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2010

Erdbeben in Haiti "Hört auf zu schreien, wir brauchen die Luft!"


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REUTERS
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Vor und nach der Katastrophe: Der Präsidentenpalast in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince wurde nach dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 schwer beschädigt. Das untere Bild zeigt den Regierungssitz vor dem Beben, am 11. Mai 2006. Auf dem oberen ist der Palast am 13. Januar 2010 zu sehen - einen Tag nach dem Beben.

In der Hölle von Haiti: Als im Januar 2010 ein Erdbeben den Inselstaat erschütterte, kämpften auch Freunde von Uwe-Jens Schumann um ihr Leben. Nicht alle konnten sich retten. Nun rekapituliert der Journalist ihre Tage im Chaos. Eine Geschichte von schweren Schicksalsschlägen - und großen Wundern. Von Uwe-Jens Schumann


3. Teil: Neue Hoffnung - und eine niederschmetternde Wahrheit


Silvan und Reinhard

Der vierte Tag nach dem Beben.

Reinhard hört um 6 Uhr morgens, wie Silvan vor dem Haus hin- und herläuft. "Beruhige dich, Silvan, es macht keinen Sinn." "Doch. Ich habe noch Zweifel. Ich muss noch einmal hin." Silvan ist schon auf dem Sprung. "Was ist, wenn sie doch noch lebt?" Silvan schnappt sich vor den Montana-Trümmern Edgar, den Bomberos-Boss der Peruaner. "Ihr müsst es noch einmal fünf, sechs Meter weiter da drüben versuchen. Meine Mutter. Ich bitte euch!"

Stundenlang graben sich die neun Männer einen Tunnel zur angegebenen Stelle frei. Silvan geht mit. Klopfen mit schwerem Werkzeug gegen Beton. Ein Suchhund, Beagle, schlägt bald an. Gegen 14 Uhr geht Silvan draußen auf den Vater zu. Er sagt fast tonlos: "Du, wir haben die Mama gefunden. Sie ist nicht tot."
"Silvan, hör auf, so etwas zu sagen, es ist genug."
"Doch, Papa, diesmal ist es die Mama. Wir hatten Sprechkontakt. Sie hat mit mir
gesprochen, verstehst du: Deutsch gesprochen."

Nach 105 Stunden ohne Wasser, ohne Essen, mit unsäglich ziellosen Gedanken wird Nadine Cardoso aus ihrem Trümmer-Gefängnis befreit. Und in ihrem Umfeld noch 23 andere, für die es schon keine Hoffnung mehr gab. Alle 24 leben.

Nadine

Nadine ist seit dem ersten schweren Erdstoß an Bein und Hüfte unter einer Stahltür eingeklemmt. Schwer verletzt. Nur fünf Zentimeter über ihrem Kopf ist eine gekippte Betonwand zum Halten gekommen. Nadine ist nicht allein. Irgendwo in dem nachtschwarzen Hohlraum befinden sich, schwer verletzt, auch Nicolas, der Generalmanager des Montana, und Garthes Enkel Eilé. Sie schreien. Vor Schmerzen. Aus Angst.

"Hört auf zu schreien, wir brauchen die Luft", ruft Nadine in die vermutete Richtung. "Können Sie irgendwo ein Licht sehen?", fragt Nicolas dann. "Ja", lügt Nadine. Nach drei Tagen sagt Nicolas: "Ich kann nicht mehr. Au revoir, Madame." Er atmet noch ein paar Mal schwer. Dann stirbt er. Der kleine Eilé ist da schon tot.

Wie man so was durchstehen kann? Nadines Gedanken kreisen: "Wenn du die Entführung überlebt hast, warum nicht auch das hier?"

Edgar, der Peruaner, ist der Erste, der zu Nadine in ihrem Gefängnis einen Blickkontakt bekommt. "Señora, es dauert noch, bis wir Sie raus haben. Brauchen Sie geistlichen Beistand?" "Nein, keinen Beistand. Ich brauche Wasser."

Meriadeg

Meriadeg ist über die Rettung der Freundin Nadine überglücklich. Und es bestätigt es für ihn auch seine Gewissheit, dass Olivia noch lebt. Reinhard ist mit Nadine und den Kindern in einer Ambulanz sofort zu einem Lazarett am Flughafen Toussaint Port-au-Prince gefahren. Von dort werden alle später nach Santo Domingo ausgeflogen. Nora erreicht im Auto auf dem Landweg die Nachbarrepublik. In der Klinik erduldet Nadine eine Operation nach der anderen.

