Über einestages

1970

Senta Berger Als ich "Animala" war


zurück vor 1  /  16
Großbildansicht
CINETEXT
zurück
vor
Blonde Steinzeit-Eva: Im italienischen Original war der Film "Als die Frauen noch Schwänze hatten" eine harmlose Blödelei. In der deutschen Synchronfassung waren aus den Texten allerdings dumme, vulgäre, spießig-pornografische Texte geworden. Senta Berger weigerte sich deshalb, den Film auf Deutsch zu synchronisieren.

Von der Parodie zum verbalen Softporno: Eigentlich war es nur eine harmlos-vergnügliche Fabel einer italienischen Feministin, in der Senta Berger die Hauptrolle übernahm. Doch als der Film in Deutschland herauskam, wurde es schmuddelig.


Es war 1970. "Vogliamo divertirci un pò", sagte diese kleine temperamentvolle Frau vor mir und knallte mir ihr Drehbuch auf den edlen Esszimmertisch, an dem wir saßen. "Wir wollen uns ein bisschen vergnügen!" Lina Wertmüller nahm ihre übergroße weiße Brille ab, die sie wie eine Außerirdische in einem Comic aussehen ließ. Sie galt als eine der besten Drehbuchautorinnen Italiens. Später begann sie, ihre Bücher selbst zu verfilmen, und einige ihrer Filme wurden für einen Oscar nominiert.

Wir trafen uns in ihrer Wohnung im obersten Stockwerk eines alten Palazzo direkt an der Fontana di Trevi. Ich kann diesen Brunnen nicht sehen, ohne dass sofort die Bilder aus "La Dolce Vita" aufsteigen: die wunderschöne Anita Ekberg, die sich langsam durch das Wasser schiebt, auf deren weiße Schultern das Brunnenwasser fällt; und der komisch verzweifelte Marcello Mastroianni hinter ihr, der sie einerseits küssen, aber andererseits keine Schwierigkeiten und keinen Schnupfen bekommen will. "Wir haben heißes Badewasser einlaufen Lassen", erzählt Lina Wertmüller - sie hatte viele Jahre als Fellinis Regieassistentin gearbeitet - "und Anita in der Badewanne immer wieder zwischen den Aufnahmen aufgewärmt. Sie war fast ein bisschen zu groß für unsere kleine Badewanne. Una balena - ein Wal." "Sie trank auch ziemlich viel Cognac", warf ihr Mann ein, "ein bisschen zu viel." Linas Mann war ein berühmter und außerordentlicher Bühnenbildner und Ausstatter: Enrico Job.

Kommunistinnen in schicken Kleidern

Er sollte also auch die Ausstattung machen zu dem Film, dessen Drehbuch nun vor mir lag: "Quando le donne avevano la coda". "Ja, natürlich ist es eine Komödie, aber auch eine Parodie auf all diese schrecklichen Filme, die in der Steinzeit spielen, und eine Satire auf unsere Gesellschaft, in der die Rollen sich verkehren und die Frauen den Männern sagen, wo's langgeht." Lina Wertmüller war bekennende Feministin und hatte Anfang der siebziger Jahre guten Grund, an eine derartige gesellschaftliche Veränderung zu glauben. Sie war auch Kommunistin, was sie nicht hinderte, die schönsten Kleider von Valentino zu tragen. Das war in Italien kein Widerspruch.



"einestages - Wie wir wurden, was wir sind"
Erhältlich am Kiosk und im
SPIEGEL Shop
Video: Packende Szenen aus einestages

Dieser Artikel stammt aus dem neuen einestages-Magazin. Darin finden Sie viele weitere spannende Geschichten. Jetzt am Kiosk oder im SPIEGEL Shop


Ich las das Buch. Es war eine recht simple Fabel, die in der Steinzeit spielte. Einem nur aus Männern bestehenden Stamm, Jägern, denen etwas fehlt, was sie aber nicht zu benennen wissen, geht ein Tier in die Falle. So ein Tier haben sie noch nie gesehen. Sie nennen es "Animala". Sie wollen es schlachten und braten. Dieses Tier wehrt sich und spricht, eine Sprache, die sie nicht verstehen, die sie aber trotzdem begreifen lässt, dass diese "Animala" zu etwas anderem besser taugt als zum Verzehr.

