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Tanzschule Bäulke, Abschlußball: Auf dem Bild sind wir, die jungen Leute (jedenfalls damals), sichtbar stolz. Wir hatten gerade mit Erfolg den gefürchteten Wiener Walzer vor den strengen Augen von 50 Elternpaaren und schlimmer noch denen von Inge und Horst Schubert absolviert. Erfolg, weil wir im Anschluß daran eine goldene Ehrennadel aus der Hand von Inge Schubert (rechts im Bild) verliehen bekamen und dazu noch einen Gutschein für einen Fortgeschrittenen-Kurs. Das Schönste daran war, dass dadurch der Abschlussball für uns nicht das Ende war!
Das Foto wurde 1961 in der Tanzschule Bäulke aufgenommen und zeigt rechts im Bild die Interviewpartnerin der einestages-Redaktion Ingeborg Schubert-Bäulke. |
Links das Bein, rechts das Bein - und alles für den ersten Kuss: Bei der Tanzstunde begegneten Generationen von Deutschen erstmals hautnah dem anderen Geschlecht. So wie in der ältesten Tanzschule des Landes - die Gestapo-Übergriffen ebenso trotzte wie der Twist-Welle. Von Katja Iken
Ihr Schlussballkleid wird Ingeborg Bäulke-Schubert wohl nie vergessen: Gefertigt aus dem beigefarbenen Tarnnetz eines Soldaten des Afrika-Korps', war es mit kleinen Puffärmchen und einer Blume in der Taille versehen - der Traum eines jeden jungen Mädchens im Jahr 1948. Wer nicht das Glück hatte, ein solches Weltkriegsrelikt zu ergattern, ließ sich die Robe aus alten Gardinen oder Fallschirmseide nähen, die jungen Männer stürmten in umgefärbten Uniformen das Parkett der Tanzschule. Not macht eben erfinderisch. Und tanzwütig.
"Je schlechter die Zeiten, desto größer die Lust am Tanzen", sagt die 74-Jährige Dame. Sie muss es wissen: Ingeborg Bäulke-Schubert leitet als Seniorchefin die wohl älteste Tanzschule Deutschlands - in fünfter Generation. 1787 führte Dynastiegründer Emanuel Einolf im nordhessischen Biedenkopf Tanzunterricht als Nebenfach ein. Kurz davor hatte Kaiser Joseph II. in Wien den Beruf des Tanzmeisters etabliert, um das walzerverrückte Volk unter Kontrolle zu bringen - und gab damit den Startschuss für die öffentlichen Tanzschulen. Einolfs Sohn Georg und Enkelin Luise Bäulke bauten die Tanzschule aus; im Oktober 1933 machte sich Ewald Bäulke, der Vater von Ingeborg, mit einer Niederlassung in Darmstadt selbständig.
"Keine guten Zeiten für 'Bäulke'", erinnert sich die Seniorchefin. Der brutale Rassenhass machte auch vor dem Tanzschulparkett nicht halt. So erschoss ein Darmstädter mit stramm nationalsozialistischer Gesinnung kurzerhand den chinesischen Tanzpartner seiner Tochter, "ein schrecklicher Moment für die Schule", so Ingeborg Bäulke-Schubert. Dazu kam die Gängelung durch das Regime: Hitler geißelte die neuen Modetänze der zwanziger Jahre wie Charleston, Shimmy und Foxtrott als "entarteten Negerklamauk" und propagierte Rheinländer, Polka und Walzer. Ganz besonders verhasst: der Swing, der als "Urwaldgehopse" tituliert und kurzerhand geächtet wurde.
"Tanzen ließ die Leute ihre Not vergessen"
"Swing-Tanzen verboten", lautet die Inschrift des Emailleschildes, das die Tanzschule Bäulke draußen an der Tür anbringen musste. Doch Vater Ewald pfiff darauf. Im Krieg als Soldat in Paris stationiert, entflammte der Tanzlehrer für den wilden Schlenkerschritt und führte ihn als "kleinen Foxtrott" getarnt in Darmstadt ein. "Leider befand sich das Gestapo-Quartier direkt gegenüber", erinnert sich Ingeborg Bäulke-Schubert. Prompt ließen die Nazis Ende 1942 die Tanzschule schließen; bald darauf zerstörte eine Bombe das Gebäude. Die Tanzkultur, ob in Darmstadt oder anderswo im Dritten Reich, lag am Boden - um unmittelbar nach dem Krieg mit umso größerer Vehemenz wieder aufzuerstehen.
"Tanzen war das billigste Vergnügen und ließ die Leute ihre Not vergessen", erklärt die Darmstädterin das ab 1945 um sich greifende Tanzfieber. Da den Bäulkes zunächst das Geld für den Aufbau einer neuen Tanzschule fehlte, bildete Vater Ewald seine Kinder - Ingeborg war gerade elf Jahre alt - in Ballett und Steptanz aus und tingelte bei den US-Soldaten. "Als die GI's bei einer Show in Karlsruhe anfingen sich zu prügeln, legte mein Vater kurzerhand die amerikanische Nationalhymne auf, und sofort herrschte wieder Frieden. Am Ende sind wir weg mit einem halben Koffer Schokolade", erinnert sich die Tochter und lacht. Bald hatte die Familie genug Startkapital zusammen und konnte die Schule neu eröffnen.
In Scharen strömte die jungen Menschen herbei, im Winter brachten sie Briketts, eine Tüte Kohlen, einen Scheit Holz zum Unterricht mit. Zwar schwang bei Bäulke nach wie vor überwiegend die akademische Elite, also Gymnasiasten und Studenten, das Tanzbein; erstmals führte die Schule nach dem Krieg jedoch auch kaufmännische Kurse ein. Das Volk eroberte den Ballsaal - die Etikette vermochte sie nicht hinwegzufegen. Noch nicht.
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