Über einestages

1959

Tunesien vor 50 Jahren Urlaub bei den "Eingeborenen"


zurück vor 19  /  19
zurück vor
Bis zum Horizont: "Das Ruinenfeld zieht sich in einer fast unübersehbaren Weite dahin", schrieb ich neben dieses Bild von Karthago.

Sonne, Strand und Standardkomfort: 1959 reiste Björn Pätzoldt nach Tunesien. Aus der naiven Sicht eines Jugendlichen schildert der damals 14-Jährige seine Urlaubseindrücke in einem Tagebuch - wie er in engen Körperkontakt mit zwei einheimischen Mädchen geriet, einen Heiratshandel beobachtete und einen Kulturschock erlitt, der ihn zum Weinen brachte.


In Tunis leben sehr reiche Menschen, welche nach ihrem Aussehen wohl Europäer sind. Die Eingeborenen, die hier und da hungernd und bettelnd an den Häuserwänden sitzen, lassen das Leben in Tunis wie Tag und Nacht erscheinen. An ihnen gehen die Reichen vorbei, ohne diesen Armen auch nur einen Blick zuzuwerfen. Mir scheint, als nehmen es die Eingeborenen hin, als wär' es die größte Selbstverständlichkeit, daß zwischen Reichen und Armen eine ganz andere Welt liegt. Sie sind Menschen zweiter Klasse.

Im Alter von 14 Jahren war ich über Ostern 1959 mit meinen Eltern und Geschwistern nach Tunesien geflogen. Meine Erinnerungen an die zweiwöchige Reise hielt ich in einem Tagebuch fest: Es war meine erste Berührung mit Afrika - dem Kontinent, den ich später noch häufiger besuchen sollte.

Ein halbes Jahrhundert nach der Niederschrift nehme ich das graue, gebundene Tagebuch, in das ich sorgsam Fotos, Postkarten und Ausschnitte aus Broschüren eingeklebt habe, erstmals wieder zur Hand. Sofort stoße ich mich an der eurozentristischen Überheblichkeit meiner Worte: Die Bezeichnung der Menschen dort als "Eingeborene" widerstrebt mir heute als Erwachsener. Ob ich als Jugendlicher, zurückgekehrt aus den Ferien auf einem bayerischen Bauernhof, wohl auch von den dortigen "Eingeborenen" berichtet hätte? Inzwischen meiden Wissenschaftler aufgrund rassistischer Assoziationen den Begriff "Eingeborene". Doch damals in den fünfziger Jahren, als ich mit meiner Familie den Urlaub in Tunesien verbrachte, war der Ausdruck üblich - auch unter Ethnologen.

"Wenn die Maschine nun abstürzt..."

Der erste Eintrag meines Tagebuchs stammt vom 14. März 1959. Um 5 Uhr in der Früh erwachte ich mit Lampenfieber vor der großen Reise. Meine Eltern wollten uns damit überraschen, wo wir unsere Ferien verbringen würden, und hielten das genaue Ziel zunächst vor uns geheim - auch als wir bereits in Berlin aufgebrochen waren. Detailliert notierte ich jede Reisestation:

Gegen 9 Uhr fahren wir los zum Kontrollpunkt Drei Linden, wo wir erst zum Halten kommen. Dann fahren wir weiter zum sowjetischen Kontrollpunkt Babelsberg. Hier halten wir etwas länger, um die nötigen Formalitäten zu beseitigen. Nach langem Warten fahren wir endlich weiter, die Autobahn entlang, durch die öde Landschaft Mitteldeutschlands.

Wir übernachteten in einem Hotel in Braunschweig, dann fuhren wir mit unserem Opel Kapitän, Baujahr 1954, weiter bis nach Düsseldorf. Und endlich erfuhr ich, wohin die Reise gehen sollte: Tunesien.

Rund 600 D-Mark hatten meine Eltern für Flug und Unterbringung im Hotel inklusive Vollpension gezahlt. Es war meine erste Flugreise - und ich hatte wahnsinnige Angst vor dem Fliegen. Wenn die Maschine nun abstürzt..., malte ich mir das Schreckensszenario einer Katastrophe aus. Mit zittrigen Händen schnallte ich mich an. Erst die sanfte Stimme der LTU-Stewardess, die übers Mikrofon die Passagiere an Bord begrüßte, konnte mich beruhigen.

Der Flug führt uns über Städte und Dörfer, den Rhein entlang nach Stuttgart, wo wir eine Stunde Aufenthalt haben. Dann fliegen wir weiter über die Schweiz, über Frankreich, bis zu der französischen Hafenstadt Marseille. Auch hier haben wir eine Stunde Aufenthalt. Dann fliegen wir weiter über das Mittelmeer, über Korsika, Sardinien und Sizilien bis nach Tunis.

