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Hans Hoch
21. Juni 2011, 20:26
1. Also, ein Urteil zur Zeitgeschichte,zum 3.Reich und zum Verhalten des deutschen Volkes und jedem Einzelnen steht uns nicht nur zu,sondern wir sollten dazu eine Standpunkt haben.
2.Es ist eine Gnade der Geschichte, dass die Sieger von 1945 die Schuld für die Katastrophe den Nazis gegeben
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Jan Paul Pietrzak
18. Juli 2010, 12:24
Ich bitte das nächste mal um Veröffentlichung in der "Deutschen Stimme". Kein Wort der Kritik, ganz im Gegenteil, ein äußerst verherrlichender Artikel der versucht einen Verbrecher als Helden darzustellen. Wer braucht schon sowas, wen interessiert die "Karriere" eines Mörders. Dem Autor trotzdem mein Beileid, ein Nachkomme eines solchen Menschen zu sein, leider kann man sich seine Eltern nicht aussuchen.
Rainer Kähni
18. Juli 2010, 13:24
Dieser Bericht erschütternd, weist er doch einige Parallelen mit meinem Vater auf. Er wurde am 26.11.1902 in Aselfingen/Schwarzwald geboren und musste als Kind das ganze Elend des ersten Weltkrieges mitansehen. Angewidert vom Adel und von der Weimarer Republik verdingte er sich im Freikorps "Stahlhelm", bevor er Truppführer der SA wurde. Danach studierte er Jura und liess sich als Anwalt nieder. In den Jahren 1940-1944 war er Sonderführer-S des Amtes Ausland Abwehr Wehrmacht im OKW und Mitglied der Abteilung Gegenspionage der Diensstelle "Ast" im Wehrbereichskommando C (Nord-Ost-Frankreich). Seine Aufgabe war die Ergreifung der Mitglieder der Résistance. Er arbeitete hauptsächlich in Zivil, daher besitze ich leider nur ein Photo in der Uniform eines Sonderführers der Wehrmacht. Sehr viele seiner Dokumente hat er noch vor der Befreiung Frankreichs auf Anraten seines Freundes und Vorgesetzten SS-Brigadeführer Schellenberg (Chef des SD)vernichtet, sodass es mir sehr schwer fiel und jahrelange Arbeit in den Archiven der französischen Résistance bedurfte, um seine Spur wieder zu finden. Aus verständlichen Gründen wurde seine Tätigkeit in Frankreich in unserer Familie stets totgeschwiegen. Um so neugieriger wurde ich und habe alle meine Recherchen in einem Buch zusammengefasst.
Rainer Kähni
Moritz Pfeiffer
18. Juli 2010, 15:31
Lieber Herr Zeissig,
ich habe mich gefreut, Ihren Artikel zu lesen, der ja schon eine Weile ausstand ;-) Mir hat die sorgfältige Recherche gut gefallen, und ebenso, dass Sie einige Aspekte ansprechen, die weniger bekannt sind (die NSDAP-Arbeit von Teilen der deutschen Minderheiten im Ausland) oder gerade im Familiengedächtnis unangenehm sind und häufig verschwiegen werden (persönliche Bereicherung an enteignetem/ arisierten jüdischen Besitz).
Raul Hilberg hat gesagt: In Deutschland ist der Holocaust Familiengeschichte. Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat jedoch erforscht, dass heute die Hälfte aller Deutschen davon ausgeht, die eigenen Vorfahren hätten dem Nationalsozialismus kritisch bis ablehnend gegenüber gestanden, Menschen mit höherem Bildungsabschluss sogar in noch größerer Menge (vgl. Opa war kein Nazi). In diese weit verbreitete Ausklammerung der eigenen Familienangehörigen aus dem Kontext des Nationalsozialismus stimmen Sie nicht mit ein und dafür gebührt Ihnen großer Respekt. Im Gegenteil: Dass Leben und Schicksal Ihres Vaters Sie stark faszinieren und umtreiben wird sehr deutlich.
