Als in Bonn vor zehn Jahren zum ersten Mal Heroin unter ärztlicher Aufsicht an Süchtige ausgegeben wurde, rechneten alle mit einem Ansturm von Abhängigen. "Doch es kam niemand", sagt Christoph Dilg. Bei einestages erinnert sich der Arzt an die schwierigen Anfänge des Modellprojektes - und die Schicksale dahinter.
Wenn man so will, war Bonn vor genau zehn Jahren noch einmal kurz die Hauptstadt Deutschlands. Es ging zwar nicht mehr um die ganz große Politik, aber um ein Politikum: Zum ersten Mal in der Geschichte der Republik wurde an Drogenabhängige unter ärztlicher Aufsicht Heroin ausgegeben.
"Heroingestützte Behandlung Opiatabhängiger" hieß das bundesweite Modellprojekt, das an diesem 27. Februar 2002 in der Heroinambulanz Bonn startete und das der Rot-Grünen Bundesregierung so wichtig war, dass sie es schon 1998 in die Koalitionsvereinbarung hatte schreiben lassen. Der Modellversuch sollte in den nächsten zwei Jahren die Frage beantworten, ob das künstliche Heroin Diamorphin wirksamer zur Verbesserung der Lebenssituation von Schwerstabhängigen beiträgt als der Ersatzstoff Methadon.
In der Bonner Politik hatte man sich zuvor eine andere Fragen gestellt: Wer sollte das bezahlen? Nur mit knapper Mehrheit war die Teilnahme am Projekt vom Stadtrat beschlossen worden. "Auch in den Jahren danach stand die Finanzierung der Ambulanz regelmäßig auf der Kippe", erinnert sich Christoph Dilg, der das Projekt von Anfang an als Arzt begleitet hat.
einestages: Herr Dilg, vor zehn Jahren wurde in Bonn die erste Heroinambulanz Deutschlands eröffnet. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung kam vorbei, die Zeitungen waren voll mit dem Thema. Wie haben Sie den Ansturm der Abhängigen bewältigt?
Dilg: Es gab keinen. Wir saßen in den ersten Wochen und Monaten in unserem sogenannten Rekrutierungsbüro im Bonner Gesundheitsamt und warteten, dass man uns die Bude einrennen würde.
einestages: Aber niemand kam?
Dilg: Niemand. Wir hatten das Projekt in der Szene beworben, Flyer verteilt - aber unterschätzt, dass es viel zu aufwändig für einen Schwerstabhängigen ist, eine vielstündige Untersuchung bei uns durchzuziehen und lange Gespräche zu führen, während man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, sich die Droge zu beschaffen.
einestages: Die Studie sollte in Bonn mit 100 Teilnehmern beginnen. Wenn niemand zu Ihnen kam: Wie haben Sie die Patienten gefunden?
Dilg: Wir mussten aktiv in die Szene gehen, ins "Bonner Loch" zum Beispiel, wie die Drogenszene rund um den Hauptbahnhof hieß. Wir machten regelrecht Streetwork, um die Patienten, die für das Projekt in Frage kamen, zu erreichen. Jene, die es nicht mehr zu uns schafften, weil sie seit vielen Jahren und Jahrzehnten drogenabhängig waren. Maximal Verelendete.
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Insgesamt 1120 Menschen nahmen an der Studie teil, die neben Bonn noch in sechs weiteren Städten Deutschlands durchgeführt wurde. Aber sie richtete sich nicht an alle Süchtigen: Es ging nur um die Schwerstabhängigen, die mitunter Dutzende Entzugsversuche hinter sich hatten, fest in der Drogenszene verwurzelt waren und mit schweren Begleiterkrankungen wie Hepatitis oder HIV zu kämpfen hatten.
Die Kriterien für die Aufnahme in das Modellprojekt waren Anfang 2002 sehr rigide: Die Probanden mussten 23 Jahre alt und mindestens seit fünf Jahren heroinabhängig sein sowie "schwerwiegende körperliche und psychische Probleme" haben, außerdem frühere fehlgeschlagene Behandlungsversuche nachweisen. Wer all diese Voraussetzungen erfüllte, brauchte immer noch Glück: Nur 50 Prozent wurden in die Herointherapie gelost, der Rest mit der Ersatzdroge Methadon behandelt.
Ist Heroin eine "wirkungsvolle Behandlungsoption"? Diese Frage sollte die Studie beantworten - und den Weg dafür freimachen, dass das künstliche Heroin Diamorphin als Arzneimittel zugelassen werden konnte.
einestages: Sie sagten, Sie saßen zunächst in Räumen der Bonner Gesundheitsbehörde. War die Ambulanz da schon offen?
Dilg: Nein, die wurde parallel gebaut. Es gab ja auch damals schon rigide Sicherheitsbestimmungen, nach denen die Ambulanz dann errichtet werden musste.
einestages: Die Heroinambulanz - ein Hochsicherheitsbereich?
Dilg: Ja. Diamorphin gilt sehr heikle Substanz, es gab von Anfang an die Sorge, dass es entwendet werden könnte. Wir mussten einbruchshemmende Türen und Fenster einbauen, dazu Videoüberwachung. Es gab zwar nie schwere Vorkommnisse, aber das synthetische Heroin wurde als sehr sensibel eingestuft. Noch heute muss jeder Patient durch eine Sicherheitsschleuse.
