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1923-2013

Zum Tod Otfried Preußlers König meiner Kindheit - und großer Poet


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Thienemann Verlag
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"Der Räuber Hotzenplotz": Die Kasperlegeschichte von 1962 schrieb der Autor zur Erholung von seiner Arbeit an "Krabat". Der Name Hotzenplotz ist nicht etwa von Preußler ersonnen, sondern der deutsche Name der tschechischen Stadt Osoblaha. Es folgten zwei Fortsetzungen: 1969 "Neues vom Räuber Hotzenplotz" und "Hotzenplotz 3" von 1973.

Verzaubert durch Vorlesen: "Der Räuber Hotzenplotz", "Krabat" und "Die kleine Hexe" zogen ganze Generationen von Kindern in ihren Bann. Patricia Dreyer merkte als Erwachsene, dass die Geschichten sie noch immer begeistern - durch ihre ungeheuer kraftvolle Sprache. Verbeugung vor einem großen Schriftsteller.


Ich dachte lange, es sei nur die verklärte Erinnerung an die Kindheit, die Otfried Preußlers Geschichten für mich so zauberhaft macht.

Die Erinnerung daran, wie wir abends eingekuschelt in unseren Betten lagen, und nur noch das gelbe Nachtischlämpchen brannte, und Mama las uns aus der "Kleinen Hexe" vor. Und weil Mama ganz vorzüglich vorzulesen verstand, war es mehr ein Erzählen denn Vorlesen. Sie erzählte also Geschichten. Vom Kasperl, dem Seppel und der Großmutter, der vom polternden Räuber Hotzenplotz die Kaffeemühle gestohlen wird. Von der kleinen Hexe, die "allezeit nur Gutes hexen" will und dem Oberförster, der den bitterarmen Holzweibern verboten hat, im Wald ihr Reisig zu klauben, ein Helfersyndrom verpasst. Ohne zu wissen, wie ihm geschieht, muss der Mann plötzlich freundlich sein, alten Damen seine Hilfe anbieten, das Holz sogar selber schleppen, hacken und aufstapeln.

Was für eine herrliche Idee! Da ist jemand garstig, und man hext ihm einfach an, dass er nett sein muss, ob er will oder nicht.

Wir hörten vom kleinen Wassermann, der am Grunde des Mühlteichs lebt und sich wundert, als er zum ersten Mal Menschen sieht, denn die sind so anders als er, haben ja nicht einmal Schwimmhäute zwischen den Fingern!

Ein begnadeter Erzähler und Poet

Noch heute, vierzig Jahre nach diesen Gute-Nacht-Geschichten, kann ich Sätze und ganze Passagen aus Preußlers Büchern auswendig hersagen. Und eben nicht nur, weil die Erinnerung die Qualität dieser Geschichten nostalgisch verbrämt hat, sondern weil Preußler ein begnadeter Erzähler und Poet war, dessen Sprache einem tatsächlich in Fleisch und Blut überging.


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Preußler beschreibt kleine Idyllen, in denen jederzeit das Böse oder die Versuchung zum Bösen lauert. Seine Helden sind meist nicht sehr heldenhaft, aber rührend und gewitzt. Sie setzen dem Bösen, das stärker ist und mächtiger, ihren Grips oder ganz schlicht ihre Menschlichkeit entgegen, und so siegen sie am Ende über das Böse, kinderleicht.

Es waren nicht nur die Geschichten und die merkwürdigen Käuze darin, die wir so liebten. Ich erinnere mich, wie fasziniert ich schon als Kind von Preußlers Sprache war. Ich lernte Worte, von denen ich nie gehört hatte: "sich erdreisten", "Feuerpatsche", "Unke", "Gimpel" und "Schnupftabaksdose". Preußler benutzt Worte, die zum Vorlesen wie geschaffen sind, die Zunge schlingt sich um herrlichste Lautmalungen wie "der große Zauberer Petrosilius Zwackelmann schnackelte mit den Fingern".