In meinen Augen hat Ihr Artikel jedoch einen Schönheitsfehler: Sie haben ausführlich und detailliert den Lebensweg Ihres Vaters nachgezeichnet, Sie nehmen aber nach meinem Empfinden an keiner Stelle kritisch Stellung. Wie Sie Ihren Vater und sein ja nicht unwesentliches Engagement werten oder welche Erkenntnisse man allgemein aus der Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte im Nationalsozialismus ziehen kann, wird nicht thematisiert. Dabei sind dies in meinen Augen gerade die entscheidenden Fragen: Was lernt man über Erstarken, Funktionieren und Bestehen des Nationalsozialismus, wenn man ihn personalisiert und Leben und Wirken der eigenen Vorfahren analysiert? Was lernt man, wenn man versteht, wie einem ähnliche, liebe Menschen, von deren Integrität man überzeugt sein möchte, aktiviert werden konnten für eine letztlich menschenverachtende, mörderische Ideologie? Es waren einhellig nach Forschungsstand eben die ganz normalen Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die den NS trugen und an seinen Vernichtungsprogrammen im Großen oder Kleinen Anteil hatten bzw. wegsahen (ebenfalls hinlänglich erforscht, der Holocaust als offenes Geheimnis). Diese Fragen sollen nicht als Vorwürfe, Pauschalverurteilungen oder moralischer Zeigefinger verstanden werden, eher mit dem unaufgeregten Ziel des Erkenntnisgewinns. Vor dem Hintergrund solcher Fragen erscheint Ihr Artikel etwas fleisch- und farblos (und das an prominenter Stelle bei SPIEGEL-Online).
Der sprachliche Stil lässt zwischen den Zeilen gelesen hingegen gar auf eine starke Faszination des Vaters auf Sie schließen und ich will es mal so nennen eine nicht unstolze positive Darstellung im negativen Kontext. Vielleicht ist dies nicht beabsichtigt, aber der Eindruck drängt sich mir auf. Beispiele: standesgemäße und stilvolle Hochzeit in der Ausgehuniform, Anwesenheit maßgeblicher Würdenträger der Regierung und der NSDAP, sofortige Meldung an die Front trotz ruhigerer und sicherer Alternativen, seine Einheit war unter den ersten, die die Vororte von Moskau besetzten, Heldenfriedhof. Ein Satz ist in meinen Augen wirklich ein sprachlicher Faux-Pas, Zitat: Also ritt er hoch zu Ross an der Spitze seiner Truppe im vordersten Abschnitt der Heeresgruppe Mitte quer durch Russland. Das erinnert verzeihen Sie mir stark an Landserheftchen. Leider wird der Russlandfeldzug ansonsten nicht ausführlicher kritisch thematisiert bzw. der Anteil und die Aufgaben, die Ihr Vater als Offizier in diesem weltanschaulich motivierten Vernichtungskrieg hatte.
Trotz meiner Gedanken wünsche ich Ihrem Artikel viele Leser und hoffe, dass er anregt, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen, um auch Rückschlüsse auf das eigene Leben und Wirken und Möglichkeiten als Bürger in einem liberalen und demokratischen Rechtsstaat zu ziehen.
Mit freundlichen Grüßen
Moritz Pfeiffer
Hilmar Zeissig
19. Juli 2010, 12:33
Lieber Herr Pfeiffer,
vielen Dank fuer Ihre klugen Anmerkungen. Ich hatte den Artikel vor einigen Monaten auf Anregung eines inziwschen ausgeschiedenen Mitarbeiters der Spiegel Redaktion verfasst. Er war sehr viel ausfuehrlicher und enthielt auch einige mehr persoenlich Kommentare. Er wurde aber von der Redaktion verkuerzt, um wohl in das Schema zu passen. Der Ritt durch Russland war von mir eigentlich leicht ironisch gemeint, und den "Heldenfriedhof" am Ende hatte ich in Anfuehrungsstriche gesetzt, da mir dieser offizielle Ausdruck auch nicht gefaellt.