Die Nachrichtenlage erreicht Meriadeg nur bruchstückweise auf seinem Posten vor dem eingestürzten Montana. Er fühlt sich allein. Er kann auch seine Frau Krista nicht erreichen. Der Bombero aus Curitiba hat nicht aufgegeben, in dem Betongebirge nach Olivia zu suchen. Am sechsten Tag nach dem Beben bringt er eine Handtasche ans Tageslicht. "Gehört die Ihrer Tochter?" Ja. Die Tasche enthält Olivias Ausweis. Und ihren Fotoapparat - mit dem letzten Bild, das Krista von ihrer Tochter gemacht hat. Das "Sterbebild", wie Krista es nennen wird.

Meriadeg erfährt nur noch die Gnade, Olivia nicht selbst identifizieren zu müssen. Ihm werden lediglich ein paar Kleidungsstücke seiner toten Tochter gereicht. Einer aus der Helfergruppe schildert ihm noch zum Trost, dass Olivia noch im Schneidersitz auf dem Stuhl hockend aufgefunden wurde, die Hände zum Schutz über dem Kopf. Sie muss, irgendwo getroffen, sofort tot gewesen sein. Der Mann aus Curitiba stellt zwei seiner Leute ab, damit Vater Meriadeg auf dem Flug nach Santo Domingo nicht allein mit dem Sarg seiner Tochter sein muss. Im Hotel Montana am Hang über Port-au-Prince wird nun nur noch nach Toten gesucht.

Krista und Meriadeg

Krista Bouillé ist in Santo Domingo ins Hotel Sofitel zur leicht verletzten Nora gezogen. Meriadeg, in Santo Domingo gelandet, hat Krista per Telefon erreicht, bevor er den Sarg mit Olivia ins Krematorium bringen lässt.

Sie treffen sich in der kühlen Halle. Meriadeg kann Krista noch keine Einzelheiten erzählen. Krista könnte Meriadeg auch noch gar nicht zuhören. Sie hat in ihrem Hotelzimmer einen kleinen Altar aufgebaut. "Unser Kind ist abberufen worden, weil es woanders dringender gebraucht wurde", sagt Krista.

Zurück im Hotel gehen mal Meriadeg, mal Krista ans Ende des Flurs, um sich auszuweinen. Morgen wird ihre Olivia, das Sonnenkind, eingeäschert.

Nadine

Auch die dritte Operation hilft Nadine nicht wesentlich, die riesige Wunde am Bein bricht immer wieder auf. Professor Buttolo von der Uni München, Traumaspezialist, ist umgehend nach Santo Domingo eingeflogen, um Nadine beizustehen. Er therapierte sie schon nach der Entführung 2004.

Meriadeg und Krista

Meriadeg und Krista besuchen Nadine in der Klinik. Meriadeg verspürt Herzprobleme. Er hat sie schon länger. Er bekommt ein Krankenbett auf der Intensivstation, wird an den Tropf gehängt. Doch dort ist er nicht lange zu halten. Seine Tochter soll eingeäschert werden.

Meriadeg stirbt in der Nacht um 3.04 Uhr in seinem Hotelbett. Nora massiert noch sein Herz und versucht es mit Mund-zu-Mund-Beatmung - 30 Minuten lang. Er kehrt nicht zurück. Krista steht da wie erloschen.

Mit zwei Urnen im Handgepäck fliegt Krista Bouillé heim nach München. Im tiefen Schnee kommen mehr als 500 Freunde und Fremde zur Beerdigung von Vater und Tochter zum Nordfriedhof. Nadine - ein französischer Arzt in Pétionville hat ihr Bein gerettet - und Reinhard sind mit Jaelle eingeflogen, Noras rote Haare leuchten in der Menge.

Krista geht in der Aussegnungshalle an ein Mikrofon nahe der aufgebauten Urnen, die von Porträts der beiden Verstorbenen gerahmt werden. Und sie hält die kleine Rede, die sie vorbereitet hat. Sich quälen, um sich zu beweisen, dass man noch lebt. Nur einmal verliert Krista die Fassung und weint.

"Ich bin froh, dass ich gestern bei mir im Garten gestolpert und gegen eine Mauer geknallt bin", wird Krista später sagen. "Ich habe da zum ersten Mal seit Haiti wieder etwas gefühlt, auch wenn es höllische Schmerzen waren."

Nadine und das Montana

Nadine Cardoso ist nach Haiti zurückgekehrt und dort geblieben. Auch wenn sie und Reinhard vor ihrem Privathaus, das noch auf Einsturzgefahr untersucht werden musste, lange im Zelt schlafen müssen. Nadine hat wegen des Montana den Kampf gegen die Versicherungen aufgenommen. Gewinnen wird sie ihn wohl nicht. Das Erdbeben hat auch die Versicherungsgesellschaft an den Rand des Ruins getrieben.

