| Die Netze: In dem kleinen pommerschen Ort Brenkenhofsbruch im Netzetal verbrachte Günter Werk seine Sommerferien bei seinen Großeltern. Gern spielte er am Ufer der Netze. In dem Fluss tummelten sich Aale, Plötzen, Schleie, Barsche und Hechte. |
Als Kind verbrachte Günter Werk seine Sommerferien bei den Großeltern in dem kleinen Ort Brenkenhofsbruch in Pommern. Besonders liebte er seinen furchtlosen Großvater, der mit entblößtem Hinterteil einen Kettenhund zu zähmen wusste. Doch der Mut bewahrte den Großvater nicht vor den Schrecken des Krieges.
Im Sommer 1929 fuhr ich, in einem Blechsitz auf der Querstange des väterlichen Drahtesels hockend, von Arnswalde ins Netzebruch, wie die pommersche Region am Unterlauf der Netze hieß. Ich war fünf und durfte zum ersten Mal meinen Großvater Otto Werk besuchen. Es war eine beschwerliche Fahrt, es ging über Feldwege, vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Aber es war alles nicht so schlimm, denn wir hatten ja eine Erfrischung dabei: eine Tüte Süßkirschen! Es war meine erste Fahrt nach Brenkenhofsbruch im Netzetal, ihr sollten unzählige weitere folgen!
Bereits drei Jahre später fuhr ich schon ohne Begleitung nach Brenkenhofsbruch, mit der Kleinbahn, deren Schienen noch auf Schmalspur eingestellt waren. Ich durfte die Sommerferien bei den Großeltern verbringen. Die Dampflokomotive zog die Waggons gemächlich bis zur Endstation, Friedeberg-Ost.
Es folgte ein langer Fußmarsch auf dem Damm der Netze - feste Straßen gab es noch nicht - bis zum Altarm des Flusses. Auf der anderen Seite tauchte bald der Kirchturm von Gottschimm auf und in weiter Ferne konnte man Driesen erkennen. Dann erreichte ich die Pflaumenbaum-Allee und etwas abseits des Weges das reetgedeckte Haus meiner Großeltern mit seinem Blitzableiter.
In der Stube glänzte die Kaiserfamilie
Auf der Südseite des Hauses lag ein großer Bauerngarten, gegenüber davon der Kuhstall mit zwei Kühen und der Schweinestall, der Misthaufen, eine neue Scheune, das Plumpsklo und die Hundehütte von Trolly. Der Ziehbrunnen mit dem köstlichen Wasser lag im Schatten des ausladenden Walnussbaumes. Die nächsten Nachbarn waren weit weg.
Eine Weide gab es nicht, frisches Grünfutter wurde mit der klobigen Schubkarre direkt von der benachbarten Wiese geholt. Weit genug entfernt vom Haus, hinter vielen Obstbäumen und Sträuchern, stand der gemauerte Backofen. Der allerdings hatte bereits ausgedient. Jetzt klingelte einmal in der Woche auf dem Hauptweg der Bäcker auf der Durchfahrt und brachte frisches Brot.
Das Haus selbst hatte drei große Zimmer, eine geräumige Speisekammer, drei große Kachelöfen und eine kleine, dunkle Küche mit Feuerstelle. In der Wohn- und Schlafstube stand der Schneidertisch mit Nähmaschine. An der Nordseite lag eine kleine Stube, daneben die Kammer mit Außentür, in der im Sommer die Johannisbeeren zu Wein verarbeitet wurden. In der guten Stube, kaum genutzt, glänzte das gerahmte Foto der Kaiserfamilie.
Wie Opas nackter Hintern einen Kettenhund zähmte
Meine Oma molk die Kühe, stellte Butter her und verkaufte sie. Oma versorgte auch Schweine, Ferkel, Hühner und das Lamm Hansi. Und sie konnte kochen! Wie ein Festessen begrüßten wir die ersten Frühkartoffeln mit Sahnehering. Eine andere Spezialität des Hauses waren ihre Bratwürste. Sie wurden nach dem jährlichen Schlachten hergestellt und geräuchert. Der Geschmack war einmalig. Sehr selten nur schaffte es eine Bratwurst bis zu uns nach Arnswalde!
Mein Großvater war furchtlos und einfallsreich. Ich erinnere mich an eine Wette: Ein Bauer hatte einen bissigen Kettenhund und Opa sollte ihn in seine Hütte treiben. Unerwartetes geschah: Er zog seine Hosen herunter, entblößte kurzerhand seinen Hintern, kniete nieder und kroch langsam rückwärts an den Hund heran, woraufhin der leise winselnd in seiner Hütte verschwand.
Auch das war mein Opa: Es muss um 1910 gewesen seien. Das Problem, das mein Vater mit seinem Lehrer hatte, schien unlösbar wie ein gordischer Knoten. Mein Opa versuchte, es auf seine Weise aus der Welt zu schaffen: Er wurde handgreiflich und verdrosch… den Lehrer! Aber Großvater schrie selbst bald lauthals um Hilfe und alle wunderten sich später, dass es kein gerichtliches Nachspiel gab.
Opa lass Luft raus: Notoperation im nächtlichen Stall
Im Hochsommer war Erntezeit. Das Kornfeld Eschwerder war größer als ein Fußballplatz. Mein Opa mähte mit der Sense, die er immer wieder dengelte. Meine Oma und ich bündelten das Gemähte zu Garben und stellten die Mandeln auf, also Bündel zu jeweils zwölf Garben. Danach wurde das Korn bei einem befreundeten Bauern gedroschen. Trotz der vielen Arbeit: Der Mittagsschlaf, unterm Apfelbaum oder in der Scheune, war ein Muss, denn die Tage waren lang und endeten erst spät im Dunkeln - nicht jedoch, bevor wir uns vor dem Haus die Füße gewaschen hatten.
Die Nachbarskinder Willi und Walter Ladewig waren meine Spielkameraden. Von ihnen lernte ich, barfuss über ein Stoppelfeld zu laufen. In Opas dunklem Schuppen mit Brennholz und Briketts spielten wir mit viel Geschrei das Suchspiel "Wasser - Feuer - Kohle" und auf unebenen Feldwegen veranstalteten wir Wettrennen mit ausgedienten Fahrradfelgen, die wir mit einem leicht gekrümmten, dünnen Haselnusszweig antrieben.
Eines Nachts weckte uns Nachbar Brüning. Er brauchte Hilfe. Seine Kuh lag mit aufgeblähtem Leib im Stall, der nur spärlich durch eine Stalllaterne beleuchtet war. Was tun? Telefon gab es nicht und der Tierarzt wohnte in weiter Ferne. Entschlossen nahm mein Opa die Sache in die Hand: Er verlangte ein dünnes, langes Metallröhrchen, das man nach aufgeregtem Suchen sogar fand. Mit einem Fäustling trieb mein Opa das Röhrchen durch die dicke Kuhhaut. Wie durch ein Wunder entwich die Luft und die Kuh überlebte den Eingriff.
Von schwarzer Magie und Zauberei
Dann war da noch die Netze und ihr Altarm, ein stehendes, dunkles Gewässer mit vielen Fischen: Aale, Plötzen, Schleie, Barsche und Hechte. In der starken Strömung der Netze schwammen Zander. Opas Angelgerät war jederzeit greifbar, aber der Fang meist spärlich. Einmal besuchten wir Verwandte auf einem Netzekahn. Sie arbeiteten nicht nur auf dem Kahn, sondern lebten auch darauf, das war eine ganz andere Welt.
Wir konnten zwar schwimmen, aber die Netze war tückisch mit ihren vielen Buhnen. Während der Kaiserzeit war ein Bruder meines Vaters ertrunken. Nach drei Tagen ergebnislosen Suchens war mein Opa auf das Reetdach seines Hauses geklettert und hatte den Namen meines Onkels in den Schornstein gerufen. Das half, danach fand man ihn.
Es gab nicht selten schwere, anhaltende Sommergewitter. Dann saßen wir in der Stube und im Halbdunkel wurde getuschelt, etwa über das Siebte Buch Mose mit seinen Zauberkräften und mit unheimlichen Auswirkungen auf verwünschte Häuser. Trolly verkroch sich ängstlich unter dem Bett, aber die Blitze verschonten uns immer.
Ein kleines, stilles Leuchten…
Im Juni 1942 besuchte ich Brenkenhofsbruch ein letztes Mal, wieder mit dem Fahrrad. Es sollte ein Abschied für immer werden. Auf der Rückfahrt traf ich den Vetter meines Vaters. Er war auf Fronturlaub, kam gerade aus Russland, wo er als Angehöriger einer SS-Kampfeinheit stationiert war. Vor Angriffen, so erzählte er, bekämen sie immer eine gehörige Portion Schnaps.
Die unheilvolle Zukunft war zum Greifen nah und bald war sie Gegenwart: Die Westverschiebung Polens machte aus Brenkenhofsbruch, dem Ort, dem einst Balthasar von Brenkenhoff, der Kolonisator des Netzebruchs, seinen Namen gegeben hatte, "Blotno", und aus Gottschimmerbruch "Goscimiec". Der Vetter meines Vaters hat den Krieg nicht überlebt. Otto Werk, mein Großvater, geboren am 4. Dezember 1870, wurde am 25. Februar 1945 massakriert. Er ruht begraben in einem Massengrab vor der Kirche von Goscimiec.
Heute denke ich an die Vergangenheit und mir fallen die Verse Conrad Ferdinand Meyers ein: Was kann ich für die Heimat tun, Bevor ich geh im Grabe ruhn? Was geb ich, das dem Tod entflieht? Vielleicht ein Wort, vielleicht ein Lied, Ein kleines, stilles Leuchten!
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