Go Ost: SPIEGEL-Reporter Matthias Matussek zog kurz nach dem Mauerfall ins Ost-Berliner Palasthotel und erlebte von dort die Auflösung des ZK, die Einführung der D-Mark, die ersten gesamtdeutschen Wahlen - und er lernte seine Ost-Berliner Frau kennen.
Mittlerweile ist Kant 83, und er lebt allein. Seine Frau, eine Ballett-Historikerin, ist mit den Kindern nach England gezogen. Ein Sohn lebt in den USA. Kant stochert in seinen Bratkartoffeln mit Schinken. Der "Kartoffelacker", das ist jetzt so eines der wenigen Highlights.
Die Krise hat inzwischen auch die Delikatessabteilung des KaDeWe erreicht. "Es sind deutlich weniger hier als früher", sagt er. Sollte jetzt, zwanzig Jahre nach dem Ende des Kommunismus, auch das Ende des Kapitalismus gekommen sein?
"Det könn' Se laut sagen", sagt eine Dame neben uns.
"Ach wissen Sie", sagt Kant, "Kuczynski hat das Ende des Kapitalismus alle drei Jahre verkündet, nun gibt es ihn immer noch, aber Kuczynski nicht mehr." Fast zwanzig Jahre habe man die Früchte des neuen Systems genossen, nun müsse man auch mit seinen Schattenseiten klarkommen.
Klingt abgeklärt und völlig unideologisch. Wie nennt man das? Altersweisheit?
Wer in diesen Tagen durch die neuen Bundesländer fährt, sieht ein Bild mit bizarren Übermalungen. Die Kopflehnen in den Regionalbahnen tragen in der ersten Klasse Lätzchen mit dem Aufdruck "Reisen wie auf Wolke 7", und auf Videomonitoren laufen Filmclips und Werbespots.
Die Bahnhöfe sind moderner als die im Ruhrgebiet und mit Service-Points und Internetcafés bestückt. "Überholen, ohne einzuholen". Ein neues Straßennetz führt an neuen Tankstellen vorbei, und neue Industrieanlagen haben die alten Giftschleudern in Schkopau oder Leuna ersetzt. Blühende Landschaften, allerdings weitgehend ohne Menschen.
Vor einigen Monaten hob das "Time Magazine" "Die deutschen Erfahrungen" auf den Titel. Darunter die Zeile: "Was man mit 2 Billionen alles machen kann". "Time" präsentiert eine gemischte Bilanz. Es gibt neue Technologiezentren und Schafsweiden mit Flutlicht. Dann wieder verödete Plattenbausiedlungen wie die in Halle-Neustadt, die trist auf den Tag warten, an dem sie "zurückgebaut" werden.
In Gedenkstätten wie dem "Roten Ochsen" in Halle versuchen bemühte Pädagogen vor lustlosen Schülergruppen, die Erinnerungen an den roten und den braunen Terror wachzuhalten.
Doch dass der Mauerfall 20 Jahre später fast bis zum Überdruss mit Staatsoberhäuptern, Banketten, Schicksalstränen und dem unvermeidlichen Thomas Gottschalk als uneingeschränkter Glücksfall gefeiert werden kann, zeigt, dass vieles richtig gelaufen ist.
Und das ist es wohl, was Jakob Hein meinte, als er ein paar Tage nach der Bundestagswahl sein eigenes Einheitsfazit zog. "Es hat überhaut keine Rolle mehr gespielt, woher die Kanzlerin kommt", sagte er. "Selbst die Linke ist mittlerweile in den Westen hineingewachsen."
Meine Frau und ich haben 1991 geheiratet. Unser Sohn ist 15. Er hört die alten Geschichten wie Legenden aus grauer Vorzeit, in der es noch keine virtuellen Welten und kein YouTube gab, und das gilt für die alte BRD genauso wie für die alte DDR.
Wo beide geblieben sind? Sie sind in die neuen Biografien eingegangen, in die der Einheitsgeneration. Für die ist die Frage, ob nun der Westen den Osten geprägt hat oder umgekehrt, völlig uninteressant geworden.
Seine Reportagen und Erlebnisse hat Matthias Matussek in dem Buch "Palasthotel oder Wie die Einheit über Deutschland hereinbrach" zusammengefasst.




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