sie von seinem Acker fernzuhalten. Der haushoch aufgehäufte Edelmist unmittelbar vor der Stellmacherei meines Großvaters konnte vom höher gelegenen Herrschaftshaus auch gesehen werden, der störte aber offensichtlich nicht, denn er lag Jahre, bis er endlich auf den Feldern verteilt wurde.

Im Hochsommer mussten alle bei der Getreideernte helfen. Milchkannen wurden mit Pumpenwasser gefüllt und Becher daran gehängt, bestimmt für die durstigen Erntearbeiter und -arbeiterinnen. Dort wo das Postauto auf der Durchfahrt nach Reetz hielt, stand immer noch die Schnitterkaserne, wo vor dem Weltkrieg die polnischen Erntearbeiter untergebracht worden waren, die kamen jetzt aber nicht mehr. Viele Jahre später landete eine JU 52 auf einer der Wiesen - ein Bauernsohn besuchte seine Eltern.

Mein Onkel Herrmann war Gutsgärtner. Er bewohnte mit seiner Familie ein neu erbautes Haus. Dort, im Schweinestall, gewann mein Vater eine Wette, es ging um 20 Hühnereier. Er hatte behauptet, ein Huhn so hinlegen zu können, dass es sich nicht mehr bewegen konnte. Keiner glaubte ihm und so stand die Wette. Mein Vater muss es in seiner Jugendzeit von seinem Vater abgeschaut haben, jedenfalls ging alles sehr schnell: Er packte das Huhn und presste dessen Flügel an den Körper. Schon lag es auf dem Rücken und bewegte sich überhaupt nicht mehr – und mein Vater hatte 20 Hühnereier gewonnen!

Aus mir wurde eine Nummer, aus Stolzenfelde Stradzewo

Am 3. September 1939, es war ein Sonntag, erklärte England den Deutschen den Krieg. Tante Meta sagte zu uns Jungs: "Bis ihr rankommt, ist der Krieg zu Ende." Es kam alles anders.

Im Juni 1942 fuhr ich ein letztes Mal mit dem Rad nach Stolzenfelde und verabschiedete mich für immer. Ich wurde zu einer Nummer: Mir wurde eine Erkennungsmarke zugeteilt mit der Aufschrift "A 5/Pz Ers. Abt. 10 671". Schon im nächsten Jahr eine andere Nummer in Norfolk, USA: 8WG - 54049 und drei Jahre später wieder eine andere Nummer: AA 013 334, verpasst von der BAOR, der British Army over Rhine. Um sie nicht zu vergessen, schrieb ich alle in eine Bibel von der American Bible Society, erschienen 1816 in New York.

Ein stattlicher, slawischer Geschichtsteppich überrollte 1945 wie ein Rache-Engel mit Brachialgewalt meine Heimat und aus Stolzenfelde wurde Stradzewo.


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