Meine Großmutter war, das erkenne ich heute, schon in den dreißiger und vierziger Jahren eine fortschrittliche Frau. Sie war Ehefrau eines Webers und Kleinbauern, und obwohl sie nie die Möglichkeit gehabt hatte, eine höhere Schulbildung zu erreichen, hatte sie sich durch Lesen und Neugierde viel Wissen angeeignet.
Vor allem aber lehnte sie den Nationalsozialismus ab. Kein einziges Mal habe ich sie mit "Heil Hitler" grüßen hören. Ich hingegen war 1941 als Zehnjähriger voll Begeisterung Pimpf im Deutschen Jungvolk geworden und deshalb mit diesem Verhalten meiner Oma gar nicht einverstanden.
Einmal begleitete ich sie ins Gemeindeamt, wo sie beim Eintreten ins Amtszimmer sehr klar und deutlich "Guten Tag" sagte. "Bei uns ist der Hitlergruß vorgeschrieben", sagte der Bürgermeister. Meine Oma antwortete: "Den Mann Hitler kenne ich nicht. Und ich will ihn auch nicht grüßen. Aber wenn ich ihnen keinen guten Tag wünschen soll, dann bedaure ich das, denn den dürfte jeder brauchen." Der Beamte erwiderte, sie solle auf alle Fälle ein Vorbild für ihren Enkel sein, der doch bestimmt gern und stolz den Führergruß gebrauche. Dieser Meinung war ich auch, aber ich wusste, dass ich mich in Gespräche Erwachsener nicht einmischen durfte, also blieb ich still.
"Man muss eben seine Pflicht erfüllen"
In jener Zeit verspürte ich viele Widersprüche, weil ich in Schule und Jungvolk oft andere Auffassungen zum politischen Geschehen erfuhr als zu Hause - etwa zum Thema Gleichberechtigung. Von "Gleichberechtigung" konnte damals eigentlich noch gar nicht die Rede sein. Zum Arbeitsbereich der Hausfrauen zählten der Haushalt, die Kinderbetreuung, Stall- Feld- und Gartenarbeiten. All dies war gegenüber den Männerarbeiten zweitrangig, weil angeblich nur Letztere für den Lebensunterhalt sorgten.
Ich entsinne mich, dass mein Großvater über einen Nachbarn, der acht Kinder hatte, lästerte, weil der manchmal seiner Frau beim Schieben des Kinderwagens half. Zu mir sagte er in diesem Zusammenhang: "Deine Oma denkt manchmal, Männer müssten öfter zu Frauenarbeiten herangezogen werden. Ich lass ihr diese Gedanken. Aber ich handele nach dem, was in der Bibel steht: Die Frau sei dem Manne Untertan." Solche Auffassungen wurden durch die NS-Ideologie, nach der die Frauen vor allem Mütter sein sollten, unterstützt.
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Ein Gespräch meiner Großmutter mit eben diesen kinderreichen Nachbarn blieb mir besonders in Erinnerung. Die Nachbarsfrau erwartete ihr neuntes Kind. Meine Oma sagte zum Nachbarn: "Zu euch kommt ja bald wieder der Klapperstorch. Ihr müsstet doch bald einmal mit dem Nachwuchs aufhören, sonst wird’s schwierig mit dem Platz in eurem kleinen Haus." Der Mann erwiderte: "Man muss eben dem Vaterland gegenüber seine Pflicht erfüllen. Hoffentlich wird’s ein sechster Junge - der Führer braucht Soldaten!" Da wurde meine Großmutter richtig fuchtig, so hatte ich sie noch gar nicht erlebt: "Tut ihr nur alles, damit der Krieg nie aufhört – aber wir Mütter wollen nicht, dass unsere Jungen als Soldaten sterben müssen! Wir sorgen doch nicht für Nachwuchs, damit die jungen Männer getötet oder zu Krüppeln gemacht werden."
Knüppelschläge wegen eines Gesprächs
Nach einiger Zeit, als sich meine Oma beruhigt hatte, wagte ich zu fragen: "Warum bist du gegen den Krieg? Unser Lehrer hat gesagt: Unser Volk muss sich gegen die Russen, Franzosen, Zigeuner und alle feindlichen Ausländer zur Wehr setzen." Meine Oma wurde traurig. Sie sagte vorerst: "Was wir hier bereden, bleibt unter uns – ich kann mich doch auf dich verlassen?" Ich bejahte. Sie fuhr fort: "Du kennst ja meinen jüngsten Bruder, der Bauer im Nachbardorf ist. Er hat ein Holzbein und kann kaum noch arbeiten." Sein richtiges Bein, erzählte meine Oma, habe er im Ersten Weltkrieg verloren: "Als er nach Hause kam, sagte er: 'Ich verfluche jeden, der wieder einen Krieg anzettelt!'"
