Verstümmelte Bratwürste und abgewogenes Eis: Bei seinem ersten Bulgarien-Urlaub in den siebziger Jahren machte Karl Wilhelm Meier Bekanntschaft mit der osteuropäischen Küche - und den Besonderheiten der realsozialistischen Gastronomie.
Das erste Mal machten wir Ende der siebziger Jahre Urlaub in Bulgarien. Buchen ließ sich der Aufenthalt damals nur mit Vollpension. Gleich nach der Ankunft am Flughafen wurden die sogenannten Talonis ausgegeben, eine Art Behelfswährung, mit der es möglich sein sollte, in allen "Balkantourist"-Lokalen zu bezahlen. Nur war nirgends ersichtlich, welches Restaurant zu dieser Kette gehörte. Den Grund dafür erfuhren wir später: Ausnahmslos alle Lokale in der Gegend gehörten zu "Balkantourist". In den Augen der Einheimischen bestand also wenig Anlass, diese unumstößliche Tatsache für verwirrte Touristen durch ein Informationsschild zu bekräftigen.
Hungrig von der Reise machten wir uns um 22 Uhr auf in das nächste Lokal. Wir bekamen eine Speisekarte, wählten aus, ohne recht zu wissen, was für ein Menü wir uns da zusammenstellten. Bei der Kellnerin löste unsere Bestellung Heiterkeit aus. "Deutsche. Typisch Deutsche!", amüsierte sie sich trocken. Damit spielte sie wohl darauf an, dass wir zu nachtschlafender Stunde noch à la carte zu essen gedachten. Wir hatten ja nicht gewusst, dass alle Lokale schon um 22.30 Uhr schlossen. Dennoch zählte uns die Dame freundlicherweise auf, was die Küche um diese Uhrzeit noch hergab. Wir waren einverstanden und verschlangen hungrig, was man uns brachte.
Mit dem Speisekarten-Problem, also der Kluft zwischen theoretischer und tatsächlicher Verfügbarkeit von Essen, sollten wir nicht das letzte Mal konfrontiert gewesen sein. Zwar gab es in jedem Lokal zu jeder Zeit eine Speisekarte. Allerdings stellte die Bedienung vor Aufnahme der Bestellung jedes Mal klar, was im einzelnen - wahrscheinlich vor dem Hintergrund alltäglicher Versorgungsengpässe - auf keinen Fall auf den Tisch kommen konnte. Den hungrigen Touristen machte es gelegentlich träumerisch, zu lesen, was theoretisch kulinarisch alles vorgesehen war.
Verstümmelte Bratwürste
Vorbei mit den Träumereien war es jedoch, wenn es um die herrschende Lokalordnung ging. Besaß man die Dreistigkeit, sich zu zweit an einen Sechsertisch zu setzen, war das ein mittelmäßiger Lokalskandal und die ordnungswidrig handelnden Gäste wurden unverzüglich des favorisierten Platzes verwiesen. Ein Sechsertisch sei nun mal als Tisch für sechs Leute gedacht. Einverstanden, einer gewissen Logik entbehrte das sicherlich nicht.
Als eines Abends am "Tisch für Sechs" drei hungrige Urlauber Platz nahmen, wies man sie ähnlich zurecht. Im Gegensatz zu uns, die wir hörig gespurt hatten, regierten sie aber einfach nicht. Wohl deshalb durften sie sitzen bleiben. Vielleicht ist Sturheit manchmal eine Tugend.
Für den kleinen Hunger zwischendurch gab es in Bulgarien allerhand zu entdecken. Die bulgarische Bratwurst beispielsweise, eine frische Vertreterin ihrer auch in Deutschland sehr beliebten Gattung, die so genial gewürzt war, dass der für die Bratwurst so wichtige Mettgeschmack nicht überdeckt wurde. Eine solche Wurst bestellten wir uns an einem Imbiss in Strandnähe, wo sie überaus verlockend auf einem Grill brutzelte.
