Über einestages

1964-1968

Ausbildung im Wirtschaftswunderland Meine Leerzeit


zurück vor 2  /  3
Großbildansicht
dpa
zurück vor
Moderne Papierfabrik: Ein Mechaniker kontrolliert am 4. Januar 2005 in der Papierfabrik der W. Hamburger AG die Rollen, auf denen später das Papier entlang transportiert wird.

Die Prüfung bestand er mit "Kellerwissen": Als Karl Wilhelm Meier 1965 seine Kaufmannslehre antrat, ahnte er nicht, was ihm bevorstand. Seine Berufsausbildung hatte er sich anders vorgestellt.


In meinem letzten Volksschuljahr 1965 gab es in der Bundesrepublik Arbeit zuhauf. Die Beschäftigungsmöglichkeiten waren noch paradiesisch zahlreich und die Entscheidung zur Berufswahl war dementsprechend schwer zu treffen, allzumal für einen Halbwüchsigen wie mich, der wenig wusste vom Leben und Arbeiten. Um uns auf die Sprünge zu helfen, referierte in der Schule ein Mitarbeiter des Arbeitsamts, und wir machten eine Exkursion zur Post. Soviel zur berufsvorbereitenden Maßnahme.

Der herausragende Vorteil des Briefträgerdaseins, so viel war sicher, war die Arbeitszeit: Von früh morgens bis mittags arbeiten, das klang äußerst reizvoll. Der Nachteil war, dass man Briefe austragen musste. Also vergaß ich es schnell wieder.
Nach längerer Zeit der Ratlosigkeit wurden meine Eltern ungeduldig. "Du musst dich doch entscheiden!", sagten sie. "Was willst du machen?", bohrten sie nach. Wenn ich das bloß gewusst hätte!

Ich hatte kaum eine Vorstellung von den Möglichkeiten, die das Leben und schon gar nicht das Berufsleben bot. Meine Familie hatte auch wenig dazu beigetragen. Sie hatte nie wirklich die Fühler ausgestreckt in das Leben. Ich konnte mir vorstellen, den Beruf des Kellners zu erlernen. Das war naheliegend, denn Kellner gab es überall. Mein Vater aber fand das Ausschenken von alkoholischen Getränken in düsteren Spelunken unanständig, so als hätte es notwendigerweise den Abstieg in die Unterwelt mit all ihren Hehlern, Zuhältern und Prostituierten zur Folge. Hotelkaufmann dagegen fand er hochanständig. Die dazu nötigen Fremdsprachenkenntnisse allerdings hatte ich nicht. Es war frustrierend, ich wollte am liebsten gar nichts mehr werden.

Konfirmationsanzug unter grauem Kittel

In unserer Nachbarschaft wohnten Ingenieure, Lehrer und ein Polizist. Deren Berufe schienen mir unerreichbar. Ich kam nicht auf die Idee, einfach mal nachzufragen, wie sie sich damals entschieden hatten für ihre berufliche Laufbahn. Als Unheil dräute und ich Schornsteinfeger lernen sollte, wurde ich dann doch aktiv. Eine Papiergroßhandlung und eine Kaffeehandlung suchten Lehrlinge. Ich schrieb zwei Bewerbungen und durfte mich beide Male vorstellen. Ich bekam den Ausbildungsplatz zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel, in diesem Fall für Papier. Das klang respektabel.

Am ersten Arbeitstag machte ich mich in meinem Konfirmationsanzug auf in die Firma. Zum Abladen von Lkw und zum Packen von Altpapiersäcken, wozu man mich überraschenderweise heranzog, brauchte ich allerdings keinen Anzug. So hatte ich mir meinen Beruf nicht vorgestellt. Das Kontrollieren von Wareneingängen und das Zusammenstellen von Lieferungen - und das alles in einem grauen Kittel, erschien mir gar äußerst unkaufmännisch. Auch wenn es sich bei diesen Aufgaben schon um eine Art beruflichen Aufstieg handelte.

Als Lehrling war ich auf mich gestellt. Niemand erklärte etwas. Vielleicht konnte es auch niemand, oder die Arbeiten erklärten sich von selbst. Wenn Not am Mann war, durfte ich auch als Packer oder Hilfsausfahrer einspringen, und im zweiten Lehrjahr vertraute man mir die neuen Auszubildenden an. Völlig überfordert sah ich nur die Möglichkeit, mich mit lauter Stimme durchzusetzen. Was sollte ich denen schon beibringen, wenn ich doch selber so gut wie nichts wusste?

Kellerwissen

Zweimal pro Woche war Berufsschule. Dort lernten wir etwas über Buchhaltung, wie man Rechnungen bezahlte und den Kunden Briefe schrieb. Mit der betrieblichen Wirklichkeit hatte das allerdings nichts zu tun. Mit all diesen Dingen hatte ich keine Berührung. Obwohl ich in meinen Ausbildungsberichten immer wieder die gleichen Tätigkeiten eintrug - das Packen von Paketen, die Einteilung von Liefertouren und die Fakturierung von Leistung - wurden von der Handelskammer die bestehenden Ausbildungsdefizite nicht zur Kenntnis genommen.

Kurz vor Ende der Lehrzeit machte ein älterer Angestellter auf freiwilliger Basis mit uns Warenkunde. Ich erfuhr, was die Artikelnummern der Geschäftsbücher bedeuteten, die Stärke der Bleistifte und Federn. Die grundlegenden Dinge erfuhr ich erst, als alles fast schon vorbei war. Mit diesem lückenhaften Wissen trat ich zur Gehilfenprüfung an, schrieb die erforderlichen Arbeiten und bestand zusammen mit einer Kollegin die mündliche Prüfung. Acht anderen Lehrlingen blieb das versagt, und im Grunde konnte man es ihnen kaum zum Vorwurf machen.

In der mündlichen Prüfung waren wir zu zweit. Je nachdem, wer von uns etwas wusste, antwortete entweder meine Kollegin oder ich, ganz gleich, wem von uns die Frage gestellt worden war. Das gefiel dem Prüfer nicht. Also ließ ich ihn wissen, dass ich die drei Jahre meiner Ausbildung ausschließlich im Keller des Unternehmens verbracht hatte, meine Kollegin dagegen immerhin im ersten Stock. Unser Wissen war Spezialwissen, Kellerwissen und Erste-Stock-Wissen. Viel war das nicht. Schade eigentlich.


Debatte

Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Artikel bewerten

3,7 (533 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht