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1982-2012

Nicole und der Grand Prix "Verdammt, jetzt haust du die alle weg!"


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Germany! Mit dem Sieg beim Eurovision Song Contest katapultiert sich die Schülerin Nicole direkt auf den Zenit. Ihr Album "Ein bisschen Frieden" hält sich 20 Wochen in den deutschen und österreichischen Charts und ist in Deutschland sogar sechs Wochen auf Platz eins. Zwar schafft sie bis 2012 mit ihren Alben noch 14 weitere Chart-Platzierungen - der Erfolg ihres größten Hits bleibt aber ungebrochen.

Ein kleines Mädchen rettet die Nation: Vor 30 Jahren gewann Deutschland erstmals den Grand Prix - mit Nicoles "Ein bisschen Frieden". Auf einestages erinnert sie sich an den Auftritt, der ihr Leben änderte, Fernseher als Siegprämie - und erklärt, warum sie beim Finale am Wochenende nicht einschalten wird.


einestages: Wie spricht man Sie eigentlich an?

Nicole: Mit Nicole. Das ist ja auch mein richtiger Name.

einestages: Nicole, am Wochenende findet das Finale des Eurovision Song Contest statt. Interessiert der Sie eigentlich?

Nicole: Nein.

einestages: Warum nicht?

Nicole: Das ist nicht mehr mein Grand Prix. 26 Länder im Finale, das sind zu viele. Und es ärgert mich, wenn man schon vorher weiß, dass Mazedonien am Ende Bosnien-Herzegowina die Punkte geben wird.

einestages: Sie meinen die sogenannte Ostblockmafia. Allerdings hat das Zuschustern von Punkten für befreundete Länder noch nie einen Grand-Prix-Sieger gemacht.

Nicole: Aber das Ergebnis beeinflusst. Vor allem geht es mir aber um das, was auf der Bühne passiert. Wir haben noch live gespielt. Das einzige, was vom Band kam, war das Schlagzeug. Mit gutem Grund: Ein Lied stirbt, wenn das Tempo nicht stimmt. Aber der Rest war live. Die Lieder haben gelebt.

einestages: 1982, als Sie in Harrogate den ersten deutschen Sieg holten, gab es 18 Teilnehmer. Es war Kalter Krieg, Deutschland von einer Mauer geteilt - und eine Schülerin aus dem Saarland sang "Ein bisschen Frieden". Was ging in Ihnen vor, kurz bevor Sie auf die Bühne gingen?

Nicole: Will ich das überhaupt?

einestages: Bitte?

Nicole: Doch, dieser Gedanke war wirklich da. Und dann: Was für ein Unsinn, du bist nicht diesen weiten Weg gegangen, um kurz vorher zu kneifen. Verdammt noch mal, jetzt haust du die alle weg! Danach war nur noch Stolz, Freude, Überschwang.

einestages: Sie haben eine ganze Grand-Prix-Nation vom Trauma des Nie-Gewinnenkönnens befreit. Was macht das mit einer 17-Jährigen?

Nicole: Ich hatte mich zehn Jahre darauf vorbereitet.

Als sie da saß, das Kleid und die weiße Gitarre und die Sehnsucht in den Augen, da konnte man Nicole für zerbrechlich halten. Aber da saß auch ein Mädchen, das schon seit mehr als zehn Jahren Musik machte. Das es im Jahr zuvor mit "Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund" auf Platz zwei der deutschen Charts geschafft hatte. Die sich Monate vorher ausgemalt hatte, was mit ihr passieren würde, wenn sie gewänne. Die Fanpost, das Reisen, das Geld. Und die eine Vorahnung hatte.

Nicole: Ich hatte es im Gefühl, dass das Lied funktioniert.

einestages: "Ein bisschen Frieden" wurde nicht nur gelobt. Es gab auch Stimmen, die den Ralph-Siegel-Song für ein naives Antikriegslied hielten. Wie sehr war das Ihr Lied?

Nicole: 100 Prozent. So ein Lied passiert einem nur einmal im Leben. Ich gehe sogar noch weiter: Es ist ein Jahrhundertlied. Es wird nicht alt. Der Inhalt ist aktuell, denn der Wunsch nach Frieden wird immer ungebrochen sein. Ich singe es immer noch mit der gleichen Inbrunst.


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einestages: Das Lied war in ganz Europa erfolgreich, in Japan, es gab Gold und Platin. Wie haben Sie das mit der Schule gemacht?

Nicole: Ich war sechs Wochen überhaupt nicht in der Schule, meine Aufgaben habe ich entweder im Flieger oder im Hotel erledigt. Damals gab es noch Telex, diese elektronischen Telegramme auf Speckpapier, da waren die Aufgaben drauf.

einestages: Der Ausnahmezustand wurde zum Normalzustand. Mit teilweise unangenehmen Folgen. Zeitungen haben Bilder von Ihnen gedruckt, auf denen Sie auch mal ein Kind im Arm hielten. Fotomontagen.

