Über einestages

1949

Jugendliebe in Kriegsgefangenschaft

Die Kommunistin und der SS-Junge


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Günter Lucks
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Günter Lucks: Mit 16 Jahren kam Günter Lucks als Kriegsgefangener in ein Arbeitslager bei Moskau. Dort lernte er die gleichaltrige ...

Er schuftete als Kriegsgefangener, sie war die Tochter eines Polizeihauptmanns: Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs in den Trümmern Moskaus eine unmögliche Liebe. Für das russische Mädchen Walja setzte Günter Lucks alles aufs Spiel - und verlor. Bis heute lässt ihn die Erinnerung nicht los. Von Harald Stutte


Am Anfang dieser Geschichte war ein Blick. Sie fixierte ihn einen Wimpernschlag zu lang. Dass da in den Augen dieses Mädchens etwas Liebes, Warmes, Mitfühlendes ruhte, dafür hatte der 20-jährige Kriegsgefangene Günter Lucks eine Antenne. Es war Frühling, ein besonders schöner Frühling, vier Jahre nach Kriegsende. Moskau erholte sich allmählich vom Schrecken des Krieges. Diktator Stalin, sich als ultimativer Sieger der Geschichte wähnend, ließ im Spätherbst seines Regimes gar so etwas wie Milde walten, was selbst seine erbitterten Feinde zu spüren bekamen.

Das Gefühl, von mitfühlenden Mädchenaugen fixiert zu werden, hatte Lucks lange vermisst. Ein angenehmer Schauer durchfuhr ihn. Er stand in abgewetzter Wattejacke, in seiner von einem Strick gehaltenen Hose und Filzstiefeln auf der Baustelle "Dom Stieri", wo im Akkord die sozialistische Stadt der Zukunft aus dem Moskauer Schutt gestampft wurde - natürlich nur, falls pünktlich Baumaterial eintraf. Sie stand 30 Meter entfernt am Fenster einer dieser charakterlosen sozialistischen Mietskasernen.

"Ich kann ja mal winken", dachte Lucks. Er spürte rasendes Herzklopfen, als er registrierte, dass dieses Mädchen sein Winken ganz zaghaft erwiderte. Er hatte mit vielem gerechnet: mit Wegschauen, einem bösen Blick, einer ausgestreckten Zunge. Schließlich war er in den Augen dieser Menschen hier ein Faschist, ein gewissenloser, brutaler Nazi-Scherge, zudem Mitglied der berüchtigten Waffen-SS. Die Menschen hier konnten ja nicht wissen, dass er, gerade mal eben 16-jährig, mit seinem ganzen Ausbildungslehrgang in den letzten Wochen vor der Kapitulation, ohne je gefragt worden zu sein, von der SS kassiert worden war. Dass er keine Sekunde so etwas wie Kriegsbegeisterung verspürt hatte. Dass seine Eltern lange vor Hitlers Machtantritt und auch danach zur kommunistischen Arbeiterschaft des Hamburger Ostens gehört hatten. Und dass er in den schrecklichen Bombennächten der Operation Gomorrha 1943 seinen Bruder hatte sterben sehen.

"Darf ich mal deine Hände berühren?"

Dies alles konnte das Mädchen da am Fenster nicht ahnen. Für sie war er ein "woina plenni", ein Kriegsgefangener, von denen auch 1949 noch Millionen in sowjetischen Lagern ausharrten. Und dennoch winkte sie zurück, verzog dabei den Mund ganz leicht zu einem zuckersüßen Lächeln. Sie war hübsch, etwas pausbäckig, hatte ein Blümchenkleid an. Als sie plötzlich vom Fenster verschwand, löste das bei Lucks bittere Enttäuschung aus. Er widmete sich wieder dem Beladen der Schubkarre mit Ziegelsteinen, die von den sowjetischen Maurern verbaut wurden.

Doch am nächsten Tag stand das Mädchen erneut am Fenster, schaute zu Lucks, Lucks schaute zurück - und wurde etwas mutiger. Er rief ihr "dobry utrom" zu, Guten Morgen. Und es dauerte nicht lange, da stand dieses blonde Mädchen plötzlich am Bauzaun, hinter dem ihre Eltern einen kleinen Schrebergarten hatten, in dem sie wohl gerade beschäftigt war. Lucks, der mal wieder nichts zu tun hatte, weil der Nachschub an Baumaterial und damit der Aufbau der Stadt der Zukunft stockte, sprach sie an, natürlich auf Russisch, das er nach vier Jahren Gefangenschaft ganz leidlich sprach: Er faselte, dass er ihr Gemüse und ihre Sträucher schön finde, verhaspelte sich vor Aufregung aber ständig und ärgerte sich, dass er so einen Blödsinn daherredete, denn in Wahrheit sah der Garten ziemlich chaotisch aus, sprichwörtlich wie Kraut und Rüben.

