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1944

Spurensuche in Kaliningrad Das Versteck im Turmzimmer


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Königsberger Dom: Das Baudenkmal, hier auf einer Aufnahme von etwa 1936, wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, vor allem während der deutsch-sowjetischen Kämpfe um die Stadt, schwer beschädigt.

Als die Feuerwalze im August 1944 durch die Stadt rollte, hatten Hagen Schulz und seine Schwester großes Glück: Sie überlebten die Luftangriffe auf Königsberg in einem scheinbar sicheren Versteck. Doch spätere Bewohner der inzwischen russischen Exklave machten an gleicher Stelle eine grausige Entdeckung.


Im Oktober 2000 suchten meine Schwester Bärbel und ich in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, nach Spuren unserer Kindheit. Hier hatten wir im August 1944 die britischen Luftangriffe auf die Stadt hautnah miterlebt und damals zusammen mit Mutter und Bruder Schutz im Turmzimmer des Doms gesucht. Am Tag nach den Angriffen war die Tür zu dem Raum verschüttet.

Wir wurden über ein Loch an der Außenfassade befreit. Nun, 56 Jahre später, waren meine Schwester und ich auf der Suche nach diesem Loch im Mauerwerk der Westseite des Turms. Es war schwierig, unseren ehemaligen Ausstieg zu lokalisieren, denn mittlerweile war das Westwerk des Doms bereits restauriert.

Was wir fanden, war im Innern eine Kapelle in der südlichen Turmstube, die von dem evangelisch-lutherischen Gemeindezentrum Königsberg verwaltet wurde. Ein Gemeindemitglied, Irina Arndt, führte die Aufsicht und wir erzählten ihr unsere Geschichte. Daraufhin berichtete sie uns von einer grausamen Entdeckung.

Als man die Turmstube Jahre nach dem Krieg geöffnet hatte, habe man dort zahlreiche Gebeine, darunter die von etwa zweihundert Kindern, gefunden. Sie seien später an der Südmauer des Doms beigesetzt worden.

Königsberg in Flammen

Als ich in der Turmstube stand, erinnerte ich mich wieder an die Luftangriffe in der Nacht des 29. August 1944.

Auf die ostpreußische Metropole ging damals ein Bombenhagel, ausgelöst von fast 200 britischen Flugzeugen, nieder. 480 Tonnen Spreng- und Brandbomben warf die Royal Air Force über der Stadt ab. Der Himmel wurde von sprühenden Funken und lodernden Feuern taghell erleuchtet. Meine Geschwister Dieter und Bärbel, meine Mutter und ich flüchteten so schnell wir konnten aus unserem Haus in Richtung Dom. Hinter seinen meterdicken Mauern erhofften wir uns Schutz, denn das gotische Fenster der südlichen Turmstube war massiv vermauert und das Zimmer so zum Luftschutzraum umfunktioniert worden.

Zusammen mit anderen Schutzsuchenden hockten wir in dem kleinen Raum und bangten um unser Leben, während draußen das historische Königsberg nahezu ausgelöscht wurde. Der Dom blieb zwar von Bombeneinschlägen verschont, aber der Feuerwalze, die in der Folge der Bombenschauer über die Straßen und Plätze der Innenstadt hinwegrollte, widerstand auch er nicht. Seine Dachkonstruktion ging in Flammen auf, ein Teil der Gewölbe brach ein, Mauern stürzten herab.

Verließ im Turm

Wir überlebten im Zentrum des apokalyptischen Geschehens, doch unsere Situation schien ausweglos, denn der Zugang zu unserem Versteck war hoffnungslos verschüttet, der Weg zurück versperrt. Wir waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Einen Tag lang harrten wir aus, dann hörten wir, wie sich Suchtrupps an der Außenseite der Turmwand zu schaffen machten. Sie stemmten ein Loch in die Fassade des Doms und zogen uns einen nach dem anderen aus der Höhle der Turmzelle heraus. Sie beförderten uns somit zurück ins Leben.

Die Welt um uns herum lag in rauchenden Trümmern. Die gesamte Innenstadt war nur noch Schutt und Asche. Der Feuersturm hatte sie ausgelöscht und eine Wüste aus Ruinen hinterlassen. Über 200.000 Menschen wurden obdachlos. Insgesamt starben bei den britischen Luftangriffen auf Königsberg etwa 6000 Menschen. Sie wurden in Massengräbern beigesetzt.

Vermutlich wurde auch die Domstube nach unserer Rettung zu einem solchen Grab für die vielen toten Kinder, von denen Irina uns erzählt hatte. Ihre Identität und die Umstände ihres Todes sind bis heute nicht bekannt.


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