Wie ein Feldforscher bei der Arbeit

Insgesamt 56 Stunden dauerte unsere Odyssee von Berlin nach Tunis. Am späten Nachmittag landeten wir in der Hauptstadt Tunesiens, immer noch nicht unser endgültiges Ziel. Nach einer Übernachtung im Grand Hotel fuhren wir mit einem Bus weiter ins Hotel Miramar bei Hammamet - einst ein beschauliches Fischerdorf, das sich in den fünfziger Jahren zu einem stattlichen Urlaubszentrum entwickelte. Für mich war es damals ein schmutziger, von der Zivilisation vergessener Ort.

An unserem ersten richtigen Urlaubstag, dem 18. März 1959, wanderten wir nach Hammamet, das vier Kilometer entfernt von unserem Hotel lag. Wir, die fünfköpfige europäische Familie, weckten das Interesse der Einheimischen auf der Straße.

Kleine Kinder springen uns bettelnd in die Arme. Zum Glück haben wir tunesisches Kleingeld mitgenommen, notierte ich in meinem Büchlein. Wie ein Feldforscher bei der Arbeit protokollierte ich akribisch jede Beobachtung - über die Kleidung der Einheimischen, ihre Gebräuche und Gepflogenheiten, über ihre Behausungen und ihre Arbeit. Mir fiel auf, dass viele Tunesier wenig arbeiten, nur dann, wenn es sich irgendwo etwas mit 'leichter' Arbeit verdienen lässt. Ich bemerkte, dass eine tunesische Familie bis zu 20 Kinder zählte. Und dass nach der mohammedanischen Religion keine Frauen für öffentliche Dienste zugelassen waren. Dementsprechend waren in unserem Hotel nur Männer beschäftigt - und das Reinigungspersonal bestand ausschließlich aus "Zimmer-Herren".

Aufregung im Auto

Auf dem Rückweg von unserem Ausflug nach Hammamet bot ein Tunesier an, uns in seinem Auto zurückzufahren. Wir quetschten uns in den kleinen Wagen, auf dessen Rückbank schon zwei Mädchen saßen - die nun auf meinem Schoß Platz nahmen.

Ich hatte ein etwas eigenartiges Gefühl. Nicht etwa weil es zwei braune Mädels sind oder gar weil sie etwas schmutzig sind, sondern ganz einfach deshalb, weil es das erste Mal ist, daß auf meinem Schoß irgendwelche Mädchen sitzen.

Damals noch gänzlich unerfahren mit dem anderen Geschlecht konnte mein züchtiges Gemüt erst aufatmen, als wir vor dem Hotel angekommen ausstiegen.

Ich schmökere weiter in dem auf Schreibmaschine getippten Lesestoff. Eintrag vom 20. März 1959: Wir unternehmen auf eigene Faust einen Ausflug nach Nabeul - ins Städtchen der kleinen Kaufleute, wie ich den heute populären Touristenort auf der tunesischen Halbinsel Cap Bon damals nannte.

Die weißgekalkten Häuser sind eher schmutzig als weiß. Es sind sehr viele Menschen auf den Straßen und auf dem Marktplatz zu sehen. Die Menschen kommen aus den verschiedensten Gegenden Tunesiens, um hier Waren zu kaufen und zu verkaufen. Die meisten kommen mit von Kamelen oder Mauleseln gezogenen Wagen, wenige mit Autos. Die Häuser sind mit tunesischen Nationalfahnen und Plakaten mit dem Haupt des Ministerpräsidenten Bourguiba geschmückt.

Brauthandel auf offener Straße

In jenen Tagen feierte Tunesien seinen dritten Unabhängigkeitstag. 1956 hatte das nordafrikanische Land seine Unabhängigkeit von der französischen Kolonialherrschaft erlangt. Habib Bourguiba wurde erster Präsident der neuen Republik. Der "oberste Kämpfer", wie sich der Herrscher selbst bezeichnete, setzte sich für die Rechte der Frauen ein - und es ist wohl maßgeblich seinen Verdiensten zuzusprechen, dass Tunesien heute zu einem der emanzipiertesten Länder Arabiens zählt. Umso mehr wunderte ich mich, als ich am Rande des bunten Markttreibens von Nabeul offenbar ein Geschäft zur Zwangsheirat beobachten konnte.