Beim Erfinden der "Coda", also "Schweif", hatte Lina an den Rückenfortsatz der Menschen gedacht, das kleine verkümmerte Etwas, das an unsere Verwandtschaft mit den Tieren erinnert, bevor sich unsere evolutionären Wege getrennt haben. Ich sollte dieses Tier spielen, das rund und weich sein sollte, wie Lina sagte - eine richtige Frau, aber auch ein verspieltes Mädchen noch. Mit einem Wort eine Eva, die noch nichts von dem Apfel weiß und der Schlange, die die traurige Geschichte der Menschheit ins Rollen bringen sollten. Der Regisseur wurde mir vorgestellt. Pasquale Festa Campanile. Er hatte als Autor öfter mit Lina zusammengearbeitet. Für Luchino Visconti hatte er "Rocco e i suoi Fratelli" geschrieben. Ich liebte diesen Film. Ich liebte Lina Wertmüller. Ich liebte Rom, und ich dachte: "Warum nicht? Divertiamoci un pò!"

Ferngesteuertes Schwanzwedeln

Enrico machte die schönsten Kostüme, die man sich nur denken kann - Lederschnüre, Tierfelle und Häute. Er erfand einen schönen kleinen Löwenschweif, der an den Lendenwirbeln festgeklebt wurde und mittels eines ferngesteuerten Senders wedeln konnte. Ennio Morricone komponierte die Filmmusik. Was will man mehr? Ich war die Eva im Film, und mein Adam war Giuliano Gemma. Er war der klassische Held - groß, stark, schön. Er hatte in vielen Italo-Western gespielt, war "Django", und das italienische Publikum liebte ihn.

Die Männer des Steinzeitstammes waren mit Italiens erster Komiker-Riege besetzt. Man kann sich das gut heute vorstellen, wenn man an die einschlägigen deutschen Filme denkt, die mit den Comedians rund um Otto besetzt werden. Zwei Dinge wurden mir ziemlich schnell klar: Das wird ein Werk zwischen liebenswerter Komödie und absolutem Blödelfilm - okay, steh dazu! Und als ich die etwa hundert Fotografen eines Morgens am Drehort sah, wusste ich: Diese Fotos werden dich ein Leben lang begleiten. Sie werden den Film selbst überschatten und überleben. Und so war es auch. Noch heute bekomme ich aus aller Welt die "Quando le donne ..."-Fotos zum Signieren zugeschickt.

Fast 40 Jahre sind seitdem vergangen. Das Verrückte an diesen Dreharbeiten war, dass wir viel Spaß bei der Arbeit hatten, aber gleichzeitig wussten: Das ist alles zu harmlos, was wir hier machen, das ist keine Satire, bestenfalls eine Parodie. Und das Verrückte war auch: Während ich in Torvajanica in einem Steinbruch arbeitete, in dem schon vor Jahren die berühmten "Sandalen-Filme" und später die Italo Western gedreht worden waren, war mein Mann Michael Verhoeven in Berlin.

Vulgäre, spießig-pornografische Texte

Sein Film "O. K." war 1970 der deutsche Beitrag auf der "Berlinale", die damals noch im Juni stattfand. "O. K." ist ein großartiger Antikriegsfilm. Ein Film gegen den damaligen Vietnam-Krieg. Jurypräsident war der amerikanische Regisseur George Stevens, ein bekennender "Falke", also Befürworter des Vietnam-Krieges und der dort eingesetzten Napalmbomben. Er drohte das Festival zu verlassen, sollte "O. K." in den Jurysitzungen auch nur erwähnt werden. Diese bewusste Verletzung des Wettbewerbs mittels Maulkorberlass führte zur Sprengung der "Berlinale", die abgebrochen werden musste.