Im uebrigen bitte ich aber zu beruecksichtigen, dass ich meinen Vater persoenlich nicht kannte, sondern nur aus Erzaehlungen und Unterlagen von ihm weiss. Meine Mutter hat nie wieder geheiratet und ihren Mann stets vorbehaltlos verehrt, was wir Kinder menschlich bewundert haben, aber politisch sehr subjektiv fanden. In den Briefen und anderen persoenlichen Unterlagen, die ich von meinem Vater habe, gibt es praktisch keine Hinweise auf seine Motive, vor allem auch nicht darauf, ob and ggf. wann er ueber das wahre Gesicht des Nationalsozialismus Kenntnis erlangte. Das waere fuer mich die entscheidende Frage gewesen, wenn ich mit ihm haette sprechen koennen.
Ich habe diesen Artikel nicht geschrieben, um ihn als Anlass zur Bewertung des Dritten Reiches, seiner Fuehrung, Funktionaere und Mitlaeufer, oder aber auch von fuerchterlichen Geschehnissen wie dem Russlandfeldzug, zu nehmen. Darueber habe ich sehr klare Meiningen, die sicher nicht denen meines Vaters entsprechen. Aber ich habe ja auch das Glueck gehabt, in einer langen Friedensperiode aufzuwachsen, eine gute Ausbildung zu bekommen und beruflich erfolgreich zu sein. Mein Bericht soll nur einen zwangslaeufig oberflaechlichen Einblick in einen sicher nicht untypischen deutschen Lebenslauf geben, der zwei Weltkriege umfasste und Menschen vor Entscheidungen und in Situationen stellte, in die wir verwoehnten Nachkriegskinder uns wohl niemals hineinversetzen koennen. Mir steht es nicht zu, hier ein Urteil zu faellen, und ich bin auch nicht fasziniert von diesem Lebenslauf, dafuer bin ich von Natur aus zu nuechtern. Aber ich habe in seit langem in detaillierten Nachforschungen versucht, jedenfalls einige der damaligen Verhaltensweisen nachzuvollziehen und ihnen ein angemessenes Verstaendnis entgegenzubringen angesichts der zeitgeschichltichen und persoenlichen Umstaende. Verstehen heisst aber nicht zustimmen oder ignorieren, das haette ich auch meinem Vater gesagt, wenn ich dazu Gelegenheit gehabt haette.
Und Sie haben recht, es waren ueberwiegend ganz "normale" Menschen, die das Nazi-Regime getragen haben und von ihm einer perfiden Weise ideologisiert und missbraucht worden sind. Ich habe mich sehr genau mit den Mechanismen und Gruenden befasst, die das ermoeglicht haben. Aber dieser Artikel sollte nicht zu einer solchen Diskussion dienen, sondern zum Nachdenken anregen, was ich in Ihrem Falle ja immerhin erreicht habe. Der Kommentator, die Ihnen folgt, konnte und wollte das offenbar nicht verstehen, deshalb lohnt es auch nicht, ihm zu antworten.
Moritz Pfeiffer
20. Juli 2010, 09:18
Lieber Herr Zeissig,
da sind Sie nun also auch "Opfer" der Textredaktion geworden. Meine beiden Artikel wurden auch durch Kürzungen, Anpassungen oder (ungefragte) Hinzunahme neuer Begrifflichkeiten beeinflusst. Vielleicht ist das der Preis, den man für eine Veröffentlichung an einer derart prominenten Stelle zahlt. Schade, denn Ihr letztlich nun veröffentlichter Artikel krankt wie gesagt in meinen Augen an fehlenden kritischen Stellungnahmen bzw. persönlichen Kommentaren.
Die Ironie beim Ritt durch Russland habe ich tatsächlich nicht verstanden, ärgerlich auch, dass die Anführungszeichen entfernt wurden, das beeinflusst die Lesart natürlich schon nachhaltig. Mit "fasziniert" meinte ich im Übrigen nicht etwa eine durchweg positive Wahrnehmung, vielleicht trifft "beschäftigt/ umtreibt" die Sache eher.