Nicole: Die Zeitungen haben mir diverse Schwangerschaften unterstellt in der Hoffnung, mal einen Treffer zu landen. Ich habe gefühlt 34 Babys. 1997 kam meine zweite Tochter zur Welt. Und weil ich keine Fotos freigab, wurden eben welche gefälscht. Mittlerweile wird es akzeptiert, dass ich mein Kind aus der Öffentlichkeit heraushalten will.

einestages: Ihr neues Album heißt "Jetzt komm ich". Dabei sind Sie doch schon 30 Jahre dabei.

Nicole: Es geht nicht um mich. Ich habe das Album für Menschen geschrieben, die ein Leben lang immer nur für andere da sind, für andere schuften. Für die sage ich stellvertretend: Stopp, jetzt bin ich an der Reihe!

einestages: Seid egoistisch! Ist das die Botschaft?

Nicole: Denkt an euch selbst. Lasst euch nicht ausnutzen. Also durchaus im egoistischen Sinn.

einestages: Wann haben Sie selbst mit diesem Egoismus angefangen?

Nicole: Zu spät. Vielleicht vor fünf oder sechs Jahren. Ich war immer eine Weltverbesserin und bin es eigentlich immer noch. Ich will, dass es allen gut geht. Als ich jung war und der große Erfolg begann, wollte ich am liebsten jedem was von meinem Glück abgeben.

einestages: Der große Erfolg kommt Anfang der Achtziger. "Ein bisschen Frieden" wird in sieben Sprachen aufgenommen und verkauft sich millionenfach. Die Meldung einer Zeitung 1982, Sie hätten das Lied auch in Bengalisch und Suaheli eingesungen...

Nicole: ...stimmt nicht. Japanisch hätte ich mir aber noch zugetraut.

Nicole spricht plötzlich Japanisch.

Nicole: Mein Name ist Nicole und ich freue mich sehr, heute Abend hier zu sein. So habe ich 1983 bei einem Konzert in Tokyo die Fans begrüßt.

einestages: Wann wussten Sie, dass Sie Sängerin werden wollten?

Nicole: Mit sieben habe ich meinen ersten Talentwettbewerb bestritten, gleich gewonnen und dann beschlossen: Das ist mein Weg.

einestages: War es der Sieg? Die Anerkennung?

Nicole: Es war der Applaus. Dieses Geräusch hat mich fasziniert. Von da an wollte ich nicht mehr von der Bühne runter.

einestages: Stimmt die Geschichte mit dem Fernseher?

Nicole: Ja, 1980, ein Jahr vor "Flieg nicht so hoch, kleiner Freund", gab es bei einem Talentwettbewerb als ersten Preis einen Schwarzweißfernseher. Ich war 15 und wollte den unbedingt haben. Einen eigenen Fernseher! Ich bin da mit meiner Gitarre hin, und tatsächlich: Es funktionierte.

Nicole ist heute 47, sie ist mit ihrer Jugendliebe verheiratet, hat zwei Kinder und lebt immer noch im Saarland. Glücklich sei sie, sagt die Sängerin, die 17-mal die Hitparade gewonnen hat. "Auch das war immer einer dieser Kindheitsträume, mal bei Dieter-Thomas Heck aufzutreten." Und natürlich wurde er wahr.

Man fragt sich, wo die Rückschläge sind in dieser 30-jährigen Karriere - da erzählt sie plötzlich die Geschichte einer Demütigung. Auch die hat mit dem Eurovision Song Contest zu tun. Im vergangenen Jahr fand dieser in Düsseldorf statt, es war Lenas Titelverteidigung. All die deutschen Grand-Prix-Helden waren da, Katja Ebstein, Lena Valaitis, Mary Roos. Nur eine hatte man nicht eingeladen: Nicole.


Nicole: Stellen Sie sich vor, es ist Fußball-WM in Deutschland, und Franz Beckenbauer oder Uwe Seeler fehlen auf der Tribüne. Normalerweise müssten doch die Grand-Prix-Sieger in der ersten Reihe sitzen. Ich wäre auch durch die Hintertür gekommen. Für mich war das eine Frage des Anstands.

einestages: Kann man daraus auch ableiten, dass Sie nicht mehr für Deutschland beim ESC antreten werden?

Nicole: Ja. Ich weiß ja, wo ich auf der Wertschätzungsskala stehe.


Das Interview führte Christian Gödecke


Debatte

insgesamt 5 Beiträge zur Debatte
Jens Nurenberg am 26. Mai 2012, 09:51
Ich würde wegen der Nicht-Einladung gerne mal die andere Seite (sprich: ARD) hören. Soll nämlich hauptsächlich an ihr gelegen haben, wie ich damals gelesen...

Volker Altmann am 25. Mai 2012, 16:45
Was noch auffällt: Das ist schon Realsatire.

Zitat Nicole:
"Der Inhalt ist aktuell, denn der Wunsch nach Frieden wird immer ungebrochen sein."

"Verdammt...


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