Doch als Hitler dann 1933 die Macht ergriffen habe, fuhr meine Oma fort, sei ihr Bruder SA-Mann geworden: "Er meinte, Fremde, auch die Zigeuner, müssten aus Deutschland verbannt werden und allein Hitler würde das schaffen. Ich erinnerte ihn an das, was er nach dem letzten Krieg gesagt hatte. Ich ahnte schon damals, dass nun wieder ein Krieg kommen würde. Er wollte mich deshalb verklagen, mein eigener Bruder, weil er sich von den Friedensbeteuerrungen Hitlers täuschen ließ. Inzwischen ist sein einziger Sohn gefallen. Nun schimpft auch er wieder gegen den Krieg und ist verbittert."
"Dass die Menschen sich immer wieder täuschen lassen", fuhr sie fort, "hängt wohl mit den vielen Vorurteilen zusammen, die sich nur schwer ausrotten lassen, wenn unter den Menschen unterschiedlicher Herkunft immer wieder Hass und Unfrieden geschürt wird. Du meintest vorhin, wir Deutschen müssten jetzt gegen alle Ausländer und die Zigeuner kämpfen - aber warum? Was haben die uns getan? Kennst du solche Menschen überhaupt selbst?"
Meine Oma erzählte, als Kind habe sie mit ihren Eltern in einem außerhalb des Ortes gelegenen Haus gewohnt, in dessen Nähe jedes Jahr mehrmals Zigeuner ihr Lager aufschlugen. "Meine Schulkameradinnen", so sagte sie, "und viele Erwachsene beschworen mich damals, diesen Menschen fernzubleiben. Diebe und Verbrecher seien das. Mein Vater jedoch hatte nichts gegen die Zigeuner. Er sagte mir, das seien alles nur Vorurteile. Also unterhielt ich mich öfter mit einem Jungen und einem Mädchen der Zigeuner. Eines Tages kamen zwei kräftige Dorfjungen zu uns. Sie begannen, mit Knüppeln auf die Zigeunerkinder einzuschlagen und schrien: 'Lasst das deutsche Mädchen in Ruhe!' Gott sei Dank ging mein Vater dazwischen. Künftig war das Verhältnis mit den Zigeunern noch freundlicher. Wir haben nie schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht – mein Vater sagte zum Umgang mit diesem fahrenden Volk: Wie es in den Wald hineinschallt, so klingt es wider!"
Ungewollte Auszeichnung
Meine Oma erzählte mir weiter: "Ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen. Du sollst nicht die Worte deines Lehrers anzweifeln. Aber trotzdem darf sich jeder Mensch seine eigene Meinung bilden - wenn man die auch heute nicht mehr überall öffentlich äußern darf. Denke darüber nach, ob du die Kriegsgefangenen, die bei uns bei den Bauern und im Steinbruch arbeiten, als schlimme Feinde oder als Menschen wie du und ich erkennst. Du hast mir erzählt, dass du dich gern mit einem Franzosen unterhältst, der dir sehr sympathisch ist und bei seinem Bauern im Pferdestall essen muss. Ich bin sicher, wenn der Bauer nicht Angst vor Anzeigen haben müsste, dürfte er bestimmt mit in der Stube am Tisch sitzen. Er hat zu Friedenszeiten in Frankreich Deutsch unterrichtet. Du schwärmst mir selbst doch immer vor, wie schön er dir von seiner Heimat berichtet. Würdest du im Krieg auf einen solchen Menschen schießen können? Nimm eines mit in dein Leben: Lasse dir niemand zum Feind machen, in dem du selbst einen Freund erkennst!"
1941 sollte meine Großmutter für sechs geborene Kinder zu ihrem 70. Geburtstag das "Silberne Mutterkreuz" erhalten - und sorgte für Verwirrung: Sie ging nicht zur Auszeichnungsveranstaltung. Und das obwohl ich dort auf der Bühne sogar ein Gedicht aufsagen durfte und sie so gern im Saal gesehen hätte. Als eine Dame von der NS-Frauenschaft ihr das Mutterkreuz nach Hause brachte, fragte meine Oma: "Darf man sich bei dieser Auszeichnung auch etwas wünschen?" Als ihr dies bestätigt wurde, sagte sie: "Dann wünsche ich mir, dass mein 45jähriger Sohn aus der Armee entlassen wird und von der Front aus Russland nach Hause kommt!"
Die Antwort der Frau war kurz: "Das geht nicht."