Das Verstehen-Wollen, das Sie in Ihrer Antwort nannten, teile ich indes völlig, das war auch bei meinen eigenen Recherchen der Antrieb. Was letztlich bleibt, ist meines Erachtens immer die Rückschlüsse auf das eigene Leben heute. Und da muss man mal ganz ehrlich und selbstkritisch sagen: Unsere Vorfahren konnten sich - sofern sie die Augen nicht vorsätzlich verschlossen haben - vermutlich sehr wohl ein treffendes Bild von dem Unrechtscharakter des Dritten Reiches bzw. ihren eigenen Anteil daran machen (nur ein Stichwort unter vielen die Ausgrenzung und später Ausrottung der europäischen Juden), ebenso wie wir heute alle erdenklichen Informationen über Unrecht oder Fehlentwicklungen und den eigenen Anteil daran erlangen können (nur ein Stichwort unter vielen Umweltzerstörung!).
Bequemlichkeit, Indifferenz, eigenes Profitieren oder auch bewusste Zustimmung zu Fehlentwicklungen sind heute genauso präsent wie vor 75 Jahren. Über uns werden unsere Enkel (oder Kinder) wohl forschen und recherchieren und kopfschüttelnd versuchen zu verstehen, wie wir z.B. sehenden Auges zulassen konnten, wie wir suizidal unsere Lebensgrundlage zerstört haben.
Aber das führt zu einem neuen, weiten Feld, es ging ja "nur" um den Umgang mit NS-Familiengeschichte.
MfG
M. Pfeiffer
Hilmar Zeissig
22. Juli 2010, 01:43
>Lieber Herr Zeissig,
>
>da sind Sie nun also auch "Opfer" der Textredaktion geworden. Meine beiden Artikel wurden auch durch Kürzungen, Anpassungen oder (ungefragte) Hinzunahme neuer Begrifflichkeiten beeinflusst. Vielleicht ist das der Preis, den man für eine Veröffentlichung an einer derart prominenten Stelle zahlt. Schade, denn Ihr letztlich nun veröffentlichter Artikel krankt wie gesagt in meinen Augen an fehlenden kritischen Stellungnahmen bzw. persönlichen Kommentaren.
>
>Die Ironie beim Ritt durch Russland habe ich tatsächlich nicht verstanden, ärgerlich auch, dass die Anführungszeichen entfernt wurden, das beeinflusst die Lesart natürlich schon nachhaltig. Mit "fasziniert" meinte ich im Übrigen nicht etwa eine durchweg positive Wahrnehmung, vielleicht trifft "beschäftigt/ umtreibt" die Sache eher.
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>Das Verstehen-Wollen, das Sie in Ihrer Antwort nannten, teile ich indes völlig, das war auch bei meinen eigenen Recherchen der Antrieb. Was letztlich bleibt, ist meines Erachtens immer die Rückschlüsse auf das eigene Leben heute. Und da muss man mal ganz ehrlich und selbstkritisch sagen: Unsere Vorfahren konnten sich - sofern sie die Augen nicht vorsätzlich verschlossen haben - vermutlich sehr wohl ein treffendes Bild von dem Unrechtscharakter des Dritten Reiches bzw. ihren eigenen Anteil daran machen (nur ein Stichwort unter vielen die Ausgrenzung und später Ausrottung der europäischen Juden), ebenso wie wir heute alle erdenklichen Informationen über Unrecht oder Fehlentwicklungen und den eigenen Anteil daran erlangen können (nur ein Stichwort unter vielen Umweltzerstörung!).
>
>Bequemlichkeit, Indifferenz, eigenes Profitieren oder auch bewusste Zustimmung zu Fehlentwicklungen sind heute genauso präsent wie vor 75 Jahren. Über uns werden unsere Enkel (oder Kinder) wohl forschen und recherchieren und kopfschüttelnd versuchen zu verstehen, wie wir z.B. sehenden Auges zulassen konnten, wie wir suizidal unsere Lebensgrundlage zerstört haben.
