Über einestages

1939

Kapitäne erzählen Kriegsfront in der Hafenkneipe


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Hans Peter Jürgens
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Unter vollen Segeln: Die stolze Viermastbark "Priwall" hatte 1938 Kap Hoorn so schnell umrundet wie kein anderes Segelschiff vor ihr. Mit ihren 56 Meter hohen Masten war das Schulschiff zu dieser Zeit ein Riese auf den Weltmeeren. Dieses Bild wurde von Bord des Luxusliners "Cap Arcona" auf dem Atlantik aufgenommen.

"Down with Hitler!", rief ein Brite, dann flogen Flaschen und Fäuste: 1939 lag der Großsegler "Priwall" in Chile vor Anker, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Hans Peter Jürgens geriet mit seiner Mannschaft in eine wüste Schlägerei - die als "Schlacht von Valparaiso" in die Seemannsgarngeschichte einging.


Eigentlich sollte es eine reine Routinefahrt werden, als der 15-jährige Schiffsjunge Hans Peter Jürgens vor 70 Jahren in Richtung Kap Hoorn ablegte. Doch als der Großsegler "Priwall" wenige Wochen später in Chile festmachte, begann für Jürgens eine Odyssee durch eine Welt im Krieg. Er arbeitete als Straßenbauer in Chile, überlebte ein Lager im afrikanischen Dschungel und fütterte Bären an Kanadas großen Seen. Lesen Sie seine spannende Geschichte hier auf einestages, jede Woche eine neue Folge.


9. August 1939 Bucht von Corral, Chile

Nach mehreren Wochen auf See wirkt die Aussicht, in einen Hafen einzulaufen, ungemein anregend auf die Phantasie eines jungen Mannes. In den Freiwachen saßen wir an Deck und malten uns den Zielhafen in bunten Farben aus: gemütliche Kneipen, leckeres Essen, hübsche Mädchen. An Bord kursierte die Geschichte einer unglaublich schönen jungen Frau, die in einer Bäckerei unweit der Pier arbeiten sollte: Juanita. Als der Matrose im Ausguck "Land!" meldete, wuchs die Vorfreude an Bord. Endlich war wieder etwas anderes zu sehen als Wasser. Nebelschleier lagen über einer Landschaft, die so grün schien wie ein großes Gebüsch. Ich dachte an Cuxhaven und spürte ein wenig Heimweh. Nach 84 Tagen waren wir am Ziel: In der Dunkelheit erreichten wir den Hafen von Corral, Chile.

Doch als wir am nächsten Morgen mit Hilfe eines Schleppers einlaufen wollten, erlebten wir die erste Enttäuschung. Ein Dampfer der Compañía Sudamericana de Vapores blockierte die Pier. Auch der Hafen sah nicht gerade aus, wie wir uns das erhofft hatten. Die Häuser wirkten schäbig und farblos. Dies sollte das sagenhafte Corral sein? Obendrein begann es zu regnen, als wir in der Bucht den Anker fallen ließen. Der Wind frischte auf und wehte so stark, dass der Kapitän anordnete, die Besansegel zu setzen, damit wir ruhig hinter dem Anker lagen und nicht gierten.


Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie:
> Teil 1: Um Kap Hoorn und durch den Krieg
> Teil 2: Auf Kollisionskurs nach Kap Hoorn
> Teil 3: Huch, ein Hai an der Angel
> Teil 4: Wahnsinn nach der Windstille
> Teil 5: "Da hinten ist der Eingang zur Hölle"

Statt durch den ersten Hafen von Südamerika zu spazieren, den wir herbeigesehnt hatten, schaukelten wir noch immer auf See. An Bord herrschte eine miserable Stimmung, die sich wenig besserte, denn am nächsten Tag blockierte der Dampfer noch immer die Anlegestelle. Wir lagen draußen in der Bucht, fluchten und warteten ab. Erst am 11. August, zwei Tage nach unserer Ankunft, legte der Frachter ab - verabschiedet mit unseren Verwünschungen.

Trauriges Nest mit schöner Bäckerin

Endlich machten wir mit Hilfe eines Schleppers an der Kaimauer fest und begannen, die Ladung zu löschen. Natürlich warteten alle gespannt auf die Erlaubnis, endlich in die Stadt zu dürfen, doch zuerst mussten die Arbeiten erledigt werden. Nach Feierabend, als die Dunkelheit über dem Hafen lag, durfte die erste Wache in die Stadt. Was wir nach den Eindrücken aus der Ferne befürchtet hatten, bestätigte sich: Corral war ein trauriges Nest. Die Häuser waren Hütten, die man auf Stelzen gebaut hatte, wegen der Wassermassen, die im Winter nach heftigem Regen von den Bergen herunterströmten. Zwischen den Stelzen liefen Hunde umher, es gab viele herrenlose Köter in Corral. Wir erklommen einen Hügel und stellten fest, dass wir schon den ganzen Ort gesehen hatten.

Frustriert schlenderten wir durch die Straßen und fanden keine Kneipe. Das einzig lohnenswerte Ziel, vor dem alle Jungen von der "Priwall" herumlungerten, war der Bäckerladen, in dem die sagenhafte Juanita arbeitete. Zumindest dieses Gerücht stimmte: Das Mädchen war tatsächlich sehr hübsch, eine richtige Schönheit. Juanita. Aber alle Jungs benahmen sich anständig. Etwas verlegen, mit vor Aufregung geröteten Gesichtern, kauften wir Kuchen und Brötchen.

