Clinton oder Obama? Demokraten müssen zwischen Außenseiter und Establishment-Kandidatin entscheiden. Dass ein Underdog es schaffen kann, hat ein Erdnussfarmer aus der Provinz bewiesen: 1976 schlug Jimmy Carter aus Georgia alle Rivalen und zog ins Weiße Haus ein. Von Klaus Wiegrefe
Lilian Carter aus dem 600-Seelen-Ort Plains, tief unten im Bundesstaat Georgia im Süden der USA, verstand ihren Sohn Jimmy nicht. Der erzählte ihr Anfang der siebziger Jahre, er wolle Präsident werden. "Präsident von was?" fragte die Südstaaten-Lady den gut vierzigjährigen Erdnussfarmer. "Präsident der Vereinigten Staaten", lautete die Antwort. Mutter Lilian wollte es nicht glauben.
Doch so geschah es.
Bei der Präsidentschaftswahl im November 1976 wählten die Amerikaner James Earl Carter, genannt Jimmy, zu ihrem 39. Staats- und Regierungschef. Ein außerhalb der Vereinigten Staaten weitgehend unbekannter Demokrat, der gerade mal ein paar Jahre als Gouverneur des damals rückständigen Georgia vorweisen konnte, besiegte den republikanischen Amtsinhaber Gerald Ford und zog ins Weiße Haus ein.
Kein Skandal, keine Durchstechereien
Heute gilt Jimmy Carters Triumph als prominentes Beispiel dafür, dass auch Außenseiter im Kampf um den Posten des mächtigsten Mannes (oder der mächtigsten Frau) der Welt eine Chance haben - Politiker wie der aktuelle Hoffnungsträger vieler Amerikaner, der farbige Barack Obama. Und Carters Präsidentschaft belegt zugleich, dass ein international unerfahrener US-Präsident nicht zwangsläufig ein schlechter Amtsinhaber sein muss.
Denn anders als vor allem Beobachter in Europa glauben, ist die Bilanz des kleinen Mannes mit dem breiten Lächeln und den stahlblauen Augen durchaus respektabel. Seine Wirtschaftspolitik war erfolgreicher als die seiner Vorgänger, seine Haushaltpolitik solider als die Schuldenmacherei seines republikanischen Nachfolgers Ronald Reagan. Kein einziger Skandal ist mit Carters Amtszeit verbunden, keine Durchstechereien mächtiger Lobbyisten, kein Amtsmissbrauch, keine persönliche Bereicherung, wie sie unter George W. Bush üblich geworden sind.
Stattdessen fielen unter Carter Entscheidungen von historischer Tragweite: So vermittelte er 1979 den Frieden von Camp David zwischen Ägypten und Israel, der bis heute Bestand hat. Er vereinbarte mit der Sowjetunion eine Begrenzung des Rüstungswettlaufs und mit China die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Er mahnte weltweit den Respekt für Menschenrechte an, auch gegenüber lateinamerikanischen Diktatoren, was die Rückkehr Brasiliens und Argentiniens zur Demokratie beförderte.
Amtszeit ohne Kampfeinsatz
"Präventive Diplomatie" nannten Carter und sein Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski eine solche Politik. Und so kann der Mann aus Georgia für sich in Anspruch nehmen, der einzige US-Präsident nach dem Zweiten Weltkrieg zu sein, in dessen Regierungszeit kein Soldat im Kampfeinsatz fiel. Die amerikanischen Wähler dankten ihm diese Besonnenheit freilich nicht, sondern ersetzten Carter 1980, nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan und der Geiselkrise in Teheran, durch den erzkonservativen Reagan.
Am Anfang des spektakulären Aufstiegs von Carter im Weißen Haus standen Reformen im Wahlsystem, deren Auswirkungen auch in diesem Wahlkampf zu spüren sind. Noch in den sechziger Jahren hatten Außenseiter bei der Demokratischen Partei kaum Chancen, Präsidentschaftskandidat zu werden. Vielmehr suchten sich die aussichtsreichsten Bewerber aus dem Partei-Establishment nur wenige, möglich spät liegende Vorwahlen aus, bei denen sie sich ein gutes Ergebnis erhofften, und stellten sich dort den Wählern. Erst der Nominierungsparteitag, die "National Convention", entschied dann - zumeist unter dem Einfluss des Parteiapparats -, wer mit den Republikanern um den Einzug ins Weiße Haus konkurrieren sollte.