Dies alles geschah, während ich mit langer Lockenperücke und nur mit Fellen und Lederschnüren bekleidet eine Steinzeit-Eva spielte. Es gab keine mobilen Telefone. Ja, es gab nicht einmal richtige Festnetztelefone in der Umgebung. Ich weiß nicht, wie wir das damals ausgehalten haben. Ich erinnere mich nur, dass ich in der Mittagspause mit einem schnell übergeworfenen Bademantel in irgendwelche Cafés gefahren wurde, dort nach "Gettoni" schrie, also nach den Chips, die man in den Apparat einwerfen musste, und versuchte, meinen Mann in Berlin zu erreichen, der mir aufgeregt und erschöpft von den Ereignissen berichtete, während sich die Kellner im Lokal mit Kennerblick über meine Figur unterhielten. "Quando le donne ..." übertraf alle Erwartungen. Der Film wurde ein Kassenknüller und ein Kultfilm. In Italien.

In Deutschland sollte er von der Constantin herausgebracht werden. Ich sollte meine Rolle auf Deutsch synchronisieren. Eine deutsche Synchronfirma, ich glaube, sie hieß Brunnemann, schickte mir die Übersetzungen. Ich traute meinen Augen nicht. Aus den, zugegeben, recht einfachen Blödeleien waren dumme, vulgäre, spießig-pornografische Texte geworden. Das Wort "Coda" war mit "Schwanz" übersetzt worden. Ein gefundenes Fressen. Das passte so recht in die Zeit der "Schulmädchenreporte" in Deutschland.

Ich weigerte mich, den Film auf Deutsch zu synchronisieren. Eine ahnungslose Kollegin übernahm diese Aufgabe. Er wurde kein Erfolg. Wie auch? Jahrzehntelang wurde mir der Film in Deutschland vorgeworfen, ausschließlich von Leuten, die ihn nicht gesehen hatten, aber die Fotos kannten. Ein Jahr später rief mich Lina Wertmüller an, um mir ihren nächsten Film, dieses Mal unter ihrer Regie, vorzuschlagen: "Mimi, metallurgico - ferito nel suo honore" mit Gianni Giancarlo Giannini, ein Riesenerfolg auch in Deutschland unter dem Titel "Mimi - in seiner Ehre gekränkt". Aber da war ich schon glücklich schwanger mit meinem ersten Sohn Simon.

Senta Berger, 67, gehört zu Deutschlands profiliertesten Theater-, Film-, und Fernsehschauspielerinnen ("Kir Royal", "Unter Verdacht").


Zum Weiterlesen:

"einestages - Wie wir wurden, was wir sind"

Dieser Artikel stammt aus dem neuen einestages-Magazin. Darin finden Sie viele weitere spannende Geschichten. Jetzt am Kiosk oder im SPIEGEL Shop




Weiter zur Homepage von einestages! mehr...

Und hier finden Sie sofort mehr Artikel und Fotos über
...die zwanziger Jahre
...die dreißiger Jahre

...die vierziger Jahre
...die fünfziger Jahre

...die sechziger Jahre

...die siebziger Jahre

...die achtziger Jahre

...die neunziger Jahre



Debatte

insgesamt 3 Beiträge zur Debatte
Muri Eren am 20. September 2008, 01:05
Sehr geehrte Frau Berger,

anbei eine Anfrage: Könnte Ihr Gatte einen Zeitzeugenbericht über die bewegenden Tage vor, waehrend und nach der Praesentation seines Filmes...

H.-J. Reiss am 14. September 2008, 17:44
Sehr geehrte Frau Berger,
ich erfreute mich sehr über ihren Artikel "Als ich Animala war" unter der Rubrik "einstages".

Als ich dieses publizierte...


Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Verwandte Artikel

In eigener Sache: einestages jetzt auch als Heft

Vom Web aufs Papier: Täglich präsentiert einestages...

Urzeit-Filme: Wo das Mammut röhrt

Der Neandertaler war schon ausgestorben und Urmensch Ötzi...

Die Fürstin und der Fotograf: Grandiose, graziöse Grace

Hollywood ade, her mit dem echten Prinzen! Schauspielerin...


Artikel bewerten

2,8 (542 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht