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1945

Kriegsende in Berlin "Komm nur nicht her"


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Leben zwischen Trümmern: Nach einem der alliierten Luftangriffe 1945 auf Berlin suchen die Einwohner mühsam einen Weg durch die Zerstörungen, hier in der Stallschreiberstraße.

Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-J31345

"Liebe Else, alle Schauergeschichten, die uns jemals vorgesetzt worden waren, wurden von der Wirklichkeit noch übertroffen…" Eine junge Mutter erzählt in Briefen, wie sie nach der Kapitulation Berlins ums Überleben kämpft. Jahrzehnte später entdeckten ihre Tochter Brigitte und Schwiegersohn Manfred Heyde die Durchschläge dieser erschütternden Korrespondenz.


Für den Termin bei dem Fotografen hatte sich die Familie ihre beste Sonntagskleidung angezogen. Großvater Franz Tannhäuser im dunklen Zwirn, mit Hemd und Krawatte, die Haare akkurat nach hinten gekämmt. An seiner Seite seine Frau Martha, mühsam lächelnd. Hinter ihr steht nach vorne gebeugt ihre Tochter, Friedel Tannhäuser, im geblümten Sommerkleid, das Haar adrett in Wellen gelegt. Auf dem Schoß der Großmutter sitzt "Püppi": Brigitte Tannhäuser, die Jüngste.

Das Drei-Generationen-Bild war kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Berliner Atelier aufgenommen worden, eine der wenigen Fotografien der Familie aus diesen Tagen. Sie lag in einem der Briefe, die Friedel Tannhäuser 1946 an ihre Cousine Else geschickt hatte. Das Leid, das die Tannhäusers damals durchlebten, zeigt das Schwarzweißfoto nicht. Doch in den Berichten, die Friedel auf der Schreibmaschine verfasst und an Freunde, Verwandte und Kollegen gesandt hatte, ist von den alltäglichen Sorgen der jungen Frau zu lesen. In ihrem Nachlass fanden sich mehr als hundert Durchschläge solcher Schreiben.

"Liebe Else, Du mußt entsetzlich viel durchgemacht haben, und ich bin froh, daß Du Dich so tapfer durchgebissen hast. Kommt nur vorläufig nicht hierher", warnt Friedel die Cousine, die bei Kriegsausbruch mit ihrem jüdischen Verlobten nach Holland geflohen war.

Friedel schildert die letzten Kriegstage in Berlin bis zum 26. April 1945, als dann "plötzlich die Russen da waren": "In der letzten Woche war der Beschuß so stark, daß wir Tag und Nacht in unserem häßlichen, engen und schmutzigen Hauskeller eingepfercht sitzen mussten. Jeder war aufgeregt und nervös, es gab kein Licht und kein Wasser, und an Lebensmittel kam man nur unter Lebensgefahr. […] Alle Schauergeschichten, die uns jemals vorgesetzt worden waren, wurden von der Wirklichkeit noch übertroffen. Ich hatte mich wie eine alte Frau eingemummelt, meine Kinobrille aufgesetzt und in die äußerste Ecke verkrochen. Wir hatten noch Glück, daß wir im Hinterkeller saßen und zum größten Teil verschont blieben."

"Alle Leute ertranken"

Berlin war Hunderte Male bombardiert worden, Familie Tannhäuser mehrfach ausgebombt. Nach dem dritten Mal lag das Zuhause endgültig in Trümmern und sie waren gezwungen, zu Verwandten zu ziehen. Bei den Luftangriffen, berichtet Friedel, waren auch ein Großteil der Straßenbrücken und der darunter verlaufenden Leitungen beschädigt worden - die Wasser- und Energieversorgung war zusammengebrochen. Auch der öffentliche Personennahverkehr stand still, denn es gab weder Strom noch Kohle, um die Wagen voranzutreiben. Obendrein habe die SS sämtliche Verkehrsverbindungen "sinnlos" zerstört, schreibt Friedel und erzählt, wie am 2. Mai 1945 der Tunnel der Nordsüd-S-Bahn am Landwehrkanal hinter dem Anhalter Bahnhof gesprengt worden war.

"Das Wasser drang mit großer Heftigkeit nicht nur in die S-Bahn, sondern auch in die U-Bahn Richtung Seestraße und nach Neukölln, Richtung Pankow ein. Alle Leute, die dort Schutz gesucht hatten und nicht schnell genug waren, ertranken in den Fluten", schildert Friedel die Tragödie. Tatsächlich hatten Ermittlungen später ergeben, dass kaum jemand der Schutzsuchenden ertrunken war - vielmehr waren jene Menschen gestorben, die in den für die Verwundeten des Endkampfs um Berlin zu Hilfslazaretten umfunktionierten S-Bahnwagen untergebracht worden waren. Nur davon wusste Friedel zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nichts.

Als die Rote Armee im April 1945 in Berlin einzog, war die 29-jährige Friedel gerade hochschwanger: Am 4. Mai kam Tochter Brigitte zur Welt. Fortan drehte sich alles nur noch um den "kleinen Pumpel" - Sorgenkind und zugleich einziger Lichtblick in der tristen Kriegszeit. Die Wehen hatten bei Friedel am 3. Mai eingesetzt. Weil man nachts nicht auf die Straße gehen durfte, konnte die Hebamme erst morgens geholt werden. Der Vater war unterwegs, um Lebensmittel zu beschaffen. So wurde eine Nachbarin losgeschickt, um eine Hebamme zu finden. Am nächsten Tag gegen 11 Uhr erschien schließlich eine. Die aber stellte nur fest, dass es noch nicht so weit sei - und verschwand wieder. "Um 14 Uhr kam Brigitte zur Welt, es war eine Steißgeburt, und ich war mit Mutti allein", schreibt Friedel.