Flugs wurde die auserkorene Wurst in ein Pappschälchen befördert, das Pappschälchen auf die Wurstwaage gelegt - und siehe da: Es fehlten noch ein paar Gramm. Jedem Wurstkäufer stand nämlich die gleiche Wurstmenge zu. Das fehlende Gewicht wurde kurzerhand von der Nachbarwurst auf dem Grill abgeschnitten und das seiner Vollständigkeit beraubte Exemplar brutzelte lustig weiter. Das war angewandte Gerechtigkeit. Allerdings bezweifle ich noch heute, dass die verstümmelte Wurst dem nächsten Wurstkäufer uneingeschränkt gut geschmeckt hat. Aus Sicherheitsgründen habe ich mich jedenfalls mit meinem Pappschälchen schleunigst vom Verkaufsstand entfernt.
Büffet auf Bulgarisch
Gewogen wurden übrigens nicht Bratwürste, sondern auch Speiseeis und Fisch. Vom Ansatz her war das durchaus zu befürworten. Die mit dem Wiegen hin und wieder notwendig werdende Lebensmittelzerstückelung führte jedoch gelegentlich zu Genussbeeinträchtigungen, die ich widerstrebend zur Kenntnis nahm. Es isst eben auch das Auge mit.
Die Art und Weise der Essensversorgung war insgesamt nicht schlecht, wenn auch ungewohnt und überaus zeitraubend: Das Frühstücksbüffet beispielsweise zeichnete sich dadurch aus, dass jedes Lebensmittel mit einem Preis versehen war. Brot kostete extra, Brötchen kosteten extra, Wurst kostete extra - und wer seinen Tee asketisch ohne Zucker trank, konnte sparen. Am Ende des Büffets saß eine Frau hinter eine großen Kasse und rechnete: "Zwei Brötchen, ein Stückchen Butter, drei Scheiben Wurst, macht zusammen..." Wenn ich heute einige All-Inclusive-Reisende sehe, dann finde ich das bulgarische Büffetprinzip im Sinne eines verantwortungsbewussten Umgangs mit Lebensmitteln gar nicht so schlecht.
Bismarck hat die Bulgaren einst als die "Preußen des Balkans" bezeichnet. In den sozialistischen siebziger Jahren wusste sich auch so mancher Preußisch-Pflichtversessene den kuriosesten Anweisungen zu fügen. So eine Anweisung muss wohl der Kellner eines Lokals am Goldstrand, jenes bis heute bei Urlaubern sehr beliebten Strandes nördlich der Küstenstadt Varna, ausgeführt haben. Er servierte nämlich exklusiv auf der Terrasse, nicht aber im Innenbereich des Etablissements. Mit einer überdimensionierten Sonnenbrille, die ihre Herkunft aus dem Westen verriet, stolzierte er mit Speisen und Getränken durch sein Revier. Hin und wieder sah er in unsere Richtung. Aber er reagierte nicht auf unser Winken und Rufen.
Schnapsglaubensfragen
Wir versuchten es mit Einfühlungsvermögen: Vielleicht dachte er, der Innenbereich des Lokals sei nicht sein Revier, oder vielleicht hatte es irgendetwas mit dem uns kaum vertrauten "sozialistischen Menschenbild" zu tun, dass er nicht reagierte?
Die Terrasse war so überfüllt, dass wir uns nicht umsetzen konnten. Es war hoffnungslos. Von einem Anzugträger mit einem kleinen Abzeichen am Revers erfuhren wir, dass an diesem Tag ausschließlich auf der Terrasse serviert wurde. Eigentlich. Eine kurze Handbewegung in Richtung Kellner genügte und auch wir konnten endlich unsere ersehnte Bestellung aufgeben. Ob das in Preußen auch so funktionierte?
Kurz noch zum Thema Getränke: Bulgarischer Weinbrand ist köstlich und der Mastika stärker als sein griechisches Pendant, der Ouzo, der weniger kräftig nach Anis schmeckt. Was eine der wichtigsten Schnapsglaubensfragen angeht, hatte ich mir angewöhnt - bulgarische Landessitte hin oder her - vor einem reichhaltigen Mahl und nicht danach einen Schnaps zu trinken. Damit stand ich in Bulgarien nie alleine da. Denn Russen und Polen wussten die von mir favorisierte Reihenfolge schon immer zu schätzen. Der einzige Unterschied besteht bis heute wohl darin, dass die Osteuropäer stolze "sto gramm" serviert bekommen, Westeuropäer hingegen nur die Hälfte, also läppische 50 Gramm. Nicht, dass ich neidisch war oder auch gerne so viel gehabt hätte! Ich will es, der Genauigkeit halber, nur erwähnt haben.
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