Über einestages

1988

Katastrophe von Ramstein

Als der Himmel Feuer fing


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Der Feuerball tötete alles Leben: Bei der Flugschau auf der US-Luftwaffenbasis Ramstein stießen mehrere Jets zusammen, Trümmer stürzten ins Publikum. Dann folgte das zweite Desaster - die chaotisch verlaufende Rettungsaktion. Marc-David Jung hat die Katastrophe erlebt - und kämpft seit 20 Jahren mit den Folgen. Von Steffen Gerth


Es ist ein schwieriges Kunststück, das die italienische Fliegerstaffel "Frecce Tricolori" (Dreifarbige Pfeile) am 28. August 1988 aufführen will - der Höhepunkt der Flugschau. "Das durchstoßene Herz" heißt diese Nummer - wie passend für diese Tragödie auf der größten amerikanischen Air Base außerhalb der Vereinigten Staaten in Ramstein in der Pfalz. Aus dem Nervenkitzel wird eine Horrorshow, weil der Pilot Ivo Nutarelli das Timing verpasst: Sein Düsenjet kollidiert mit einer Maschine seiner kreuzenden fünf Kollegen, die wiederum mit der Nachbarmaschine zusammenkracht.

Der Schlag ist furchtbar, als wäre in der Luft eine Bombe explodiert. Nutarellis Jet, nur noch ein Wrack, fliegt führerlos weiter. 30, 50, 60 Meter, es dreht sich um die eigene Achse - und zerschellt im Publikum in einer Feuerlawine aus brennendem Kerosin.

Marc-David Jung ist einer von den 300.000 Menschen, die an diesem Tag auf den Ramsteiner Fliegerhorst gekommen sind. Die Flugshow zieht die Pfälzer in ihren Bann, es herrscht Volksfeststimmung mit Hamburgern und amerikanischem Eis. Vier Jahre alt ist Marc-David, ein mandeläugiger, hübscher Junge eines deutschen Vaters und einer asiatischen Mutter. Jung sagt heute, dass er nur noch schemenhafte Erinnerungen an diesen Tag hat. In eines der Flugzeuge, das für die Touristen auf dem Boden bereitstand, durfte er hineinklettern, das weiß er noch. Er weiß auch, dass seine Mutter Elisabeth gut fünf Meter hinter ihm stand, als die Feuerbrunst losbrach. Aber danach brechen seine Erinnerungen ab.


Video: Flugschau Ramstein - das durchstoßene Herz. Jetzt anschauen!


Menschen zerschmelzen

Nutarellis Jet richtet ein Inferno an. Die Feuerwand erinnert an Aufnahmen aus dem Vietnam-Krieg, als die Amerikaner mit Napalm den Dschungel niederbrennen. Der Feuerball tötet in seiner unmittelbaren Nähe alles Leben. Das Heimtückische ist dieser Hitzeblitz, den das entflammte Kerosin auslöst. Gut 2000 Grad heiß wird dieser Blitz, der die Menschen nicht verbrennt, sondern zerschmelzen lässt. Wer diese Luft einatmet, dem zerreißt es die Lungen. Marc-David Jung weiß nicht mehr, wie er ins Mannheimer Krankenhaus gekommen ist.

Vielleicht ist das gut so. Denn die Rettungsaktion in Ramstein ist ein Desaster. "Völlig unkoordiniert" bezeichnet sie die später einberufene Untersuchungskommission des rheinland-pfälzischen Landtags. Es beginnt damit, dass die Amerikaner zunächst den deutschen Hilfskräften die Zufahrt auf die Air Base verweigern - die Militärs verlieren den Überblick. Ramstein ist zu dieser Zeit nicht nur Militärflugplatz, hier sind auch Nuklearsprengköpfe stationiert. Oberster Sicherheitsbereich. Die Amerikaner wollen schnellstmöglich die Toten und Verletzten von ihrem Gelände bekommen, die Bergung verläuft hysterisch, ohne System, es spielen sich grauenhafte Szenen ab.

Auf zwei Tiefladern werden die Toten abtransportiert. Das Telefonnetz ist zusammengebrochen, Pfälzer Hobbyfunker gewährleisten die Kommunikation zwischen den Hilfsdiensten. Verletzte werden zu amerikanischen Flugzeugen getragen - die aber längst voll mit weiteren Opfern sind. "Es geht hier zu wie in einem Tollhaus", sagt die Sprecherin des US-Militärhospitals im nahen Landstuhl. Noch am selben Tag wird von 31 Toten und 60 Schwerverletzten gesprochen. Am Ende werden es offiziell 70 Tote und rund tausend Verletzte sein.

Ohne Gesicht

Einen Monat lang liegt Marc-David Jung im Mannheimer Krankenhaus, seine Mutter auf der anderen Rheinseite in Ludwigshafen, ohne zu wissen, ob ihr Sohn noch lebt. Als sich beide wiedersehen, ist das Leben der Jungs aus den Fugen geraten. Vater Karl-Wilhelm ist in den Flammen umgekommen. Mutter Elisabeth erleidet schwere Verbrennungen an beiden Armen. Und Marc-David? Feuer und Hitze zerfetzen Gesicht und Körper bis zur Unkenntlichkeit. Als Marc-David in den Kindergarten zurückkommt, erwarten die anderen Kinder einen Fremden.