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>Aber das führt zu einem neuen, weiten Feld, es ging ja "nur" um den Umgang mit NS-Familiengeschichte.
>
>MfG
>M. Pfeiffer
Wie Sie sehen, Herr Pfeiffer, hat die Redaktion inzwischen auf meine Bitte den "Heldenfriedhof" wieder in Anfuehrungsstriche gesetzt und auch den letzten Untertitel geaendert. Hier ist im uebrigen ein Teil der Einleitung des urspruenglichen Artikels, bevor er gekuerzt wurde, was zum Verstaendnis wohl doch wichtig zu sein scheint:
" Die kurze Lebensgeschichte meines Vaters ist wohl ein typisches Beispiel für viele Deutsche seiner Generation. Er nahm als ganz junger Mann am 1. Weltkrieg teil, wanderte dann ohne Berufsausbildung aus der zerstörten Heimat nach Südamerika aus und wurde dort ein begeisterter Anhänger der nationalsozialisten Ideologie, die Deutschland wieder stark und stolz machen wollte. Zurückgekehrt nach Deutschland wurde er ein hochrangiger Funktionär der Partei, meldete sich jedoch sofort bei Ausbruch des 2. Weltkrieges wieder als Reserveoffizier an die Front and fiel schliesslich 1942 in Russland. Die Propagandamaschine der Partei hat diesen aufrechten Mann und seine Hingabe an sein Vaterland wie die vieler seiner Zeitgenossen schamlos ausgenutzt. Die Frage, ob und wieweit er persönlich in seiner Tätigkeit für die Partei oder später als Soldat über die Judenvernichtung und andere Kriegsverbrechen des Dritten Reiches informiert war, hat er seinen Kindern leider nicht mehr beantworten können. Er war zweifellos ein Rädchen im Getriebe des Systems und hat schliesslich seine Begeisterung mit dem Tode bezahlt. Es gab Familienangehörige, die meinten, er habe den Fronteinsatz dem weiteren Dienst für die Partei vorgezogen, weil er vielleicht doch inzwischen von bestimmten Vorgängen hinter den wohlgetarnten Kulissen wusste, mit denen er nicht einverstanden war. Wie in vielen Fällen unserer Väter müssen wir uns damit abfinden, dass das nicht mehr aufzuklären ist. ... Noch viele Jahre nach dem Tod des Vaters, wenn unangekündigte Besucher an der Haustür klingelten, hat sein Sohn sich immer wieder vorgestellt, daß sein Vater plötzlich vor ihm stünde, wie das damals in der Tat bei vielen Familien passierte, wenn offiziell für tot erklärte Soldaten plötzlich wieder auftauchten."
Maria Buerger-de Castillo
22. Juli 2010, 10:44
Lieber Herr Zeissig,
ich gratuliere Ihnen zum Text Der Stolz meines Vaters, er zeigt eine gelungene Auseinandersetzung mit NS-Tätern in der eigenen Familiengeschichte. Ihre Haltung dabei ist beispielhaft: Sie nehmen ihren Vater trotz aller Verirrungen ins Herz und belassen seine Schuld bei ihm, beschönigen nichts, vertuschen nichts, aber der Mensch hatte seinen Lebensweg, der ihn dahin brachte, und Sie versuchen diesen Weg zu einer Parteikarriere und dann an die Front und in den Tod zu verstehen, aus persönlichen und zeitgeschichtlichen Puzzleteilen heraus. Dabei ist Ihre Liebe zu ihm als Vater spürbar. Besonders gefällt mir Ihr Satz in der Antwort auf einen Kommentar: "Mir steht es nicht zu, hier ein Urteil zu faellen, ....".