Und wie die Leute heißen! Viel mehr als seinen Namen muss man vom "Wachtmeister Dimpfelmoser" nicht wissen, um zu ahnen, dass der Mann ein kleiner Pedant und ein Wichtigtuer ist. Und dass die "Muhme Rumpumpel" nichts anderes sein kann als ein Ausbund an Niedertracht, versteht sich auch von selbst.

Plötzlich machte es "töröööööö"

Leider ließ sich nicht verhindern, dass ich erwachsen wurde. "Die kleine Hexe", "Der kleine Wassermann" und "Der Räuber Hotzenplotz" fristeten ihr Dasein nun ganz unten im Bücherregal. Unsere Preußler-Hörspiel-Schallplatten verschenkte die Mutter an jüngere Cousins und Cousinen.

Irgendwann drang das Grauen in die Welt, und man vernahm, etwa bei Babysitter-Einsätzen, dass aus den Kassettenspielern der Kleinen plötzlich "hex-hex" oder, noch schlimmer, "törööööö" dröhnte. Ich war erschüttert. Nahmen in deutschen Kinderzimmern nun tatsächlich albern posaunende Elefanten den Raum ein, der doch meiner - Preußlers - magischer Welt der Zauberer, Waldhexen und weisen Raben gebührte?

Es ist merkwürdig, wenn man älter wird und feststellt, dass es einem nicht besser geht als belächelten Großeltern, die immer sagen, dass früher ja alles viel besser war. "Benjamin Blümchen? Ja, es ist furchtbar. WIR sind damals ja noch mit dem 'Hotzenplotz' groß geworden!"

Von Sprache verzaubert

Merkwürdig, dass ich den "Krabat" erst viel später entdeckte. "Krabat" ist Preußlers Meisterstück. Die Geschichte über einen Waisenjungen, der Lehrbursche wird in der Mühle im Koselbruch und sich damit der Schwarzen Magie verschreibt, vereint das Beste in Preußlers Erzählkunst. Die Sprache ist schlicht und archaisch und entfaltet eine ungeheure Kraft. Da gibt es eine Schilderung, die mich immer aufs Neue tief berührt und begeistert, von einer solchen sprachlichen Brillanz, dass sie ihresgleichen sucht. Die Müllerburschen setzen der Mühle ein neues Wasserrad ein.

"Für Staschko, Krabat und Kito blieb bis zum Mittwoch genug zu tun", heißt es da zum Beispiel. "Das alte Wasserrad musste samt dem Gerinne mit einem starken Balkengerüst überzimmert werden; es war ihre Aufgabe, für das Seilzeug zu sorgen, für Winde und Flaschenzug; auch Traghölzer waren herzurichten, Rollen und Hebebäume und sonstiges Schirrholz."

Wer erlebt heute in unserer rasend schnellen, verkümmerten 140-Zeichen-Welt noch solche Szenen, wer fände überhaupt die Worte, sie zu beschreiben?

Es war der "Krabat", diese große poetische Erzählung über den Kampf Gut gegen Böse, die leicht als Parabel auf Deutschlands Nazi-Vergangenheit zu deuten ist, die mich zu den Geschichten meiner Kinderzeit zurückführte, mich die "Kleine Hexe" und den "Räuber Hotzenplotz" wiederentdecken ließ.

Zu meinem Entzücken machen mir der Hexentanz auf dem Blocksberg und die nächtliche Ganovenjagd im Spritzenhaus noch genauso viel Spaß wie früher, besonders natürlich, wenn ich Kindern daraus vorlese. Mag sein, dass Preußler so unangefochten regiert, weil er der König meiner Kindheit war. Möge er nie abdanken.


Debatte

insgesamt 19 Beiträge zur Debatte
Willem Vlinkervleugel am 21. Februar 2013, 21:27
Aber wer kennt diese Geschichte Preusslers: "Die Flucht nach Ägypten: königlich böhmischer Teil", worin Preussler eine sehr schöne Geschichte mit...

Lukas Lichte am 21. Februar 2013, 19:24
Ich kann nur jedes Wort in diesem Artikel unterstreichen! Preußler war ein Meister der Kinderträume.

Da hat es mich in letzter Zeit sehr geärgert, als gewisse...


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