| DDR-Mief im Museum: Im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig wird die Amtosphäre der DDR-Amtsstuben noch einmal lebendig, wei sie auch Heinz Eggert als demokratisch gewählter Landrat von Zittau 1990 entgegenschlug. In seinem neuen Büro fand er sozialistischen Freundschaftkitsch aus Polen under UdSSR, dazu eine von Erich Honecker unterzeichnete Auszeichnungsurkunde zum 40. Jahrestages der DDR und den dazugehörigen Orden. |
Er kam, sah und machte klar Schiff: Kurz nach der Wende übernahm Heinz Eggert das Landratsamt in Zittau. Als erstes entließ er alle ehemaligen SED-Kader. Die klagten sich zurück in ihre Ämter - doch so einfach gab sich der ehemalige Pfarrer nicht geschlagen.
Bis zum Mai 1990 war ich noch nie einem Landrat begegnet. Außer in Romanen und angestaubten Lexika, in denen es hieß, Landräte würden von Königen eingesetzt. Aber in der DDR gab es eben keine Landräte. Erst im Mai 1990, wenige Monate vor der Wiedervereinigung, hielten sie nach den ersten freien und geheimen Kommunalwahlen auch in der DDR Einzug in die Verwaltungen.
Sogar mich als Pfarrer sollte es von der Kanzel direkt ins neu gebildete Landratsamt verschlagen, das noch immer der hartnäckige Geist der Ewiggestrigen durchwehte. Unter der Bedingung, parteilos zu bleiben und fällige Personalentscheidungen selbständig zu treffen, ohne auf die Parteiangehörigkeit zu achten, hatte ich dem Vorschlag von Vertretern des Neuen Forums zugestimmt und kandidiert. Nach erfolgreicher Wahl gab ich mein Pfarramt auf.
Wie gewohnt in Jeans, Pullover und Jackett fuhr ich an meinem ersten Arbeitstag in den Sitz des ehemaligen Rat des Kreises, den ich früher nur höchst ungern betreten hatte. Die Eingangstür war geöffnet. Wie in DDR-Behörden üblich war die zweite Tür dahinter jedoch verschlossen. Dazwischen thronte ein Pförtner, der darüber entschied, wer auserwählt war, sein Reich zu betreten und wer nicht. Der befehlsartigen Aufforderung "Bürger, Ihren Ausweis!" entgegnete ich mit meiner Vorstellung als neuer Landrat. Als erste Dienstanweisung gab ich aus, dass ab sofort die zweite Tür zu öffnen sei und dass ein Pförtner die Bürger nicht nach ihrem Ausweis zu fragen, sondern sie zu beraten habe.
Die Rückkehr der Windig-Wendigen
Auf dem großen Korridor im ersten Stock, wo sich die heiligen Hallen des ehemaligen Kreisvorsitzenden befanden, überraschte ich die führenden Mitarbeiter bei einem Pläuschchen. Meine Bemerkung, in diesem Haus gebe es wohl nicht allzu viel zu tun, wenn sich alle auf dem Flur zum Quatschen träfen, entkrampfte die Situation nicht besonders. Grüßend verschwanden die einen, matt oder ein wenig zu überschwenglich gratulierten die anderen.
Mein zukünftiges Büro war von einfacher Geschmacklosigkeit. Man sah sofort, wo früher die Honecker-Bilder gehangen hatten. Die Schrankwände waren leergeräumt. Nur die polnischen und sowjetischen Freundschaftsgeschenke waren noch da. An ihnen hatte offenbar nicht einmal mehr der treue Genosse, dem das Büro vor mir gehört hatte, ein Interesse gehabt. In der untersten Schublade des Schreibtisches fand ich eine von Honecker anlässlich des 40. Jahrestages der DDR unterzeichnete Auszeichnungsurkunde und den dazugehörigen Orden.
Auf dem Schreibtisch lagen bereits die Neubewerbungen aller ehemaligen Führungskader. Die alten Genossen waren nicht untätig geblieben. Sie hatten westliche Landratsämter besucht, deren Verwaltungsstrukturen studiert und die alten Posten, auf die sie sich jetzt bewarben, einfach anders benannt. In ihren Augen wurde aus dem Rat des Kreises ganz einfach und schnell ein Landratsamt - nämlich auf dem Papier. Die Windig-Wendigen wollten also wieder an die Macht und an den Entscheidungen für morgen beteiligt werden, natürlich ohne Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen. Scham? Fehlanzeige. Was also war zu tun im Landratsamt Zittau, an dessen Mauern nach wie vor die Worte "Rat des Kreises" prangten?