Mit dieser Haltung tun Sie nicht nur was Gutes für Ihre Familie, sondern auch für Deutschland. Die NS-Täter werden meistens ausgeschlossen, ihre Nachkommen klammern sie aus, wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Es wird bei uns leider vergessen, dass die meisten Deutschen involviert waren, wenn nicht als Täter, dann als Nutznießer. Man vergisst auch, wie viele Opfer durch Denunziation von ansonsten unbescholtenen Bürgern den Tod fanden. Man muss endlich diese Vergangenheit so sehen, wie sie war: Es war wie eine große Welle, die alle erfasste. Nur die wenigsten hatten die Möglichkeit, sich dagegen zu stemmen.
Und ich muss dem Kommentator widersprechen, der meint, Sie setzen Ihrem Vater nicht genug zu. Ich vergleiche gern Niklas Frank, der in für mich unerträglicher Weise über seinen Vater Hans Frank redet und dabei diesem immer ähnlicher wird in seinem Hass, mit Martin Bormann junior, der sagt, die Verbrechen seines Vaters sind die schlimmsten Verbrechen, aber als Vater sei er ein zärtlicher Vater gewesen, und er hoffe, dass er in die Hände Gottes gefallen sei.
Längst gibt es genug Erfahrungen, welche verheerenden Wirkungen der Ausschluss der Täter oder die Anmaßung, über sie zu richten aus der Kinder- oder Enkel-Perspektive, auf die Nachkommen hat.
Auf den Kommentar, der die Bewertung und Verurteilung der Fakten vermisst, möchte ich antworten: Die Fakten sind erforscht, bewertet, sie sind bekannt. Jetzt ist es an der Zeit, in unserem kollektiven Familiengedächtnis wieder Platz für die NS-Generation zu schaffen, sie als geliebte Väter, Onkel und Großväter wieder aufzunehmen, sich ihnen zu stellen als Verwandte. Dann geht es auch den Enkeln und Urenkeln gut.
MfG
Maria Bürger-de Castillo
Moritz Pfeiffer
22. Juli 2010, 13:39
@Herr Zeissig: Ihre ursprüngliche Einleitung zu Ihrem Artikel, die Sie hier gepostet haben, hat mir sehr gut gefallen. Da waren viele Kommentare und Stellungnahmen dabei, eben das, was mir persönlich bei der letztlich veröffentlichten Version des Artikels zu kurz gekommen war, eben das "Fleisch am Knochen", um bei dieser Metapher zu bleiben. Umso trauriger, dass die Redaktion eben jenes rausgestrichen hat und eine hauptsächlich biographische, weniger eine analytische Abhandlung herausgekommen ist.
@Frau Bürger-de-Castillo: Wenn Sie meinen einestages-Artikel zu diesem Thema aufmerksam lesen, werden Sie sehen, dass mir nichts ferner liegt, als mir anzumaßen, in dieser Thematik über eigene Vorfahren zu richten und sie aus der Perspektive des Nach-dem-Krieg-Geborenen zu verurteilen. Es geht - und da bin ich mit Ihnen völlig d´accord - wohl eher darum zu verstehen, sachlich aufzuarbeiten und zu erforschen, was in der eigenen NS-Familiengeschichte geschehen ist und weder zu verurteilen noch reinzuwaschen; im Idealfall aus dem Geschehenen etwas zu lernen, Strukturen und Mechanismen zu erkennen. Es ist allerdings in meinen Augen völlig abwegig, davon zu sprechen, die NS-Generation müsse endlich wieder als geliebte Väter, Onkel und Großväter aufgenommen werden: sie waren nie etwas anderes; in der Breite ist die Verwicklung der eigenen Vorfahren in das NS-Regime völlig unzureichend aufgearbeitet worden. Daran ändern auch Veröffentlichungen von einigen prominenten Täterkindern nichts. Das ist genau das, was ich in meinem ersten Kommentar angesprochen habe: die (wissenschaftlich erforschte) weit verbreitete Ausklammerung der eigenen Eltern/ Großeltern aus dem NS-Kontext (über den allgemein alles erforscht und bewertet ist, da gebe ich Ihnen Recht). Wie gesagt: nicht, um zu verurteilen oder zu richten, sondern um zu verstehen und selbst etwas zu lernen. Im Übrigen würde ich nicht von kollektivem Familiengedächtnis sprechen, das muss jede Familie individuell für sich selbst leisten.
