| Friedensdemonstration: Sebastian Krumbiegel am 3. März 2003 mit seiner Tochter Pheline bei einer Friedensdemonstration gegen den drohenden Krieg im Irak durch das Leipziger Stadtzentrum. Zu der legendären Leipziger Demonstration am 9. Oktober 1989 stieß Krumbiegel erst später hinzu - aus Feigheit, wie er heute selber sagt. |
Davon träumten seine Freunde in der DDR: Sebastian Krumbiegel durfte reisen. Mit zehn Jahren stand der Chorknabe in Tokio, mit 19 hatte er in West-Berlin die Chance zur Flucht. Im Interview mit SPIEGEL TV erzählt der Prinzen-Sänger, warum er sich nicht traute - und was er an Honeckers Staat mochte.
SPIEGEL TV: Diesen Sommer vor zwanzig Jahren gab es die DDR noch. Wenn Sie heute an diese Zeit zurückdenken - was für ein DDR-Bürger waren Sie?
Krumbiegel: Ich habe mich arrangiert. Ich war weder ein Regimekritiker, noch ein Regimegegner, noch ein regimekonformer Mensch. Ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll. Ich war kein Held. Ich bin normal zur Armee gegangen, aber nicht drei Jahre. Ich war kein Regimekritiker, sondern ein kritischer Bürger. Ich glaube, es hat damit zu tun, wie man erzogen worden ist.
Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass sie es gut findet, dass ich meine Meinung sage. Meine Eltern hatten natürlich Angst, als sie uns Kinder in die sozialistische Schule entlassen haben, dass wir gehirngewaschen nach Hause kommen. Das wir auf einmal sagen "Hey Leute, geil, Sozialismus siegt" und so. Meine Eltern waren erfreut, als sie gemerkt haben, dass der heimische Einfluss doch größer zu sein schien, als der des Bildungssystems."
SPIEGEL TV: Wie empfanden sie damals das Leben in der DDR? Haben Sie in Ihrem Umfeld Repression gespürt?
Krumbiegel: Repression nicht. Ich war ja eher privilegiert. Ich fand, dass es ein gutes Bildungssystem gab. Aber man darf nicht den Fehler machen, im Nachhinein zu sagen, das war die DDR. Die DDR war eben auch Mauer und Selbstschussanlagen. Die DDR war Stasi, war Bautzen, war ganz viel hässliches, fürchterliches Zeug. Aber ich habe gut reden. Ich war im Thomaner-Chor, bin durch die Welt gereist. Mit zehn Jahren stand ich mitten in Tokio und dachte "Was ist das denn auf einmal?". Natürlich prägt einen das.
SPIEGEL TV: War Ihnen klar, dass Ihr Leben untypisch war, dass es mit der Reisefreiheit nach der Zeit im Thomaner-Chor vorbei sein würde?
Krumbiegel Uns allen war klar, dass damit Schluss ist, wenn wir raus sind aus dem Chor. Wir sind damals regelmäßig nach West-Berlin gefahren, immer um Weihnachten herum, und haben dort in der Philharmonie das Weihnachtsoratorium von Bach gesungen. Da stand ich einmal mit einem meiner Klassenkameraden am Hinterausgang der Philharmonie und wir sagten uns: "Hey, wir sind jetzt 19 und das nächste Mal kommen wir mit 65 wieder her." Das haben wir wirklich geglaubt.
Wir haben gehofft, dass vielleicht die Altersgrenze für Reisen ein bisschen runtergesetzt wird und wir dann schon mit 55 oder mit 58 kommen können. Damals am Hinterausgang habe ich überlegt: Ein kleiner Schritt für mich und dann war's das, dann bin ich im Westen - will ich das, oder will ich's nicht? Am Ende habe ich es nicht gemacht.
SPIEGEL TV: Warum nicht?
Krumbiegel: Das hat mit verschiedenen Sachen zu tun. Natürlich erst mal damit, dass man genau wusste, dass die Geschwister und die Eltern darunter zu leiden haben. Dass die Geschwister keine Studienplätze kriegen, dass die Eltern Repressalien ausgesetzt werden. Dass der Chor darunter leidet. Dass der Chor erst mal nicht mehr reisen darf. Das alles hat mich am Ende davon abgehalten, diesen Schritt zu tun.
SPIEGEL TV: Haben Sie Freunde oder Bekannte, die im Sommer 1989 über Ungarn oder die Tschechoslowakei geflüchtet sind?
Krumbiegel: In einem Fall. Mich hat das persönlich sehr verstört. Ich hatte damals einen Freund in meiner Klasse, der auch bei der Vorgängerband der Prinzen dabei war. Ohne uns ein Wort zu sagen, war der auf einmal weg. Er hat uns dann angerufen: "Ich bin jetzt im Westen, und seid nicht sauer, dass ich euch nichts gesagt habe." Er war mein bester Freund seit der vierten Klasse, und deswegen war ich persönlich regelrecht beleidigt und gekränkt. Das hat sich auch nie wieder richtig eingerenkt.
SPIEGEL TV: Tausende sind damals über Budapest oder Prag geflüchtet. Erinnern Sie sich noch an die Bilder aus der Prager Botschaft?
Krumbiegel: Ich glaube, dass Genscher seitdem ein Held ist für jeden Ossi. Dieser legendäre Satz "Ich möchte ihnen mitteilen, dass ihre Ausreise...", der im Jubel untergeht. Da hat jeder eine Gänsehaut gekriegt. Für mich war das kein Thema, zu fliehen. Ich wollte nicht weg. Ich war damals einer von denen, die bei der Montagsdemo "Wir bleiben hier" gerufen haben, nicht "Wir wollen raus". Ich bin heute noch glücklich, dass das Schicksal uns so gut behandelt hat, das Leipzig heute eine blühende, wunderschöne, große Stadt ist.




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