"Ich habe mir drei Zehen erfroren"

Nach dem Krieg hielt sich die junge Mutter, die unter den Nationalsozialisten als Stenotypistin bei der Deutschen Sprengchemie GmbH in Berlin und in der Reichsverwaltung der besetzten polnischen Gebiete gearbeitet hatte, mit verschiedenen Jobs über Wasser. Unter anderem verkaufte sie Werbeanzeigen. Einen Lohn erhielt sie dafür nicht, nur eine Provision bei Erfolg. Das Geschäft laufe schlecht, berichtete sie ihrer Cousine Else, zudem habe sie die Fahrkarten für die Bahn selber bezahlen müssen und sich wegen der ganzen "Lauferei" ihre Schuhe ruiniert.

Warmes und festes Schuhwerk war im harten Winter 1945/46, der Berlin Temperaturen von bis zu minus 20 Grad brachte, teuer und selten. Auf einer ihrer Touren nach Wannsee, wohin sie jedes Wochenende fuhr, um Brennholz zu sammeln, hatte sich Friedel drei Zehen erfroren: "Meine Überschuhe sind entzwei, neue Schuhe gibt es nicht, und meine restlichen Straßenschuhe lassen Wasser durch", klagte sie. Weil es keine Kohle zum Heizen gab, verbrannten die Tannhäusers aus lauter Verzweiflung auch ihre Bücher und Möbel. "Mein Vater ist sehr verbittert über den Verlust", schreibt Friedel.

Doch noch schlimmer als das ständige Frieren quälte die Familie der Hunger in jenem Winter. "Wir sind alle sehr abgemagert und sehen dem Frühjahr mit Bangen entgegen. Unsere Winterkartoffeln sind bald alle, und was wir dann essen sollen, wissen wir noch nicht." Ein Zentner Kartoffeln, empörte sich Friedel, koste auf dem Schwarzmarkt 800 Reichsmark - das sei "wahnsinnig teuer". Die Tannhäusers wohnten in Berlin-Neukölln, im amerikanischen Sektor. Doch was die Lebensmittelversorgung anging, waren sie der sowjetischen Zone zugeteilt. Das Dilemma, das aus diesem Verwaltungswirrwarr entstand: Bei Sonderzuteilungen für Lebensmittelrationen würden sich weder die Amerikaner noch die Russen zuständig fühlen, erklärt Friedel in einem Brief - so dass die Tannhäusers nicht selten leer ausgingen.

Doch auch wenn die Zuteilung funktioniere, würden die täglichen Rationen nicht ausreichen, um satt zu werden, klagt Friedel. Als "nichtarbeitende Bevölkerung" erhielten ihre Eltern die sogenannte Friedhofkarte, mit der sie täglich 400 Gramm Brot, 20 Gramm Fleisch, 30 Gramm Nährmittel wie Teigwaren, 20 Gramm Zucker, 400 Gramm Kartoffeln, 7 Gramm Fett sowie monatlich 25 Gramm Bohnenkaffee, 100 Gramm Kaffee-Ersatz und 30 Gramm Salz ausgehändigt bekämen. Als Angestellte erhielt Friedel immerhin die doppelte Ration an Fleisch und zehn Gramm mehr Bohnenkaffee zugesprochen. Auf "Hamsterfahrten" ins Umland habe sie versucht, bei den Bauern ihren Kaffee gegen Obst und Gemüse für ihre Tochter einzutauschen.

"Wir aßen Pferdefleisch, um nicht zu verhungern"

Damit zumindest die kleine Brigitte nicht Hunger leiden muss, halfen auch Verwandte und bringen "in der schwersten Zeit Butter, Zucker und Pudding". Manchmal waren auch "seltene Leckerbissen" wie Kirschen dabei. Freudig erzählt Friedel in einem Brief, datiert auf April 1946, dass ihre Tochter nun zusätzlich Lebertran, Schokolade, Trockenfleisch und Haferflocken erhalte. "Anscheinend war den Alliierten die Kindersterblichkeit in Berlin doch zu hoch", kommentiert sie diese unerwartete Zuwendung sarkastisch.

"Es war eine schreckliche Zeit", resümiert Friedel. "Papa war nur unterwegs und mußte überall anstehen. Morgens an der Pumpe zwei Stunden nach Wasser, dann im Kuhstall nach einem Viertel Liter Milch, die es nicht immer gab, mittags drei bis vier Stunden beim Bäcker, vergeblich, und dann wieder nach Wasser." Um nicht zu verhungern, hätten sie sogar Pferdefleisch gegessen, das sie gegen Zigaretten getauscht hatten.

Neben der schlechten Ernährung hatten auch die schlechten Hygieneverhältnisse im Nachkriegsberlin die Verbreitung von Krankheiten befördert. So auch bei den Tannhäusers, die im Sommer 1945 an der Ruhr litten. Die ganze Familie, auch das Baby, hatte hohes Fieber und kämpfte mit schwerem Durchfall. "Das hat besonders meinen Vater sehr mitgenommen und ihn alt und schwach werden lassen", schriebt Friedel. 1950 starb Franz Tannhäuser an den Folgen der Krankheit.

Mitarbeit: Philine Gebhardt


Debatte

insgesamt 2 Beiträge zur Debatte
Peter Hannemann am 22. Januar 2012, 02:15
Nach einer Eintragung in dem Tagebuch meiner Mutter wurde der Aphoteker am 25. April 1945 getötet.

Peter Hannemann am 12. September 2011, 01:03
Das erste Foto, am Flughafen Tempelhof, ist an der Manfred-von-Richthofen-Strasse Ecke Kaiser Korso. Im Hintergrund das Kino "Korso" in dem wir wöchentlich Sonntags...


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