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Musiker Nile Rodgers "Mir war früh klar, dass ich nicht zum Star tauge"


Wie verändert sich im Laufe der Jahre der Blick aufs Leben? In der Rubrik "Mit 17 hat man noch Träume" befragt der KulturSPIEGEL jeden Monat einen Star nach seinen Jugendsünden - und Träumen. Dieses Mal: der Chic-Gitarrist und Produzent Nile Rodgers, 59, über Hits, Facebook und sein Leben mit dem Krebs.


Courtesy of Nile Rodgers/Getty Images
Musiker Nile Rodgers im Alter von 15 Jahren im elterlichen Garten und links 2009 auf einer Pressekonferenz



KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Rodgers: Ich träumte davon, mit meinen eigenen Songs eines Tages so viel Erfolg zu haben, dass ich davon leben kann. Gleichzeitig wollte ich die Welt verändern. Deshalb war ich Mitglied der Black Panther. Tagsüber zogen wir los und versorgten Kinder mit Essen oder halfen, Wohnungen zu renovieren. Nachts spielte ich mit allerlei Bands in den New Yorker Clubs, die mir eine Bühne boten. Ich habe lange versucht, mein Interesse für Politik und Musik zu gleichen Teilen zu verfolgen, aber als ich mit Chic groß rauskam, klappte das nicht mehr.

KulturSPIEGEL: Sie waren erfolgreich und einflussreich mit ihrer Disco-Band Chic ("Le Freak"), und Sie waren als Produzent an Welthits von Madonna ("Like a Virgin") und David Bowie ("Let's Dance") beteiligt. Trotzdem ist Ihr Name nicht berühmt. Haben Sie das Rampenlicht bewusst gemieden?

Rodgers: Selbstverständlich! Mir war früh klar, dass ich nicht zum Star tauge. Mir fehlt die Aura, die zum Beispiel Lenny Kravitz oder David Bowie haben. Eine Zeitlang rief mich regelmäßig Madonna an, um mir Ernährungstipps zu geben, wie man richtig frühstückt und so weiter. Nichts Besonderes eigentlich, aber ich war beeindruckt. Von mir würde keiner wissen wollen, was er essen soll. Aber ich war immer sehr glücklich im Hintergrund. Es ist ein freieres und entspannteres Leben, wenn man nicht unter Dauerbeobachtung steht.

KulturSPIEGEL: Vor gut einem Jahr wurde bei Ihnen Krebs diagnostiziert. Wie radikal ändert das den Alltag?

Rodgers: Ich hatte gerade das Manuskript für meine Memoiren "Le Freak" abgeliefert, die Bilanz meines Lebens gezogen und war glücklich, als zwei Tage später mein Arzt anrief, mich bat, mich hinzusetzen, und mir mitteilte, dass ich eine besonders aggressive Form von Krebs habe. Ich stand wirklich unter Schock und wusste anfangs nicht, wohin mit mir. Was mir half, war, mit so vielen Menschen wie möglich darüber zu reden. Und zwar rund um die Uhr. Die sozialen Netzwerke haben mir dabei unendlich geholfen.

KulturSPIEGEL: Im Internet führen Sie eine Art öffentliches Krebstagebuch namens "Walking on Planet C". Hilft das?

Rodgers: Das war meine Rettung. Toll ist doch, dass fast auf der ganzen Welt Englisch gesprochen wird. Ich habe seit meiner Kindheit schwere Schlafstörungen, wache ungefähr alle zwei Stunden auf. Wenn ich heute in der Nacht aufstehe, weil ich nicht mehr schlafen kann, setze ich mich an meinen Computer und kommuniziere mit Freunden in der ganzen Welt. Irgendwo ist immer einer wach. Wenn in New York Nacht ist, kann ich mich mit jemandem in Malaysia austauschen. Diese Erkenntnis hat mein Leben seit der Diagnose enorm verbessert.

KulturSPIEGEL: Beruhigt das nur die Seele, oder erhalten Sie auch nützliche Tipps?

Rodgers: Beides. Zum Beispiel hat mich jemand via Facebook kontaktiert, der exakt denselben Krebstyp hat wie ich. Der schrieb mir einerseits, wie sehr ihm mein Blog über die Krankheit in finsteren Stunden geholfen hat, andererseits konnten wir uns konkret über die Krankheit unterhalten.

KulturSPIEGEL: Lenken Sie sich mit Musik von der Krankheit ab?

Rodgers: Wenn es mir nicht gutgeht oder ich nicht schlafen kann, spiele ich Gitarre. Ohne meine Lieblingsgitarre, die ich "Hitmaker" nenne und auf der ich viele meiner Hits schrieb, gehe ich nirgendwo hin. Die liegt jede Nacht neben mir im Bett, und wenn ich auf Reisen bin, ist die auch immer in Reichweite. Im Flugzeug buche ich sogar einen Platz für sie. Meine Ärzte haben auch gesagt, dass die Beschäftigung mit Musik tatsächlich eine heilende Wirkung haben kann. Mich von Musik durchs Leben tragen zu lassen, war immer mein Traum, und daran hat sich nichts geändert.

Nile Rodgers' erste fünf Chic-Alben, die besten seiner Karriere, sind in der Box "Original Album Series" (Rhino) vor kurzem neu aufgelegt worden.

Das Interview führte Christoph Dallach




Das Interview erschien im aktuellen KulturSPIEGEL:
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Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 27. Februar 2012.


Debatte

insgesamt 2 Beiträge zur Debatte
Jan Hillejan am 1. Februar 2012, 23:09
Stimme voll zu! Ich finde es aber trotzdem schön mal über ein aktuelles Interview mit Nile Rodgers zu stoßen.
Allerdings habe ich mir beim Lesen des Teasers...

stefan maass am 1. Februar 2012, 15:29
Nile Rodgers - nicht berühmt ? Ich bin überzeugt, dass man seine Riffs noch in 400 Jahren auf allen Dancefloors hören wird ! Niemand hat je mehr aus einer...


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