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2011

Legendäre Kaffee-Kamera

"Wir haben dem Web die Würze gegeben"


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Quentin Stafford-Fraser
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Quentin Stafford-Fraser: Der britische Programmierer hatte die Idee für die "Trojan Room Coffee Camera", die erste Webcam weltweit. "Viele Innovationen entstehen aus Spielereien", sagt der Unternehmer, der außerdem das Virtual Network Computing (VNC) mitentwickelte. Heute lebt er in Cambridge und leitet die IT-Firma CamVine.

Weil sie nicht mehr vergeblich zur Kaffeemaschine pilgern wollten, installierten Wissenschaftler der Uni Cambridge 1991 die erste Webcam der Welt: Sie filmte den Füllstand einer Kaffeekanne. einestages sprach mit ihrem Erfinder Quentin Stafford-Fraser über die Antriebskräfte von Innovationen und darüber, wie die Kaffee-Kamera das Netz revolutionierte.


einestages: Was für Kaffee trinken Sie heutzutage?

Quentin Stafford-Fraser: Gemahlenen Kaffee, den ich mit einem wunderbaren Gerät namens "Aeropress" zubereite. Er schmeckt sehr viel besser als der, den wir damals im Computerlabor getrunken haben.

einestages: Wie genau entstand damals die Idee mit der Kamera?

Stafford-Fraser: Für Forschungsarbeit ist es wichtig, dass der Kaffee-Nachschub fließt. Aber manche Kollegen waren ein paar Flure weit entfernt, und jedes Mal, wenn sie Kaffee holen wollten, war die Kanne leer. Deswegen haben wir eines Nachmittags die Kamera angebracht. Es war meine Idee, aber mehrere Leute waren daran beteiligt. Mein Freund Paul Jardetzky und ich schrieben die Software; mein Programm zeigte zum Beispiel das Bild der Kaffeemaschine in der Ecke des Bildschirms an. Es vergingen zwei Jahre, bevor über das Web Bilder gesendet wurden. Anfangs konnten nur Leute in unserem Netzwerk die Bilder sehen, und sie brauchten dazu unsere maßgeschneiderte Software.

einestages: Sie haben eine komplizierte Technologie für einen banalen Bedarf entwickelt. Entsteht Innovation immer aus Bequemlichkeit?

Stafford-Fraser: Man sagt ja: Not macht erfinderisch. Innovation entsteht oft durch ein Problem, das andere vielleicht für trivial halten, das dem Betroffenen aber wichtig ist. Schauen Sie sich große Unternehmen wie Google an: Die interessantesten Projekte gingen oft aus kleinen Nebenprojekten hervor, die nicht im Business Plan standen. So war es auch bei uns im Forschungslabor: Ich kann mich kaum noch daran erinnern, woran wir damals gearbeitet haben. Nur die Coffee Camera ist hängen geblieben.





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einestages: War die Kamera im Trojan Room ein Meilenstein für das Web?

Stafford-Fraser: Ich denke schon. Sie hat den Ton vorgegeben und gezeigt, dass das Web für ernsthafte und weniger ernsthafte Dinge genutzt werden kann.

einestages: Hat die Coffee Cam das Web populärer gemacht?

Stafford-Fraser: Nein, das wäre auch ohne uns passiert. Aber ich denke trotzdem, dass sie die Vorstellungskraft der Menschen angeregt hat und sie auf neue, ungewöhnliche Gedanken gebracht hat, was man alles mit dem Web machen kann.

einestages: Inwiefern?

Stafford-Fraser: Wir verstanden zum ersten Mal etwas, das uns heute naheliegend erscheint, es damals aber keineswegs war: Wenn man einen Server abruft, muss er nicht zwangsläufig jedes Mal das gleiche Bild ausgeben. Mein Freunde Martyn und Dan modifizierten unsere Coffee Camera so, dass man sie in einem Web-Browser betrachten konnte. Das hatte den Nebeneffekt, dass man jetzt nicht mehr unsere Software brauchte. Eine sehr kleine Änderung mit großer Wirkung: Jetzt konnte sich jeder auf der Welt die Kaffeemaschine anschauen.

einestages: War die Coffee Camera der erste Internet-Hype?

Stafford-Fraser: Gut möglich im Sinne von überschätzt. Als wir die Kamera endgültig abschalten wollten, weil wir mit dem Labor in ein neues Gebäude zogen, merkten wir erst, wie viele Fans sie hatte. Viele erinnerte die Coffee Camera an die ersten Stunden des Webs. Es ist ein bisschen wie mit dem ersten Auto oder dem ersten Computer: Man erinnert sich gerne daran zurück, wie aufregend es war, diese neue Welt zu entdecken.

einestages: Wie haben sich Internet-Hypes seither verändert?

Stafford-Fraser: Die größte Änderung ist natürlich das starke kommerzielle Engagement. Das Internet war früher wunderbar frei von alldem. Weil es nur wenige Menschen damals überhaupt nutzten.

einestages: Wie wichtig war in den ersten Stunden des Web der Spaßfaktor?

Stafford-Fraser: Am Anfang sind neue Technologien oft sehr ernsthaft, weil es um viel Geld geht und große Unternehmen oder Organisationen dahinter stehen. Aber die Beteiligten sind oft kreative, einfallsreiche Menschen mit einem großartigen Sinn für Humor. Das Web musste auf diese teils spaßige, sinnlose Art und Weise starten. Es war total verrückt, damals eine Kamera neben eine Kaffeemaschine zu montieren, Kameras und Computer waren sehr teuer. Aber es hat dem Web seine Würze gegeben.

einestages: Haben Sie heute noch Kontakt zu den anderen Forschern aus dem Trojan Room?

Stafford-Fraser: Ich sehe viele von ihnen recht oft. Einige leben noch hier in der Gegend von Cambridge. Paul ist inzwischen in Kalifornien. Wir sind gute Freunde.

einestages: Was bedeutet Ihnen persönlich das Internet?

Stafford-Fraser: Ich halte es für die wichtigste Erfindung der Menschheit seit Langem. Die Direktheit und Offenheit des Netzes machen erfinderisch.

einestages: Es ist 20 Jahre her, dass Sie die Coffee Camera im Trojan Room angebracht haben. Wie wird das Internet in 20 Jahren aussehen?

Stafford-Fraser: Das sind Vorhersagen, die niemand gerne macht. Wir haben früher gescherzt, dass Internet-Jahre wie Hundejahre sind, also wäre das Web inzwischen 140 Jahre alt. Wie das Internet in 20 Jahren aussieht? Das ist in etwa so, als würde sich jemand im Jahr 1870 die heutige Welt vorstellen. Das ist doch gerade das Tolle am Internet: Wir können einfach nichts vorhersagen. Wäre es nicht schade, wenn wir jetzt schon alles wüssten? Vor zehn Jahren hätte sich niemand den Erfolg von Facebook oder Twitter vorstellen können. Das Web ist unvorhersehbar.

Das Interview führte Kathrin Dorscheid.


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