Rainer Kähni
24. Juli 2010, 10:44
Ich nehme Bezug auf oben gezeigten Beitrag bezüglich meines Vaters: Selbstverständlich ist der Beitrag von Herrn Zeissig sachlich und distanziert. Er urteilt nicht, er berichtet. Ein Urteil steht uns Kinder von ehemaligen Nazis auch nicht zu. Denn wir haben weder die Kaiserzeit, noch die Weimarer Republik, noch das III. Reich erlebt. Wer weiss schon, wie wir in der damaligen Zeit reagiert hätten? Ich kann für mich nicht ausschliessen, dass ich dem Glanz und Gloria der Aufmärsche nicht auch erlegen wäre. Ich kann für mich nicht ausschliessen, dass ich mich nicht auch gegen das Unrecht der Versailler Verträge aufgelehnt hätte. Was mich stört am Bild meines Vaters, ist sein Verhalten nach dem II. Weltkrieg. Seine Devise war immer und überall: " Man hat als einfacher Wehrmachtsoffizier von den Verbrechen dieser Dummköpfe in der SS ja nie etwas gehört!" Das ist eine Schutzbehauptung und diente der Vorbereitung einer tollen Nachkriegskarriere als Anwalt. Mein Vater war Mitglied der Abteilung Gegenspionage des Amtes Ausland/Abwehr im Militärverwaltungsbezirk C (Nord-Ost-Frankreich). Seine Aufgabe war es, Mitglieder der französischen Résistance zu ergreifen. Glaubte er allen ernstes, die Widerstandskämpfer würden in Luxushotels interniert oder wusste er sehr genau, dass die Widerstandskämpfer in die KZ Auschwitz und Natzweiler-Struthof deportiert wurden, wo sie vernichtet wurden? Sehr bezeichnend für sein tatsächliches Wissen um die Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht war seine Aussage im Jahre 1949, als zwei hohe Mitglieder des BND ihn als Regierungsrat einstellen wollten:"Mit diesen Dummköpfen will ich nichts mehr zu tun haben!" Dort waren nämlich seine alten Kameraden von der Abwehr, der Geheimen Feldpolizei und der Gestapo untergekommen. Mein Vater hatte wohl andere Pläne! Diese Erfahrung ist Ihnen, verehrter Herr Zeissig, erspart geblieben. Vielleicht besser so für Sie !
Hilmar Zeissig
8. September 2010, 00:54
Lieber Herr Kaehni, vielen Dank fuer die so verstaendnisvolle Stellungnahme. Ja, ich habe oft bedauert, meinen Vater nicht mehr kennengelernt zu haben und habe immer gehofft, dass er nach dem Kriege eingesehen haben wuerde, was er und seine Zeitgenossen zunaechst nicht erkannt haben. Ich habe vor allem gehofft, dass er einsichtiger als meine Mutter gewesen waere, mit der man darueber nicht sprechen konnte, im Gegensatz zu anderen Verwandten und Freunden meines Vaters, die ihn immer als zwar begeisterungsfaehig, aber auch sehr rational geschildert haben. Wer weiss, wie viel weiser er durch die schreckliche Kriegserlebnisse geworden waere, wenn er sie ueberlbt haette. Aber, wie Sie sagen, vielleicht was es besser, dass ich nie die Probe auf's Exempel machen konnte. Deshalb eralube ich mir eben auch kein Urteil, bin mir aber durchaus des Gluecks bewusst, in einer langen Friedenszeit aufgewachsen und alt geworden zu sein. Dieses Glueck was unseren Eltern und Grosseltern nicht vergoennt.
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