| Galland und Meinel: General Adolf Galland (l.) und Flakhelfer Meinel (r.) trafen sich einmal während des Zweiten Weltkriegs 1944 in Berlin - und dann durch Zufall ein weiteres Mal als Zivilisten 1960 auf einem Ball in Köln. |
Man sieht sich immer zweimal: Als Flakhelfer musste sich Helmar Meinel 1944 vom berühmten Jagdflieger und Wehrmachtsgeneral Adolf Galland anpflaumen lassen. Auf einem Ball begegnete er ihm 1960 wieder. Das Interview, das er damals kurzerhand mit Galland führte, blieb unveröffentlicht - bis jetzt.
Meine erste Begegnung mit Adolf Galland - einst der jüngste General der Wehrmacht, 104-facher Luftsieger und bei Freund und Feind als ritterlich geachteter Jagdflieger - im Herbst 1944 hinterließ bei mir eher gemischte Gefühle.
Galland, von Hitler gegen seinen Willen als Inspekteur für die Luftverteidigung der Reichshauptstadt eingeteilt, war damals überraschend mit großem Gefolge in unserer Flakstellung in der Nähe der Funkstation Nauen im Westen von Berlin aufgetaucht. Dort hatte er sich im eleganten taubenblauen Ledermantel mit weißem Seidenschal und mächtig qualmender Zigarre in Siegerpose auf dem Wall aufgebaut und uns diensteifrig an einem Scheinwerfer exerzierende 16-jährige Luftwaffenhelfer von oben herab angemotzt: "Heil Hitler, ihr Armleuchter!" Wir waren zutiefst beleidigt.
Wiedersehen auf dem Hofball
Warum beim ersten großen Hofball nach dem Krieg 1960 im Kölner Gürzenich der nun elegant befrackte Ex-General Galland mit angelegtem Halsschmuck (Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz mit Schwertern und Brillanten) vom Veranstalter ausgerechnet neben den kleinen ehemaligen Luftwaffenhelfer (Erkennungsnummer B 18, 5. Turmflak, Abt. 123) gesetzt worden war, blieb unerfindlich. Möglicherweise fielen wir beide einfach nur in die Kategorie "bessere Herren ohne Begleitung".
Dass sich der Ex-General, jetzt als gutdotierter Berater der wiedererstehenden deutschen Luftfahrtindustrie in Düsseldorf tätig, 16 Jahre danach im angeregten Tischgeplauder überhaupt noch dunkel an eine Episode wie diese erinnern konnte, war keine geringe Überraschung für mich. Aber Galland hatte eine Erklärung dafür: "Das war in den Tagen nach dem ersten großen Krach mit Göring", erklärte er, "ich war wütend, dass ich zum Handelsvertreter degradiert worden war, der mit dem Auto von Stellung zu Stellung reisen musste, um die Leute bei Laune zu halten!"
An dem Abend dann in der allgemeinen Unverbindlichkeit des gesellschaftlichen Flairs sah ich meine Chance, Galland in ein längeres Gespräch über die noch nicht allzu lang zurückliegende Kriegszeit zu verwickeln. Ich hatte eine Veröffentlichung darüber im Blick, denn das Interesse an solchen Themen war zu dieser Zeit groß. Immerhin lag Köln an vielen Stellen noch immer in den Trümmern, die der Luftkrieg über die Stadt gebracht hatte.
Guernica - ein bedauerlicher Fehlabwurf
Doch als wir in einer Pause im Programm des eher spröden Abends in einer ruhigen Ecke im Bierkeller des Gürzenichs saßen, warnte mein jovialer Gesprächspartner mich vorsorglich: "Galland-Interviews werden in Deutschland nicht gedruckt!" Dass ich ihn nicht nur nach seiner Vorliebe für die auch jetzt wieder qualmenden Zigarren fragen wollte, für die er sich im Cockpit seiner "Me 109" eine besondere Halterung hatte einbauen lassen, damit sie nicht ausgingen, wenn er die Sauerstoffmaske überzog, war ihm wohl klar. Das Gespräch verlief also folgendermaßen:
Frage: Was war das für ein Gefühl, 104 Gegner fast von Angesicht zu Angesicht in der Luft abzuschießen?
Galland: 104 mal mit dem eigenen Leben davongekommen zu sein!
Frage: Sie haben als Angehöriger der "Legion Condor" im spanischen Bürgerkrieg die weltweit verurteilte grausame Bombardierung der Stadt Guernica auch noch nach dem Krieg verteidigt.
Galland:Ich bleibe dabei. Es war ein bedauerlicher Fehlabwurf wegen schlechter Sichtverhältnisse.
Frage: Sie sollen auf die Kritik Görings nach der verlorenen Luftschlacht um England geantwortet haben: "Herr Reichsmarschall, geben Sie mir eine Staffel englischer Spitfire!"
Galland: "Eine der vielen Legenden über mich."
Frage: "Hätte mit dem rechtzeitigen und massiven Einsatz der neuentwickelten Düsenjäger die Zerstörung der deutschen Städte wirklich verhindert werden können?"
Galland: "Wir haben zumindest vier Jahre lang schwer gepennt!"
Wenige Tage nach dem Gespräch schickte ich Galland das Manuskript, wie vereinbart zum Gegenlesen und Autorisieren nach Düsseldorf. Bei mehreren telefonischen Nachfragen kam ich aber nur bis zu seiner Sekretärin durch. Sie hatte die üblichen Ausreden parat: unabkömmlich in einer Sitzung, gerade verreist, ein wichtiges Gespräch auf der anderen Leitung.
Etwa eine Woche danach erschien Gallands Fahrer in meinem Büro in Köln, stellte ein Kistchen mit einer Flasche besten französischen Cognacs auf den Tisch und übergab einen Umschlag mit dem Manuskript. Neun oder zehn seiner Antworten auf insgesamt zwölf Fragen hatte Galland einfach gestrichen, darunter auch die zu dem Bombenmassaker in Guernica. Angeheftet war ein handgeschriebener Zettel: "Wie ich Ihnen schon gesagt habe: Interviews mit G. werden in Deutschland nicht gedruckt! P.S.: Den Armleuchter nehme ich zurück!"
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