| Militärische Dauerpräsenz: Peter Unsicker erlebte vor dem Schaufenster der Wall Street Gallery jeden Tag die militärische Dauerpräsenz der Alliierten. Obwohl die Zimmerstraße vollständig zum sowjetischen Sektor gehörte, patroullierten regelmäßig Soldaten der drei westlichen Schutzmächte vor seinem Fenster. Zudem waren oft auch bewaffnete DDR-Beamte vor seiner Werkstatt anzutreffen. Vermutlich gab es keinen anderen Bereich der Sektorengrenze, wo Zivilisten so direkt mit den militärischen Mächten konfrontiert wurden. |
Die Berliner Mauer war seine Leinwand: 1986 eröffnete Peter Unsicker die Wall Street Gallery unweit des Checkpoint Charlie und machte das Symbol deutscher Teilung zum Gegenstand seiner Kunst. Die DDR-Funktionäre waren nicht begeistert - und schickten die Stasi.
Eine idyllische Straße in Berlin-Mitte. Renovierte Altbaufassaden, neu gesetzte Bäume am Straßenrand. Nur ein altes Schild, ein Überbleibsel des legendären Checkpoint Charlie, erinnert an die dunkle Vergangenheit. Hier, in der Zimmerstraße, verlief bis zu ihrem Fall im November 1989 die Mauer - Frontlinie des Kalten Krieges und klaffende Wunde der deutschen Geschichte. Genau hier eröffnete der ursprünglich aus Heidelberg stammende Künstler Peter Unsicker Mitte der achtziger Jahre seine legendäre Wall-Street-Gallery - und begann sofort, das monströse Bauwerk direkt vor seiner Tür mit Installationen zu verschönern. Noch heute ist seine Wall-Street-Gallery nach Unsickers Auskunft "geöffnet nach Osten, nach Westen und nach Vereinbarung". Auf einestages erinnert sich der Künstler an die Pioniertage seiner Galerie - und die teilweise gefährlichen Folgen seiner Kunst.
Ich habe vom ersten Tag an die Mauer als eine unglaubliche Herausforderung empfunden. Es ging gar nicht anders. Sie war knapp fünf Meter von meiner Haustür entfernt, dazwischen gerade so viel Platz, dass die Grenzpatrouillen mit ihren Fahrzeugen durchkamen. Fünf Meter Niemandsland, denn die Mauer befand sich zurückversetzt auf DDR-Gebiet. Die Demarkationslinie, also die eigentliche Grenze, verlief genau über meiner Türschwelle. Die drei Stufen davor waren faktisch schon DDR-Staatsgebiet.
Und die Mauer hat die Menschen extrem emotionalisiert. Ich habe erlebt, wie hier Leute aus Bayern standen, ihre Bierdosen über die Mauer schmissen und schrien: "Scheiße, Faschisten da drüben!" Ein anderer kam über ein halbes Jahr ein-, zweimal im Monat hierher und schrie der Mauer sein ganzes Leid entgegen. Er hatte wohl Familie auf der anderen Seite, ich weiß es nicht, aber er stand hier immer wieder nachts vor meiner Tür und schrie aus Leibeskräften.
Nachdem ich 13 Jahre lang ein Atelier in einem Hinterhof in Kreuzberg bewohnt hatte, war ich im November 1986 hierher in die Zimmerstraße gezogen, nur einen Steinwurf vom Checkpoint Charlie entfernt. Ich begann sofort, mit der Mauer zu arbeiten. Als erstes habe ich einen 300 Watt Halogenstrahler in meinem Schaufenster installiert, den ich auf die Mauer richtete. Das war quasi die Antwort auf die allumfassende Ausleuchtung auf der Ostseite, wegen der man auf dieser Seite nachts immer im Schatten der Mauer saß.
Schlägereien für die Kunst
Am 9. November 1986, also bereits wenige Tage nach meinem Einzug, eröffnete ich die Wall-Street-Gallery. Meine erste, wichtige Installation war die "Arbeit am Verdorbenen" . Angefangen hatte alles mit dem "Wundpflaster" auf der Mauer. Darunter hatte ich eine Gipsmaske modelliert. Nachts kamen DDR-Beamte und kratzten das Pflaster von der Mauer. Mein Freund Mick van Cook, Maler aus England, der gerade bei mir wohnte, stürmte auf die Straße um für die Kunst zu kämpfen; in der dadurch entstandenen Rangelei zog er sich einen Leistenbruch zu. Er rettete damit die Maske unter dem Wundpflaster, sie blieb an der Mauer. Ich nahm das als Zeichen und fing an, die Masken zu vervielfältigen.