30 Operationen hat er bis heute über sich ergehen lassen, aber er träumt davon, dass die Erkenntnisse der plastischen Chirurgie noch weiter voranschreiten. Und Jung wünscht, dass der Schönheitschirurg Werner Mang eines Tages das Bundesverdienstkreuz bekommt. Denn Mang hat die Wiederherstellung von Marc-David Jung zu einem charitativen Projekt für sich und seine Lindauer Bodenseeklinik gemacht und dem Ramstein-Opfer kostenlos Schritt für Schritt sein Gesicht zurückgegeben.

Es ist nicht nur dieses kleine Glück im Unglück, das Jung von den vielen anderen Ramstein-Opfern unterscheidet. Der heute 24 Jahre junge Mann aus Beckingen im Saarland hat nach der Katastrophe ins Leben gefunden: Er studiert Informatik, betreibt eine Computerfirma - und ist seit sieben Jahren mit seiner Freundin Aline Jordan zusammen. Freilich wirkt er nicht wie ein Romantiker, sein Realismus ist bisweilen hart, so als sei in ihm am 28. August 1988 etwas ausgebrannt.

Panik vor dem Rasenmäher

"Ich blicke nach vorne", sagt Marc-David Jung immer wieder und ist sicher, dass dieser extreme Glaube an sich selbst ihm ein Schicksal erspart hat, wie er es von den Menschen kennt, die in der legendären Opfer-Nachsorgegruppe des Medizinerpaars Sybille und Hartmut Jatzko seit Jahren betreut werden. Dort sitzen die psychischen Wracks, die das Inferno gesundheitlich leidlich überstanden, jedoch ihre Angehörigen verloren haben.

"Was sie erlebt haben, können sie nie vergessen, weil die Traumatisierung eine hirnorganische Veränderung verursacht hat. Das Erlebnis ist sozusagen unauslöschbar abgespeichert. Bei bestimmten Auslösern kann es dann zu einem sogenannten Flashback kommen. Dabei durchleben die Traumatisierten die Situation dann wieder annähernd so intensiv wie im Moment der Katastrophe", hat Sybille Jatzko einmal gesagt.

Es gibt Geschichten von Ramstein-Opfern, die in Panik geraten, wenn sie nur den Benzingeruch vom knatternden Rasenmäher ihres Nachbarn riechen. Marc-David Jung glaubt, dass er "nur" mit einer psychischen Belastung besser umgehen könnte, denn dagegen kann er arbeiten. Für die Heilung seines verbrannten Körpers ist er den Möglichkeiten der Medizin ausgeliefert.

Ein Wunsch

An diesem Donnerstag wird Marc-David Jung in der Ramsteiner Kirche beim Gedenkgottesdienst sitzen. Er wird auch an dem Gedenkstein außerhalb der Air Base stehen auf dem Grundstück, das sich die Opfer selbst kaufen mussten, weil die Amerikaner drinnen ihr eigenes Mahnmal wollten. Jung wird mittrauern, aber er sagt auch, "dass ich mit der Katastrophe abgeschlossen habe". Er hat auch damit abgeschlossen, dass die Opfer jemals ein Schmerzensgeld für posttraumatische Störungen bekommen werden (für physische und Sachschäden gab es finanzielle Hilfen). Die Regierung unter Helmut Kohl war in den neunziger Jahren nicht einmal bereit, eine finanzielle "Abschlussgeste" zu leisten, die der Jurist und frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum für die Opfer erbeten hatte. Ramstein ist eben ein schwieriger juristischer Fall: Italienische Militärmaschinen explodieren auf einer amerikanischen Air Base, die in Deutschland liegt. Welches Recht gilt?

Was erwartet Marc-David Jung von seinem Leben? Ein eigenes Haus, eine Familie, einen interessanten Job, "aber nicht zwingend in Deutschland". Er sei heute ein normaler junger Mann, Mitte 20, der studiere und "zu 90 Prozent zufrieden einschläft und wieder aufwacht". Einen Wunsch hat er aber auch: Seine Kinderfotos von diesem mandeläugigen Buben künstlich altern zu lassen.


Debatte

insgesamt 5 Beiträge zur Debatte
Jacqueline Schimmel am 28. August 2008, 10:20
Ich war auch an diesem besagten Tag auf dem Flugtag. Da war ich 20 Jahre alt. Wir standen ca. 400 m vom Crash entfernt und Gott sei Dank war ein Hügel dazwischen so, dass wir...

Bernd Rutzmoser am 27. August 2008, 19:23
So traurig dieser Tag in Ramstein war, ich habe trotzdem nie verstehen können, warum wegen dieses Unglücks Flugschauen seitdem in Deutschland nicht mehr stattfinden...


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