| Tor zum Licht: Das Fortunaportal des Potsdamer Stadtschlosses war der erste Teil des historischen Bauwerkes, der restauriert wurde. Am 12. Oktober 2002 wurde das wiedererrichtete Portal eingeweiht. |
Sehnsucht nach Preußen: Schon zu DDR-Zeiten fragte sich Silvia Friedrich wo das 1960 gesprengte Potsdamer Stadtschloss wohl gestanden hat. Als Erwachsene wohnte sie schließlich den Ausgrabungsarbeiten bei - und erlebte beim Richtfest einen der berührendsten Momente ihres Lebens.
Als ich das erste Mal nach Potsdam kam, war zwischen Altem Markt und dem Lustgarten nur ein Parkplatz. Es war kurz nach Tschernobyl, im Mai 1986. Das übliche Hick-Hack um ein Visum hatte ich am Grenzübergang Drewitz erfolgreich hinter mich gebracht. Nun stand ich auf diesem grauen, windigen Parkplatz. Auf der unwirtlichen Betonfläche parkten irgendwelche stinkenden Karren. Ich wusste, dass hier irgendwo das Potsdamer Stadtschloss gestanden haben musste, über das ich schon öfter etwas gelesen hatte. Nur - wo zum Teufel hatte es gestanden?
In den Siebzigern hatte ich die Lebensgeschichte von Friedrich Freiherr von der Trenck im Fernsehen gesehen. Ein Jahr lang hatte er als Ordonnanzoffizier Seite an Seite mit Friedrich dem Großen gearbeitet. Dann fiel er in Ungnade, vermutlich weil er ein Verhältnis mit Friedrichs Schwester Amalie von Preußen hatte. In dem Film konnte man sehen, dass sich Friedrich auch in dem von Georg von Knobelsdorff gebauten Stadtschloss aufgehalten haben musste. Einen Anhaltspunkt, wo es gelegen hat, gab es aber auch im Film nicht.
Ich ahnte nicht, dass ich in diesem Moment schon ganz dicht dran war. Denn ich stand direkt über den Grundmauern des Jahrtausend-Kunstwerkes, das 1959 und 1960 im Auftrag des Politbüros der DDR gesprengt worden war. Genauso wenig konnte ich mir vorstellen, dass ich das Schloss in seiner ganzen Pracht jemals zu Gesicht bekommen würde.
Günther Jauch auf Mission
Knapp fünfzehn Jahre später, am 8. September 2000, stand ich wieder auf diesem Parkplatz. Er war noch genauso unwirtlich wie damals. Auch nach der Wende pfiff der Wind unangenehm um die Ecke. Dieses Mal war ich aber nicht allein. Mit mir stand Fernsehmoderator Günther Jauch, umringt von einem Pulk von Journalisten und unzähligen Schaulustigen, auf der Betonplatte. Jauch hatte einen Spaten in der Hand. Beherzt stach er zu und läutete damit öffentlichkeitswirksam die Ausgrabungsarbeiten am Schloss ein.
Ich konnte ihn leider nicht sehen, weil mir die Presseleute die Sicht versperrten, aber ich hörte, was er sagte: Hier werde nun etwas wieder errichtet, was immer hierhin gehörte. Er sprach vom Fortuna-Portal, dem einstigen Eingangstor des Schlosses, das nun mit Hilfe von großzügigen Spendern, unter anderem Günther Jauch selbst, wieder aufgebaut werden sollte. Hier hatte also das Schloss gestanden. Unvorstellbar, dass dieser blöde Parkplatz nicht von Beginn aller Zeiten an ein blöder Parkplatz gewesen war, sondern etwas willkürlich Zusammengeschustertes, damit man nie mehr sah, was sich hier einst befand.
Atemlos verfolgte ich die anfänglichen Ausgrabungen. Das ganze hatte etwas von einer Schatzsuche. Man hub die Aborte der Wachposten des Königs aus und fand viele unglaublich spannende Dinge: Pfeifenköpfe, Geschirr und andere Dinge, die die Soldaten in ihren Klos einst entsorgt hatten. Ich konnte es nicht fassen.
Richtfest des neuen, alten Schlosses
Innerhalb von zwei Jahren hatten Experten das Fortunaportal rekonstruiert, das an Schönheit kaum zu überbieten ist und jahrelang einsam und verlassen auf dem Platz herumstand. Wie passte es ins Gesamtensemble des Schlosses? Die Frage beschäftigte mich so sehr, dass ich forschte, was das Zeug hielt. Ich schaute mir alte Aufnahmen an und besuchte sämtliche Ausstellungen mit Schlossresten, die bei den Ausgrabungen gefunden wurden.
Dann kam die unerwartete Entscheidung: Das Stadtschloss sollte wieder aufgebaut werden und künftig den Brandenburger Landtag beherbergen. Alte Fassade, neues Interieur. Im November vergangenen Jahres wurde endlich das Richtfest gefeiert. Ich stand da mit Tausenden. Eine alte Potsdamerin sagte ins Mikrofon des RBB: "Zum Heulen schön!" Sie sprach mir aus der Seele. Wenn ich mich nicht zusammen gerissen hätte, wären mir wohl die Tränen gekommen.
Vergessen waren in diesem Moment all die Diskussionen über das ob, warum und wie des Wiederaufbaus. Naja, fast vergessen. Denn einige Schlossgegner riefen unentwegt in die Reden hinein, was ich nicht hören wollte: "Schloss okay, aber wenn dann nur als Fassade!" "Bloß kein Preußen mehr!" Ich ärgerte mich ein bisschen. Hatten diejenigen vergessen, dass die grade mal 20 Jahre zurückliegende DDR-Diktatur ein Preußen in jeder Hinsicht an Polizeistaat übertraf?
Preußen, das ist unsere Geschichte, das waren unsere Vorfahren. Es gab unendlich viel Gutes - und zwar nicht nur die stets bemühte Toleranz. Als an diesem Abend erwähnt wurde, wie viel Geschichte in diesem Gebäude geschrieben wurde, bekam so mancher eine Gänsehaut. Was in diesem Moment passierte, war mehr als das Schließen einer Baulücke.