Über einen Zeitraum von zwei oder drei Wochen habe ich dann meinen kleinen Privatkampf mit den DDR-Grenzern ausgefochten. Sie kamen in den Abendstunden und entfernten meine Masken, ich habe sie am nächsten Tag wieder auf die Mauer gebracht - und ihre Anzahl dabei verdoppelt. Der Witz war: Die sind zu den Säuberungsaktionen immer mit sechs oder sieben Mann angerückt. Klar, die Leute, die saubermachten, mussten ja schließlich bewacht werden, sie hätten ja sonst türmen können. Das war bizarr und gleichzeitig auch der Reiz, denn ich konnte mit so kleinem Aufwand diesen Staatsapparat in Bewegung setzen.
Aber selbstverständlich blieb das nicht ohne Folgen. Eines Tages standen zwei Männer vor der Tür und forderten sehr aggressiv, ich solle den ordnungsgemäßen Zustand der Mauer wiederherstellen. Das war mein erster Kontakt mit den Staatsorganen der DDR. Ich wollte sie auf einen Tee hereinbitten, aber sie blieben stur vor der Schwelle stehen und herrschten mich an: "Sie bleiben auf Ihrem Territorium, wir bleiben auf unserem!" Sie drohten mir noch, das Schaufenster zuzunageln, wenn ich nicht aufhörte, dann zogen sie ab.
Die West-Polizei kam durch die Hintertür
Ein paar Tage später standen dann West-Berliner Polizeibeamte vor meiner Tür. Vor meiner Hintertür genau genommen, denn sie durften das Ostgebiet vor meiner Tür nicht betreten. Sie klopften und baten mich, meine Kunst von der Mauer abzunehmen. Ich fragte, warum ausgerechnet sie mich darum bäten. "Es gäbe eine Beschwerde aus dem Osten", sagten sie. Darüber wollte ich mehr wissen. Wer hatte sich wo über mich und meine Kunst beschwert?
Laut ihrer Auskunft sei das so vonstatten gegangen: Auf der Demarkationslinie vorne am Checkpoint Charlie hätten sich ein Beamter West und ein Beamter Ost gegenübergestanden und der Beamte Ost hätte sich über meine "Schmierereien" an der Mauer beschwert. Ich habe die Polizisten gefragt, ob sie überhaupt wüssten, worum es gehe. Es handele sich nicht um Schmierereien, sondern um eine wunderbare Installation, die ich auf gar keinen Fall abnehmen würde. "Wir wissen von nichts und wollen auch nichts wissen" war ihre Antwort. Ich habe sie dann hereingebeten und ihnen erklärt, was ich hier mache. Sie fanden es schön. Da sagte ich nur: "Okay, mehr muss ich nicht wissen."
Ich merkte, dass niemand wusste, wie er mit mir und meiner Kunst umgehen sollte, und ich merkte auch: Ich habe eine gewisse Freiheit. Ich wurde also gewissermaßen meine eigene, kleine diplomatische Unternehmung. Und so formulierte ich einen Antrag auf Gestaltungsfreiheit der 36 Quadratmeter Mauer vor meiner Tür.
Ausfahrt mit der Stasi
Mit diesem Dokument in der Hand bin ich ein paar Tage später zum Checkpoint Charlie marschiert und sagte zu den Grenzern: "Ich hab hier einen Brief an Herrn Honecker. Könnten Sie mir bitte die Adresse geben?" Die haben natürlich extrem blöde geguckt und sagten dann: "Wir nicht, aber gehen Sie mal da rein", und so geriet ich immer tiefer in diese Anlage, in die ich eigentlich gar nicht hinein durfte.
Bei der dritten Station wollten sie meinen Ausweis sehen, den ich nicht dabei hatte und dann hing ich erst mal fest. Nach einer Stunde Warten wurde es mir zu dumm, ich habe dann einen Beamten gefragt, wie lange es noch dauern würde. Ich wurde angebellt: "Für sie kommt gleich jemand!" Naja, und dann kam natürlich jemand von der Stasi. Dem habe ich erzählt, was ich hier wollte, er schlug ein Treffen vor.
Wochen später kamen sie dann zu zweit, ein sehr junger Typ, der schon vier Kinder hatte und ein anderer, Lederjacke, abgebrüht, aber trotzdem nicht so Apparatschik, wie man es sich heute gerne vorstellt. Sie haben mich mit einem Auto abgeholt. Als wir die Berliner Stadtgrenze passierten, habe ich es mit der Angst zu tun bekommen. Ich sagte: "Stopp, ich steige jetzt aus, ich darf als West-Berliner nicht in die DDR fahren." Ihre Antwort war kurz und trocken: "Mit uns dürfen Sie überall hinfahren." Ich antwortete: "Um Gottes Willen, Sie sind von der Gestapo! Verzeihung, ich meine von der Stasi." Da lachten die beiden schallend - und meine Angst war verflogen.
Freibier für den Mauerkünstler!
Wir machten einen Spaziergang um einen See und sie haben mir erklärt, dass es mit meinem Antrag nichts werden würde. Das seltsame war: Nach diesem Treffen hatte ich nie wieder Ärger mit der Stasi. Ich vermute, dass sie dem Antrag zwar offiziell nicht stattgeben durften, dass das Thema aber für sie mit diesem Treffen inoffiziell abgehakt war.
Danach habe ich dann die Installation "Spiegelzimmerstraße" begonnen, bei der ich die Mauer vor meinem Schaufenster mit kleinen Spiegelsplittern beklebt habe. Die Verspiegelung, das war meine Antwort auf Gorbatschows Glasnost, das für Klarheit und Transparenz stand. Ich wollte mit meinen Spiegeln sagen: "Schaut her, wir sind dabei."
Nach und nach habe ich dann tatsächlich fast die gesamten 36 Quadratmeter vor der Wall-Street-Gallery verspiegelt, und diese Installation hat es auch zu einiger Berühmtheit gebracht, sie wurde in verschiedenen Fernsehsendungen gezeigt. Das hatte ein sehr amüsantes Ereignis zur Folge: Eines Abends betrat ich bei einem in dieser Zeit häufiger gewordenen Besuche in Ost-Berlin eine Kneipe, wo sich die dortige Künstlerszene traf. Plötzlich erkannte mich einer der Anwesenden und rief: "Hey, das der Typ, der die Mauer verspiegelt!" Er hatte wohl, wie viele, heimlich Westfernsehen geschaut. An diesem Abend konnte ich mich vor Freibier kaum retten.
Non-Stop-Party nach dem Fall der Mauer
Das war allerdings dann schon kurz vor dem Fall der Mauer. Den erlebte ich auf der Krone der Mauer am Checkpoint Charlie. Als ich hörte, dass da was los ist, bin ich sofort rausgegangen und habe nachgeschaut. Dort standen vielleicht 10, 15 Leute auf der Westseite. Auf der anderen Seite standen auch Menschen, die man aber nicht sah, man hörte sie nur, die skandierten vielstimmig. Ich bin dann gegangen, weil ich weiter zu arbeiten hatte; zu dieser Zeit war ich mit einem "Kunst am Bau" Auftrag beschäftigt. Ich bin aber trotzdem immer wieder rausgegangen, bestimmt insgesamt acht- oder neunmal an dem Tag, und es wurde im Lauf des Abends voller am Checkpoint Charlie. Inzwischen gab es auch Gerüchte, dass sich auf der anderen Seite eine große Menschentraube versammelt hatte.
Abends um 20 Uhr saßen dann die ersten Menschen oben auf der Mauer. Immer mehr Leute kletterten drauf. Um 22 Uhr standen schon rund tausend Leute hier auf der Westseite am Checkpoint Charlie und man merkte genau, dass die DDR-Grenzer extrem nervös wurden. Plötzlich schrie einer: "Nun treten Sie doch endlich zurück!" Keiner rührte sich. "Nun gehen Sie schon!" Immer noch keine Reaktion. Dann stieg der Offizier auf einen Betonpfeiler, in dem die Schranke eingelassen war und schrie aus Leibeskräften: "Nun gehen Sie doch mal beiseite, sonst bekommen wir doch die Schranke nicht auf!" Da waren alle total baff. Sofort bildete sich ein Korridor - und dann war drei Tage lang Party in der Wall-Street-Gallery.
Aufgezeichnet von Michail Hengstenberg
Zum 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer entwickelte Peter Unsicker in der Wall-Street-Gallery die "Berliner Mauertasse". Ein Objekt zum Durchtrinken der Mauer.
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