Dann ergriff sie resolut das Wort: Er sei ein "faschistischer Okkupant", sagte sie, mit dem man eigentlich nicht reden dürfe. Aber sie wolle gnädigerweise eine Ausnahme machen und sich anhören, was er zu sagen hätte. Lucks nahm jetzt all seinen Mut zusammen - und erschrak ein wenig, als er sich selbst fragen hörte: "Darf ich mal deine Hände berühren?" Ihm war unwohl, so etwas Ungehöriges gefordert zu haben. Doch seine Sehnsucht nach einer menschlichen Berührung, und wäre es nur für einen winzigen Augenblick gewesen, war einfach zu groß.

Kein Regime der Welt kann eine Teenager-Liebe trennen

Sie tat ihm den Gefallen, trat an den Zaun, ihre Finger berührten sich. Es war der Beginn einer großen Liebe, der Liebe des deutschen Kriegsgefangenen Günter Lucks zur 16-jährigen Walja, einer stolzen sowjetischen Komsomolzin, wie sich die Mitglieder des kommunistischen Jugendverbandes nannten, obendrein Tochter eines Hauptmanns der Moskauer Polizei. Natürlich ahnte Lucks in diesem Moment nicht, dass es nicht nur der Bauzaun war, der die beiden trennte: Kontakte zwischen diesen Paralleluniversen waren damals einfach nicht vorgesehen.

Doch eherne Regeln eines totalen Regimes waren das eine, zwei Teenager, die sich einfach nur ihren Gefühlen hingaben, das andere. Walja und Günter trafen sich fast jeden Tag am Bauzaun. Ihr gefiel der junge Deutsche, den seine Kameraden Bubi nannten, weil er trotz seiner 20 Jahre noch immer sehr jungenhaft aussah. Günter hatte immer Zeit für Walja, denn viel zu tun gab es auf der Baustelle nicht. Außerdem war das Verhältnis zwischen den Kriegsgefangenen und ihren sowjetischen Wachsoldaten Anfang 1949 bereits weitgehend entspannt.

Mit "skorra domoi" (bald nach Hause) wurden die Gefangenen aufgemuntert. Nach den oft brutalen Behandlungen in den ersten Jahren der Gefangenschaft gab es zwischen Wachen und Bewachten sogar Freundschaften, so wie die zwischen Lucks und Jorka, einem gleichaltrigen Usbeken. Der sowjetische Wachsoldat und der ehemalige SS-Mann flachsten viel herum, betitelten sich wechselseitig scherzhaft als "alter Faschist" oder "Bolschewist". Jorka ließ Günter zu Walja, wann immer der wollte und ließ sich das gelegentlich in Zigaretten bezahlen.

Zuneigung für den "kleinen Faschisten"

Auch Walja nannte Günter scherzhaft "meinen kleinen Faschisten", zumeist aber "Shenja", weil sie Günter nicht aussprechen konnte. Wenn sie aus der Schule kam und er sie fragte, ob sie Zeit für ihn hätte, antwortete sie mit dem Komsomolzengruß "wsegda gotow", "Immer bereit!" Das sprach sie mitunter auf Deutsch aus, nicht ganz korrekt umgewandelt in "Immer fertig!". Günter musste lachen. Sie schenkte ihm ein Foto, es ist noch heute in seinem Besitz.

Sie trafen sich fortan oft in der Laube des kleinen Schrebergartens. Sie brachte ihm Russisch bei. "Ja tibja ljublju", sprach sie ihm vor. Günter sprach es nach, aber sie war nicht zufrieden. Er versuchte es erneut, es war immer noch nicht gut genug - befand zumindest seine gestrenge Lehrerin. Er wunderte sich: so schlecht war das doch gar nicht ausgesprochen? Bis er merkte, dass es ihr nur darum ging, jene magischen Worte möglichst oft aus seinem Mund zu hören: "Ja tibja ljublju", zu deutsch: Ich liebe dich.