Kündigung und Hausverbot
Zuerst bat ich die alten Chefs, deren Neubewerbungen meinen Schreibtisch blockierten, zu mir und kündigte ihnen fristlos. Ich erklärte ihnen, dass sie aufgrund ihrer vorherigen Tätigkeit in einem neuen Landratsamt unter meiner Leitung keine Anstellung mehr finden würden. Das überraschte sie. Ohne Experten, bemerkte einer von ihnen, könne man eine Verwaltung nicht führen; er sagte mir mein Scheitern als Landrat voraus. Ich verzichtete auf die DDR-Experten und appellierte stattdessen an jeden Mitarbeiter, sich allmählich in die neuen Verantwortlichkeiten einzuarbeiten. So erhielten auch Leute die Chance zur Mitgestaltung, die sich dem DDR-Staat nie zur Verfügung gestellt hatten.
Die meisten der alten Chefs klagten gegen mich beim Arbeitsgericht. Ich verlor alle Prozesse. Kein Wunder in Anbetracht noch geltender DDR-Gesetze und ehemaliger SED-Mitglieder als Richter und Staatsanwalt. Als am Tag nach der letzten Verhandlung der Kreis jener, die vor dem Gericht erfolgreich waren, wieder ins Landratsamt kam, bat ich sie zu mir, kündigte ihnen erneut und sprach ihnen Hausverbot aus. Sie gingen - und kamen nie wieder.
Als nächste Amtshandlung kündigte ich umgehend und fristlos allen Personen, die seit November 1989 eingestellt worden waren. In den zurückliegenden Monaten vor meinem Amtsantritt waren ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit, der SED-Kreisleitung und der Gewerkschaftsleitungen ins Amt geholt worden, ohne dass nennenswerter Bedarf bestanden hatte. Auf 366 statt 250 erforderlicher Mitarbeiter war es künstlich aufgebläht worden.
Unerwünschte Mitarbeiter
Als ich erfuhr, dass wir Personal aus der Volkspolizei ins Amt übernehmen sollten, ausgerechnet aus der Abteilung für die Aus- und Einreisen und die Genehmigung von Besuchsreisen in die BRD, war ich beunruhigt. Wegen ihres überheblichen, arroganten und beleidigenden Tones im Umgang mit dem "Bittsteller" Bürger waren diese Leute äußerst unbeliebt. Viele Menschen hatten mir unter Tränen von ihren demütigenden Erlebnissen mit ihnen erzählt.
Doch zur Klärung im örtlichen Kreispolizeiamt der Volkspolizei, das sich direkt gegenüber dem Landratsamt befand, kam ich nicht weit. An der Pförtnerschranke verlangte ein Volkspolizist meinen Ausweis. Ich stellte mich als neuer Landrat vor und verlangte seinen Vorgesetzten zu sehen. Ohne Ausweis wollte er ihn nicht rufen, schließlich könne er nicht wissen, ob ich der Landrat sei. Ich bestand darauf, er möge umgehend seinem Chef ausrichten, dass ich ihn sprechen wolle. Andernfalls - kleine Drohungen wirken bisweilen Wunder - würde ich seine Ablösung betreiben.
Zehn Minuten später entschuldigte sich der Chef des Kreizpolizeiamtes bei mir und ich lud ihn auf einen Kaffee. Er war zuvor vom Runden Tisch auf Kreisebene bestätigt worden, nachdem der alte Chef sein Amt aufgegeben hatte. Wir verabredeten eine enge Zusammenarbeit und ich erbat mir für jeden Morgen einen Bericht über die Sicherheitslage im Kreis Zittau. Die Mitarbeiter, die ich später aus der Abteilung für Ein- und Ausreisen ins Landratsamt holte, suchte ich selber aus.
Mein persönlicher Referent wurde ein junger Ofenbaumeister, mein persönlicher Kraftfahrer ein Facharbeiter aus meinem Bekanntenkreis. Ein Diplomingenieur und ein Oberarzt, die nie in der SED gewesen waren, wurden Dezernenten und als Kämmerer wurde auf Probe jemand eingestellt, der gerade die Finanzschule absolviert hatte. Jeden Morgen hielten wir Besprechungen ab, jeden Tag tauchten neue Probleme auf, mussten neue Lösungen gefunden werden. Wir brauchten viel Zeit und viel Kraft, aber es machte auch Spaß. Die Arbeit hatte jetzt erst richtig angefangen.
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