Nein, das Hotel wird Nadine nicht wieder aufbauen. So hat sie es sich vorgenommen. An vielen Abenden sitzt sie auf einem Stuhl vor dem nun plattgewalzten Hotelgelände und hängt ihren Gedanken nach. Da drüben war es, wo sie nach fünf Tagen im Grauen rausgeholt wurde. All die Menschen, die in ihrem Lebenswerk Montana - der Vater hatte ja 1946 mit nur sieben, acht Zimmern angefangen - zu Tode gekommen sind. 200 Menschen! Das wird nie so richtig in ihrem Kopf ankommen. Und von Port-au-Prince hinauf zieht immer noch so ein leichter süßlicher Geruch, der nicht von den Bougainvilleas herrührt.

Plötzlich reicht Nadines Hand rüber zu Schwester Garthes Arm. "Wir haben doch da unten am Hang noch diese acht Apartments, die sind gar nicht so schwer beschädigt. Wir machen da Bed and Breakfast, Zimmer sind jetzt sehr gesucht. 80 Dollar pro Nacht. Und irgendwann kochen wir wieder."

Noch mal Nadine - und die anderen

In dem geschundenen Haiti - zuletzt haben zwei Hurricanes wieder 200 Opfer gefordert und die Hälfte der Ernte des Landes ist zerstört worden - in diesem gemarterten Port-au-Prince leben noch heute, drei Jahre nach dem verheerenden Beben, Hunderttausende entwurzelte Menschen in 600 Camps.

Die Betonschuttmassen der zusammengefalteten Häuser, Paläste und Kirchen sind nun weitgehend weggeräumt. Bis auf die Ruinen der Kathedrale, die wie ein Mahnmal das Bild des Zentrums beherrschen. Der Verkehr schleicht und stottert durch die Straßen mit den tiefen Schlaglöchern. Weiße lassen sich auch tagsüber besser nicht blicken im Umkreis der chaotischen Flüchtlingscamps. Zu viel ist diesen Menschen an Hilfen versprochen, zu wenig gehalten worden. Ungezählte Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt sind längst heimgeflogen. Geblieben sind Unicef und einige andere wie SOS-Kinderdorf weltweit. Auf dem Gelände des SOS-Kinderdorfs Santo, sechs Kilometer vom Stadtkern der Metropole entfernt, wurde gerade eine zweite Schule eröffnet, nun können dort wieder über 1.300 Kinder aus der Nachbarschaft zum Unterricht gehen.

Am grünen Hang unterhalb von Pétionville entsteht gerade ein neues Hotel Montana. Nadine Cardoso hat Kredite eingesammelt, die Versicherung ist immer noch nicht bereit zu zahlen.

52 Zimmer besitzt das neue, langgestreckte, weiße Montana bereits jetzt - ein großer Swimmingpool, mehrere Restaurants, eine Bar inklusive. "Wir werden uns über die Runden bringen", hat sich Nadine geschworen, "auch wenn es nicht mehr das alte Montana sein kann." Reihenweise teure Autos mit Diplomatenkennzeichen und Uno-Aufschriften auf dem Parkplatz lassen jedoch kaum einen Zweifel daran, dass es erneut eine Nobel-Insel im schwer verwundeten Port-au-Prince werden kann. Man kommt wieder zum Sundowner.

Nadine Cardosos Mann Reinhard Riedl pendelt gelegentlich zwischen München und Haiti. Tochter Jaelle und ihr Mann Tasio haben ihr erstes Kind bekommen. Nadine ist Großmutter. "Zum dritten Mal, unser Silvan und seine Frau haben schon Zwillinge."

Auf die Tage des großen Erdbebens und die Zeit danach sollte niemand außerhalb des Freundeskreises Nadine ansprechen, der keine barsche Ablehnung erfahren will. "Wenn ich das hier durchhalten will, muss ich vieles für mich ausklammern", sagt Nadine. Und jeder unterstützt sie dabei so gut es geht. Dann nimmt Nadine aber die Hand und führt einen in einen nur leicht beleuchteten Winkel, dorthin, wo einst die äußere Mauer des alten Montana gestanden hat. Dort steht ein kleines Gerüst aus Eisen. Den Eisenstangen, die noch aus dem zusammengestürzten Hotel geborgen werden konnten. "Es soll einen kleinen Glockenturm darstellen", sagt Nadine, "den sind wir unseren Toten schuldig."

Auch einen weit ausladenden weißen Anbau, in dem noch viele Baumaschinen herumstehen, muss Nadine zeigen. Was für ein atemberaubender Blick hinunter auf das nächtliche Port-au-Prince! "Klar", meint Nadine Cardoso versonnen, "so einen Ausblick kann man vom Montana erwarten. Der Rest muss nach und nach kommen. Übrigens, das hier wird ein großer Saal." Und dann fügt sie hinzu: "Weißt du, wir werden ihn den Salle Olivia nennen."


1. Teil: Trügerische Idylle und brutale Realität
2. Teil: "Du, hier geschieht was Unheimliches"
3. Teil: Neue Hoffnung - und eine niederschmetternde Wahrheit


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