Im Schatten steht ein Tunesier an der Mauer, schräg hinter ihm einige verschleierte Mädchen. Vor ihm steht ein weiterer sehr dunkelhäutiger Tunesier, der eine ganze Weile auf eines der Mädchen zeigt und schließlich mit der Erlaubnis des Anderen den Schleier des Mädchens beiseiteschiebt, um sich ihr Gesicht anzusehen. Wie mir scheint, ist das dort ein Heiratshandel, aber ich weiß nicht, ob solch altorientalische Sitten hier in Tunesien noch erlaubt sind, denn Bourguiba hat in seinem Land auch das Haremtum verboten.

"Stil!", kritisiere ich meine Ausdrucksweise beim Lesen der Zeilen. Bereits als Jugendlicher war ich in Wortstrickereien vernarrt, wobei mir die eine und andere Masche gründlich misslang. Langsam stimmen mich meine mehr als 50 Jahre zurückliegenden Wortergüsse ungnädig. Ich lese dennoch weiter - und erinnere mich an unseren Besuch der Großen Moschee von Kairouan.

Besuch der entheiligten Moschee

Das 35 Meter hohe, eckige Minarett der Mosquée de la Grande des Sidi Okba erinnert in seiner Schlichtheit an die trostlose Weite der arabischen Wüste, aus der seine Erbauer kamen. Die Mosquée de la Grande zählt zu den ältesten Heiligtümern der ganzen islamischen Welt. Wir sehen herrliche Rundbauten, Mosaikarbeiten als Wand- und Deckenschmuck, sowie prunkvolle Kronleuchter.

Gewöhnlicherweise, so erzählt uns der uns durch die Moschee führende Tunesier, darf ein Nichtmohammedaner keine Moschee von innen betreten. Diese Mosquée de la Grande jedoch wurde in früherer Zeit einmal von französischen Kavalleristen gestürmt und ist seither entheiligt.


Als unser einheimischer Guide erfuhr, dass wir Deutsche sind, zeigt er stolz seine rechte Hand, die er einst Feldmarschall Erwin Rommel zum Gruß gegeben hatte. Viele Araber erhofften sich damals von den deutschen Truppen die Befreiung vom Joch der Fremdbestimmung durch die alte Kolonialmacht Frankreich. Freudig grüßten sie die Ausländer auf den Straßen mit dem erhobenen rechten Arm und als die Amerikaner nach Tunesien kamen, wurden auch sie irrtümlicherweise mit Heil-Hitler begrüßt, erzählte mir damals unser tunesischer Touristenführer.

Kulturschock an einem Tanzabend

Ich suche in meinem Reisetagebuch nach einer weiteren Begebenheit, an die ich mich noch schwach erinnere, auf einer abendlichen Tanzveranstaltung im Hotel.

Als ich einmal den Saal verlasse, begegne ich draußen im Freien einem auf der Treppe sitzenden beinamputierten Eingeborenen. Ich steh' wie gelähmt vor ihm, und seh' in ihm eine andere zusammengebrochene Welt von Armen und Krüppeln. Wie kann es sein, daß zwei Welten durch eine Glastür getrennt sind. Drüben im Saal, da tanzen reich gekleidete Menschen mit lachenden arglosen Gesichtern durch ihr Leben, und hier in der freien Natur ist die vom Reichtum verdammte Welt der Armen, Kranken und Verkrüppelten.

Mich traf damals dieser starke Kontrast zwischen Arm und Reich mit voller Wucht. Ich gab dem Mann, der Blumen an Passanten verkaufte, etwas von meinem tunesischen Kleingeld - und ging dann auf mein Zimmer, um mich auszuheulen. Die Lust am Feiern war mir an diesem Abend vergangen.

Meinen anfänglichen Kulturschock hatte ich schon am nächsten Morgen überwunden. Das Paradies der Ursprünglichkeit hatte mich in seinen Bann gezogen. Wieder zurück in Deutschland schrieb ich in mein Tagebuch auf der letzten Seite:

Ich bin dem Zauber Tunesiens erlegen, und werde immer Sehnsucht nach diesem weiten, sonnendurchtränkten Land haben, denn ich vermag in diesem Wunderland die schönsten Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" zu entdecken.



Zum Weiterlesen:



Björn Pätzoldt: Nandinda, "Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachkriegsbiographie", Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009


Debatte

Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Verwandte Artikel

Pioniertage des Tunesien-Tourismus: Rommels Nachhut

Teutonen in Tunesien: In den sechziger Jahren entdeckte der...

Unterwegs in Afrika: Schokoladenbier unterm Wurstbaum

Im Jahr 1965 trampte Björn Pätzoldt durch Südrhodesien, das...

Flucht vor der Roten Armee: "Ich hasste die Nacht"

Nur dank seiner tatkräftigen Mutter überlebte Björn Pätzoldt...


Artikel bewerten

4,8 (8 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht