Über einestages

1945

Kriegsgefangenschaft "Ich spielte den Fachmann"


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Friedrich Seidenstücker Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz
Fachmann bei der Arbeit: Kurt Mönch meldete sich im Kriegsgefangenenlager Stanislau für "etwas Vernünftiges zu essen" zu Malerdiensten und gab sich dabei als Experte aus - dabei besaß er gerade mal die Grundkenntnisse in dem Handwerk.

Ein Anstreicher beim Farbmischen, Foto aus den dreißiger Jahren

Schwindeln für einen Teller Suppe: Kleine Arbeitskommandos waren im Kriegsgefangenenlager Stanislau begehrt, weil sie den hungernden Häftlingen Aussicht auf eine vernünftige Mahlzeit boten. Als im Oktober 1945 Maler gesucht wurden, zögerte Kurt Mönch nicht lange und gab sich als Profi aus.


Nach dem Morgenappell wurde am Tor des Kriegsgefangenenlagers in Stanislau immer zu Arbeitskommandos aufgerufen. Vor allem die kleinen Kommandos mit nur einer Handvoll Gefangenen waren beliebt, weil man dem Lageralltag entkam und hoffen durfte, dass einem etwas Vernünftiges zu Essen zugesteckt wurde. Für die meisten Einsätze brauchte man allerdings Spezialwissen. Als an einem Montag im Oktober 1945 zwei Maler gesucht wurden, meldete ich mich nach kurzem Bedenken. Das war mutig, denn ich war kein Maler. Dennoch war ich zuversichtlich, die Aufgabe bewältigen zu können. Gleich danach meldete sich ein zweiter Mann und trat an meine Seite.

Oft genug hatte ich nicht nur meinem Vater beim Tapezieren und Malern geholfen sondern auch meinem Großvater, einem Malermeister, bei der Arbeit zugeschaut. Insgeheim hoffte ich allerdings, dass der zweite Mann gelernter Maler war. Ein Soldat nahm uns mit und ließ uns in eine offene Pferdekutsche einsteigen. Auf der Fahrt stellte sich heraus, dass wir beide ungelernt waren. Während ich wenigstens noch Grundkenntnis hatte, war mein Kamerad, ein Berliner, vollkommen ahnungslos. Plötzlich wurde uns klar, dass wir uns auf ein kleines Abenteuer eingelassen hatten.

Wir erreichten einen Vorort von Stanislau. Hier standen, von Gärten umgeben, einstöckige Häuser, alle mit rotbraun gestrichenen Blechdächern versehen. In eines dieser Häuser führte uns der Soldat. Eine Frau zeigte uns ein leeres Zimmer, ungefähr 20 Quadratmeter groß und drei Meter hoch. Es sei für die Kinder vorgesehen, erklärte sie uns. Notgedrungen spielte ich den Fachmann und erstellte gemeinsam mit der Frau eine Einkaufsliste: Schlämmkreide, Farbpulver, Leim, Firnis, Gips, zwei Streichbürsten, verschiedene Flachpinsel, Spachtel, zwei Stehleitern, Lineal, eine Schlagschnur, zwei Eimer und Scheuerlappen. Mit dem Zettel fuhr der Soldat davon.

Ein Teller Gemüsesuppe

Die Hausherrin ließ uns in der Küche Platz nehmen. Wir plauderten ein wenig mit ihr und erfuhren, dass ihr Mann Oberst war und sich gerade in der Kaserne befand. Ihre beiden Kinder von sieben und neun Jahren waren in der Schule. Sie selbst war Deutschlehrerin, aber nicht im Dienst. Als während des Krieges ein Führerhauptquartier in Winniza aufgebaut wurde, musste sie in einer dortigen Wehrmachtsdienststelle als Dolmetscherin arbeiten.

Nach zwei Stunden kam der Soldat aus der Kaserne mit den angeforderten Malerutensilien zurück. Zunächst und auch an den folgenden Tagen erhielten wir mittags einen Teller Gemüsesuppe. Danach begann die Arbeit. Zunächst wuschen wir die Decke ab. Nach zwei Stunden war das geschafft. Anschließend säuberten wir den Fußboden von den Farbspritzern. Die Frau half dabei tatkräftig mit. Um 17 Uhr brachte uns der Soldat wieder mit der Kutsche in das Lager zurück.

Das Abwaschen der Wände gestaltete sich langwieriger, weil mehrere Farbschichten übereinander gestrichen waren. Bis zum Sonnabend hatten wir das Zimmer fertig gemalt. Weil es ein Kinderzimmer werden sollte, wählte ich Orange als Farbton. Das verlieh dem Zimmer einen hellen und freundlichen Charakter. Unsere Auftraggeberin und der Oberst waren mit der Arbeit sehr zufrieden. Am Montag sollten wir noch einmal kommen, um den Fensterkitt zu erneuern.

Eine Handvoll Tabak

Als wir uns am Montag einfanden, teilte die Frau enttäuscht mit, dass wir sogleich wieder in das Lager zurück müssten. Die Stadtverwaltung hätte das Zimmer beschlagnahmt und einen aus Stalino zugezogenen Mann einquartiert. Der bat uns in das Zimmer. Da standen jetzt ein Bett und eine große Holzkiste. Er sprach nur russisch, aber aus seinen Worten, bei denen mehrmals "spassiba" und "karascho" vorkam, konnte man seine Freude über das schöne Zimmer heraushören.

Der Kiste entnahm er eine kleine Holzschachtel, in der sich fein geschnittener Tabak befand. Er hielt mir das Kästchen hin und ich nahm mir ein bisschen von dem Tabak für eine Zigarette. Da griff er selbst hinein und gab mir eine ganze Hand voll. Das entsprach mindestens einer Wochenration im Lager. Dankbar kehrte ich ins Lager zurück.

Meine Selbsternennung als Maler war zwar ein Wagnis. Doch es hatte sich gelohnt. Meine Woche als Malermeister habe ich in guter Erinnerung. Es waren die wenigen angenehmeren Tage in der Kriegsgefangenschaft. Allerdings ahnte ich damals noch nicht, dass ich wenige Tage später in die Heimat entlassen werden würde.


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