| Auf dem Gelände des Waldkrankenhauses: Ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude der Arbeiterstadt "Große Halle" dient heute als Hebammenhaus. |
Als "Welthauptstadt Germania" wollten die Nazis Berlin neu erfinden - mit einem mehr als 300 Meter hohen Kuppelbau als Zentrum. Doch der Krieg stoppte das größenwahnsinnige Projekt - Spuren aber finden sich in der Stadt bis heute. Ralf Bülow machte sich in Spandau auf die Suche.
Am Nordwestrand von Berlin, in Spandau, gegenüber dem brandenburgischen Falkensee, liegt das 1947 gegründete Evangelische Waldkrankenhaus, eine Spitalanlage mit viel Grün und höchst unterschiedlicher Bebauung.
Neben viel Siebziger-Jahre-Moderne stößt der Besucher hier und da auf eine Walmdach-Architektur, die ländlich-erdverbunden wirkt und einer längst verflossenen Architekturepoche entstammt. Die über das Krankenhausareal verstreuten zweistöckigen Häuser sind die durchaus ansehnlichen und liebevoll restaurierten Reste eines Projekts, das die Welt in Staunen versetzen sollte: dem Bau der Welthauptstadt "Germania".
Zu monumentaler Größe ausgebaut und umbenannt, wollten die Nazis nach Abschluss ihrer Eroberungsfeldzüge vom runderneuerten Berlin aus ein germanisches Großreich regieren. Rund 50.000 Wohnungen sollten abgerissen und durch pseudoklassische Repräsentationsbauten ersetzt werden, um auf ewige Zeiten von deutscher Macht und Herrlichkeit zu künden - Hitler persönlich brütete mit seinem Leibarchitekten Albert Speer über den Plänen.
Weltkugel statt Hakenkreuz
Vorgesehen war eine vierzig Kilometer lange Nord-Süd-Achse, die sich in der Innenstadt zu einer monumentalen Prachtstraße ausweitete. Am Südende sollten in Tempelhof ein 22-gleisiger Superbahnhof und ein 117 Meter hoher Triumphbogen entstehen; im Norden hätten sich Reichstag, der klobige "Palast des Führers" und die so genannte "Große Halle" gruppiert. Der gigantische Bau aus Granit und Marmor sollte unter einer 320 Meter hohen Kuppel über 180.000 Menschen Platz bieten. Die Adlerstatue auf der Kuppel sollte ursprünglich ein Hakenkreuz umklammern, doch der "Führer" disponierte 1939 um und setzte den Greif kurzerhand auf eine Weltkugel.
Nur erwies sich die Eroberung des Globus schwieriger als gedacht und so wurden die bereits begonnenen Arbeiten an Neu-Berlin 1943 eingestellt. Dennoch sind zahlreiche Spuren des wahnwitzigsten Bauprojekts des 20. Jahrhunderts noch zu finden - das Olympiastadion gehört dazu, der Flughafen Tempelhof und die heutige "Straße des 17. Juni", für die Architekt Speer heute noch vorhandene Straßenlaternen entwarf.
Doch es gibt noch andere, bis heute kaum bekannte Überbleibsel des Hitlerschen "Germania"-Wahns - zum Beispiel das Waldkrankenhaus. Die Altbauten des Areals waren nämlich Teil der so genannten Arbeiterstadt "Große Halle", einem ausgedehnten Lagerkomplex, der voll ausgebaut hundert Gebäude für 8000 Einwohner umfasst hätte.
Richtfest kurz vor Kriegsbeginn
Schon 1937 beschloss Speer, dass die Mitarbeiter des Prestigeprojekts eine besondere Unterbringung verdienten. Die normierte Reichsarbeitsdienstbaracke aus Holz wurde aus den Plänen gestrichen. Stattdessen sollte der Architekt Carl Christoph Lörcher eine feste Siedlung errichten. Der 1884 in Stuttgart-Stammheim geborene Lörcher hatte sich in der Türkei und auf dem Balkan einen Namen als Städteplaner gemacht; in den 1930er Jahren leitete er kurzfristig sogar den Deutschen Werkbund. Ab 1933 lehrte er Bau- und Siedlungswesen an einer Berliner Kunsthochschule.
Das Richtfest für die Arbeiterstadt fand kurz vor Kriegbeginn am 7. Juli 1939 statt. Die Pläne Lörchers sahen eine repräsentative Toranlage mit Büros und Garagen und 25 Wohneinheiten aus je zwei Schlafgebäuden und einem Wirtschaftshaus vor. Hinzu kamen Handwerksstuben, Läden und eine Festhalle. Für die Freizeit waren Hand- und Fußballfelder sowie zwei Schwimmbecken eingeplant. Etwas abseits lagen das Lazarett und die Lagerführer-Siedlung.
Nach Kriegsausbruch gingen die Bauarbeiten noch bis Sommer 1942 normal weiter. Bis dahin waren das Torgebäude, einige Führerhäuser, das Lazarett und neun Wohneinheiten fertig, die bis zu 2000 Personen Wohnraum boten. Schon 1940 eingezogen waren Angehörige der "Transportstandarte Speer", einer paramilitärischen Lkw-Einheit des "Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps" (NSKK), außerdem Bauleute und Polizisten. Die Germania-Pläne interessierten von den Bewohnern allerdings niemanden mehr sonderlich.
Krankenhaus statt Kuppeldom
Ab Herbst 1941 beherbergte das Lager mehr und mehr ausländische Zwangsarbeiter, meist Holländer, Belgier und Tschechen, die für Siemens, das Heereszeugamt in Spandau und die Deutschen Industrie-Werke in Ruhleben schufteten. In der zweiten Kriegshälfte stießen noch Russen und Ukrainer hinzu, die in Holzbaracken leben mussten und vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt wurden.
Als im April 1945 die Rote Armee anrückte, wurden die Insassen des Lagers schlicht und einfach auf die Straße gesetzt; das deutsche Personal flüchtete wenig später. Am 25. April 1945 okkupierten sowjetische Truppen das Areal, nach der deutschen Kapitulation und der Aufteilung der Reichshauptstadt in vier alliierte Sektoren rückten im Juli britische Soldaten ein. Die Nachkriegszeit begann in der einstigen Werkstatt für die Welthauptstadt, als am 1. November 1945 einhundert Orthopädie-Patienten in das Haus 16B einzogen - die neue Klinik firmiert, durchaus geschichtsbewusst, als "Krankenhaus 'Große Halle'".
Der Rest ist selbst Geschichte. Am 1. April 1947 entstand aus dem Krankenhaus "Große Halle" das Evangelische Waldkrankenhaus Spandau. Das Hospital wächst und gedeiht; heute hat es elf medizinische Abteilungen und ist Akademisches Lehrkrankenhaus der Humboldt-Universität. Die aus der Arbeiterstadt der Nazis verbliebenen Häuser sind in den Klinikbetrieb integriert. Die große Toranlage, das Aushängeschild der Anlage, wurde 1978 abgerissen.
In den 1990er Jahren erforschte die Jugendgeschichtswerkstatt Spandau das Areal und entwickelte eine Ausstellung. Seit dem 8. Mai 2004 erinnert in einer ehemaligen Germania-Wohneinheit ein Mahnmal des Bildhauers Ingo Wellmann an die 40.000 Zwangsarbeiter, die während der NS-Zeit in Spandauer Lagern interniert waren.
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