Wer als Abhängiger in das Projekt aufgenommen wird, muss sich an Regeln halten. Dreimal täglich zu festgelegten Zeiten gibt es das Diamorphin in der Ambulanz - aber nur, wenn die Patienten zuvor einen Alkoholtest bestehen. Das künstliche Heroin spritzen sich die Süchtigen dann im "Injektionsraum" - beobachtet von Ärzten.
"Je nach Venensituation dauert das fünf bis zehn Minuten", sagt Christoph Dilg, "viele Patienten kämpfen natürlich damit, dass die Venen nach langjähriger Abhängigkeit kaum noch zu finden sind." Nach etwa einer Stunde verlassen sie "völlig unauffällig für Passanten die Einrichtung und gehen ganz normal ihrem Tagwerk nach", sagt Dilg.
einestages: Will eigentlich jeder Heroinabhängige aufhören?
Dilg: Das wollen die allermeisten. Viele sind sogar bereit, auch den dreißigsten verzweifelten Entgiftungsversuch durchzuziehen, von dem man manchmal sogar zunächst abraten muss, weil er zu noch größerer Frustration führen kann und das Sterberisiko bei einem weiteren Rückfall erhöht.
einestages: Welche Schicksale sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?
Dilg: Es gab viel zu viele schlimme Fälle. Menschen, die so stark abhängig waren, dass sie es nicht mal schafften, die Voruntersuchungen machen zu lassen. Manche waren so alkoholabhängig, dass es aussichtslos war, die Alkoholtests zu bestehen. Die Grenze liegt bei 0,1 Promille.
einestages: Und die positiven Beispiele?
Dilg: Es gab diesen Mittvierziger, der hatte in der Szene einen grauenhaften Ruf. Er galt als dissozial und unkooperativ und galt in den Behandlungseinrichtungen als kaum führbar. Er landete regelmäßig auf Intensivstationen, weil er vor der Aufnahme in unser Programm nonstop jede Art von Drogen nahm. Bei uns hat er sich schnell stabilisiert - und nach ein paar Jahren fuhr er pfeifend mit dem Fahrrad zur Arbeit.
einestages: Warum gibt man Heroinabhängigen Heroin...
Dilg: ...wenn sie eigentlich "clean" werden wollen? Wir sprechen hier von Schwerstabhängigen, die können nicht einfach so abstinent werden. Die meisten Patienten werden durch das Diamorphin den Entzugs- und Suchtdruck los, also "normal", wenn Sie so wollen. Aber abhängig sind sie weiterhin. Nur sie sind dann so stabil, dass sie ihr Leben organisieren können: eine Wohnung suchen, ihre Begleiterkrankungen behandeln. Das ist der Anfang.
einestages: Was macht das mit einem Arzt, nicht helfen zu können?
Dilg: In der Suchtmedizin muss man sich damit abfinden, dass man nicht jeden retten kann. Und auf das "Heilen", also die Abstinenz, ist unser Programm zwar auch abgestimmt, aber in den ersten Jahren geht es vor allem um Schadensbegrenzung. Man muss mit kleinen Zielen zufrieden sein. Es ist ein Erfolg, wenn Süchtige zwar anfangs noch Drogen nehmen, aber nicht mehr spritzen. Und es ist ein Erfolg, wenn sie es sich bei uns als Medikament spritzen, aber die Drogen nicht auf der Straße besorgen.
Als die Haupt-Studie 2005 regulär auslief, stand das Ergebnis fest: Durch die Behandlung mit Diamorphin hatten sich Gesundheitszustand, Psyche und der soziale Status der Patienten deutlich besser entwickelt als bei der Kontrollgruppe, die mit Methadon behandelt worden war. Das Fazit: Diamorphin war Methadon für diese spezielle Gruppe Schwerstabhängiger "signifikant überlegen", sagt Christoph Dilg.
Das Bundesamt für Arzneimittel erteilte 2005 die Empfehlung zur Zulassung, doch es vergingen weitere vier Jahre, bis der Bundestag das Betäubungsmittelgesetz änderte. Vier Jahre, in denen die Patienten trotzdem irgendwie mit Diamorphin weiterbehandelt werden mussten.
Dilg: Studien hatten mittlerweile gezeigt, dass ein frühzeitiges Behandlungsende fatale Folgen hatte - und der Zustand der Süchtigen danach noch schlechter wurde als vor Behandlungsbeginn.
Die Heroinambulanz Bonn rettete sich mit Ausnahmeregelungen über die Zeit, damit trotz fehlender Gesetzesänderung weiter künstliches Heroin ausgegeben werden konnte. Heute gibt es 50 feste Patienten, die täglich Diamorphin bekommen. In sechs weiteren Städten eröffneten ähnliche Einrichtungen, neue Ambulanzen sind bundesweit trotz eines Appells der Bundesregierung seither nicht mehr hinzugekommen. Auch die Bundeshauptstadt Berlin hat bis heute keine.
Das Interview führte Christian Gödecke