Walja wurde zum Quell, der Günter Lucks in diesen schweren Monaten seiner Gefangenschaft Trost, Lebensfreude, Überlebenswillen spendete. Denn obwohl die Behandlung durch die Wachsoldaten gut, die Verpflegung ausreichend, das allgemeine Klima in den Lagern erträglich geworden war, litt Lucks Seelenqualen: Regelmäßig wurden ganze Hundertschaften von Kameraden in die Heimat entlassen, nur er war nie dabei. Seine Blutgruppentätowierung am linken Oberarm, das untrügliche Zeichen der Waffen-SS, wirkte wie ein Kainsmal. Die Sowjetunion verzieh die Zugehörigkeit zu Hitlers Elite-Soldateska nicht, selbst wenn es sich um Kinder handelte, die in den letzten Kriegstagen in einen Verband gezwungen worden waren.

Keine Rückreise für SS-Angehörige

Zwei Mal durfte Lucks im Moskauer Gefangenenlager Tuschino seine Sachen packen, um nach bangen Stunden des Wartens aus dem Waggon der Entlassungskandidaten wieder zurück ins Lager geschickt zu werden - "Du SS? Nix nach Hause", so die knappe Begründung.

Doch all die Träume von Heimkehr, sie waren plötzlich wie weggewischt, als Walja in Günters Leben trat. Von April bis Herbst 1949 dauerte diese Romanze, er hatte das Gefühl, zu schweben und plötzlich sogar Angst vor einer Heimkehr. Blind vor Liebe und grenzenlos naiv vertraute er sich dem sowjetischen Lagerkommandanten an. Günter Lucks wollte in der Sowjetunion bleiben und heiraten. Zunächst mitfühlend, zunehmend aber auch ungehalten hörte der Polit-Offizier zu. Dann schrie er Günter Lucks an: "Schweigen Sie davon, das ist verboten! Solche Verbindungen mit faschistischen Deutschen sind nicht erlaubt! Ich will das alles nicht gehört haben." Eine solche Liebe war vier Jahre nach Ende des schrecklichsten Völkermordens der Geschichte zwischen Angehörigen verfeindeter Völker offensichtlich undenkbar.

Als Günter Lucks am nächsten Morgen in seinem Lager beim Morgenappell zum alltäglichen Arbeitseinsatz aufgerufen wurde, wurde er zu einer anderen Moskauer Baustelle gefahren. Er sollte Walja nie wieder sehen. Über einen Kameraden, der auf der Baustelle "Dom stieri" weiter beschäftigt war, wechselten noch einige Briefchen hin und her. Sie hat wohl mächtigen Ärger bekommen, wurde zu einem Ingenieurstudium geschickt, das ihr aber nicht zusagte. Beide litten schwer unter der Trennung, Lucks dachte gar an Flucht, Selbstmord, tröstete sich dann mit dem Gedanken daran, dass er nach seiner Freilassung ja in die Sowjetunion zurückkehren könne.

Als er schließlich in den ersten Januartagen des Jahres 1950 nach fünf Jahren Krieg und Gefangenschaft in seine Heimatstadt Hamburg zurückkehren durfte, war der Gedanke an Walja, seine große Liebe, noch allgegenwärtig. Doch die Zeiten waren frostig, alle rieten ihm von einer Rückkehr in die Sowjetunion ab, längst teilte der Eiserne Vorhang Europa in einen freien und einen unfreien Teil. Die Liebe scheitert an den Realitäten des Kalten Krieges.

Heute lebt Lucks 82-jährig in Hamburg. Er ist seit fast 60 Jahren mit einer Hamburgerin glücklich verheiratet. Walja, die Moskauer Kommunistin, hat er dennoch nie vergessen. So ist das eben mit der ersten Liebe des Lebens. Was in der kleinen Gartenlaube noch geschah? Günter Lucks gab Walja damals das Versprechen, nie jemandem davon zu erzählen. Und er hat sich bis heute daran gehalten.


Zum Weiterlesen:



Günter Lucks mit Harald Stutte: "Ich war Hitlers letztes Aufgebot - Meine Erlebnisse als SS-Kindersoldat". Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2010, 302 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.



Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Hans-Werner Martin am 9. Juli 2010, 17:31
Es gibt ja oft interessante Artikel in der Rubrik "Eines Tages", aber warum entwerten Sie sie immer mit dieser Sprache im Bild-Zeitungs-Jargon wie "SS-Junge",...


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