Doch ab 1968 wurde alles das geändert - und Carter machte sich als erster die neuen Regeln zunutze. Nach den Reformen kam es darauf an, sich in allen Bundesstaaten den Vorwahlen zu stellen. Der parteiinterne Wahlkampf wurde damit deutlich länger. Für Carter ein Vorteil: Anfang 1975 endete seine Regierungszeit als Gouverneur in Georgia, und ohne politisches Amt konnte er sich ganz auf die Nominierung für die Präsidentschaftswahlen 1976 konzentrieren.
"Ich werde euch nie belügen"
Er erkannte, dass die frühen Vorwahlen in Iowa und New Hampshire nun besondere Bedeutung besaßen: Siege dort würden eine eigene Dynamik entfalten - wenn es ihm gelang, dort ausreichend Wahlmännerstimmen zu gewinnen, kam es auf Parteitag und Parteiapparat gar nicht mehr an.
Die Strategie ging auf. Geschickt nutzte der ehemalige Berufsoffizier und studierte Ingenieur seinen Außenseiterstatus. Viele Amerikaner hatten - damals nicht anders als heute - "genug von Washington". Erst wenige Jahre waren die USA vom Watergate-Skandal in den Grundfesten erschüttert und das Vertrauen in die Politik nachhaltig beschädigt worden. Um seiner Amtsenthebung zu entgehen, hatte Präsident Richard Nixon 1974 zurücktreten müssen. Noch kürzer lag die Niederlage im Vietnamkrieg zurück, der 1973 mit dem Abzug der Amerikaner aus Südvietnam zu Ende gegangen war. Arbeitslosigkeit und Inflationsrate stiegen zudem. Carter versprach einen Neuanfang, mit Kompetenz und Integrität. "I will never lie to you", lautete ein Slogan des gläubigen Baptisten und Laienpredigers.
Vergeblich versuchte das Partei-Establishment, den Außenseiter mit einer "Anybody But Carter"-Kampagne zu stoppen. Einen Super Tuesday gab es damals noch nicht. Carter sammelte vielmehr nach und nach so viele Delegiertenstimmen ein, dass seine Nominierung durch den Parteitag am 12. Juli 1976 in New York City zur Formsache wurde. Heute weitgehend vergessene Mitbewerber wie der damalige Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown, oder Senator Henry Jackson aus dem Bundesstaat Washington hatten keine Chance.
Peinliches "Playboy"-Interview
So groß war damals die Beliebtheit Carters laut Meinungsumfragen, dass auch der Sieg über den republikanischen Amtsinhaber Ford eine Selbstverständlichkeit schien. Aber gleich mehrere umstrittene Äußerungen des Herausforderers ließen Ford im Herbst 1976 dann doch noch aufschließen. So hatte Carter in einem interview mit dem Herrenmagazin "Playboy" erklärt, auch andere Frauen als seine Ehefrau Rosalyn zu begehren.
Das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik mischte sich sogar der deutsche Kanzler - es war Helmut Schmidt - in den amerikanischen Wahlkampf ein. Gleich mehrfach und ausdrücklich lobte der Sozialdemokrat den Amtsinhaber Ford; kein Wunder, denn wohl nie hatte das Wort eines deutschen Politikers im Weißen Haus derart Gewicht wie in der Amtszeit des Republikaners.
Am Ende reichte es für Ford trotz der Aufholjagd nicht: Der als grandioser Außenseiter in das Rennen um die Präsidentschaft gestartete Südstaaten-Erdnussfarmer Jimmy Carter gewann am 2. November 1976 mit 50,1 Prozentpunkten die Wahl - und die deutsch-amerikanischen Beziehungen wurden danach so schlecht wie nie zuvor und nie danach.
