Drin oder Linie? Hans-Werner Klein erlebte 1966 den wohl umstrittensten Treffer der Fußballgeschichte als einziger Deutscher in einer französischen Dorfkneipe - und schämte sich für seine Landsleute.
Man hatte es kommen sehen, eine gefühlte Ewigkeit lang: Die 78. Minute des WM-Finales zwischen England und Deutschland schien das Spiel zu entscheiden. Peters spazierte durch den deutschen Strafraum und zog aus sechs oder sieben Metern Entfernung ab. Er erwischte Torwart Tilkowski auf dem falschen Bein, Haller konnte auf der Linie im freien Fall nichts mehr retten. Der Ball klatschte wuchtig halbhoch mitten ins Herz. Die "Bar des Sports" in dem kleinen Ort bei Beauvais in Frankreich tobte, und ich fragte mich einen Moment lang, ob das nicht doch blaue Trikots und rote Socken waren auf dem kleinen Schwarzweißbildschirm da vorne. Hatte da nicht sogar einer "Allez les bleus!" geschrien?
Die letzten zwölf Spielminuten gingen im allgemeinen Prosten, Trinken und Wein bestellen unter. Endlich die 90. Minute und der Schlusspfiff. Nein - doch noch kein Schlusspfiff. Es gab noch ein Gewühle im englischen Strafraum. Was war da los? Vor dem Tor zappelten mindestens zwanzig Mann herum. Seeler rackerte, Schnellinger machte irgendwas mit dem Arm, totale Hektik, Weber schoss, es war kaum zu erkennen, und dann war der Ball drin. Einfach so. Im englischen Netz. Zwei zu zwei, Verlängerung. Alles war wieder offen.
Murren und Gelächter in der Kneipe hielten sich die Waage. Diese Deutschen jetzt wieder! Konnten die es nicht einmal gut sein lassen? Eh bien, sie hatten so-lalà gespielt, aber doch kein Vergleich mit diesen brillanten Engländern, evidemment! Brav gekämpft, aber halt doch eine Klasse schlechter und deshalb schließlich auch verdient verloren. Und jetzt das!
Entscheidung in der 100. Minute
Doch bevor man sich erschöpfend über nationale Eigenarten der beiden Länder ausgelassen hatte, forderte der Fernseher in der 100. Minute erneut geschärfte Aufmerksamkeit: Ein Lattentreffer, am deutschen Tor wuselten die Spieler diskutierend hin und her. Mittendrin der Schiedsrichter. "Nein, kein Tor! Kein Tor!" Der französische Kommentator war sich da ganz sicher. Schließlich war der Ball ja herausgesprungen, nicht hinein. C'est logique, n'est-ce pas? Jetzt verhandelte der Linienrichter mit dem Schiedsrichter. Doch drin? Wie konnte das sein? Andererseits: Wer hatte es wirklich gesehen am Bildschirm? Vielleicht hatte man sich ja getäuscht. Tant pis. England hatte gewonnen und die Deutschen hatten wieder ihr Drama. Wie konnte es anders sein?
Das sechste Tor sah keiner mehr. Es interessierte auch niemanden. Das Spiel war ohnehin vorbei. Es wurde Zeit, zum Abendessen nach Hause zu gehen. Oder um noch kurz auf die Rugby-Ergebnisse im Anschluss zu warten.
Der Bericht in "France Football", dem französischen "Kicker" dieser Zeit, offenbarte schon am nächsten Tag das ganze Ausmaß der Blamage. "Ein wahrer Sieg und ein falsches Ergebnis" hieß die Überschrift. Das deutsche Tor in der 90. Minute sei irregulär gewesen, weil ein Handspiel Schnellingers vorausgegangen war. Ein großes Bild mit Kringel bewies es. Das ganze Match hätte somit 2:1 für England enden müssen, die restlichen drei Tore waren unrechtmäßig. Für den Autor des Artikels war deshalb der Schweizer Schiedsrichter ein Skandal - wie überhaupt die ganzen Schiedsrichter in diesem Turnier, insbesondere der deutsche Monsieur Kreitlein im Spiel England gegen Argentinien. Wen interessierte da noch, ob der später "Wembley-Tor" genannte Lattentreffer drin war oder nicht?
Kaiser Franz als Fehlbesetzung
Und überhaupt, was wollten diese Deutschen? Sie hatten gekämpft, wie man das von ihnen kennt, aber das reichte eben nicht. Und den größten Fehler hatte ja wohl ihr Trainer Helmut Schön gemacht, indem er den begabten, aber verkannten Stürmer (!) Beckenbauer zur Manndeckung von Englands Starspieler Bobby Charlton abgestellt hatte. So fehlte das Jungtalent zur Unterstützung der alten Recken Haller und Schnellinger im Sturm. Ja wenn man solche Dummheiten macht - c'est la vie.
Ich war 15 und schämte mich für meine Landsleute. Besonders aber für ihren obersten Vertreter, den Präsidenten der Republique Allemande. Der verstand vom Fußball offenbar so viel wie ein Boche vom Rotwein, sagte er doch tatsächlich "Der Ball war drin". Was der Queen, ebenfalls nicht gerade berühmt für ihr fundiertes Fußball-Fachwissen, ganz offensichtlich sehr gefiel. Die Haltung meiner Gastgeber war da nur verständlich: Engländer, Deutsche und der Fußball - muss man Vorurteile haben, um darüber zu schmunzeln? Vive la difference!
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