Die "Priwall" hatte nach dem traurigen Aufenthalt in Corral zunächst vor Talcahuano geankert, wo wir die im Sturm vor Kap Hoorn gebrochene Vorobermarsrah durch die Obermarsrah des Kreuzmastes ersetzten. Die Rah wog mehr als eine Tonne. Es war Schwerstarbeit, die kompliziert war und Feingefühl erforderte. Am 3. September liefen wir schließlich in die weite Bucht von Valparaiso ein und gingen vor Anker. Zwei Stunden nach uns dampfte der britische Kreuzer "Achilles" in die Bucht und ankerte in Sichtweite. Als wolle man uns warnen.

Motorisierten Feinden schutzlos ausgeliefert

"Krieg, es ist Krieg!" Die Nachricht verbreitete sich innerhalb weniger Minuten an Bord. Vermutlich hatte unser Funker, der ein wenig Spanisch verstand, etwas im Radio aufgefangen. Die Offiziere und Matrosen wirkten ernst, als sie die Meldung hörten. Wir Jüngeren hingegen machten uns nur wenige Gedanken. Krieg? In Europa? Europa lag drei Monatsreisen weit entfernt, auf der anderen Seite von Kap Hoorn. Andererseits konnten wir die Geschütze des britischen Kriegsschiffs sehen. Weil wir uns in chilenischen Hoheitsgewässern befanden, bestand nicht die Gefahr eines Angriffs, doch allen an Bord war klar, dass wir nun festlagen. Im Kriegsfall ist man auf einem Segelschiff seinen motorisierten Feinden schutzlos ausgeliefert. Wie sollten wir die Bucht verlassen, ohne auf der offenen See von der "Achilles" oder einem anderen Kriegsschiff versenkt zu werden? Ein Teil der Besatzung bekam Order, die "Priwall" für eine längere Liegezeit vorzubereiten.

Die getrockneten Segel wurden abgeschlagen und verstaut; unser Segelmacher arbeitete fortan nicht mehr in der Segelkoje, sondern an Deck oder - bei schlechtem Wetter - in den nun leeren Laderäumen. Um an Land zu gelangen, mussten wir rudern. Etwa eine Stunde dauerte die Überfahrt im Beiboot, knapp zwei Seemeilen weit in den Hafen, was wir nicht als Herausforderung empfanden, denn körperlich waren wir in Form. Jeden Morgen veranstalteten wir einen Wettlauf, der über alle vier Masten der "Priwall" führte. Auf ein bisschen Rudern kam es nicht an.

Kampfhandlungen in Valparaiso

Valparaiso präsentierte sich ganz anders als das langweilige Corral. Valparaiso war eine pulsierende, lebendige Hafenstadt inmitten grüner Hügel. Das erste Bier nach Kap Hoorn schmeckte hervorragend. Es kostete umgerechnet 20 Pfennig, was für mich so teuer war, dass ich mich den ganzen Abend an einem Glas festhielt. Sogar Heimatgefühle kamen auf, denn die Kneipen hießen "Stadt Bremen" oder "Stadt Hamburg". Das Publikum in den Straßen und Gaststätten war international. Wir trafen Seeleute aus Amerika, aus Schweden, aus Norwegen - und betrunkene Briten, in einer Kneipe am Ende der Hauptstraße.

"Down with Hitler", schrie jemand aus der Gruppe der Briten, "Fuck the Krauts!" Dann flogen Gläser und Flaschen. Augenblicke später gab es Stühle und Tische zurück. Alles, was in der Kneipe nicht fest verschraubt war, befand sich in der Luft: Aschenbecher, Salzstreuer, Bilderrahmen. Dann flogen die Fäuste. Massenschlägerei. Von der Kneipe blieb wenig übrig, aber es gab keine Schwerverletzten. Abgesehen von der Prügelei, die von beiden Seiten hinterher unter einem sportlichen Aspekt gesehen wurde, blieben Gehässigkeiten aus. Ich möchte nichts beschönigen, aber unter Seeleuten war eine Art der Solidarität zu spüren, wie ich sie an Land niemals erlebt habe. Einige Wochen nach der "Battle of Valparaiso", wie die Auseinandersetzung im Hafen genannt wurde, wartete ich allein an der Pier auf ein Motorboot, das mich zur "Priwall" bringen sollte. Eine Gruppe von zehn britischen Matrosen schlenderte auf mich zu. Ich drehte mich um, aber zum Weglaufen war es zu spät.

"Wo willst du hin?", fragte einer der Briten.

"Auf die 'Priwall'", sagte ich so tapfer wie möglich, in meinem Schulenglisch, das ich in Cuxhaven gelernt hatte.

"Du bist also Deutscher, was?", erkundigten sie sich, obwohl sie die Antwort natürlich kannten. Ich wartete auf den ersten Schlag. Die Matrosen sahen einander an. Wir stiegen ins Motorboot, das inzwischen eingetroffen war. Einer der britischen Seemänner erklärte dem chilenischen Bootsführer, zuerst zur "Orduna" zu tuckern, zu ihrem Dampfer, und anschließend "Fritz", er wies mit einem Kopfnicken auf mich, zur "Priwall" zu bringen.

Dann hielt mir ein anderer Matrose eine Zigarette hin.

"Viel Glück", meinten sie noch, bevor sie an Bord ihres Schiffs gingen.


Weihnachten in Valparaiso und "Die Trommeln des Dr. Fu Manchu": Lesen Sie die nächste Episode von Hans Peter Jürgens Reise hier ab Sonntag 14. Juni 2009 auf einestages.


Aufgezeichnet von Stefan Krücken


Zum Weiterlesen:



Stefan Krücken: "Sturmkap - Um Kap Hoorn und durch den Krieg - die unglaubliche Reise von Kapitän Jürgens". Ankerherz-Verlag, Hamburg 2008, 223 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


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